Niccolò Machiavelli

Niccolò Machiavelli 2017-04-12T21:17:03+00:00

Niccolò Machiavelli

Discorsi

Insel Verlag, 2000

ISBN 978-3-458-34251-9

(Machiavelli: 1469 -1527)

„…..Ich sehe, wieviel Ehre man dem Altertum erweist, wie oft man, um nur dieses Beispiel zu erwähnen, das Bruchstück einer alten Bildsäule zu hohem Preis kauft, um es zu besitzen, wie man sein Haus damit schmückt, es von den Künstlern nachahmen lässt, und wie diese dann eifrig bestrebt sind, es in allen ihren Werken anzubringen. Andrerseits sehe ich die kraftvollsten Unternehmungen der Geschichte, die Taten der alten Reiche und Republiken, der Könige, Feldherren, Bürger, Gesetzgeber und aller, die für ihr Vaterland gearbeitet haben, viel mehr bewundert als nachgeahmt. Ja man weicht überall derart von ihnen ab, dass uns von jener alten Tüchtigkeit kein Hauch mehr geblieben ist. So muss ich mich denn zugleich wundern und betrüben, zumal ich sehe, wie man im bürgerlichen Rechtsstreit und bei Krankheiten immerfort auf die Urteile und Heilmittel zurückgreift, die von den Alten gefällt oder verordnet wurden. Denn was sind die bürgerlichen Gesetze anderes als Urteilssprüche der alten Rechtsgelehrten, die, in ein System gebracht, das Muster unsrer jetzigen Rechtsprechung bilden? Ebenso ist die Heilwissenschaft nichts andres als die von den alten Ärzten gemachte Erfahrung, auf die die jetzigen ihre Wissenschaft gründen. Nichtsdestoweniger greift bei der Errichtung der Republiken, der Erhaltung der Staaten, der Regierung der Reiche, der Einrichtung des Heerwesens und der Kriegführung, bei der Rechtsprechung über die Untertanen und der Erweiterung der Herrschaft kein Fürst oder Freistaat, kein Feldherr oder Bürger auf die Beispiele der Alten zurück.

Das kommt nach meiner Ansicht sowohl von der Schwäche, zu welcher die gegenwärtige Religion die Welt erzogen hat oder von dem Schaden, den ehrgeiziger Müssiggang vielen Ländern und Städten der Christenheit zugefügt hat, als vielmehr von dem Fehler jeder wahren Geschichtskenntnis, da man beim Lesen der Geschichte weder ihren Sinn begreift, noch den Geist der Zeit erfasst. Zahllose Leser finden nur Vergnügen daran, die bunte Mannigfaltigkeit der Erkenntnisse an sich vorüberziehen zu lassen, ohne dass es ihnen einfällt, sie nachzuahmen. Sie halten die Nachahmung nicht nur für schwierig, sondern für unmöglich, als ob Himmel, Sonne, Elemente und Menschen in Bewegung, Gestalt und Kräften anders wären als ehedem.

Von diesem Irrtum möchte ich die Menschen befreien……

Liest man die Urgeschichte Roms, wie es gegründet wurde und welches seine Gesetzgeber waren, so wundert man sich nicht, dass sich jahrhundertelang so grosse Kraft in dieser Stadt erhielt und dass aus dieser Republik allmählich ein Weltreich entstand. Um zunächst von ihrem Ursprung zu reden, schicke ich voraus, dass alle Städte entweder von Eingeborenen der Gegend oder von Fremden erbaut werden.

Das erste tritt ein, wenn die Bewohner sich infolge ihrer zerstreuten Siedlungsweise nicht sicher fühlen…..Athen…Venedig….

Im zweiten Fall wird eine Stadt von Fremden erbaut, und zwar entweder von freien Männern oder von abhängigen. Dahin gehören die Kolonien, die von einer Republik oder von einem Fürsten angelegt werden, um sich der überschüssigen Menschen zu entledigen, oder um ein neu erobertes Gebiet ohne Kosten zu sichern…..

