Sebastian Haffner – Geschichte eines Deutschen

Sebastian Haffner – Geschichte eines Deutschen 2016-03-17T14:59:17+00:00

Sebastian Haffner

Geschichte eines Deutschen

Pantheon Verlag, 2. Auflage, 2014 (geschrieben im Jahr 1934; Sebastian Haffner ist im Jahr 1938 nach England emigriert)

„…Am 9. und 10. November gab es noch Heeresberichte, üblichen Stils: „Feindliche Durchbruchsversuche abgewiesen“, „..gingen unsere Truppen nach tapferer Gegenwehr in vorbereitete Stellungen zurück..“ Am 11. November hing kein Heeresbericht mehr am schwarzen Brett des Polizeireviers…Leer und schwarz gähnte mich das Brett an…

Ein verfrühtes Zeitungsblatt..hatte die Überschrift „Waffenstillstand unterzeichnet“. Darunter standen die Bedingungen, eine lange Liste…

Diese Bedingungen sprachen nicht mehr die schonende Sprache der letzten Heeresberichte. Sie sprachen erbarmungslos die Sprache der Niederlage: so erbarmunglos, wie die Heeresberichte immer von feindlichen Niederlagen gesprochen hatten. Dass es so etwas auch für ‚uns‘ geben konnte – und zwar nicht als Zwischenfall, sondern als das Endergebnis von lauter Siegen und Siegen – mein Kopf fasste es nicht…

Das Schicksal der Revolution war im Grunde besiegelt…, als am 24. Dezember die Arbeiter und Matrosen nach siegreicher Strassenschlacht vor dem Schloss sich zerstreuten und nach Hause gingen, um Weihnachten zu feiern. Nach dem Fest gingen sie zwar auf neue auf den Kriegspfad, aber inzwischen hatte die Regierung bereits hinlängliche Freicorps zusammengezogen….So war die Entscheidung gegen die Revolution gefallen…

nur die ‚Freicorps‘ trugen Waffen – die Freicorps, die in Wirklichkeit bereits gute Nazis waren, nur ohne den Namen.

Zivilcourage – also der Mut zum eigenen Entschluss und zur eigenen Verantwortung – ist in Deutschland ohnehin eine rare Tugend, wie schon Bismarck..bemerkte. Aber sie verlässt den Deutschen vollkommen, wenn er eine Uniform anzieht. Der deutsche Soldat und Offizier, zweifellos hervorragend tapfer auf dem Schlachtfeld, fast stets auch bereit, auf Befehl der Obrigkeit auf seine zivilen Landsleute zu schiessen, wird furchtsam wie ein Hase, wenn er sich gegen diese Obrigkeit stellen soll…

Es ist schwer zu sagen, wohin Rathenaus Politik Deutschland und Europa geführt hätte, hätte er Zeit gehabt, sie durchzuführen. Bekanntlich hatte er diese Zeit nicht, da er nach einem halben Jahr Amtsführung ermordet wurde….

Es kam das Jahr 1923. Dieses phantastische Jahr ist es wahrscheinlich, was in den heutigen Deutschen jene Züge hinterlassen hat, die der gesamten übrigen Menschheit unverständlich und unheimlich und die auch dem normalen ‚deutschen Volkscharakter‘ fremd sind: jene hemmungslos zynische Phantastik, jene nihilistische Freude am ‚Unmöglichen‘ um seiner selbst willen, jene zum Selbstzweck gewordene ‚Dynamik“. Einer ganzen deutschen Generation ist damals ein seelisches Organ entfernt worden: ein Organ, das dem Menschen Standfestigkeit, Gleichgewicht, freilich auch Schwere gibt, und das sich je nachdem als Gewissen, Vernunft, Erfahrungsweisheit, Grundsatztreue, Moral oder Gottesfurcht äussert. Eine ganze Generation hat damals gelernt – oder zu lernen geglaubt – dass es ohne Ballast geht…

Kein Volk der Welt hat etwas erlebt, was dem deutschen ‚1923‘-Erlebnis entspricht. Den Weltkrieg haben alle erlebt, die meisten auch Revolutionen, soziale Krisen, Streiks, Vermögensumschichtungen, Geldentwertungen. Aber keins die phantastische, groteske Übersteigerung von alledem auf einmal, die 1923 in Deutschland stattfand. Keins diesen gigantischen karnevalistischen Totentanz, dieses nicht endende blutig-groteske Saturnalienfest, in dem nicht nur das Geld, in dem alle Werte entwertet wurden. Das Jahr 1923 machte Deutschland fertig – nicht speziell zum Nazismus, aber zu jedem phantastischen Abenteuer. Die psychologischen und machtpolitischen Wurzeln des Nazismus liegen tiefer zurück..Aber damals entstand das, was ihm heute seinen Wahnsinnszug gibt: die kalte Tollheit, die hochfahrend hemmungslose, blinde Entschlossenheit zum Unmöglichen; das ‚Recht ist, was uns nutzt‘ und ‚das Wort unmöglich gibt es niciht‘.

