Die Schlafwandler, wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Die Schlafwandler, wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog 2016-03-17T15:18:19+00:00

Die Schlafwandler, wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Christopher Clark

…Französich-russisches Militärbündnis von 1994 mit dem Ziel Frankreichs, Deutschland in die Schranken zu weisen und aus Sicht der Russen, um Österreich-Ungarn auf dem Balkan aufzuhalten. Wichtig aus ihrer Sicht war auch, ein Bündnis von England mit dem Dreierbund zu verhindern (Dreierbund: Deutschland, Italien, Österreich-Ungarn).

Zar Alexander III:  „…falls ein Krieg zwischen Russland und Österreich ausbrechen sollte, sei das Ziel des französisch-russischen Bündnisses, Deutschland in seiner jetzigen Form zu ‚vernichten‘. Es solle wiederum ‚in ein eine Anzahl kleinerer, schwacher Staaten zerfallen‘.“…..

Im Jahr 1900 wurde in die Vereinbarung aufgenommen: falls ein britisch-russischer Krieg ausbrechen sollte, würde Frankreich 100.000 Mann an die Kanalküste verlegen, falls ein britisch-französischer Krieg ausbrechen sollte, würde Russland Truppen an die inische Grenze verlegen. Russland sagte zu, das entsprechende Liniennetz mit französischen Geldern auszubauen….

Russland war aber durchaus auch zu guten Beziehungen zu Deutschland interessiert und z.B. nicht bereit, für die Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich zu kämpfen.

Russlands Hauptziel zu dieser Zeit war weniger Mittel- oder Südost-Europa sondern Nordchina.

Bismarck hatte die Annexion Elsass-Lothringens nach dem Krieg 1870/71 für einen grossen Fehler gehalten.

Mit der Zeit entwickelte sich das französich-russische Bündnis dann zu einem Dreierbündnis mit England.

Hinter den Befürchtungen von manchen Personen im englischen Aussenministerium (Edward Grey, Eyre Crowe) verbarg sich unter anderem das geradezu sensationelle Wirtschaftswachstum Deutschlands. Die deutsche Wirtschaftsmacht gab den politischen Ängsten der Entscheidungsträger auf ähnliche Weise Nahrung wie die chinesische Wirtschaftsmacht heute. Deutschland wurde zur Hauptgefahr hochstilisiert und drängte die „grossen Spiele“ in Afrika, China, Persien, Tibet und Afghanistan in den Hintergrund.

Im Jahr 1907 war jedoch alles andere als offensichtlich, dass die neuen Bündnisse Europa in einen Krieg führen würden…Bis zum Jahr 2014 war das englisch-russische Bündnis bereits wieder schwer belastet…Das System musste noch von ausserhalb gezündet werden, mit Hilfe des Auslösers, den die Russen und Franzosen an der österreichisch-serbischen Grenze gelegt hatten….wenn der Auslöser nicht gezündet worden wäre, hätte es durchaus sein können, dass die Kriegsbündnisse nicht sehr viel länger bestanden hätten…das Geflecht der Bündnisse war nicht besonders verlässlich und beständig.

Frankreich finanzierte die massive Aufrüstung in Serbien und Russland.

  1. Juni 1914: Das Attentat auf den österreichischen Tronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau war erfolgreich trotz vorheriger Warnungen und aufgrund unvorstellbarer Sicherheitsmängel.

Der russische Aussenminister Sasonow am 24. Juli 1914: „Wir müssen das Wiener Kabinett sich ganz ins Unrecht setzen lassen“

Im Jahr 1914 verhinderte eine tiefe Kluft der ethischen und politischen Perspektiven einen Konsens und beschädigte das Vertrauen. Darüber hinaus war die Vielschichtigkeit der Krise von 1914 nicht auf die Delegierung von Befugnissen und Zuständigkeiten auf ein einziges politisch-finanzielles Gerüst zurückzuführen, sondern auf die rasch aufeinanderfolgenden Interaktionen schwer bewaffneter, autonomer Machtzentren, die sich unterschiedlichen und rasch wechselnden Bedrohungen stellen mussten und unter hohem Risiko und geringem Vertrauen und Transparenz operierten. Personelle Neuausrichtungen machten das System erheblich undurchsichtiger und unberechenbarer und eine alles durchdringende Stimmung des gegenseitigen Misstrauens wurde gefördert, selbst unter den jeweiligen Bündnisblöcken.

  1. Juli 1914 Ultimatum Österreichs an Serbien
  2. Juli 1914 Russische Kriegsvorbereitungen beginnen
  3. Juli 1914 Österreichische Kriegserklärung an Serbien
  4. Juli 1914 Russische Generalmobilmachung  wird befohlen, kurz danach in Teilmobilmachungsbefehl umgewandelt
  5. Juli 1914 Russische Generalmobilmachung wird befohlen
  6. Juli 1914 Befehl zur österreichischen Generalmobilmachung

1 August 1914 Kriegserklärung Deutschlands an Russland, Mobilmachung

2. August 1914 Deutschland übergibt Ultimatum an Belgien, das abgelehnt wird, die anschliessende Verletzung der belgischen Neutralität führt dazu, dass England in den Krieg eintritt