Vor Ort – Reiseberichte

Vor Ort – Reiseberichte 2017-05-26T16:45:46+00:00



Wenn einer eine Reise tut …… – Wien, Wien, nur Du allein
China steht auf Mozart

Geschichte und Romantik pur – Im Zentrum Wiens.                                                                                                           Foto: Udo Rettberg

   
  „Wie sieht‘s denn mit Ihren Chinesisch-Kenntnissen“, begrüßt mein Kollege Marc an diesem Morgen in Wien in der Schottenfeldgasse unseren Gastgeber Andreas Wimmer, Vorstandschef der C-Quadrat AG.  Andreas schmunzelt, bleibt die Antwort aber schuldig. Marcs Anspielung hat einen interessanten Hintergrund; denn Chinas Wirtschaft ist auf ihrer globalen Einkaufstour in Wien angekommen.  Der von der Regierung in Peking gestützte Finanzriese HNA Group – seit kurzem 9,92%iger Großaktionär der problembeladenen Deutsche Bank AG – hat sich einen beachtlichen Anteil an der C-Quadrat AG gesichert. Wien wird also praktisch über Nacht zu einer bedeutenden Finanzmetropole.                                                                                                                                                                                                 

Autor: Udo Rettberg


Das zeigt sich einige Tage später, als sich die C-Quadrat AG – die mit dem Slogan „the asset manager“ auftritt – die Öffentlichkeit wissen lässt, dass die assets under management – also das verwaltete Vermögen – einen neuen Höchststand erreicht haben, „Mit der Übernahme eines Mandates für ein großes Versicherungsunternehmen gelang uns per 18.5.2017 der Sprung über die 10-Milliarden-€-Marke“, heißt es in einer Pressemitteilung. Dass dabei der Einfluss der Chinesen groß gewesen sein dürfte, gilt als sicher.

C-Quadrat wurde im Jahr 1991 von Alexander Schütz und Thomas Rieß gegründet und bietet Investmentlösungen in 20 Ländern an. Seit Jahren gehören die teils innovativen Fonds und Investmentlösungen (wie Trendfolgemodelle, Mikrofinanz- und  Social-Impact-Fonds sowie Alternativ-Investments) zu den besten ihrer Kategorie. Das auch (noch) in Frankfurt börsennotierte Unternehmen ist mit Büros in Wien, London, Frankfurt, Zürich, Genf, Madrid und Jerewan vertreten.

Für C-Quadrat dürfte die Beteiligungs-Achse HNA und Deutsche Bank letztlich positiv wirken. Das ist später auch daran zu erkennen, dass Alexander Schütz, Gründer und Vorstandsmitglied des österreichischen Asset Managers nur wenig Tage nach dem HNA-Deal bei der HV der Deutsche Bank AG mit 98,24 % der abgegebenen Stimmen in den Aufsichtsrat der Bank gewählt wurde.

In welche Richtung C-Quadrat geht, ist vor dem Hintergrund der veränderten Eigentumsverhältnisse weitgehend offen. Das gilt für die künftige Strategie ebenso wie für die zukünftige regionale Ausrichtung. Zwar weiß man von vielen chinesischen Unternehmen, dass sie ihre Beteiligungsgesellschaften in der Regel an der langen Leine führen – sicher kann man in dieser Hinsicht angesichts der globalpolitischen Wirren indes nicht sein. Als ein Anwesender  im Rahmen der Firmenpräsentation darauf hinweist, dass er den zuletzt stark gestiegenen Aktienkurs des Vermögensverwalters genutzt habe, seine vor einigen Jahren aufgebaute Position in der Aktie bei über 60 € zum Verkauf zu stellen, streckt Andreas Wimmer anerkennend den Daumen in die Höhe.

