Die Herren des Geldes

Die Herren des Geldes 2017-04-12T21:17:05+00:00

Die Herren des Geldes

Liaquat Ahamed (FinanzBuch Verlag)

„Die Geschichte des Abstiegs vom rauschenden Boom der Zwanzigerjahre in die Weltwirtschaftskrise kann man auf verschiedene Weise erzählen. Liquat Ahamed schildert sie, indem er den Männern über die Schulter schaut, die für die vier wichtigsten Zentralbanken der Welt verantwortlich waren: die Bank of England, die Federal Reserve, die Reichsbank und die Banque de France……Montagu Norman…Emile Moreau…. Hjalmar Schacht…Benjamin Strong….

Wie vier Bankiers die Weltwirtschaftskrise auslösten und die Welt in den Bankrott trieben….

Was für eine aussergewöhnliche Episode im ökonomischen Fortschritt war dieses Zeitalter, das im August 1914 zu Ende ging (John Maynard Keynes, Krieg und Frieden)…

1914 lag London im Zentrum eines ausgefeilten internationalen Kreditnetzwerks, das auf dem Goldstandard basierte. Das System hatte zu einer bemerkenswerten Ausweitung des Handels und des Wohlstands auf der ganzen Welt geführt…Der internationale Handel boomte, weil europäisches Kapital frei rund um den Globus strömte. Es finanzierte Häfen in Indien, Kautschukplantagen in Malaya, Baumwolle in Ägypten, Fabriken in Russland, Weizenfelder in Kanada, Gold- und Diamantenminen in Südafrika, Rinderfarmen in Argentinien, die Eisenbahnverbindung von Berlin nach Bagdad, den Suez- und den Panamakanal….

Mehr als alles andere, mehr sogar als der Glaube an den freien Handel, war der Goldstandard der Totempfahl dieser Ära. Gold war das Lebensblut des Finanzsystems. Er war der Anker der meisten Währungen, es lieferte die Grundlage für Banken, und in Zeiten von Krieg und Panik diente es als sicherer Hafen…..

1909 veröffentlichte der britische Journalist Norman Angell…eine Broschüre mit dem Titel ‚Europas optische Illusion“. Die These..lautete, die ökonomischen Vorteile eines Krieges seien so illusorisch..und die kommerziellen Verbindungen zwischen den Ländern seien nun so ausgeprägt, dass kein vernünftiges Land daran denken würde, einen Krieg zu beginnen…..

Aber weil sie zu sehr auf die Rationalität der Nationen vertrauten und sich durch die ausserordentlichen wirtschaftlichen Errungenschaften dieses Zeitalters beindrucken liessen…schätzten sie die Wahrscheinlichkeit völlig falsch ein, dass ein Krieg unter Beteiligung aller grossen europäischen Mächte ausbrechen würde….

Die Bankiers und Ökonomen waren derart selbstgefällig, dass sie sich sogar die Überzeugung erlaubten, die Disziplin des ‚vernünftigen Geldes‘ werde alle Beteiligten zur Vernunft bringen und ein Ende des Krieges erzwingen…

Während die Finanziers in Europa zusahen, wie ihr Kontinent in den Untergang rutschte, wie das Kreditsystem unter seiner eigenen Last zusammenbrach, wie die Börsen rund um die Welt den Handel einstellten und der Goldstandard zum Stillstand kam, klammerten sie sich an die Hoffnung, der Welthandel werde nur für kurze Zeit unterbrochen, und danach werde die Welt wieder zum vorherigen Zustand zurückkehren. Nur wenige ahnten, dass sie gerade die letzten Zuckungen einer ganzen Wirtschaftsordnung erlebten. Die Experten schienen vergessen zu haben, dass zu den ersten Opfern des Krieges nicht nur die Wahrheit gehört, sondern auch die vernünftige Finanzpolitik…..