Offenbar liegen Erlebnisse dieser Art jenseits der Grenze dessen, was Völker ohne seelischen Schaden durchmachen können.

Ich schaudere bei dem Gedanken, dass wahrscheinlich ganz Europa nach dem Kriege ein vergrössertes 1923 erleben wird, wenn nicht sehr weise Männer den Frieden machen.

Das Jahr 1923 begann mit einer patriotischen Hochstimmung, fast war es eine Wiedergeburt von 1914. Poincaré besetzte das Ruhrgebiet, die Regierung rief zum passiven Widerstand auf, und bei der Bevölkerung überwand das Gefühl nationaler Erniedrigung und Gefahr…die angehäuften Bürden der Müdigkeit und Enttäuschung. Das Volk ‚erhob sich‘, es machte eine leidenschaftliche Seelenanstrengung….

An der Ruhr gab es eine Art bezahlten Streik. Nicht nur wurden die Arbeiter bezahlt, sondern auch die Arbeitgeber – nur zu gut bezahlt, wie bald bekannt wurde…

Einige Monate später bekam der Ruhrkrieg..den unverkennbaren Geruch der Korruption. Bald regte er niemanden mehr auf..weil viel verrücktere Sachen zu Hause sich ereigneten.

Der Zeitungsleser konnte in jenem Jahr wieder eine Variante des aufregenden Zahlenspiels spielen, wie während des Krieges, als die Gefangenenzahlen und die Höhe der Beute die Schlagzeilen beherrscht hatten.

Diesmal bezogen sich die Ziffern..auf eine sonst ganz uninteressante alltägliche Börsenangelegenheit, nämlich die Notierung des Dollarkurses. Die Schwankungen des Dollarwertes waren das Barometer, an dem man mit einer Mischung aus Angst und Erregung den Sturz der Mark ablas…

Es war eigentlich nichts Neues an der Abwertung der Mark….Bis Ende 1922 hatten sich die Preise allmählich auf das Zehn- bis Hundertfache des Vorkriegsniveaus erhöht und der Dollar stand bei etwa 500 Mark…..Löhne, Gehälter und Preise hatten sich im grossen und ganzen gleichmässig erhöht…

Aber nun wurde die Mark verrückt. Schon bald nach dem Ruhrkrieg schoss der Dollar auf 20.000, hielt eine Weile an, kletterte dann auf 40.000, zögerte kurze Zeit, und fing dann an, mit kleinen periodischen Schwankungen stossweise die Zehntausende und Hunderttausende abzuleiern….Der Dollar wurde Tagesthema, und dann plötzlich sahen wir uns um und erkannten, dass das Ereignis unser Alltagsleben zerstört hatte. Wer ein Sparkonto, eine Hypothek oder sonst eine Geldanlage besass, sah es über Nacht verschwinden….Alles wurde ausgelöscht…

Die Lebenshaltungskosten hatten angefangen davon zu jagen, denn die Händler folgten dem Dollar dicht auf den Fersen. Ein Pfund Kartoffeln, das noch am Vortage fünfzigtausend Mark gekostet hatte, kostete heute schon hunderttausend, ein Gehalt von fünfundsechzigtausend Mark, das man am vorigen Freitag nach Hause gebracht hatte, reichte am Dienstag nicht aus, um ein Paket Zigaretten zu kaufen…

Plötzlich entdeckten Leute eine Insel der Sicherheit: Aktien.

Das war die einzige Form der Geldanlage, die irgendwie der Geschwindigkeit standhielt…Jeder kleine Beamte, jeder Angestellte, jeder Schichtarbeiter wurde Aktionär…die Aktienkurse schossen himmelwärts wie Raketen.