Oder sie werden von einem Fürsten gegründet, nicht zum Wohnsitz, sondern zu seinem Ruhme, wie die Stadt Alexandria von Alexander dem Grossen. Da aber diese Städte nicht freien Ursprungs sind, so machen sie selten so grosse Fortschritte, dass sie zu Hauptstädten eines Reiches emporsteigen….

Die Menschen arbeiten entweder aus Not oder aus eigenem Antrieb, und zwar zeigt sich da die grössere Arbeitsamkeit, wo die Arbeit am wenigsten von unsrem Belieben abhängt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, zur Städtegründung unfruchtbare Gegenden zu wählen, wo die Menschen mehr zur Arbeit gezwungen sind und sich weniger dem Müssiggang ergeben können, somit desto einträchtiger leben, da sie bei der Armut der Gegend weniger Anlass zu Zwistigkeiten haben….Nun wäre eine solche Wahl ohne Zweifel die klügste und nützlichste, wenn die Menschen sich mit dem Ihrigen begnügten und nicht andern gebieten wollten. Da sie sich aber nur durch Macht sichern können, so muss man durchaus die unfruchtbaren Gegenden meiden und sich an den fruchtbarsten Orten niederlassen, wo man sich dank der Ergiebigkeit des Bodens ausbreiten und nicht nur jeden Angreifer abwehren, sondern auch jeden niederwerfen kann, der der eignen Ausbreitung entgegentritt. Was aber den Müssiggang betrifft, zu dem eine günstige Lage verleiten kann, so müssen die Einwohner durch Gesetze zu den Pflichten gezwungen werden, zu denen sie die Lage nicht zwingt.

Hier muss man die weisen Gesetzgeber nachahmen…um der Gefahr des Müssigganges infolge des milden Himmelsstrichs vorzubeugen, nötigten sie die zum Kriegsdienst bestimmten Männer zu soldatischen Übungen…

Glücklich der Staat, der einen Weisen hervorbringt, der ihm bleibende Gesetze gibt, unter denen er lange Zeit sicher leben kann!

Über achthundert Jahre hat Sparta die Gesetze des Lykurgs befolgt, ohne sie anzutasten und dass eine gefährliche Umwälzung stattfand. Weit schlechter daran ist ein Staat, dem kein weiser Gesetzgeber beschieden ward, und der sich selbst eine neue Ordnung geben muss. Am unglücklichsten aber ist der Staat, wo am wenigsten Ordnung herrscht, und das ist der Fall, wenn seine Einrichtungen ganz vom geraden Weg abweichen, der ihn zum wahren Ziel der Vollkommenheit führen kann. Denn befindet er sich auf dieser Bahn, so ist es fast unmöglich, dass er durch irgendein Ereignis wieder ins Geleise kommt….

die Mehrzahl der Menschen stimmt einem neuen Gesetz, das eine Neuordnung des Staatswesens bezweckt, nur dann zu, wenn sie dessen Notwendigkeit einsehen, und da diese Notwendigkeit nur bei Gefahr eintreten kann, so geht der Staat leicht zugrunde….

Einige politische Schriftsteller nehmen drei Regierungsformen an, nämlich die Monarchie, Aristokratie und Demokratie, für deren eine sich der Begründer eines Staates je nach der Zweckmässigkeit entscheiden müsse. Andre dagegen, und nach der Ansicht vieler die Klügeren, sind der Ansicht, dass es sechs Regierungsformen gibt, von denen drei abscheulich, die drei andern an sich zwar gut seien, aber so leicht ausarteten, dass sie verderblich würden. Die guten sind die drei oben genannten, die schlechten sind drei andere, die aus ihnen entstehen. Jede von ihnen ist der, aus der sie entsprungen ist, so ähnlich, dass der Übergang von der einen zur andern sehr leicht ist.

Denn die Monarchie artet leicht zur Tyrannis, die Aristokratie zur Oligarchie und die Demokratie zur Zügellosigkeit aus.

Führt also der Begründer eines Staates eine der drei ersten Formen ein, so ist es nur für kurze Zeit. Es lässt sich durch nichts verhindern, dass sie in ihr Gegenteil umschlägt, denn Tugend und Laster wohnen hier dicht beieinander………….