Die meisten von Keynes‘ Bloomsbury-Freunden waren überzeugte Kriegsgegner. Im Verlauf des Krieges wurde auch er selbst immer enttäuschter über die schreckliche Verschwendung, die vielen Toten, die Weigerung der Politiker, über eine Einigung nachzudenken und die stetige Verschlechterung der finanziellen Situation Grossbritanniens….‘Zufrieden stelle ich fest, dass eine spezielle Ära einer speziellen Art von Zivilisation sehr bald vorbei sein wird, weil unsere Führer ebenso inkompetent wie verrückt und böse sind.‘…

Nach dem Krieg wurde Keynes zum Delegationschef des Finanzministeriums bei der Friedenskonferenz in Paris ernannt…Als..die Vereinbarungen des Vertrags veröffentlicht wurden, hatte Keynes, erschöpft und angewidert, keine andere Wahl, als zurückzutreten. Er schrieb Lloyd George: ‚Die Schlacht ist verloren. Ich überlasse es den Zwillingen (Summer und Cunliffe), sich mit der Zerstörung Europas zu brüsten‘….

..das Buch ‚Krieg und Frieden‘…hatte auf der ganzen Welt enorme Auswirkungen auf die Einstellung gegenüber Reparationszahlungen….

Das Problem, die Reparationen aus Deutschland einzutreiben, wurde durch die Kriegsschulden, die gegenüber den USA bestanden, noch wesentlich komplizierter. Grossbritannien war als ‚Bankier der Welt‘ in den Krieg gezogen und kontrollierte über 20 Milliarden Dollar an ausländischen Investitionen. Kein anderes Finanzzentrum – weder Paris noch Berlin und ganz sicher nicht New York – konnte Londons Stellung als Mittelpunkt des weltweiten Finanzsystems auch nur annähernd gefährden. Durch London flossen zwei Drittel der Handelskredite, die den Güterstrom rund um den Globus ermöglichten und die Hälfte aller langfristigen Investitionen auf der Welt – über 500 Millionen Dollar pro Jahr….Frankreich ..hatte ebenfalls neun Milliarden Dollar im Ausland angelegt, wovon erstaunliche fünf Milliarden Dollar in Russland investiert waren.

Um die vier langen und zerstörerischen Jahre zu bezahlen…musste jedes europäische Land möglichst umfangreiche Kredite aufnehmen…..Das Ergebnis war eine seismische Verschiebung des Kapitalflusses rundum die Welt. Grossbritannien und Frankreich waren gezwungen, riesige Teile ihrer Auslandsinvestitionen zu liquidieren, um wichtige Rohstoffimporte finanzieren zu können. Beide mussten schliesslich hohe Kredite bei den USA aufnehmen. Am Ende des Krieges schuldeten die alliierten Mächte Europas..den Vereinigten Staaten etwa zwölf Milliarden Dollar….

Gegen Ende der Friedenskonferenz beschloss Maynard Keynes…einen umfassenden Plan für die finanzielle Rekonstruktion Europas zu entwerfen. Die Reparationen sollten auf fünf Milliarden Dollar festgelegt werden. Deutschland sollte sie in Form langfristiger Anleihen an die Alliierten bezahlen, die sie wiederum zur Begleichung ihrer Kriegsschulden an die US-Regierung weiterreichen sollten…Das war ein kluger Plan. Im Prinzip sollte die amerikanische Regierung Deutschland Geld leihen, das dann zur Bezahlung der Reparationen an die Alliierten fliessen sollte. Diese wiederum könnten damit ihre Schulden bezahlen. Das Geld würde in den USA mit ihren enormen Goldvorräten zu fliessen beginnen und dann in einem vollständigen Kreislauf dorthin zurückströmen…..

Wenn die Reparationen die Beziehungen zwischen den europäischen Ländern vergifteten, taten dies die Kriegsschulden im Verhältnis zwischen den USA und ihren wichtigsten Verbündeten, England und Frankreich….

Der Goldstandard hatte im späten 19. Jahrhundert nur funktioniert, weil die Entdeckung neuer Goldvorkommen zufällig mit dem Wirtschaftswachstum Schritt hielt. Es gab keine Garantie, dass sich dieser historische Zufall fortsetzen würde…Die Einstellungen gegenüber Papiergeld hatten sich weiterenwickelt, und es war in einer hoch entwickelten modernen Volkswirtschaft nicht nötig, dass die Bestände an Edelmetallen die Kreditschaffung regulierten….

