Derivate

Derivate 2017-04-12T21:17:14+00:00

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Die Weltwirtschaft aus Sicht der Derivatebörsen

Janet – das zahme Täubchen

Von Udo Rettberg

Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank Fed, hat wieder einmal sehr viel bewegt – mit Worten. Seit Monaten kündigt sie an, den Zinssenkungs-Zyklus in den USA beenden zu wollen. Sie hat ei- nen einzelnen Schritt in diese Richtung getan. Aber Janet Yellen – das geldpolitische Täubchen – hat zwar wieder die Märkte in Atem gehalten – aber sie hat halt erneut geblufft. Vieles spricht dafür, dass die US-Leitzinsen auf absehbare Zeit nicht nur niedrig bleiben werden, sondern dass die Fed möglicherweise dem Beispiel anderer Länder folgen und Negativzinsen installieren wird. Und das eventuell nicht nur mit Blick auf den Negativ-Habenzins (den Strafzins also), sondern auch auf den Negativ-Kreditzins. Vielleicht macht Yellen wahr, was Ben Bernanke ankündigte, nämlich im Bedarfsfall Geld mit dem Helikopter über den Märkten abwerfen zu wollen. „Helicopter Ben“ und „Täubchen Janet“ mischen die Märkte auf – und mittendrin ist Mario Draghi.

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Die FIA-Derivate-Konferenz lockte mehr als 1150 Teilnehmer aus 27 Ländern nach Boca Raton / Florida. Die Initiatoren freuen sich über das Rekord-Interesse.                        Foto: Udo Rettberg

Auch Janet Yellen weiß, dass sich der Markt für Risiko in einem seit Dekaden nicht erlebten Haussetrend befindet, wie Rekordumsätze an den globalen Terminbörsen zeigen. Die Weltwirtschaft läuft Gefahr – und ich bleibe hier bei meiner Einschätzung – in eine globale Rezession, ja sogar in eine neue Depression abzugleiten. Dass die Fed bei der März-Sitzung den Leitzins nicht veränderte, ist aus meiner Sicht ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass sie (anders als Ökonomen von Banken und Finanzhäusern) über den Horizont hinaus schaut und die globale Wirtschaftslage als bedrohlich betrachtet.

Bereits im Vorjahr hatte Blu Putnam im Rahmen der FIA-Derivate-Tagung in Boca Raton mit seinen vorsichtigen Konjunktur-Prognosen nicht schlecht gelegen. In diesem Jahr legte der Chefökonom der CME Group noch einmal nach. „Die Zentralbanken rund um die Welt sind frustriert“, eröffnet er seine Rede. „Denn Zentralbanken haben längst nicht mehr die Macht von früher“, so Putnams Erkenntnis. Der Mann, der seine berufliche Karriere bei der Federal Reserve Bank in New York begonnen hatte, ist zum Realisten/Pessimisten geworden. Die Dinge haben sich nach seiner Einschätzung drastisch verändert. Heute sei es nicht mehr wichtigste Aufgabe der Notenbanken, die Inflation zu stoppen. Bedrohlicher sei vielmehr die Gefahr des Abrutschens von der Disinflation in die Deflation. Putnam schwenkt in der Folge auf meine Linie ein, als er sagt, dass die Weltwirtschaft heute stark von deflationären Risiken geprägt sei.

Und er erklärt das vor allem mit demografischen Entwicklungen. Die Generation der Baby Boomer in den USA konsumiere heute längst nicht mehr in jenem Ausmaß der vergangenen Jahre. „Die Konsumausgaben pro US-Bürger sind drastisch geschrumpft“, so seine Aussage. Wichtig sei in diesem Kontext auch die Entwicklung der Produktivität in der US-Wirtschaft. Diese sei in den vergangenen Jahren nicht mehr über den Faktor Humankapital, sondern vor allem über technologische Fortschritte gesteigert worden. Bereits seit dem Jahr 1994 liege die Kerninflation in den USA jedoch nur noch bei 1-2 %; auch nach dem Platzen der Technologie-Blase seien die Steigerungen der Verbraucherpreise (CPI) auf diesem Niveau verharrt. An dieser Stelle dränge sich automatisch die Frage auf, was der Faktor Technologie (Digitalisierung, Einsatz von künstlicher Intelligenz und von Robotern) für die Zukunft der Arbeitsplätze von Menschen bedeutet. Diese Gefahr wird von den Zukunftsforschern nur allzu gerne verschwiegen.