Im Anfang der Welt, als die Menschen noch spärlich waren, lebten sie zerstreut wie die Tiere. Später, als ihr Geschlecht sich vermehrte, schlossen sie sich zusammen und begannen, um sich besser verteidigen zu können, den Stärksten und Tapfersten unter ihnen zu achten, machten ihn zu ihrem Oberhaupt und gehorchten ihm….Um..Übeln vorzubeugen, entschloss man sich, Gesetze zu schaffen und ihre Übertretung zu strafen. Hieraus entstand der Begriff der Gerechtigkeit. Infolgedessen sah man fortan bei der Wahl eines Oberhauptes nicht mehr auf den Tapfersten, sondern auf den Klügsten und Gerechtesten. Als man aber später den Fürsten durch Erbfolge und nicht durch Wahl bestimmte, begannen die Erben sofort auszuarten, vergassen die Taten ihrer Vorfahren und wähnten, die Fürsten hätten nichts weiter zu tun, als die andern in Pracht, Zügellosigkeit und jeder Art von Üppigkeit zu übertreffen. So wurde der Fürst verhasst und begann sich wegen dieses Hasses zu fürchten. Von der Furcht ging er bald zu Gewalttaten über, und so entstand bald Tyrannis.

Das war der Anfang der Umstürze, der Meutereien und Verschwörungen gegen die Fürsten. Deren Anstifter aber waren nicht die Furchtsamen und Schwachen, sondern die Edelmütigsten, Hochherzigsten, Reichsten und Vornehmsten, die das schimpfliche Leben des Fürsten nicht ertragen wollten. Die Menge folgte dem Ansehen dieser Mächtigen, erhob die Waffen gegen den Fürsten, vertrieb ihn und gehorchte ihren Befreiern. Da diesen der Fürstenname verhasst war, bildeten sie aus ihrer Mitte eine Regierung (Anmerkung: „Aristokratie“) und hielten sich, der früheren Tyrannis eingedenk, anfangs im Rahmen der von ihnen gegebenen Gesetze, ordneten ihren eigenen Vorteil dem Gemeinwohl unter und verwalteten und erhielten die öffentlichen und Privatangelegenheiten mit grösster Sorgfalt. Dann aber ging die Regierung auf ihre Söhne über, die den Wechsel des Glücks nicht kannten und nie das Unglück erfahren hatten. Sie wollten sich mit der bürgerlichen Gleichheit nicht begnügen, sondern ergaben sich der Habsucht, dem Ehrgeiz, den Gelüsten nach Frauen und machten die Herrschaft der Vornehmen zur Herrschaft der Wenigen, ohne Rücksicht auf die bürgerlichen Rechte. So erging es ihnen in kurzem wie dem Tyrannen.

Die Menge ward ihrer Herrschaft überdrüssig und schloss sich jedem an, der Miene machte, die Herrschenden zu stürzen; und so erhob sich bald einer, der sie mit Hilfe der Menge vertrieb. Nun war die Erinnerung an den Fürsten und an seine Bedrückung noch frisch; man hatte die Herrschaft der Wenigen gestürzt und wollte die des Fürsten nicht wieder aufrichten: so ging man zur Volksherrschaft über (Anmerkung: „Demokratie“), in der weder einige Machthaber noch ein Fürst irgendwelche Gewalt erhielten. Da nun jede Regierungsform zu Anfang einige Ehrfurcht einflösst, erhielt sich die Volksherrschaft eine Weile, aber meist nicht lange, besonders wenn das Geschlecht, das sie eingeführt hatte, ausgestorben war. Bald kam es zur Zügellosigkeit, die weder von Privat- noch vor Amtspersonen haltmachte, und da jeder auf seine Art lebte, fügte man sich täglich tausendfaches Unrecht zu. So kehrte man denn notgedrungen, sei es unter dem Einfluss eines redlichen Mannes, oder um der Zügellosigkeit zu entgehen, von neuem zur Fürstenherrschaft zurück, und aus dieser von Stufe zu Stufe, in der nämlichen Art und aus  denselben Gründen, wieder zur Zügellosigkeit.

