Altersvorsorge

Altersvorsorge 2017-04-12T21:17:02+00:00

Alpha Bulls

Reportage:  „Altersvorsorge im Zinstief“

Auf dem glitschigen Finanz-Parkett

Udo Rettberg, Frankfurt

Die Weltwirtschaft steht vor einschneidenden Veränderungen. Das verlangt von allen Beteiligten eine hohe  Flexibilität.  Großen  Herausforderungen sehen sich nicht nur die Marktteilnehmer der eher virtuellen Finanzwelt ausgesetzt, sondern auch die Akteure der Realwirtschaft, des produzierenden Gewerbes also. Sichtbar wird das Dilemma auch daran, dass der Euro-Zins (in den unterschiedlichen Laufzeiten) bei „Null“ oder sogar darunter liegt.  Das ist Dramatik pur, weil damit das gesamte System der Altersvorsorge vor dem Kollaps stehen könnte.

Die Rente ist sicher – oder? – Besonders hart könnten die  Folgen des Nullzins-Umfeldes für „Otto Normalverbraucher“, also für die arbeitende Bevölkerung und die Rentner in diesem Lande sein. Regierungen und Notenbanken haben über mehrere Dekaden hinweg ein ökonomisches und finanzielles System aufgebaut, dem  vor dem Hintergrund  der gigantischen Schuldenlast der Zusammenbruch droht. Die in Deutschland mit großem Tamtam lancierten Altersvorsorge-Programme wie Riester-Rente und Rürup-Rente scheinen ihre Daseinsberechtigung zu verlieren. Dies auch, weil immer mehr Menschen erkennen, dass der über die Jahrzehnte hinweg aufgebaute Wohlstand  zu einem großem Teil nur „erborgt“ ist. Denn den teils „blühenden Landschaften“ in Deutschland steht auf der anderen Seite eine gigantische staatliche Schuldenlast gegenüber, deren Rückzahlung vor allem auf den Schultern der arbeitenden  Bevölkerung sowie deren Kinder und Kindeskinder lastet.  Als Retter in der Not ist  die EZB gefordert, die seit geraumer Zeit Staatsanleihen und  neuerdings auch  Corporate Bonds aufkauft und so einen weiteren ungewöhnlichen Schritt auf dem glitschigen Finanzmarkt-Parkett  geht.  Doch es fällt Regierungen und Notenbanken grundsätzlich schwer, durch ihre oftmals sinnlosen Aktionen die Balance zu erreichen und zu halten.

Private Altersvorsorge ist bereits seit längerem eine große Aufgabe für die arbeitende Bevölkerung – jetzt wird dieses System immer wichtiger.  Die privaten Altersvorsorgesysteme haben allesamt Schwächen. Generell ist z.B. die Rendite im Zinstief zu niedrig. Produkte der Versicherer sind oftmals wesentlich teurer als nicht staatlich geförderte Produkte. Bei Verträgen mit staatlicher Förderung sind die Nutzer darüber hinaus extrem gebunden.  Bei der Riester-Rente ist während der Einzahlungsphase nur in Ausnahmefällen eine Entnahme möglich. Bei den Rürup-Produkten kommt der Nutzer selbst in der Rentenphase nicht immer an sein ganzes Geld heran. Und: Oftmals haben die Verträge Stolpersteine und sind für Nutzer nur schwer verständlich. Die meisten Altersvorsorge-Produkte investieren zudem in zwar sichere aber unrentable Anleihen, wobei es teilweise bis zu drei Jahrzehnte dauert, bis das Kapital den festgesetzten Beitrag erreicht. Fraglich ist in diesem Kontext, ob diese Altersvorsorge-Produkte das halten können was sie versprechen. Zweifel sind angesagt.

Wenn sie das Handtuch werfen – Selbst  Politiker werfen mit Blick auf die staatliche Altersvorsorge das Handtuch. CSU-Chef Horst Seehofer sprach kürzlich das aus, was viele denken: Die Riester-Rente ist gescheitert. Und so werden bereits zahlreiche alternative Konzepte  – wie die Lebensleistungsrente und die Deutschland Rente – diskutiert. In die „Deutschland-Rente“ als zusätzlichem Baustein für die Altersversorgung sollten Plänen zufolge alle Arbeitnehmer einzahlen, die einer Beitragszahlung nicht dezidiert widersprechen. Die Leistung des Arbeitnehmers soll den Plänen zufolge um eine staatliche Zulage aufgestockt werden. Das Angebot richtet sich vor allem an untere Einkommensgruppen und Beschäftigte kleiner Firmen, die keine betriebliche Altersvorsorge anbieten. Das Land Hessen hat eine entsprechende Gesetzesinitiative geplant.