Die Banken waren von Reichtum aufgeschwemmt…

Den Alten und Weltfremden ging es am schlechtesten…Den Jungen, Flinken ging es gut. Über Nacht wurden sie frei, reich, unabhängig…

Es war eine Lage, in der Geistesträgheit und Verlass auf frühere Erfahrung mit Hunger und Tod bestraft, aber Impulshandeln und schnelles Erfassen der neuen Lage mit plötzlichem und ungeheurem Reichtum belohnt wurde…..

Unter soviel Leid, Verzweiflung und Bettelarmut gedieh eine fieberhafte, heissblütige Jugendhaftigkeit, Lüsternheit und ein allgemeiner Karnevalsgeist. Jetzt hatten auf einmal die Jungen und nicht die Alten das Geld; und überdies hatte seine Natur sich so geändert, dass es seinen Wert nur wenige Stunden hielt, und es wurde ausgegeben wie nie vorher oder seither; und für andere Sachen als solche, für die alte Leute ihr Geld ausgeben.

Zahllose Bars und Nachtklubs sprangen plötzlich auf…

Es gab eine andere Seite des Bildes: die Bettler häuften sich…..auch die Berichte über Selbstmorde…

Im August erreichte der Dollar die Million…Vierzehn Tage später..erhöhte der Dollar sein Tempo um das Zehnfache und fing sofort an, in Hundert-Millionen- und dann Milliardenschritten zu steigen…..Ende November war es die Billion….

Die Reichsbank hörte auf, Noten zu drucken…

Einmal wieder wurde die Stimmung revolutionär.

Mitte August fiel die Regierung unter wilden Strassenunruhen….

Dann passierte etwas seltsames. Die unglaubliche Mär begann eines Tages die Runde zu machen, es würde bald wieder Geld von ‚beständigem Wert‘ geben und etwas später wurde es Wirklichkeit. Kleine hässlich grau-grüne Scheine mit dem Schriftzug ‚eine Rentenmark‘….

Der Dollar hörte auf, zu steigen. Aktien auch.

Und wenn man sie in Rentenmark verwandelte, siehe! Sie waren zu nichts geworden, wie alles andere. Also behielt keiner etwas….

Einige Wochen davor war Stresemann Kanzler geworden. Die Politik wurde mit einem Schlage viel ruhiger. Niemand sprach mehr von Reichsverfall. Murrend zogen sich die ‚Bünde‘ in eine Art Winterschlaf zurück….

Das waren die Tage nach der Sintflut. Alles war verloren – aber die Wasser liessen nach…

Die einzige echte Friedenszeit, die meine Generation in Deutschland erlebt hat, war angebrochen: ein Zeitraum von sechs Jahren, 1924 bis 1929, in dem Stresemann die deutsche Politik vom Aussenamt beherrschte….

Es zeigte sich, dass eine ganze Generation in Deutschland mit dem Geschenk eines freien Privatlebens nichts anzufangen wusste. Ungefähr 20 Jahrgänge junger und jüngster Deutscher waren daran gewöhnt worden, ihren ganzen Lebensinhalt, allen Stoff für tiefere Emotionen, für Liebe und Hass, Jubel und Trauer, aber auch alle Sensationen und jeden Nervenkitzel sozusagen gratis aus der öffentlichen Sphäre geliefert zu bekommen – sei es auch zugleich mit Armut, Hunger, Tod, Wirrsal und Gefahr. Nun, da diese Belieferung ausblieb…Sie begannen sich zu langweilen, sie kamen auf dumme Gedanken, sie wurden mürrisch – und sie warteten schliesslich geradezu gierig auf die erste Störung, den ersten Rückschlag oder Zwischenfall, um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und neue kollektive Abenteuer zu starten…..Tatsächlich bereitete sich damals, vollkommen unsichtbar und unregistriert, jener ungeheure Riss vor, der heute das deutsche Volk in Nazis und Nichtnazis spaltet…..

Jenseits der Bildungsschicht heisst und hiess die grosse Gefahr des Lebens in Deutschland immer: Leere und Langeweile….

Dieser Grundtatbestand, dass in Deutschland nur eine Minderheit…etwas vom Leben versteht und etwas mit dem Leben anzufangen weiss – nebenbei ein Tatbestand, der Deutschland grundsätzlich ungeeignet zur demokratischen Regierungsweise macht – …hatte durch die Ereignisse von 1914 bis 1924 eine furchtbar bedrohliche Zuspitzung erfahren….