In diesem Kreislauf hat sich die Regierung aller Staaten bewegt und bewegt sich noch, und doch kehren sie selten zu den gleichen Regierungsformen zurück; denn kaum ein Staat besitzt so viel Lebenskraft, dass er solche Umwälzungen mehrmals durchmachen kann, ohne zugrunde zu gehen. Wohl aber geschieht es, dass ein Staat in seinen Wirren, wenn es ihm dauernd an Kraft und gutem Rat fehlt, in die Gewalt eines Nachbarstaates kommt, in dem bessere Ordnung herrscht..

Nach meiner Meinung sind alle diese Staatsformen verderblich, die drei guten wegen ihrer Kurzlebigkeit und die drei andern wegen ihrer Schlechtigkeit. In Erkenntnis dieser Mängel haben weise Gesetzgeber jede von ihnen an sich gemieden und eine aus allen dreien zusammengesetzte gewählt. Diese hielten sie für fester und dauerhafter, da sich Fürsten-, Adels- und Volksherrschaft, in ein und demselben Staat vereinigt, gegenseitig überwachen.

Unter den Verfassungen, die in dieser Hinsicht das meiste Lob verdienen, steht die des Lykurg; denn er gab in Sparta dem König, dem Adel und dem Volk sein Recht und schuf damit einen Staat, der zu seinem höchsten Ruhm über achthundert Jahre in völliger Ruhe bestanden hat….

Doch kommen wir zu Rom.

..die Uneinigkeit zwischen dem Volk und Senat (führte) so viele günstige Umstände herbei, das der Zufall das tat, was der Gesetzgeber versäumt hatte. Wenn also Rom nicht das erste Glückslos zog, so doch das zweite, und wenn seine ersten Einrichtungen mangelhaft waren, so führten sie doch nicht von dem geraden Weg zur Vollkommenheit ab. Denn Romulus und all überigen Könige gaben viele gute, auch der Freiheit gemässe Gesetze; da aber ihr Zweck die Gründung eines Königreiches und nicht eines Freistaates war, so fehlten in Rom, als es frei wurde, viele für die Freiheit nötige Einrichtungen…. Als nun die Könige aus den oben genannten Gründen die Herrschaft verloren, setzten ihre Vertreiber an Stelle der Könige sofort zwei Konsuln ein und verdrängten damit nur den Königsnamen, nicht die Königsgewalt aus Rom. Infolgendessen bestand der Staat nun aus Konsuln und Senat, also nur aus zweien der oben genannten drei Formen, der Fürsten- und Adelsherrschaft, und es blieb noch der Volksherrschaft Raum zu geben. Als daher der römische Adel aus den unten anzuführenden Gründen übermütig wurde, erhob sich das Volk gegen ihn, und um nicht alles zu verlieren, musst er dem Volk seinen Anteil an der Regierung abtretren…So entstand die Einrichtung der Volkstribunen, durch die der Staat vollends befestigt wurde, denn nun waren alle drei Regierungsformen vertreten….Die Mischung aller drei Regierungsformen führte zu einem vollkommenen Staat, und diese Vollkommenheit entsprang aus der Uneinigkeit zwischen Volk und Senat…

Wie alle politischen Schriftsteller beweisen und zahlreiche geschichtliche Beispiele bezeugen, muss der Ordner eines Staatswesens davon ausgehen, dass alle Menschen böse sind und stets ihrer bösen Gemütsart folgen, sobald sie eine Gelegenheit dazu haben. Bleibt diese Bosheit eine Weile verborgen, so rührt das von einer verborgenen Ursache her, die erst erkannt wird, wenn die Bosheit zum Ausdruck kommt. Dann enthüllt sie die Zeit, die man die Mutter der Wahrheit nennt.