Inflation viel mehr..als einfach nur steigende Preise..ein subtiler Mechanismus zum Transfer von Wohlstand zwischen sozialen Gruppen – weg von Sparern, Gläubigern und Lohnabhängigen und hin zu Regierung, zu Schuldnern und Geschäftsleuten…

Während des Krieges hatte der Goldzufluss in die USA die Preise um 60 Prozent nach oben getrieben…Die Fed begann daher, die Auswirkungen des zusätzlichen Goldes auf die Geldmenge abzufedern, indem sie die Kreditsumme einschränkte, die an Banken ausgegeben wurden. So wurde jede zusätzliche Liquidität durch die Goldzuflüsse wieder ausgeglichen. Nachdem er die einfachen Funktionsweisen des Goldstandards aufgegeben hatte, die die Kreditschaffung einzig und allein an die Goldreserven banden, begann Strong einige alternative Prinzipien der Geldpolitik zu improvisieren…Die Fed sollte versuchen, die Volkswirtschaft genau abzustimmen, indem sie die Kreditvergabe erleichterte, wenn sich die Lage abschwächte und die Kreditzügel anzog, wenn die Wirtschaft stärker wurde…Dieses..stellte eine stille..Revolution in der Geldpolitik dar…Unter Strongs Führung hatte die Fed eine völlig neue Verantwortung übernommen: die Förderung ökonomischer Stabilität im Inland…..1922 war es eine radikale Abkehr von 200 Jahren Zentralbankgeschichte…..

Das bedeutete praktisch, dass die Federal Reserve einen solchen Überfluss an Gold hatte, dass sie von der Zentralbank der USA zur Zentralbank der gesamten industrialisierten Welt geworden war…..

..der Aufsichtsrat (der Fed) ..eine Körperschaft von erstaunlicher Inkompetenz…alles zu sehr von Strong abhing – von seiner Urteilskraft, seinem Geschick, seinem Verständnis….Dass er seine Politik und das dahinterliegende Denken nicht institutionalisiert hatte, führte zu einer Lähmung der Fed durch interne Konflikte, wenn er nicht da war….die Federal Reserve, eine zutiefst uneinige Organisation.., die ihre Rolle noch nicht recht begriff. Ohne Strong wäre sie in den Händen eines bunten Haufens von Geschäftsleuten aus der Kleinstadt und zweitklassigen politischen Hilfsarbeitern ohne Erfahrung im Finanz- oder Zentralbankwesen….

Während Deutschland entschlossen versuchte, sich durch Verhandlungen von der Last der Reparationen zu befreien, entwickelte sich die deutsche Wirtschaftspolitik noch schlechter, als sie im Krieg ohnehin schon gewesen war. Es gab..ständig Unruhen, das Land stand dauernd am Rand einer Revolution..war nicht in der Lage, seine Finanzen zu kontrollieren…Die meisten seiner Finanzprobleme hatte sich Deutschland selbst zuzuschreiben. Dennoch machten die Reparationszahlungen eine ohnehin schon schwierige Finanzsituation endgültig unmöglich. Zur Finanzierung dieser Lücke wandten sich die verschiedenen Regierungen Deutschlands an die Reichsbank, die das Geld drucken sollte.

1914 stand der Dollar-Wechselkurs der Mark bei 4,20….Anfang 1920 ..stand der Dollar bei 65 Mark..das Preisniveau lag neunmal höher als 1914….1922 wurden etwa eine Billion Mark an zusätzlicher Währung in Umlauf gebracht. In den ersten sechs Monaten 1923 waren es 17 Billionen Mark….Die Aufgabe, Deutschland adäquat mit Banknoten zu versorgen, wurde zu einer bedeutenden logistischen Operation, an der…….‘133 Druckereien mit 1783 Maschinen..und mehr als 30 Papierfabriken‘ beteiligt waren…die Reichsbank die Nachfrage nicht befriedigen. 1923 hatte sich die Inflation verselbständigt…daher begannen Städte und Privatfirmen ihr eigenes Geld zu drucken. In den folgenden Monaten erlebte Deutschland die grösste Geldentwertung in der Geschichte der Menschheit. Im August 1923 war ein Dollar 620.000 Mark wert; Anfang November 1923 waren es 630 Milliarden Dollar. Dinge des täglichen Bedarfs kosteten nun Milliarden….Die Inflation veränderte die Klassenstruktur in Deutschland viel stärker als jede Revolution es vermocht hätte. Den reichen Industriellen ging es gut. Ihre grossen Besitztümer realer Vermögensgegenstände – Fabriken, Land, Gütervorräte – stiegen im Wert, während die Inflation ihre Schulden tilgte. Die Arbeiter, vor allem die gewerkschaftlich organisierten, schnitten ebenfalls erstaunlich gut ab….Diejenigen, die das Rückrat Deutschlands bildeten – Beamte, Ärzte, Lehrer und Professoren – waren am schlimmsten betroffen….Ihre Investitionen in Staatsanleihen und Bankguthaben, sorgfältig zusammengetragen in einem von Vorsicht und Disziplin geprägten Leben, waren plötzlich wertlos….Das ganz grosse Geld aber verdienten die Spekulanten… Sie bereicherten sich mehr als sie es sich jemals hätten träumen lassen….

