Die Erde bebt – 22 – Der große Knall

Die Erde bebt – 22 – Der große Knall 2017-04-12T21:17:11+00:00

Event Reports

Die Erde bebt – 22

Der große Knall

Hurra, wir leben noch. Und – wir leben gut, sehr gut sogar. Der Welt ging es ökonomisch betrachtet noch niemals zuvor so gut wie heute. Was, das glauben Sie nicht? Dann fragen Sie doch einfach den IWF. Der hat errechnet, dass der Anteil der armen Menschen auf der Welt – also Menschen, die weniger als 1,90 $ pro Tag zum Leben haben – noch nie zuvor so niedrig war wie heute. Daher leistet sich die Menschheit zu Silvester auch den „großen Knall“, indem sie Milliarden von Dollar in die Luft bläst. Wir habens ja!

Bild

Verschwendung und Irrsinn pur. „Aber Hauptsache, Ihr habt Spaß!“                                                                                                                                                  Foto: Udo Rettberg

Allein Deutschland hat mit einem gigantischen Feuerwerk im Wert von rund 130 Mio. € zu Silvester die über dem Land schwebenden bösen Geister vertrieben. Zu diesem Betrag addieren sich noch die nicht unerheblichen Kosten im Zusammenhang mit den angefallenen Müllbergen und die Kosten für durch Explosionen abgetrennte Körperteile sowie Kosten für Brandschäden. Ergo: Silvester hat die Menschheit in Deutschland allein rund 200 Mio. $ gekostet. Aber immerhin: Die Menschheit glaubt daran, dass die bösen Geister jetzt vertrieben sind. Wir sollten ihr diesen Glauben gönnen.

„Ab morgen wird alles besser“, so Optimisten. – „Quatsch, der große Knall steht uns erst noch bevor“, mahnen Zweifler. Meine Antwort ist salomonisch: „The allmighty only knows“. Nehmen wir das Positive als Aufmunterung. Richtig ist, dass die Menschen im Durchschnitt noch nie zuvor so alt geworden sind wie heute. Auch beim Thema Bildung – man sollte es angesichts der Unmenschlichkeiten auf dem Globaus kaum glauben – gibt es dank des Internets weltweit Fortschritte, wie Studien supranationaler Organisationen zeigen. Und: Auch die Zahl der Hungernden – obwohl noch immer viel zu hoch – schrumpft. Und so ist eitel Freude angesagt. Oder?

Der erborgte Wohlstand – Was der IWF und andere supranationale Organisationen allerdings wissentlich verschweigen: Der vermeintliche Wohlstand ist eine Lüge; denn er ist zulasten der Menschheiten auf diesem Planeten lediglich eine erborgte Idylle. Die Verschuldung von Staaten, supranationalen Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen war noch nie so hoch wie heute. Was uns Politiker und Weltorganisationen wie IWF, Weltbank, BIZ und Co verkaufen wollen, ist also nichts anderes als Augenwischerei. Warum wohl zeigt IWF-Chefin Christine Lagarde seit längerem vor allem die Schwächen der Weltwirtschaft auf?

In eigener Sache
Migräne in Santa Nirgendwo

Das neue Jahr ist da – die spektakuläre Ankunft von 2016 war in der Silvester-Nacht kaum zu überhören. Apropos Silvester-Nacht. Zwei Texte der „Jubel-Musik“ in meinem Feier-Umkreis erlangten während der stimmungsvollen Nacht meine besondere Aufmerksamkeit. „Ich hab nen Bungalow in Santa Nirgendwo“, wurde im Lande von Goethe und Schiller aus hunderten von Kehlen der Partygäste in die relativ warme und alkohol-geschwängerte Nacht geschrien.
Ergo: Die Stimmung unter den Menschen war positiv. Kaum jemand äußerte sich negativ über „meine Sorgen“ – also über den Verlust der Demokratie, über zunehmende „Kontrollitis“ von NSA und BND, über Rezessiongefahren sowie über die Diktatur der Bigones und Extriches und ihrer „Bevollmächtigten“. Klar – Alkohol und Skepsis sind keine Brüder. Angeheitert vergessen Menschen rasch (und gern) die Realität. Träume sind angesagt.
Noch wenige Stunden zuvor hatte ich eine neue Studie über die negativen Folgen des Alkohols ausgewertet. All das bereitete mir beim alkoholfreien Empfang des neuen Jahres erhebliches Kopfweh. Und wie bestellt, hallte dann in der Folge auch schon der nächste Gaudi-Song von Ireen Sheer durch die erste Nacht des neuen Jahres 2016: „Ich hab Migräne, weil ich mich sehne……………..“ Gemeint war dabei sicherlich nicht die Sehnsucht nach Harmonie und Frieden.
Immer wieder wurde ich von tanzenden, händeklatschenden und jubelnden Menschen ermuntert, doch mit in die „heißen Songs“ einzustimmen. Das gelang mir nicht; denn ich hatte dieses deutsche Lied- und Textgut noch nie zuvor wahrgenommen. „Banause“, kommentierte ein Kumpel. Ja, ich gebe zu: Ich bin ein Kultur-Banause. Und Ireen, die ein Wochenendhaus in meiner Heimat am Edersee hatte oder vielleicht noch immer hat, wird mir das sicherlich verzeihen.