So schien in Rom vor der Vertreibung der Taquinier die grösste Eintracht zwischen Volk und Senat zu herrschen. Die Adligen schienen ihren Hochmut abgelegt zu haben und volksfreundlicher und verträglicher auch gegen den Geringsten geworden zu sein. Es war aber bloss Verstellung, deren Grund man bei Lebzeiten der Tarquinier nicht merkte. Denn nur aus Furcht vor diesen und aus Besorgnis, das Volk möchte sich ihnen bei schlechter Behandlung anschliessen, benahm der Adel sich leutselig gegen das Volk. Als aber die Tarquinier tot waren und der Adel nichts mehr zu fürchten hatte, begann er das Gift, das er in seiner Brust verborgen hatte, gegen das Volk auszuspeien und es auf alle mögliche Weise zu kränken. Das ist ein Beweis für obige Behauptung, dass die Menschen nur aus Not etwas Gutes tun. Sobald ihnen aber freie Wahl bleibt und sie tun können, was sie wollen, gerät alles drunter und drüber. Darum sagt man, Hunger und Armut machen die Menschen arbeitsam und Gesetze machen sie gut. Wo etwas von selbst gut geht, sind Gesetze unnötig, hört aber die gute Gewohnheit auf, so werden sie gleich notwendig. Nach dem Tod der Tarquinier, die den Adel durch Furcht im Zaum hielten, musst man also an eine neue Einrichtung denken, die das gleiche wie bei Lebzeiten der Tarquinier bewirkte.

So kam es nach vielen Unruhen, Aufständen und gefährlichen Kämpfen zwischen Volk und Adel zur Einsetzung der Volkstribunen, die für die Sicherheit des Volkes zu sorgen hatten, und diese schalteten mit so grossen Vorrechten und solchem Ansehen, dass sie fortan stets die Mittler zwischen Volk und Senat sein und dem Übermut des Adels entgegentreten konnten….

Gute Beispiele entstehen aus guter Erziehung, diese aus guten Gesetzen und die guten Gesetze aus jenen Kämpfen, die viele unüberlegt verdammen. Wer ihr Ergebnis genau prüft, wird finden, dass sie…Gesetze und Einrichtungen zum Besten der öffentlichen Freiheit hervorriefen…

Von weisen Gesetzgebern wurde der Schutz der Freiheit stets zu den notwendigsten Einrichtungen einer Republik gezählt….

Werden..Leute aus dem Volke zu Hütern der Freiheit bestellt, so werden sie vernünftigerweise mehr dafür sorgen, und da sie selbst sie nicht vergewaltigen können, auch andre daran hindern.

Andrerseits sagen die Verteidiger der Verfassungen Spartas und Venedigs, man tue in doppelter Hinsicht gut, den Schutz der Freiheit den Grossen anzuvertrauen. Einmal befriedige man dadurch deren Ehrgeiz..und zweitens nähme man dadurch den unruhigen Köpfen im Volke eine Gewalt, die in einer Republik zu zahllosen Zwistigkeiten und Unruhen führen..könne…..Als Beleg führen sie gerade Rom an, wo die Volkstribune jene Gewalt in Händen hatten und sich trotzdem nicht mit einem plebejischen Konsul begnügten, sondern alle beide haben wollten, ja die Zensur, die Prätur und alle anderen Staatsämter….

Beispiele bieten..für das Altertum Sparta, für die Gegenwart Venedig.

In Sparta herrschte ein König mit einem kleinen Senat; in Venedig hat die Regierung keine verschiedenen Bezeichnungen, sondern alle, die an ihr teilnehmen können, heissen Edelleute. Der Zufall schuf diese Staatsform mehr als die Weisheit der Gesetzgeber, denn es hatten sich…zahlreiche Einwohner auf die Inseln zurückgezogen, auf denen heute Venedig steht, und als die Volkszahl so zunahm, dass sie Gesetze brauchten, um in Gesellschaft zu leben, richteten sie eine Regierung ein und versammelten sich oft, um über die Angelegenheiten der Stadt zu beraten. Als sie ihre Zahl für ein Gemeinwesen hinreichend hielten, schlossen sie alle Neuhinzugekommenen von der Regierung aus. Mit der Zeit, als durch die Zunahme der ausgeschlossenen Einwohner das Ansehen der an der Regierung teilnehmenden stieg, nattne man diese Edelleute und die anderen Volk…..

Sparta..konnte sich so lange erhalten, weil die Einwohnerzahl klein war, Fremde nicht aufgenommen und Lykurgs Gesetze in Ehren gehalten wurden.