Als die deutsche Gesellschaft zu Fall gebracht wurde, warf man auch die traditionellen Werte über Bord, die sie zu einer so geordneten und konservativen Gemeinschaft gemacht hatten. Der Schriftsteller Stefan Zweig versuchte den Geist der Zeit in seiner Autobiographie zu erfassen. ‚Welch eine wilde, anarchische, unwahrscheinliche Zeit, jene Jahre, da mit dem schwindenden Wert des Geldes alle anderen Werte in Österreich und Deutschland ins Rutschen kamen! Eine Epoche begeisterter Ekstase und wüster Schwindelei, eine einmalige Mischung von Ungeduld und Fanatismus. Alles was extravagant und unkontrollierbar war, erlebte goldene Zeiten.‘….

…rücksichtlose Inflationspolitik…Von Havenstein erkannte nicht, dass Experimente mit der Währung einem Spaziergang auf einer Messerklinge gleichen. Eine moderate Inflationsrate bleibt nicht lange moderat. An einem bestimmten Punkt verlieren die Menschen ihr Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung, den Wert des Geldes zu erhalten, und dann fliehen sie in Panik aus der Währung. In Deutschland wurde dieser Punkt Mitte 1921 überschritten….

„Niemand konnte damit rechnen, dass Ignoranz und eine falsche Theorie zu einem solchen Ausbruch extremen Wahnsinns führen könnten…Die irrsinnigen Ideen der Reichsbank gaben einer Stabilisierung keine Chance“ schrieb der britische Botschafter Lord d’Abernon, ein Experte auf dem Gebiet des Staatsbankrotts. Er hatte immer gedacht, er habe die schlimmsten finanziellen Exzesse und Dummheiten in Ägypten und in der ottomanischen Türkei erlebt. Jetzt musste er feststellen, dass diese im Vergleich zu Deutschland von 1923 fast schweizerisch anmuteten….

Der Dawes Plan

…Das wirklich Neue des Plans war aber, dass er mit einem ausgeklügelten Mechanismus sicherstellte, dass die Reparationen die Mark nicht wieder derart schwächen konnten wie 1922 und 1923….Das zweite und letztlich entscheidende Merkmal des Dawes-Plans war, dass im Ausland ein Kredit von 200 Millionen Dollar besorgt werden sollte, der dabei helfen konnte, die Reparationen des ersten Jahres zu bezahlen, die Reichsbank zu rekapitalisieren und genug Goldreserven aufzubauen, um die heimische Wirtschaft in Schwung zu bringen…..Schacht bestand darauf, der Dawes-Plan sei zum Scheitern verurteilt, weil er die Gesamtsumme der Reparationen nicht verringerte…..Oberflächlich betrachtet schien der Dawes-Plan der Wendepunkt für Europa zu sein….

Die Rückkehr (Englands) zum Goldstandard erwies sich als kostspieliger Fehler…Für den Rest des Jahrzehnts mussten die Zinsen deutlich höher als in anderen Ländern gehalten werden, um einen Rückfluss des Kapitals zu verhindern. Da die Preise um etwa 5 Prozent jährlich sanken, war die Zinslast für Schuldner eine schwere Bürde. Gleichzeitig schleppte sich die britische Industrie in den folgenden Jahren unter Qualen dahin, weil sie auf den Weltmärkten durch hohe Preise benachteiligt war, während die Industrie anderswo auf der Welt boomte.

