Fußball: Gespräch mit BVB-Chef Hans-Joachim Watzke

Fußball: Gespräch mit BVB-Chef Hans-Joachim Watzke 2017-04-12T21:17:03+00:00

SportsBiz

Fußball: Gespräch mit BVB-Chef Hans-Joachim Watzke

Das deutsche Modell ist nicht überholt 

Hans-Joachim Watzke ist seit dem Jahr 2005 Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Der „BVB“ wiederum ist einer der wichtigen und einflussreichen Fußballclubs in Europa. In Deutschland ist der Club  derzeit der einzige, der dem übermächtigen FC Bayern München Paroli bieten kann. „Aki“ Watzke – Sohn eines Politikers – ist kein Freund des Wortschwalls. Er drückt seine Ansichten und Überzeugungen vielmehr knapp und präzise aus.

           

Die BVB-Aktie – An der Börse sind Fußballwerte wahrlich keine Renner

 

Deutsche Börse AG

Quelle: Deutsche Börse AG

 

AlphaBulls: „Panem et circensis“ war bereits im Römischen Reich eine Maxime der Regierenden.  Der römische Satiriker Juvenal hatte keine besonders positive Meinung über seine Mitbürger, wenn er betonte, dass das Volk allein mit „Brot und Spielen“ zufrieden zu stellen sei. Der Begriff „Circensis“ lässt sich heute wohl am ehesten mit Fußball ersetzen.  Fans dieses „Vergnügens“ gibt es nach wie vor in Massen. Bei der immensen Popularität des Spiels kamen in den vergangenen Dekaden Finanzinvestoren hinzu, die mit Fußball Geld verdienen wollen. Wie sehen Sie heute die Rolle des Fußball-Spiels?

Hans-Joachim Watzke: Ich glaube, dass der Fußball heute eine hohe integrative Kraft in der Gesellschaft abbildet. In einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen „vereinzeln“, bietet der Fußball einer ganzen Gesellschaft dauerhaft ein positiv besetztes Thema.

 AB: Es gibt immer noch sehr viele Betrachter, die an die „gute Rolle“ des Fußballs zum Beispiel als vermittelndes,  vereinendes und integrierendes Element glauben. Ist es aber nicht längst an der Zeit, Fußball als das zu sehen, was es ist – nämlich als ein knallhartes Business?

Hans-Joachim Watzke

Hans-Joachim Watzke in Dubai.                                          Foto: Andreas Gulya

 

HJW: Natürlich ist Fußball ein hartes Business, aber es ist hier auch noch Platz für jede Menge Romantik, für jede Menge Zufälligkeiten und für jede Menge Emotionen. Und das spüren die Menschen auch. Jeder Profifußballspieler würde  – auch wenn er weniger Talent hätte –  für wenig bis kein Geld bei den Amateuren spielen. Die Faszination dieses Spiels ist einfach zu groß.

AB: Bigones und Extriches – also Superreiche und Mächtige dieser Welt – versuchen, ihre Eitelkeit auch durch den Kauf von Fußballclubs zu befriedigen. Einen Champions-League-Titel mit dem ganzen Tohuwabohu erreichen indes nur sehr wenige Clubs und Club-Besitzer.  Den Fans scheint die Motivation der Besitzer nicht viel auszumachen. Bekannt ist allerdings, dass die wahren Fans von Manchester United im Jahr 2005 nach der Übernahme von ManU durch die US-amerikanische Glazer-Familie  einen eigenen Club – den FC United of Manchester – gründeten. Der als „Red Rebels“ bekannte Club ist heute in der „Conference North“ der sechsthöchsten englischen Liga aktiv. In Deutschland ist ein diesbezügliche Verlangen  der Fans nach mehr Vernunft der Clubs bislang weitgehend ausgeblieben, sieht man von Protesten der Fans von Hannover 96 ab. Befürchten Sie, dass Fans der Bundesliga eines Tages auf die Barrikaden gehen, weil sie bei den Verantwortlichen ihrer Clubs kein Gehör finden?