„Die Renten sind sicher.“ Wer diesen oder ähnlichen Versprechen von Politikern in der Vergangenheit geglaubt hat, dem droht jetzt also ein böses Erwachen. Denn die Altersvorsorge-Einrichtungen leiden nicht nur unter der Frage, wie sicher die staatlichen Renten wirklich sind, wie solide darüber hinaus die Versprechen der privaten Altersvorsorge-Einrichtungen sind und welche Folgen der Null- oder Negativzins auf die Rentenleistungen haben wird. Dort, wo Staatsanleihen in den Depots von Kapialanlegern  über Dekaden hinweg als „sichere Bank“ gesehen wurden und über einen langen Zeitraum hinweg Renditen von  5 bis knapp 12 % flossen, hat sich die Situation dank Mario Draghi und der EZB dramatisch verschärft.

Betriebliche Altersvorsorge bleibt eine wichtige Säule – Doch nicht nur die staatliche Rente wankt, sondern auch große Teile der betrieblichen Altersvorsorge. Wenn sich z.B. die BaFin – die deutsche Finanzmarkt-Aufsichtsbehörde – öffentlich ungewöhnlich kritisch zu diesem Thema äußert, dann ist Gefahr im Verzug. Das Ganze hatte bereits Folgen; denn die Neue Leben Pensionkasse (eine Tochter des Talanx-Konzerns) hat als erste Pensionskasse jüngst den Garantiezins reduziert und darüber hinaus auch drastische Leistungskürzungen angekündigt. Solche Meldungen dürften das Vertrauen in die betrieblichen Altersvorsorge-Systeme nicht gerade stärken. Selbst wenn die geförderte Altersvorsorge generell besser ist als die medialen Meldungen derzeit vermuten lassen, so dürfte diese Säule der privaten Vorsorge immer wichtiger werden.

Alternative Konzepte sind gefragt – Das Zinstief fordert also seine Opfer – die Finanzwelt ist auf den Kopf gestellt. In den vergangenen Tagen warfen deutsche Staatsanleihen zum ersten Mal überhaupt negative Renditen ab. Dort, wo die Presse Staatsanleihen über Jahre hinweg als „Vermögen“ gepriesen hatte, wird heute das Debakel sichtbar. Sparen lohnt sich nicht mehr. „Wer spart, verliert“, heißt es heute vielmehr. Offene Briefe an EZB-Chef Mario Draghi mit dem darin unterbreiteten Vorschlag, die Zentralbank solle nicht mehr den Banken billiges Geld geben, sondern EU-Bürgern Geld-Geschenke unterbreiten, blieben unbeantwortet. Die Bürger, so der Vorschlag, sollten dieses mit einem Verfalldatum von zwei Jahren versehene Geld ausschließlich für den Konsum einsetzen. Die Bochumer Ökobank GLS erwägt einen radikalen Schritt: Nicht die Bank bieten dem  Kunden für Einlagen einen Zins, vielmehr sollen die Kunden eine monatliche Finanzleistung an die Bank zahlen, wie Vorstandschef Thomas Jorberg erklärt.

ETF als passives Investment – Wer sein Geld (was zu empfehlen ist) lieber selbst anlegt, sollte einen Teil in Exchange Traded Funds (ETF) anlegen. Diese Fonds bilden in hoher Vielfalt zu vergleichsweise niedrigen Kosten einen Index nach. Das Angebot ist breit und bunt und seit der Premiere im Jahr 1970 kontinuerlich gewachsen. Dag Rodewald von UBS weist in diesem Kontext darauf hin, dass es in Europa rund 1600 verschiedene ETF gibt. Es gibt praktisch kein Thema und keine Branche, in das und die nicht über ETF investiert werden kann. Bei solchen Index-Investments spricht man von „passiven Investments“, weil sich der Anleger z.B. auf einen Aktienindex fokussieren kann und er selbst  keine Auswahl einzelner Aktien vornimmt.

Weitere Möglichkeiten entstehen durch Smart-Beta-ETF, bei denen die Vorteile des passiven Investments mit denen des aktiven Investments kombiniert werden.  In den Indizes werden die Aktien einzelner Gesellschaften auf Basis ihrer Bedeutung und ihrer Marktkapitalisierung gewichtet. Die Wertentwicklung  solcher Indizes und solcher Fonds wird also maßgeblich von den Aktien der größten Unternehmen dominiert. Smart-Beta-ETF nutzen sowohl diesen passiven Index-Ansatz als gleichzeitig auch einen aktiven Ansatz, bei dem die Gewichtung einzelner Aktien nicht unbedingt an der Marktkapitalisierung ausgerichtet ist. Darüber hinaus ist das Thema ETF-Investing durchz so genannte „Factor ETF“ ergänzt worden, bei denen die Gewichtung des ETF an bestimmten Faktoren ausgerichtet wird.