2016 wird ein tolles Jahr! – Zahlreiche meiner Freunde und Kollegen zählen zu meinen größten Kritikern. Sie können nicht wirklich verstehen, dass ich die Welt eher negativ beurteile. Sie verstehen nicht, dass ich (angeblich) Weltuntergangs-Stimmung verbreite. Nun- ich sehe das ein wenig anders. Während des Jahreswechsels hatte ich Gelegenheit, mir viele Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen und mich selbst auf den Prüfstand zu stellen. „Deine Analysen sind meist zu kompliziert für die Allgemeinheit, weil Du zu rasch zu viele Themen miteinander verbindest“, sagt mein Freund Hans immer wieder. Wahrscheinlich liegt er sogar richtig mit dieser Kritik.

Jahreswende – Zeit zum Nachdenken. Traditionell sammle ich zur Jahreswende die Meinungen von Ökonomen, Analysten und Strategen führender Finanzhäuser. Dies geschieht entweder durch das Studium der Research-Reports oder aber durch direkte Interviews mit den Experten dieser Häuser. War mir in diesem Jahr auffällt, bringt mich zum Nachdenken. In der Rolle des „Contrarian“ fühle ich mich plötzlich pudelwohl. Denn praktisch keiner der Experten von 25 Finanzhäusern rechnet für das jetzt begonnene Jahr mit einer Rezession oder einer Baisse der Aktienmärkte. Der Aktien-Anteil am Gesamdepot sollte also nicht weiter aufgestockt, sondern eher weiter reduziert werden. Schließlich werden die Bürger von den Mächtigen, den Bigones and Extriches belogen und betrogen.

Brüchige Strukturen – Das Fundament der Weltwirtschaft steht auf einem fragilen Sockel – aus vielerlei Gründen. Denn Demokratie und Marktwirtschaft waren gestern. Überbevölkerung und zu geringe Bildung sind weitere Schwächen. Und der vermeintliche Wohlstand der vergangenen Jahre ist durch Schneeballsyteme „erborgt“ – also nicht nachhaltig. In der Wohlstandsgesellschaft überfordern Menschen den Planeten Erde und beuten ihn sinnlos aus. Respekt ist für viele Menschen ein Fremdwort. Und all diese Faktoren resultieren dann in der Folge in Egoismus, in Aggressionen und letztlich in Krieg.

Die Liga der Frauen – Konsens sieht wohl anders aus. Fed-Chefin Janet Yellen hat bei der Fed-Zinsentscheidung wohl nicht auf die Warnungen von IWF-Chefin Christine Lagarde gehört. Diese hat jetzt nämlich erneut auf große Risiken für die Weltwirtschaft hingewiesen. Höhere US-Zinsen, ökonomische Ermüdungstendenzen Chinas, turbulente Rohstoffmärkte und angespannte Finanzmärkte nennt Lagarde als Ursachen ihrer eher pessimistischen Denkansätze. Auffallend ist, dass Lagarde das Thema „gigantische Staatsverschuldung“ in ihren Betrachtungen wiederum mehr oder weniger außen vor lässt. Konkrete Wachstumsprognosen für 2016 nennt die IWF-Obere nicht. Ihre Ökonomen hatten im Oktober ein globales Wachstum von 3,6 % prognostiziert. Mit anderen Worten: Die Weltkonjunktur zeigt deutliche Ermüdungserscheinungen. Dass Donald Trump jetzt die Gefahr eines Platzens der Konjunktur-Blase aufzeigt, ist für mich indes kein Argument. Denn schließlich will der Republikaner Trump neuer US-Präsident werden – da muss er negativ zur aktuellen Regierung eingestellt sein.