Die französische Presse hatte schon seit einiger Zeit ihre Empörung über das Spektakel der reichen Amerikaner zum Ausdruck gebracht, die den tiefen Kurs des Franz nutzten, um die schönsten französischen Liegenschaften an der Cote d’Azur und an der Cote Basque aufzukaufen…Die Zeitung ‚Le Midi‘ war dazu übergegangen, Amerikaner als ‚zerstörerische Heuschrecken‘ zu bezeichnen…..

Was in den folgenden Tagen passierte, illustriert die überwältigende Kraft, die psychologische Faktoren damals auf den Devisenmarkt ausübten. Am Tag als Poincaré Premierminister wurde, berührte der Wechselkurs die Marke von 50 Francs je Dollar. Aber bevor er noch die die Möglichkeit hatte, sein Finanzprogramm zu erläutern.., schien schon allein seine Präsenz die Investoren zu beruhigen….stieg der Kurs des Francs..um über 40 Prozent. Diese erstaunliche Erholung schien die These zu bestätigen, dass die Währung im letzten Stadium ihres Zusammenbruchs jede Verbindung zur ökonomischen Realität verloren hatte und von Spekulanten nach unten getrieben wurde….

Eine Spekulationsorgie. Kein anderes Thema führte innerhalb der Federal Reserve zu so vielen Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten, Fehden und Verwirrungen wie die Frage, wie man mit der Börse umgehen sollte….Gestützt von wachsenden Unternehmen wie General Motors wuchs der Aktienmarkt während der Coolidge-Hausse zu einer finanziellen Monstrum heran. Mitte der 1920-er Jahre wurde jedes Jahr eine Milliarde Dollar in neue Investments gesteckt, die Zahl der börsennotierten Unternehmen hatte sich verfünffacht und der Gesamtwert der Aktien war von 15 Milliarden Dollar 1913 auf 30 Milliarden Dollar 1925 gestiegen…von einem Immobilienboom begleitet…Von Palm Beach bis Miami und in den Städten an der Golfküste explodierten die Preise.

Anfang 1927 schien sich Deutschland vollständig von den Albtraumjahren der Hyperinflation erholt zu haben…..Aber Atmosphäre des bevorstehenden Untergangs…..die Wirtschaft boomte…Der Dawes-Plan war ein enormer Erfolg gewesen…in den zwei Jahren seit der Verabschiedung des Plans waren 1,5 Milliarden Dollar ins Land geflossen. So verfügte Deutschland über die für die Reparationen erforderlichen 500 Millionen Dollar und darüber hinaus über einen enormen Überschuss an ausländischem Kapital….aber eine sehr grosse Summe war..absorbiert worden, um Schwimmbäder, Theater, Sportstadien und sogar Opernhäuser zu bauen…unklugen Investitionen und viel Verschwendung…..Deutschland verschuldete sich nun zu stark im Ausland…ein falsches Gefühl der Posperität – eine Chimäre..

Die Deutschen hatten den Fehler der Briten vermieden. Bei einem Wechselkurs von 4,2 Mark je Dollar, den Schacht Ende 1923 festgelegt hatte, waren deutsche Produkte billig. Deutschland hatte ein anderes Problem. In den Albtraumjahren der frühen 1920er hatte es seine Goldreserven verloren und gab nun so viel für Wiederaufbau und Reparationen aus, dass es trotz der starken Kreditaufnahme im Ausland keine neuen Reserven aufbauen konnte…. Fluss ‚heissen‘ Geldes nach Deutschland…

Wie alle Spekulationsblasen begann auch diese mit einer konventionellen Hausse, die fest in der ökonomischen Realität verwurzelt war und von steigenden Gewinnen angetrieben wurde. Von 1922 bis 1927 stiegen die Gewinne um 75 Prozent und der Markt stieg entsprechend…Die ersten Anzeichen für die Auswirkungen anderer, eher psychologischer Faktoren gab es Mitte 1927 bei der Zinssenkung durch die Fed…Die Dynamik zwischen Börsenkursen und Gewinnen schien sich zu verändern…..Es war im Frühsommer 1928, der Dow stand etwa bei 200, als der Markt in der Tat seine Verbindung mit der ökonomischen Realität verlor und abhob in geradezu unvollstellbare Gefilde der Phantasie….Der Markt zeigte sämtliche Symptome einer Manie: die immer geringere Zahl der Aktien, deren Kurse noch stiegen, die landesweite Faszination wegen der Aktivitäten an der Börse, das vorübergehende Geschwätz von einem neuen Zeitalter, die Ausschaltung aller konventionellen Standards der finanziellen Vernunft und die Entstehung einer zusammengewürfelten Armee amateurhafter, schlecht informierter Spekulanten, die auf Basis von Gerüchten und Tippblättern agierte……