Digitalisierung hält Einzug: Robo-Advisors kommen – Im dynamischen Bereich Fintech haben so genannte Robo-Advisors das Ziel, Dienstleistungen traditioneller Finanzberater nicht nur zu digitalisieren, sondern in der Folge auch zu automatisieren. Diese Technologien werden allerdings bereits seit vielen Jahren angewandt. Denn diese Akteure  aus der Hedge-Fund-Branche stützen ihre Strategie bei der Kapitalanlage auf regelbasierte Modelle, mit denen Portfolien zusammengestellt werden, die automatisch überwacht und im Fall der Fälle dann auch angepasst werden. Diese Methodik wird bereits seit einigen Jahrzehnten in der Hedge-Fund-Branche durch die Strategie „Managed Futures“ umgesetzt. Als ein großer Vorteil wird dabei immer wieder auf die „emotionslose“ – also rein nüchterne auf Zahlen, Daten und Fakten beruhende – Umsetzung von Anlagestraegien durch Computer bzw. durch Software-Programme hingewiesen. Robo-Advisors nutzen bei ihren Strategien auch Exchange Traded Funds (ETF). Dies nicht zuletzt deshalb, weil bei diesen Produkten ausreichendes Datenmaterial zur Verfügung steht, die Umsetzung also weitgehend automatisiert werden kann .

Wie flexibel ist die Assekuranz? – Ignoriert werden können Kapitalanlage-Produkte der Versicher nicht. Grund: Das sind die einzigen Produkte, die Garantien bieten. Ob diese Zusagen aber auch in Zukunft Bestand haben werden, ist zumindest anzuzweifeln. Auch die Versicherer haben sich mittlerweile allerdings auf den Niedrig- oder Negativzins eingestellt.„Der Markt bei Rentenversicherungen ist in den vergangenen Jahren bunter geworden. Verbraucher können wählen zwischen klassischen Tarifen mit Garantiezins, der neuen Klassik mit eingeschränkten Garantien oder aber der fondsgebundenen Versicherung“, sagt Ingo Weber von Verivox. Darüber hinaus weist der Experte auf zahlreiche Produkt-Variationen hin.  Allgemein ist festzuhalten, dass es für den Versicherten von entscheidender Bedeutung ist, Angebote zu vergleichen und dann Anbieter auszuwählen, die bei einer hohen Sicherheit eine möglichst hohe Rente zahlen.

Sachwerte bieten Substanz – Sachwerte dürfen in einem ausgewogenen Depot nicht fehlen. Denn die Vergangenheit hat gelehrt, das „synthetische“ – also künstlich erzeugte Finanzprodukte wie z.B. Derivate oder auch ETF – in ruhigen Börsenphasen und entsprechend stabilen Emittenten zwar durchaus ihren Reiz haben. Doch gerade die 2008er-Krise hat andererseits auch deutlich bewiesen, dass es beim Zusammenbruch von Finanzhäusern zu einem Domino-Effekt kommen kann und andere Finanzhäuser dann mit in den Abgrund gerissen werden. Sachwerte – Immobilien, Grundstücke, Forst- und Waldinvestments sowie Rohstoffe und Wasser – bieten dem Anleger einen „wahren Wert“, also Substanz. Vor allem Gold und andere Edelmetalle üben auf Anleger derzeit einen enormen Reiz aus. Gleiches gilt auf für den Energiebereich, der langfristig wieder interessanter werden dürfte. Denn ohne Energie geht gar nichts.

Ergo: Das Nullzins-Umfeld erschwert die Altersvorsorge –  Regierungen und EZB stehen am Scheideweg. Jeder Arbeitnehmer ist aufgefordert, mehr Eigen-Verantwortung in Finanzfragen zu übernehmen und eigene Strategien zu entwerfen. Das aber setzt voraus, dass sich Anleger ein besseres Finanzmarkt-Wissen aneignen. Nach dem Motto „lege nicht alle Eier in einen Korb“ ist eine breite Diversifizierung des Geldes besonders wichtig, wie Markus Ross vom Frankfurter Finanzdienstleister Ceros erklärt. Anleger sollten ihr Kapital über verschiedene Länder hinweg in möglichst liquide Asset Classes (Aktien, Cash, Devisen und Rohstoffe) investieren und auf diese Weise das Risiko senken. Der Faktor Risikobereitschaft  spielt bei jüngeren Investoren eine größere Rolle als bei älteren Menschen, weist Dag Rodewald  von UBS auf den Alters-Faktor hin.  „Anleger sollten in schlechten Zeiten zudem eine ruhige Hand bewahren“, rät Prof Martin Weber von Arero in Krisenphasen zur Besonnenheit. Dies gilt gerade vor dem Hintergrund der derzeit hohen Volatilität – der starken Kursschwankungen also – als Folge der Brexit-Entscheidung  Großbritanniens.

Dieser Beitrag erschien in stark gekürzter Form im Fachmagazin „TrendReport 02/2016“, der am 27. Juni dem „Handelsblatt“  beigelegt war.