In allen menschlichen Dingen zeigt sich bei genauer Prüfung das gleiche: nie kann man einen Übelstand beseitigen, ohne dass ein anderer daraus entsteht…Daher muss man stets das erwählen, was den kleineren Nachteil bringt, und diesen Beschluss für den besten halten, denn es gibt nichts, was nicht seine Schattenseite hat…..

Wer also eine Republik neu ausrichten will, muss zuvor prüfen, ob sie wie Rom an Ausdehnung und Macht zunehmen, oder ob sie in engen Grenzen bleiben soll. Im ersten Fall muss er sich Rom zum Muster nehmen und sich Aufstände und allgemeine Zwistigkeiten gefallen lassen; denn ohne grosse Menschenzahl und Kriegstüchtigkeit kann ein Staat nie wachsen noch, wenn er wächst, sich behaupten.

Im zweiten Fall kann er sich nach Sparta und Venedig richten; da aber für solche Republiken die Vergrösserung Gift ist, muss der Gesetzgeber auf alle Weise das Erobern verbieten, weil Eroberungen eine an sich schwache Republik völlig zugrunde richten, wie man an Sparta und Venedig sieht….

Aus zwei Gründen bekriegt man einen Staat, einmal, um sein Herr zu werden, und zweitens aus Furcht, von ihm unterjocht zu werden….

Ich halte es für nötig, die Einrichtungen Roms nachzuahmen und nicht die der anderen Republiken, denn ein Mittelding zwischen beiden lässt sich nicht finden. So muss man denn die Zwistigkeiten, die zwischen Senat und Volk entstehen können, als ein notwendiges Übel hinnehmen, ohne das Rom nicht zu seiner Grösse gelangt wäre……….

Wie nötig in einer Republik die Ankläger zur Erhaltung der Freiheit sind.

Den Hütern der Freiheit einer Stadt kann man kein nützlicheres und nötigeres Recht geben, als die Bürger, die etwas gegen die Freiheit des Staates unternehmen, beim Volk, bei einer Behörde oder einem Rat zu verklagen. Diese Einrichtung hat für eine Republik zwei sehr günstige Wirkungen. Erstens wagen die Bürger aus Furcht vor Anklagen nichts gegen den Staat zu unternehmen, und wagen sie es doch, so werden sie unverzüglich und rücksichtslos bestraft. Zweitens wird den Missstimmungen Luft geschaffen….Finden diese Missstimmungen keinen gesetzmässigen Ausweg, so machen sie sich gewaltsam Luft, und das kann zum völligen Untergang des Staates führen. Nichts macht eine Republik fester und dauerhafter als eine gesetzliche Einrichtung, durch die sich solche gehässigen Leidenschaften entladen können……

Es genügt in einer Republik nicht, einen Mächtigen vor acht Richtern anzuklagen. Es müssen viele Richter sein, denn Wenige werden es stets mit den Wenigen halten…..

Vollständig gesorgt ist dafür nur, wenn man Anklagen vor vielen Richtern anordnet und diesen gehöriges Ansehen verleiht. Diese Einrichtung war in Rom so gut getroffen, dass bei den zahlreichen Zwistigkeiten zwischen Volk und Senat weder der Senat noch das Volk, noch irgendein einzelner jemals darauf verfiel, fremde Hilfe herbeizurufen. Man hatte das Mittel zu Hause und brauchte es nicht auswärts zu suchen….

Es ist eine allgemeine Regel, dass eine Republik oder ein Königreich niemals oder nur selten von Anfang an gut eingerichtet oder vollkommen neu gestaltet wird, wenn es nicht durch einen einzigen geschieht, der den Plan angibt und aus dessen Geist alle Anordnungen hervorgehen. Deshalb muss ein weiser Gesetzgeber einer Republik, der nicht sich, sondern dem Allgemeinwohl, nicht seinen eigenen Nachkommen, sondern dem gemeinsamen Vaterland nützen will, nach der unumschränkten Gewalt streben. Kein vernünftiger Mensch wird ihn wegen einer ausserordentlichen Handlung tadeln, die er zur Gründung eines Reiches oder zur Einrichtung einer Republik ausführt. Spricht die Tat gegen ihn, so muss der Erfolg ihn entschuldigen, und ist dieser gut, wie bei Romulus, so wird er ihn immer entschuldigen.