Es war die vielleicht perverseste Konsequenz der Spekulationsblase, dass sie wegen der seltsamen Zusammenhänge des internationalen Geldwesens dazu beitrug, Deutschland den Stoss in die Rezession zu versetzen. Fünf Jahre lang waren Scharen von amerikanischen Bankiers nach Berlin gereist, um deutschen Unternehmen und Gemeinden Kredite aufzudrängen. Obwohl Schacht alles versucht hatte, sein Land vor dieser Abhängigkeit von ausländischen Kapital zu bewahren, konnte er wenig daran ändern. In den fünf Jahren von 1924 bis 1928 nahm Deutschland jährlich etwa 600 Millionen an Krediten auf. Davon floss die Hälfte in Reparationen, der Rest stützte die Erholung des Konsums nach den Jahren der Entbehrungen….Was Deutschland Anfang 1929 in die Rezession trieb, war eine Kombination aus der Austrocknung der Auslandskredite aufgrund der Blase am amerikanischen Aktienmarkt und dem immer noch bestehenden Mangel an Vertrauen unter deutschen Geschäftsleuten nach Schachts misslungenem Vorgehen gegen den Aktienmarkt 1927…Als die langfristigen Kredite aus Amerika rarer wurden, war Deutschland gezwungen, immer mehr auf das ‚heisse Geld‘ zu bauen….Daher glitt Deutschland genau zu dem Zeitpunkt in die Rezession ab, als es hinsichtlich der Verschuldung im Ausland immer anfälliger wurde…Der Kollaps der Auslandskredite und die Rezession hätten für Deutschland zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Laut Dawes-Plan hätte sich Deutschland inzwischen völlig erholt haben müssen und sollte 1929 seine Reparationszahlungen auf volle 625 Millionen Dollar pro Jahr erhöhen, was etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprach……

Am Mittwoch, dem 23. Oktober, drückte in den letzten beiden Handelsstunden völlig unerwartet eine plötzliche Lawine von Verkaufsaufträgen, deren Ursprung ein absolutes Mysterium blieb, den Markt um 20 Punkte nach unten. Am folgenden Tag, der bald als schwarzer Donnerstag bekannt werden sollte, kam es zur ersten echten Panik….Während der folgenden Stunde verloren die bedeutendsten Indizes 20 Prozent….

Crashs am Aktienmarkt im 19. und im frühen 20. Jahrhundert waren stets im Zusammenhang mit Bankenkrisen aufgetreten. Es gab zu starke Verbindungen zwischen dem Markt und dem Bankensystem…….

Tatsächlich erwiesen sich die unmittelbaren Auswirkungen auf die USA als wesentlich schwerwiegender als irgendjemand erwartet hatte. Die Industrieproduktion sank im Oktober um fünf Prozent und im November um weitere fünf Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen..schoss im Frühling 1930 auf fast drei Millionen nach oben. Das Land war emotional dermassen in die Launen der Wall Street verstrickt, dass sich die psychologischen Auswirkungen des Zusammenbruchs als sehr tiefgehend erwiesen, vor allem was die Nachfrage der Verbraucher nach teuren Gütern betraf…..

Weil die Vorstellung einer aktiven Geldpolitik zur Bekämpfung des Konjunkturzyklus zu neuartig und das Wissen über das Funktionieren der Wirtschaft so primitiv war, wurden die Debatten zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb der Fed höchst konfus und manchmal gänzlich unverständlich….

Der grosse Crash wurde in Europa mit einer Mischung aus Schadenfreude und Erleichterung begrüsst…..Man hoffte nun, all das von der Wall Street aufgesaugte europäische Kapital werde wieder zurückkommen, den Druck auf die europäischen Goldreserven lindern und es den Ländern wie Grossbritannien und Deutschland ermöglichen, die Kreditbedingungen zu lockern und ihre Wirtschaft wieder in Gang zu bringen…..