Die Kapitulation der Wertvernichter – Die in Washington D.C. angesiedelte G30 – die aus führenden Finanz-Experten und Wissenschaftlern bestehende „Group of 30“ – versucht, der Welt die Augen zu öffnen. Doch niemand scheint interessiert. Die G30 bestätigen, dass Zentralbanken die Weltwirtschaft nicht länger stützen können und jetzt die Regierungen an der Reihe seien und Verantwortung übernehmen müssten. Das Pulver der Notenbanken sei verschossen, so die klare Aussage. In der Finanzkrise waren Zentralbanken wie FED, EZB, BoJ, BoE und andere zur Hochform aufgelaufen. Als Handlager der Regierungen überschwemmten sie die Welt mit fast 9 Billionen Dollar und führten Nullzinsen ein. So sorgten sie dafür, dass die Weltwirtschaft nicht in eine Rezessions- und Deflationsspirale rutschte. Heute sagen die G30, die strukturellen Probleme der Weltwirtschaft seien nicht gelöst. Fazit: Jetzt sind die Regierungen an der Reihe! Doch die scheinen viel lieber Krieg zu spielen.

Die Stunde der Contrarians. Es ist einfach und bequem, auf Erfolgswellen zu schwimmen. An der Börse gilt das vor allem mit Blick auf den gigantischen finanziellen Erfolg der technologischen Marktführer wie Google, Apple, Facebook, Amazon, Netflix, Alibaba etc. So mancher Anleger ist stolz darauf, Aktionär dieser Unternehmen zu sein. Das gilt wohl auch für die e-Car-Produzenten, allen voran für Tesla Motors. Nun bin ich allerdings schon so alt (manche mögen das Wort „alt“ durch den Begriff „erfahren“ ersetzen), dass ich mich an ähnliche Erfolgsgeschichten der Vergangenheit erinnere. So z.B. an Honeywell, Xerox oder Eastman Kodak. Und diese vor vielen Dekaden sehr „heißen Stories“ endeten nach einer gewissen Zeit im Desaster. Grund: Das Management dieser zeitweise finanziell super-starken Firmen war nicht in der Lage, frühzeitig auf die Herausforderungen technologischer Veränderungen durch Konkurrenten zu reagieren.

Die lange Liste der Anlage-Ratschläge

1 – „Verlieben“ Sie sich nie in Aktien bestimmter Gesellschaften. Bleiben Sie kritisch und hellwach, vor allem dann, wenn Sie nur noch positive Nachrichte über diese Firmen lesen.

2 – Noch wichtiger erscheint mir der folgende Rat: Sollten Sie direkten Kontakt zum Top-Management börsennotierter Unternehmen haben, gewöhnen Sie sich an, zumindest die Hälfte des Gesagten schlichtweg nicht zu glauben.

3 – Bedenken Sie: Manager von Unternehmen werden dafür bezahlt, Optimismus zu versprühen. Sie nehmen es daher mit der Wahrheit möglicherweise nicht immer so genau.

Die Menschheit spielt Krieg – an mehreren Fronten. Vergessen Sie, werte Leser, bei ihren Anlage-Überlegungen nicht: Die Finanzmärkte sind derzeit Gefangene der Weltpolitik. Eine falsche und folgenschwere politische Entscheidung kann von heute auf morgen alle noch so gut durchdachten Anlagestrategien auf den Kopf stellen. Die Zahl der Kriegstreiber und von deren Feinden wechselt – praktisch von Tag zu Tag. Darüber hinaus gibt es für die heile Börsenwelt aber auch noch andere Feinde. Denn sicher ist, dass nicht nur unterschiedliche religiöse Auffassungen Auslöser kriegerischer Konflikte sind. Entscheidend für die Kriegsspiele ist nach meiner Beobachtung das Streben nach Geld und Macht. Darüber hinaus begreifen auf der anderen Seite nur wenige Menschen, dass sie – ökologisch betrachtet – selbst ihr ärgster Feind sind. Seit Jahren sind allein Menschen für den ökologischen Terror – also für Attacken auf die Ökosysteme dieser Welt – verantwortlich. Der Planet ist unaufhörlich solchen Angriffen ausgesetzt. Auch hier wird es höchste Zeit, zu erwachen. Denn die Natur wird erbarmungslos zurückschlagen.

Udo Rettberg – 1. Januar 2016