Tadel verdient nicht, wer Gewalt braucht, um aufzubauen, sondern um zu zerstören.

Freilich muss er so klug und tugendhaft sein, dass er die Gewalt, die er an sich gerissen hat, nicht an einen andern vererbt. Denn da die Menschen mehr zum Bösen als zum Guten neigen, könnte sein Nachfolger die Macht, die er zum Guten gebraucht hat, zu seinem Ehrgeiz missbrauchen…..

Schändlich und verabscheuungswürdig sind..die Zerstörer der Religionen, die Zertrümmerer der Reiche und Republiken, die Feinde der Tüchtigkeit, der Wissenschaften und jeder Kunst, die dem Menschengeschlecht Nutzen und Ehre bringt, als da sind die Gottlosen und Gewalttätigen, die Unwissenden und Müssiggänger, die Niederträchtigen und die Taugenichtse…………

Das Heil einer Republik oder eines Reiches beruht..nicht auf einem Fürsten, der zeitlebens weise regiert, sondern darauf, dass er dem Staat Einrichtungen gibt, durch er sich auch nach seinem Tode erhalten kann…..

Da..die Kirche nicht imstande war, Italien zu erobern, aber auch nicht erlaubte, dass es von einem andern erobert wurde, hat sie es verschuldet, dass es nicht unter ein Oberhaupt kam, sondern unter vielen Fürsten und Herrschern blieb. Dadurch entstand solche Uneinigkeit und Schwäche, dass Italien nicht nur zur Beute mächtiger Barbaren, sondern eines jeden wurde, der es angriff. Das danken wir Italiener der Kirche und niemand anderem…..

Zahllose Beispiele aus der alten Geschichte zeigen, wie schwer es für ein an Fürstenherrschaft gewöhntes Volk ist, seine Freiheit zu behaupten, wenn es sie durch irgendein Ereignis erlangt hat…..ein solches Volk ist nichts als ein unvernünftiges Tier, das von Natur wild und unbändig, aber stets eingesperrt und in Knechtschaft gehalten ist und dann zufällig ins freie Feld gelassen wird, wo es die Beute des ersten wird, der es wieder an die Kette legen will. Denn es ist nicht gewöhnt, sich seine Nahrung zu suchen, und kennt die Schlupfwinkel nicht, in die es sich verbergen könnte……Zu der oben genannten Schwierigkeit tritt noch eine andre, nämlich, dass ein Staat, der frei wird, sich wohl Feinde, aber keine Freunde im Innern erwirbt. Zu Feinden werden alle, die von der tyrannischen Regierung Vorteile hatten und von den Reichtümern der Fürsten zehrten……Freunde erwirbt sich ein solcher Staat nicht, denn ein Freistaat setzt Ehren und Belohnungen nur für rühmliche und bestimmte Handlungen aus…..Auch glauben die, denen die Ehren und Vorteile zufallen, sie verdient zu haben, fühlen sich daher denen, die sie ihnen erteilen, nicht zu Dank verpflichtet….nie wird jemand einen Dank dafür wissen, dass er ihm kein Unrecht tut. Darum wird ein neu entstehender Freistaat wohl Feinde, aber keine Freunde haben….

Wer daher die Regierung eines Volkes übernimmt, sei es in freiheitlichen oder in monarchischen Formen, und sich nicht vor den Gegnern dieser neuen Ordnung sichert, dessen Staat wird nicht lange bestehen…..

Die…, die nur sicher leben wollen, sind leicht zufriedengestellt, wenn er Einrichtungen und Gesetze schafft, die mit seiner eignen Macht die öffentliche Sicherheit erhalten. Tut ein Fürst das, und sieht das Volk, dass er bei keiner Gelegenheit die Gesetze bricht, so wird es bald anfangen, sicher und zufrieden zu leben….