Im Dezember 1930 veröffentlichte Maynard Keynes einen Artikel mit der Überschrift ‚Die grosse Baisse von 1930‘, in dem er schrieb, ‚die Welt lebe im Schatten einer der grössten Wirtschaftskatastrophen der modernen Geschichte‘. Im Jahr zuvor war die Industrieproduktion in den USA um 30 Prozent, in Deutschland um 25 Prozent und in Grossbritannien um 20 Prozent gesunken. In den USA suchten über fünf Millionen Menschen nach Arbeit, in Deutschland waren es 4,5 Millionen und in Grossbritannien zwei Millionen. Auf der ganzen Welt waren die Rohstoffpreise zusammengebrochen…..Keynes erkannte, dass es für die einzelnen Zentralbanken schwierig war, allein zu handeln. Um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, benötigte eine Zentralbank genug Gold, das unter dem Goldstandard das entscheidende Rohmaterial für die Kreditschaffung war. Das internationale Währungssystem funktionierte nun aber auf eine recht perverse Art und Weise. Wegen der Furcht der Anleger strömte das Kapital auf der Suche nach Sicherheit in Länder, die wie die USA und Frankreich bereits grosse Geldreserven besassen, und heraus aus Ländern mit nur geringen Reserven wie Deutschland und Grossbritannien…..

Noch weit schädlicher für die internationale Stabilität war allerdings der Goldfluss nach Frankreich, dem einzigen Land in Europa, das gegen den weltweiten wirtschaftlichen Sturm in gewisser Weise immun geblieben war. Emile Moreaus Strategie, den Wechselkurs des Franc recht niedrig zu halten, führte dazu, dass französische Güter preislich weiterhin attraktiv blieben. Folglich schlug sich die Wirtschaft 1929 und 1930 sehr gut, und Kapital floss auf der Suche nach Sicherheit nach Frankreich…L’ile Heureuse….Ohne so recht zu wissen, wie ihm geschah, war Frankreich zur stärksten Volkswirtschaft in Europa geworden….

So dramatisch sie auch ausfiel, war die Pleite der Bank of United States doch gar nicht so ungewöhnlich. Die Vereinigten Staaten hatten schon immer an einem instabilen Bankensystem gelitten – die Folge des Fehlens einer Zentralbank, verschlimmert durch eine erstaunlich zersplitterte Bankenstruktur. Die Gründung der Fed 1913 hatte das erste Problem mehr oder weniger gelöst, führte aber nicht zu einer Änderung der Organisation des Bankwesens im Land….Infolge der immer schwieriger werdenden Zeiten hatten in den ersten neun Monaten des Jahres 1930 700 Banken ihre Türen geschlossen…..

Im Frühjahr 1931 war Deutschland dasjenige der bedeutenden Länder, das durch das Gefühl kollektiver Verzweiflung und individueller Hoffnungslosigkeit am stärksten niedergedrückt wurde. Die offiziellen Zahlen besagten, dass 4,7 Millionen Menschen, 25 % der arbeitsfähigen Bevölkerung und doppelt so viele wie in den USA ohne Arbeit waren…..damals befand sich Deutschland, belastet durch das zweifache Problem der Auslandsschulden und der Reparationen, schon seit Mitte 1929 ständig in einem Zustand fieberhaften Aufruhrs…..Im Oktober 1929, drei Wochen vor dem Crash an der Wall Street, starb Stresemann mit nur 51 Jahren plötzlich an einem Schlaganfall – ein Opfer von Stress und Überarbeitung. Nach der bitteren Enttäuschung über die Verhandlungen zum Young-Plan und Stresemanns Tod verlor Schacht jeden noch verbliebenen Glauben an die amerikanische Lösung…..Schacht legte sein Amt in dem Glauben nieder, die von den Sozialdemokraten dominierte Koalition werde Deutschland in eine finanzielle Katastrophe führen, beschleunigt durch das, was er für eine Auslandsschuldenkrise hielt, aus der es kein Entkommen gab….