 HJW: Eine solche Befürchtung habe ich für Deutschland überhaupt nicht. In Deutschland gibt es keine Auswüchse wie in anderen Ländern. Deutschland hat das mit Abstand sozialste Preisgefüge zum Beispiel bei den Eintrittskarten. Auch darüber hinaus ist das Zusammenwirken aller am Fußball Beteiligten in den deutschen Vereinen, die nach wie vor die Kraftfelder der Fußballclubs bilden, als geradezu beispielhaft zu bezeichnen.

 

Szene vom Flughafen Istanbul

Wohin geht die Reise für den BVB? Szene vom Flughafen Istanbul. Foto: Udo Rettberg

AB: Investieren so viele amerikanische Unternehmer in der englischen Premier League, weil dort der beste Fußball gespielt wird oder weil dort die TV-Gelder sehr üppig fließen? Hat Deutschland in dieser Beziehung mit der Aufrechterhaltung der 50+1 Regel etwas falsch gemacht? Werden deutsche Fußballclubs in absehbarer Zeit voll zu Kapitalgesellschaften?

HJW: Ich bin ein absoluter Anhänger der 50+1 Regel. Vielleicht nehmen Sie einfach zur Kenntnis, dass mit Real Madrid, dem FC Barcelona und auch mit Bayern München drei Clubs aktuell den europäischen Fußball dominieren, die im Falle von Real und Barcelona als eingetragene Vereine registriert sind und bei Bayern München der eingetragene Verein die absolut beherrschende Position innerhalb der FC Bayern München AG hat. Ich glaube, dass dieses Modell definitiv nicht überholt ist.

 AB: Der BVB ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft. Können Sie uns eine Übersicht geben, wer derzeit wie viele Aktien hält?

HJW: Die Großaktionäre sind Evonik, Signal Iduna, Puma sowie der Privatmann Bernd Geske sowie  der eingetragene Verein. Man sollte aber vor allen Dingen berücksichtigen, dass die Entscheidungen in der Geschäftsführungs-GmbH getroffen werden, die wiederum zu 100% dem Verein gehört.


Zur  Person Hans-Joachim Watzke

Hans-Joachim „Aki“ Watzke wurde am 21. Juni 1959 in der nordrhein-westfälischen Stadt Marsberg geboren. Der Diplom-Kaufmann ist seit dem 15. Februar 2005 Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA sowie der 100%igen Tochter BVB Stadion Holding GmbH. Watzke hatte gemeinsam mit dem Vereinspräsidenten Reinhard Rauball und Finanzgeschäftsführer Thomas Treß großen Anteil daran, den Fußballclub durch die Umstrukturierung von  Verbindlichkeiten vor mehr als einem Jahrzehnt vor der Insolvenz zu bewahren. Der im Ortsteil Erlinghausen seiner Heimat- und Geburtsstadt Marsberg wohnende Hans-Joachim  Watzke ist der Sohn des ehemaligen Politikers Hans Watzke. Als aktiver Fußballer hat „Aki“ – wie ihn Fußball-Deutschland nennt – rund 30 Jahre für den SV Rot-Weiß Erlinghausen gespielt, dessen erster Vorsitzender das CDU-Mitglied heute noch ist. —Verschiedene Quellen:


AB: Warum hat Borussia Dortmund in Deutschland bislang keinen Nachahmer mit Blick auf den Gang an die Wertpapierbörse gefunden?

HJW: Fußball und Börse ist kein ganz konfliktfreies Thema und von daher kann ich auch sehr gut verstehen, dass andere Clubs andere Lösungen gefunden haben.

AB: Gibt es andere innovative Optionen zur Kapitalbeschaffung? Wer die Champions League gewinnen will, benötigt nicht nur eine sehr starke Mannschaft, sondern auch einen großen Kader – und der kostet Geld?

HJW: Natürlich gibt es andere Optionen und am Ende des Tages ist mehr Geld auch immer mit einer  höheren Erfolgswahrscheinlichkeit verbunden. Wenn allerdings die Formel aufgehen würde, wonach der finanzstärkste Club automatisch den größten Erfolg hat, dann hätten zum Beispiel Manchester City und Paris Saint-Germain schon das eine oder andere Mal die Champions League gewinnen müssen.