So lag, unter der Oberfläche, bereits alles bereit für ein grosses Unheil…

Die wüste Dekade von 1914 bis 1923 hatte allen Halt und alle Tradition weggeschwemmt, aber auch allen Muff und alles Gerümpel…Es war damals, trotz allem, viel frische Luft in Deutschland zu spüren und eine bemerkenswerte Abwesenheit der konventionellen Lüge. Die Schranken zwischen den Klassen waren dünn und brüchig geworden – vielleicht ein segensvolles Nebenergebnis der allgemeinen Verarmung….Klassendünkel und Stehkragengesinnung waren einfach unmodern geworden. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern waren offener und freier als je…

Oktober 1929. Böser Herbst nach einem schönen Sommer…Solange Stresemann Aussenminister gewesen war, hatte man nicht viel nach dem Reichskanzler gefragt. Sein Tod war der Anfang vom Ende…

Im Frühjahr 1930 wurde Brüning Reichskanzler…Seine Erfolge – unbestreitbar erzielte er einige – hatten durchweg das Schema ‚Operation gelungen, Patient tot‘ oder „Stellung gehalten, Mannschaft aufgerieben“. Um die Reparationszahlungen ad absurdum zu führen, liess er es zu, dass die deutsche Wirtschaft fast zu Bruch ging, die Banken schlossen, die Arbeitslosenziffer auf 6 Millionen stieg…..mit zusammengebissenen Zähnen zog Brüning jede schmerzhafte Konsequenz. Manches von dem, was später zu Hitlers effektivsten Folterinstrumenten gehören sollte, wurde von Brüning eingeführt: die ‚Devisenbewirtschaftung‘, die die Auslandsreisen, die ‚Reichsfluchtsteuer‘, die die Auswanderung unmöglich machte; sogar die Beschränkung der Pressefreiheit und die Knebelung des Parlaments gehen, in den Anfängen, auf ihn zurück…..

Meines Wissens ist das Brüningregime die erste Studie und, sozusagen, das Modell gewesen zu einer Regierungsart, die seither in vielen Ländern Europas Nachahmung gefunden hat: Der Semi-Diktatur im Namen der Demokratie und zur Abwehr der echten Diktatur….

Brüning selbst hatte dem Land nichts zu bieten als Armut, Trübsinn, Freiheitsbeschränkung und die Versicherung, dass etwas Besseres nicht zu haben sei…

Inzwischen sammelten sich geräuschvoll die Kräfte, die so lange brach gelegen hatten. Am 14. September 1930 fanden jene Reichstagswahlen statt, in denen die Nazis mit einem Schlage von einer lächerlichen Splitterpartei zur zweitstärksten heraufschnellten, von 12 Mandaten auf 107. Von diesem Tag an war die Mittelpunktsfigur schon der Brüningszeit nicht mehr Brüning, sondern Hitler…eine eher peinliche Figur aus grauer Vergangenheit…Zuhälterfrisur; die Talmieleganz; der Wiener Vorstadtdialekt; das viele und lange Reden überhaupt, das Epileptikergehaben dazu, die wilde Gestikulation, der Geifer, der abwechselnd flackernde und stierende Blick. Und dann der Inhalt der Reden: die Freude am Drohen, die Freude am Grausamen, die blutrünstigen Hinrichtungsphantasien…

Hitler versprach im übrigen allen alles, und das brachte ihm selbstverständlich eine grosse, lose Gefolgs- und Wählerschaft von Urteilslosen, Enttäuschten und Verarmten ein.

Das Entscheidende war aber nicht dies. Jenseits der blossen Demagogie und der Programmpunkte versprach er, deutlich und fühlbar ehrlich, zweierlei: die Wiederherstellung des grossen Kriegsspiels von 1914-18; und die Wiederholung des grossen sieghaft-anarchischen Beutezuges von 1923. Mit anderen Worten: seine spätere Aussenpolitik und seine spätere Wirtschaftspolitik….

  1. Januar 1933..Hitler wurde Reichskanzler…

Reichstagsbrand..Hitler:“Wenn das die Kommunisten getan haben, woran ich nicht zweifle, dann gnade ihnen Gott!“….Verhaftungen, den ersten grossen Schub für die ersten Konzentrationslager: linke Abgeordnete, linke Literaten, unbeliebte Ärzte, Beamte, Anwälte….

Verordnung Hindenburgs.., die für die Privatleute Meinungsfreiheit, Brief- und  Telefongeheimnis aufhob und der Polizei dafür unbeschränkte Haussuchungs- Beschlagnahme- und Verhaftungsrechte gab…..