Bedenkt man, wie verderbt die Könige geworden waren, so brauchten nur noch zwei bis drei solcher Regenten zu folgen, und ihre Verderbtheit hätte sich durch die Glieder des Staatskörpers verbreitet; in diesem Fall aber war eine Neuordnung des Staates unmöglich. Da jedoch das Haupt fiel, als der Körper noch unversehrt war, so konnte man leicht zu einer freien, geordneten Verfassung zurückkehren.

Es muss als unumstössliche Wahrheit gelten, dass ein verderbter Staat, der unter einem Fürsten lebt, nie frei werden kann, auch wenn der Fürst mit seinem ganzen Stamm vertilgt wird; vielmehr wird ein Fürst nur den andern verdrängen……

Nachdem die Römer Afrika und Asien bezwungen und fast ganz Griechenland unterworfen hatten, machten sie sich keine Sorgen mehr um ihre Freiheit und glaubten, keine gefährlichen Freinde mehr zu haben. Infolge dieser Sorglosigkeit und dieser Schwäche der Feinde sah das römische Volk bei der Wahl der Konsuln nicht mehr auf Tüchtigkeit, sondern es entschied nach Gunst und wählte Leute, die den Bürgern zu Gefallen redeten, nicht aber solche, die am besten zu siegen verstanden. Später wandte es sich von denen, die am meisten in Gunst standen, zu denen, die die meiste Macht hatten. Durch die Mängel dieser Einrichtung blieben die Tüchtigen ganz ausgeschlossen…

Was ..die Gesetzgebung betraf, so konnte ein Tribun oder irgendein Bürger dem Volke ein Gesetz vorschlagen, für oder gegen das jeder Bürger sich äussern konnte, ehe darüber beschlossen wurde. Diese Einrichtung war gut, solange die Bürger gut waren; dennn es war immer gut, dass einer, der etwas zum Besten des Volkes weiss, es vorschlagen und dass jeder seine Meinung darüber sagen kann, damit das Volk jeden anhören und dann das Beste wählen kann. Als jedoch die Bürger schlecht geworden waren, wurde diese Einrichtung sehr schlecht; denn nur die Mächtigen schlugen Gesetze vor, nicht zugunsten der allgemeinen Freiheit, sondern zur Vergrösserung ihrer Macht, und aus Furcht vor ihnen konnte niemand widersprechen. So wurde das Volk betrogen oder gezwungen, sein eigenes Verderben zu beschliessen.

Wollte sich Rom also in seiner Verderbtheit frei erhalten, so musste es in dem Masse, wie es neue Gesetze schuf, auch neue Einrichtungen schaffen, denn einem kranken Körper muss man andre Regeln und eine andre Lebensweise vorschreiben als einem gesunden, und dieselbe Form passt nicht für einen völlig veränderten Stoff…………

Aus alledem ergibt sich die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit, in verderbten Städten eine Republik zu erhalten oder zu begründen….

Nach einem ausgezeichneten Fürsten kann sich ein schwacher halten; nach einem schwachen aber kann sich mit einem zweiten schwachen kein Reich behaupten…

Nach der Vertreibung der Könige war Rom frei von der..Gefahr, dass ein schwacher oder schlechter Herrscher zur Regierung kam. Denn die höchste Gewalt lag nun in der Hand der Konsuln, die nicht durch Erbfolge, List oder Gewalt, sondern durch freie Wahl zur Macht gelangten und stets ausgezeichnete Männer waren. Durch ihre Tapferkeit und ihr Glück schrittweise gefördert, erklomm Rom den Gipfel seiner Macht…..Denn wie man an Philipp von Mazedonien und Alexander dem Grossen sieht, genügt schon die Aufeinanderfolge zweier tapfrer Fürsten, um die Welt zu erobern…

Sehr tadelnswert sind die Fürsten und Republiken, die keine eigene Kriegsmacht haben…

Erstens soll man nie mit einem Teil seiner Streitkräfte sein ganzes Schicksal aufs Spiel setzen.

Zweitens werden in einem wohlgeordneten Staat niemals Verbrechen durch Verdienste aufgewogen.

Drittens ist es nie klug, Verträge zu schliessen, deren Nichterfüllung man fürchten kann oder muss…………

Es galt nie für weise, sein ganzes Glück in Gefahr zu bringen, ohne dabei alle Streitkräfte einzusetzen….