Mit Blick auf die Sicht von C-Quadrat am globalen Finanzmarkt war die Analyse von Leo Willert – Experte für regelbasierte trendfolgende Total-Return-Fonds – von großem Interesse. In den entsprechenden Fonds der C-Quadrat-Tochter ART Asset Management setzt Willert mit aktiven und passiven Fonds-Strategien voll auf das Thema Aktie. „Unsere Aktienquote liegt derzeit bei 100 %“, überrascht Willert, der vor einigen Wochen zu Besuch in Frankfurt war, zumindest mich. Noch würden die technischen Indikatoren keinen Anlass bieten, in der Offensivstrategie einen Gang zurückzuschalten, sagt er. Das mag auch am aktuellen und künftig zu erwartenden Zinsumfeld liegen; denn der aus London angereiste Fondsmanager Gianclaudio Antonelli glaubt nicht daran, dass die Europäische Zentralbank in ihrer Geldpolitik in absehbarer Zeit zu aggressiven Maßnahmen greifen wird. Attraktiv seien derzeit weder Staatsanleihen, noch Unternehmensanleihen, brachte Antonelli die Dinge auf den Punkt.

Die Fondsmanager von C-Quadrat sehen interessantere Perspektiven für Alternativ-Investments. Günther Kastner verwies z.B. auf das interessante Nischenprodukt Mikrofinanz, durch das der Bereich „social impact“ abgedeckt werde. Reizvoll seien z.B. auch Anleihen auf dem asiatischen Markt. So würden Anleger in Indien in den letzten drei Jahren verstärkt in dortige Staats- und Unternehmensanleihen investieren, wird beispielhaft erwähnt. Als spannendes Segment für andere Alternativ-Investment nannte Antonelli Gold, das als Investment dann noch attraktiver werde, wenn die Inflationsangst aufflammen sollte. Darüber hinaus würden Infrastruktur-Bonds auf Sicht einen gewissen Reiz auf Kapitalanleger ausüben.

Bei C-Quadrat denkt das Management in diesem Kontext aktuell über Airport-Investments nach. Hier wurde auf eine anstehende Zusammenarbeit mit der Airport Consulting Vienna GmbH hingewiesen, deren Miteigentümer Markus Frank auf das bei rund 5 % p.a. liegende  Wachstum im globalen Luftfahrtmarkt verwies. Auf dem Weg zur Wiener Innenstadt war für die aus Deutschland kommenden Journalisten zu erkennen, dass Wien ähnliche Probleme und Pläne hat wie z.B. Frankfurt. Das jedenfalls war an den zahlreichen Hinweisen und Slogans  „Ja zur dritten Piste“ zu entnehmen. Für den auf die Wachstumsphase zahlreicher Flughäfen zielenden Airport-Fonds sollen in drei Phasen etwa  1 Mrd. €  eingesammelt und in den Ausbau von etwa 20 Flughäfen investiert werden.

Börse Wien
Der frische Wind

Erlebt die Börse am Schottenring eine Renaissance?                                                                                                                            Foto: Udo Rettberg


Autor UDO RETTBERG – WIEN

 

„Mit Christoph kam im Herbst 2016 ein neuer und frischer Wind nach Wien“, sagen  Finanzkreise in der österreichischen Hauptstadt anerkennend über die von Weitsicht und Dynamik geprägten Aktivitäten des neuen und vergleichsweise jungen Börsenchefs

© Picture-Alliance

Wegweisend: Christoph Boschan, der Vorstandsvorsitzende der Wiener Börse AG.

Christoph Boschan von dem Bussche. Der Berliner hat nach den bei der Derivate-Börse Euwax und der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse zu Stuttgart gemachten Erfahrungen hier neue interessante Aufgaben gefunden. Denn der Vorstandschef der Börse Wien gestaltet – quasi so nebenbei – auch die Börsenmutter CEESEG Holding, die neben der Wiener Börse auch Beteiligungen an anderen  Börsen Osteuropas hält.