AB: Stimmen Sie der Aussage zu, dass der nächste große Schub für den Weltfußball durch die Kommerzialisierung des Fußballs in den USA kommen wird. Wann wird die MLS mächtiger und stärker sein als die Top-Ligen in Europa?

HJW: Das muss man abwarten. Ich sehe diese Entwicklung, die schon seit 30 Jahren angekündigt wird, immer noch nicht wirklich kommen.

AB: Welche Rolle werden denn die Fußballverrückten Chinesen und Inder in Zukunft spielen?

HJW: Ich glaube, dass speziell China einer der alles entscheidenden Märkte der nächsten Jahre sein wird –  was den Fußball angeht.

AB: Wird der BVB in absehbarer Zeit Kooperationen, Patenschaften oder Lizenzvereinbarungen mit Clubs in anderen Ländern (so z.B. in Afrika, Asien und in den  USA) aufbauen?

HJW: Das wird so sein.

AB: In diesem Kontext drängt sich die Frage  auf: Ist das, was z.B. rund um Red Bull geschieht, nicht der „Tod des Wettbewerbs“, weil im Prinzip unter Einhaltung der Regeln Spieler zwischen Salzburg, Leipzig und New York hin- und hergeschoben werden könnten?

HJW: Zu dem Konstrukt Red Bull möchte ich mich grundsätzlich nicht äußern.

AB: Den Politikern in Europa ist es über die Jahre hinweg nicht gelungen, die europäische Idee zu verwirklichen. Könnte der Fußball dazu beitragen, Europa auf dem Weg zu den „Vereinigten Staaten von Europa“ voranzubringen, falls die Länder dieses Ziel überhaupt noch haben. Effizient wäre z.B. die Schaffung einer ein- oder zweigleisigen Europa-Fußball-Liga?

HJW: Diese Frage ist mir zu tendenziös und zu wertend – von daher möchte ich sie nicht beantworten.

AB: Erfüllen die Fußballspieler in der heutigen Zeit noch ihre Vorbildfunktion?

HJW: Spieler versuchen, Vorbildfunktionen zu erfüllen. Wie bei allen anderen Menschen auch, ist das allerdings nicht immer von Erfolg gekrönt. Hier sollte man aber auch an junge Spieler, die noch mitten in ihrer menschlichen Entwicklung stecken, keine zu hohe Erwartungs-Messlatte anlegen.

AB: Sind die meisten Spieler nicht überbezahlt – schließlich spielen sie ja „nur“ Fußball?

HJW: Auch diese Frage ist wiederum sehr tendenziös  – von daher verbietet sich eine Antwort darauf.

AB: Wie schätzen Sie die jüngste Initiative des FC St. Pauli Hamburg mit Blick auf die Verteilung der Fernsehgelder ein?

HJW: Ich glaube, dass die Initiative des FC St. Pauli nicht sehr sinnvoll ist.

AB: Fußball generiert im Jahr weltweit direkt und indirekt einen Umsatz von fast 500 Mrd. Dollar. Die Institutionen dieses „Sports“ tun indes noch immer, als sei Fußball pure Romantik. Im Fußball wird weiter fast nur auf Schiedsrichter vertraut. Die Torkamera hat man gegen den Willen mancher Manipulateure endlich zugelassen, aber das „instant replay“ ist weiter kein Thema. Jeder Pfiff des Schiedsrichters kann einen Wert von zig Millionen Euro repräsentieren. Der Karlsruher SC und viele andere „betrogene Vereine“ liefern Beispiele. Sollte man sich nicht gegen die, die Fußball manipulieren – wie Wettpaten, bezahlte Betrüger unter den Schiedsrichtern und Spielern –  stellen und Zuschauern saubere Spiele bieten?

HJW: Ich denke, dass man bei allem Optimierungsbedarf das Spiel weitestgehend lassen sollte, wie es ist. Wenn es um Dinge wie den Videobeweis geht, ist für mich eine grundsätzliche Voraussetzung, dass es zu keinen häufigen Unterbrechungen des Spiels kommen darf. Wo ich mit Ihnen völlig einig bin, ist, dass man speziell die Themen der Wetten sehr genau im Auge behalten muss.


Die Fragen an Hans-Joachim Watzke stellten Andreas Gulya und Udo Rettberg