Die unsichere Lage der Weltwirtschaft werde dadurch erschwert, dass den Banken z.B. durch die Vorschriften von Basel II und Basel III Beschränkungen bei der Kreditvergabe auferlegt worden seien. „Hier stoßen die Geschäftsbanken halt an ihre Grenzen, weil sie die von der BIZ und anderen Kontrollbehörden gesetzten Kapitalanforderungen einhalten müssen“, so Putnam. Er erinnerte in diesem Kontext an die „guten alten Zeiten“ der Savings&Loan-Krise in den USA, die aus monetärer Sicht zunächst zu Wohlstand, später jedoch ins Chaos geführt hatte.

Und dann schwenkt Putnam wieder gedanklich in die Richtung der von mir seit Monaten aufgestellten Thesen: „Die Fed wird in diesem Jahr nichts mehr tun – na gut, vielleicht kommt es noch zu einer einzelnen Zinsanhebung im Jahr 2016“, räumt Putman ein. Der Ökonom kennt als ehemaliges Fed-Mitglied die Denkweise der Notenbank-Vertreter. Die Fed werde den Märkten zwar immer wieder erzählen, dass sie zu einer geldpolitischen Verschärfung tendiere, doch sei dies vor allem als „Drohung“ zu verstehen, die nicht ernstgenommen werden müsse. Und als ob Janet Yellen in Washington Blu Putnams Aussagen in Boca Raton gehört hätte, entschied sich die Fed-Chefin in der Tat einen Tag nach Putnams Aussage, die US-Leitzinsen unverändert zu lassen und für das laufende Jahr nicht mehr vier, sondern „nur noch“ zwei Zinsanhebungen anzukündigen. Gleichzeitig reduzierte Yellen ihre Konjunkturprognose für 2016.

Aktien leiden unter müder Konjunktur – Investments in Aktien seien vor allem unter dem Aspekt des niedrigen Gewinnwachstums und der „Nullzinsen“ zu betrachten. Richtig sei, dass die Gewinne der Unternehmen nach wie vor wachsen, doch nur mit geringer Dynamik. Wertpapier-Analysten hatten in ihren Strategiebesprechungen zuletzt verstärkt auf solche Finanzinstrumente hingewiesen, mit denen von Kapitalanlegern Dividenden-Strategien verfolgt und umgesetzt werden könnten. Hier ist Putnam Realist: „Es ist fraglich, ob die Dividenden der US-Unternehmen von der Höhe her beibehalten oder sogar gesteigert werden können.“

Angst gibt Gold Impulse – In Gold sieht Putnam einen Rohstoff, der sensibel vor allem auf inflationäre Trends sowie auf die Zinsentwicklung reagiere. Gold werde sich wohl nur dann positiv entwickeln können, wenn die Inflationsgefahr wieder aufflammen sollte, so die generelle Einschätzung des Ökonomen. Der global zu beobachtende Trend hin zu negativen Zinsen komme Gold auf der anderen Seite allerdings zugute. „Ich glaube jedoch nicht, dass die Fed negative Zinsen will“, vermutet Putnam. Der Goldpreis könne indes auch der an den Märkten umgehenden Ängste durchaus weiter steigen, sagt er salomonisch.