 

Er weiß, dass die Börse als wichtiger Eckpfeiler gigantische Aufgaben in  marktwirtschaftlich und demokratisch  ausgerichteten Grundordnungen übernimmt. Aber halt! Demokratie und Marktwirtschaft – gibt’s das überhaupt noch? Für Christoph Boschan von dem Bussche ist das nicht die einzige Frage; denn in den vergangenen Jahren haben Politiker den Börsen und ihren Akteuren als Folge der Finanzkrise enge Fesseln angelegt. Dies auch durch die Einführung steuerlicher und regulatorischer Hürden. Jungen und innovativen Unternehmen wird bei der notwendigen Kapitalbeschaffung der Zugang zur Börse erschwert. Politiker begreifen halt nicht immer, welchen Schaden sie anrichten. Vor allem, wenn ihr Handeln von Unkenntnis geprägt ist – in Börsensachen ist das nicht gerade  selten der Fall.

 

Hinzu kommt: die unsinnige Geldpolitik der internationalen Notenbanken wie EZB, Fed, BoE und BoJ hat den Faktor Kredit (Anleihen, Darlehen und auch die über unterschiedliche Kreditelemente beinhaltenden Finanzderivate) gestärkt und gleichzeitig das Finanzierungsinstrument Aktien geschwächt. Das ist dümmlich, oder vielleicht sogar dumm: Die Politik weiß das, kennt aber keine Lösungen. Ungeachtet dessen blickt der Wiener Börsenchef wie so viele andere Börsen-Fans insgesamt positiv nach vorn. Er weiß aber auch, dass die Zukunft in der Finanzwelt auf Jahre hinaus recht schwierig werden dürfte.

 

„Keine andere Nationalbörse in Europa hat einen vergleichbar hohen Marktanteil“, nennt der CEO im Rahmen einer Veranstaltung jedoch die Vorteile seiner Börse. Denn etwa 75 %  des Handels in österreichischen Aktien läuft über die Börse am Schottenring. „Die durchschnittliche Rendite im ATX lag in den vergangenen 25 Jahren bei sechs Prozent“, sagt Boschan. Wer vor einem viertel Jahrhundert 10.000 € investiert habe, verfüge heute über 43.000 €. Ungeachtet dessen führt die Börse im globalen Vergleich ein stiefmütterliches Dasein.

 

In Wien hatten sie sich vor wenigen Monaten noch optimistisch gezeigt, durch eine Konzentration der Kräfte eines der führenden Finanzzentren in Osteuropa werden zu können. Doch die geplante regionale Ausweitung der Börse vom Schottenring in Richtung Osteuropa muss  – ganz offen gesprochen – als gescheitert betrachtet werden. Mit dem möglicherweise bevorstehenden Brexit und dem sich dann grundlegend verändernden europäischen Börsenumfeld bietet sich in Zukunft vielleicht jedoch eine völlig neue Chance im Westen Europas. Grundsätzlich ist festzustellen: In Wien orientiert man sich vor diesem Hintergrund wieder stärker in Richtung Westen.

 

Das tut die Börse in Wien ungeachtet aller Kritik und bestehender Zweifel aus einer Position der relativen Stärke heraus. Die Marktkapitalisierung der Wiener Börse AG hat aktuell mit 105 Mrd. € einen neuen Nachkrisen-Höchststand erreicht. Das ist allerdings kein Grund zum Jubeln; denn das entspricht nur etwa einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts der Alpenrepublik. Das Thema Aktie ist also weitgehend unerschlossen. Es bleibt also viel zu tun für den gerade einmal 38jährigen Berliner.

 

Glaubt man den Finanzmarkt-Analysten in Österreich, dann spricht aktuell sehr viel für österreichische Aktien. Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group AG, sieht viel Potenzial  – sein Argument. „Wir haben hervorragende Unternehmen in globalen Nischen. Wien profitiert derzeit nicht nur von der besseren Konjunktur in der Eurozone, sondern vor allem von der Konjunkturerholung in Osteuropa. Denn rund 75 % der im Leitindex ATX enthaltenen Unternehmen sind in CEE aktiv.”  Die Region profitiere von soliden Fundamentaldaten. Positiv ist: Die Länder der CEE-Region haben eine vergleichsweise geringe Verschuldung und ausreichend Fremdwährungsreserven.  Die im ATX enthaltenen Firmen dürften in diesem Jahr ihren Gewinn um 30 % und im kommenden Jahr dann um 17 % steigern, so Analystenschätzungen.