Dass die meisten Deutschen damals, im Februar 1933, an die kommunistische Brandstiftung glaubten, kann man ihnen, scheint mir,..nicht übelnehmen. Was man ihnen übelnehmen kann, und worin sich zum ersten Mal in der Nazizeit ihre schreckliche kollektive Charakterschwäche zeigte, ist, dass damit die Angelegenheit für sie erledigt war. Dass man ihnen, jedem einzelnen von ihnen, sein bisschen verfassungsmässig garantierte persönliche Freiheit und Bürgerwürde wegnahm, nur weil es im Reichstag ein bisschen gebrannt hatte – das nahmen sie mit einer schafsmässigen Ergebenheit hin, als müsste es so sein……

Viele, ja die meisten europäischen Staatswesen sind blutiger geboren worden. Aber es gibt keins, dessen Entstehung in diesem Masse ekelhaft war… Die europäische Geschichte kennt zwei Formen von Terror: Die eine ist der zügellose Blutrausch einer losgelassenen, siegestrunkenen revolutionären Masse; die andere ist die kalte, überlegte Grausamkeit eines siegreichen, auf Abschreckung und Machtdemonstration bedachten Staatsapparats…Den Nazis ist es vorbehalten geblieben, beides zu kombinieren….

Freilich musste noch etwas anderes hinzukommen, um ihn zu vollenden: das war der feige Verrat aller Partei- und Organisationsführer, denen sich die 56 Prozent Deutsche, die noch am 5. März 1933 gegen die Nazis wählten, anvertraut hatten. Dieser furchtbare und entscheidende Vorgang ist wenig ins historische Bewusstsein der Welt getreten: die Nazis hatten kein besonderes Interesse daran, ihn hervorzuheben, weil er den Wert ihres ‚Sieges‘ beträchtlich herabmindern muss: und die Verräter selber – nun, sie hatten erst recht kein Interesse daran. Dennoch liefert nur dieser Verrat die letzte Erklärung für die zunächst unerklärlich scheinende Tatsache, dass ein grosses Volk, das immerhin nicht nur aus Feiglingen besteht, wiederstandslos der Schande verfallen konnte. Der Verrat war durchgehend, allgemein und ausnahmslos, von links bis rechts. Dass die Kommunisten, hinter einer prahlerischen Facade von ‚Bereitschaft‘ und Bürgerkriegsvorbereitung, in Wahrheit nur die rechtzeitige Flucht ihrer höheren Funktionäre ins Ausland vorbereiteten, habe ich schon erzählt.

Was die sozialdemokratische Führung betrifft, so hatte ihr Verrat an ihrer treuen und blind-loyalen Millionengefolgschaft von anständigen kleinen Leuten bereits am 20. Juli 1932 begonnen, als Severing und Grzesinski ‚der Gewalt wichen‘. Den Wahlkampf von 1933 führten die Sozialdemokraten bereits auf eine entsetzlich demütigende Weise, indem sie hinter den Parolen der Nazis herliefen und ihr „Auch-national-sein“ betonten. Am 4. März, einen Tag vor der Wahl, fuhr ihr ‚starker Mann‘, der preussische Ministerpräsident Otto Braun, im Auto über die Schweizer Grenze; er hatte vorsorglich im Tessin ein Häuschen gekauft…..

Das Zentrum, die grosse bürgerlich-katholische Partei..war bereits im März soweit. Es schuf durch seine Stimmen die Zweidrittelmehrheit, die der Regierung Hitler ‚legal‘ die Diktatur übertrug…unter Führung des einstigen Reichskanzlers Brüning….

Die Deutschnationalen schliesslich, die konservativen Rechtskreise, die ‚Ehre‘ und ‚Heroismus‘ geradezu als ihr Parteiprogramm vindizieren – o Gott, wie überaus ehrlos und feige war das Schauspiel, das ihre Führer ihren Anhängern im Jahre 1933 und seither vorführten!….sie machten alles mit, den Terror, die Judenverfolgung, die Christenverfolgungen..

Dieses furchtbare moralische Versagen der gegnerischen Führung ist ein Grundzug der ‚Revolution‘ vom März 1933. Es machte den Nazis den Sieg sehr leicht….

Ende März fühlten sich die Nazis stark genug, um den ersten Akt ihrer wirklichen Revolution zu starten, jener Revolution, die sich nicht gegen irgendeine Staatsverfassung, sondern gegen die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens auf der Erde richtet…Ihr erster..Akt war der Judenboykott vom 1. April 1933…