Bodenbildung bei Metallpreisen An den Metallmärkten sei das Schlimmste ausgestanden, wiederholt der CME-Chefökonom eine von AlphaBulls seit einigen Monaten vertretene These. Er stellt dabei die folgende Gleichung auf: Müdes Wirtschaftswachstum = schwache Metallnachfrage = Produktionskürzungen auf Seiten der Metallproduzenten. Der Markt für Buntmetalle bewege sich derzeit exakt in einem solchen Umfeld. Der aktuellen Stabilisierung der Metallpreise Preise müsse jedoch nicht zwangsläufig schon bald ein neuer Haussetrend folgen, warnt Putnam vor überzogenen preislichen Erwartungen.

Devisenmarkt auf China fokussiert – China sei das dominierende Thema an den internationalen Devisenmärkten. Die Wachstumsschwäche im Reich der Mitte sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Exporte Chinas wegen der konjunkturellen Ermüdung wichtiger Handelspartner sinken. „Der Kurs der chinesischen Währung Renminbi wird auch deshalb weiter fallen, weil viel Kapital das Land verlassen wird“, prognostiziert Blu Putnam.   Ein weiterer Einflussfaktor an den Devisenmärkten sei die aktuelle Brexit-Diskussion in Europa. „Allerdings muss man wissen, dass z.B. die Schotten überwiegend für einen Verbleib Großbritanniens in der EU sind“, sagt der Ökonom. Ein Blick auf die Schwellenländer-Währungen demonstriert die außergewöhnliche Stärke des US-Dollars während der vergangenen Jahre. So haben zum Beispiel der Rubel mehr als 85 %, der brasilianische Real etwa 68 % und die türkische Lira sowie der kolumbianische Peso jeweils mehr als 50 % gegenüber dem Wert des Dollars eingebüßt. Putnam kündigte in diesem Kontext an, dass die CME Group und Bloomberg in nächster Zeit gemeinsam Derivate auf einen neuen Dollarindex kreieren werden, der eine höhere Gewichtung der Schwellenländer-Währungen vorsieht.

Boca Raton

Die Ruhe vor dem Sturm in Boca Raton? Der Weltwirtschaft stehen schwierige Zeiten bevor.                                                                                               Foto: Udo Rettberg

USA sind Swing-Producer bei Rohöl – Die am Welt-Energiemarkt geführte Debatte über die Rolle der USA betrachtet Putnam als sehr spannend. Die Produktion von Schieferöl und Schiefergas in den USA sei inzwischen sehr wettbewerbsfähig. „Die USA sind bei WTI-Rohöl längst zum Swing-Produzenten in der Welt geworden.“ In diesem Kontext sieht Putnam weniger die aus China kommenden Einflüsse als prägend für den WTI-Rohölpreis. „Der Rohölmarkt ist in den vergangenen Jahren wegen der technologischen Quantensprüngen vor allem eine Technologie-Story geworden“, beschreibt Putnam die Lage.

El Nino dominiert die Agrarmärkte – El Nino habe derzeit den größten Einfluss auf die Entwicklung der Preise an den Agrarmärkten. Das sich seit vielen Dekaden immer wieder im Südpazifik zeigende Wetterphänomen sorgt über   höhere Meerwasser-Temperaturen für Hitze, Trockenheit, Dürren und Ernteschäden in den Anbaugebieten für landwirtschaftliche Rohstoffe. „Schon bald könnte El Nino jedoch von La Nina – dem anderen bekannten Wetterphänomen – abgelöst werden“, so die Prognose Putnams. Dabei handelt es sich um eine Kaltwasser-Meeresströmung, die in der Folge zu massiven Regenfällen und Überschwemmungen führen und enormen Einfluss auf die traditionell stark schwankenden Agrarpreise nehmen kann. Seit dem Jahr 1950 ist El Nino insgesamt 11 mal aufgetreten, das Phänomen La Nina wurde von Wetter- und Klima-Fachleuten insgesamt seit dieser Zeit 8 mal beobachtet.

Udo Rettberg, Boca Raton Mitte März 2016

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