Am Freitag, dem 8. Mai, informierte die in Wien ansässige und 1855 von den Rothschilds gegründete Creditanstalt, mit Vermögenswerten von 250 Millionen Dollar und 50 Prozent aller österreichischen Bankkonten die Regierung, sie sei gezwungen für 1930 einen Verlust von 20 Millionen Dollar zu verbuchen, wodurch der grösste Teil ihres Eigenkapitals ausgelöscht wurde. Es handelte sich nicht nur um die grösste, sondern auch um die angesehenste Bank Österreichs……schlug die Nachricht in der Londoner City und in der Bank of England ein wie eine Bombe….Durch die Politik in dieser Situation wurde die Krise unermesslich verkompliziert….

Schacht sprach mit seiner üblichen Selbstsicherheit, drängte das Kabinett, Zahlungen an die ausländischen Gläubiger der Danatbank auszusetzen und sie so zu zwingen, die Folgen ihrer tollkühnen und unvernünftigen Kreditvergabepraktiken zu tragen…..

Die Banken in Deutschland blieben für weitere zwei Wochen geschlossen….Alle Banken in Ungarn wurden für drei Tage geschlossen….Zum zweiten Mal in weniger als acht Jahren stand Deutschland vor einer wirtschaftlichen Katastrophe. Trotz des Chaos blieb es im Land überraschend friedlich…Der britische Botschafter, der nach einigen Wochen der Abwesenheit nach Berlin zurückkehrte, bemerkte, er sei ‚betroffen wegen der leeren Strassen und der unnatürlichen Stille, die über der Stadt hing, besonders aber von der Atmosphäre extremer Anspannung, die in vielerlei Hinsicht dem ähnelt, was ich in den kritischen Tagen kurz vor dem Ausbruch des Krieges in Berlin beobachtet habe…eine fast orientalische Lethargie und Fatalismus‘. ‚Unter solchen Umständen‘, fuhr er fort, ‚ist Dr. Schachts Reputation als Finanzexperte zu neuem Leben erweckt worden, und er ist wieder auf der Bühne erschienen…es gibt kleine, aber immer grösser werdende Kreise, die glauben, Dr. Schacht könnte zum Retter Deutschlands werden, wenn es ihm gelingt, seine Unbeliebtheit im Ausland, besonders in den USA, und bei den Sozialdemokraten im Inland zu überwinden‘…..Der Zusammenbruch des deutschen Bankensystems im Sommer 1931 liess die Wirtschaft erneut nach unten taumeln. In den folgenden sechs Monaten sank die Produktion um weitere 20 Prozent….Fast sechs Millionen Menschen – ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung – waren arbeitslos…..

Derweil tobte in Folge der Bankenschliessungen in Deutschland ein ‚Blizzard‘ durch das weltweite Finanzsystem….Die Weltwirtschaftskrise hatte bereits grosse Teile Südamerikas erfasst……Angesichts dieser Turbulenzen im weltweiten Finanzsystem war die Londoner City, die ihre Fühler in jeder Ecke des Globus hatte, besonders anfällig…..Da Grossbritannien aber nicht mehr in der Lage war, vergleichbare Exportüberschüsse zu erwirtschaften, wie vor dem Krieg, musste die City ihre langfristigen Kreditvergaben mehr und mehr mit kurzfristigen Einlagen finanzieren…..die Verbindlichkeiten lagen in Wahrheit eher bei drei Milliarden Dollar…….Ausserdem war nach der Einführung der deutschen Devisenkontrollen ein hoher Prozentsatz der mit diesen Einlagen vergebenen Kredite eingefroren….Grossbritanniens Problem war nicht das Haushaltsdefizit, sondern die Tatsache, dass es sich an die Rolle des Bankiers der Welt geklammert hatte, aber dafür nicht mehr das Geld oder die nötigen Ressourcen hatte…Mittlerweile war es für die meisten Beobachter zunehmend klar, dass sich Grossbritannien vom Gold lösen musste……Das britische Finanzministerium wurde zur letzten Bastion der Ewiggestrigen….. Nachdem Grossbritannien den Goldstandard verlassen hatte, breitete sich die Krise über den Atlantik aus. In den folgenden fünf Wochen tauschten Europäer 750 Millionen Dollar in Gold um, weil sie befürchteten, die USA seien die nächste Nation, die ihre Währung abwerten werde…….Daher musste sich die Fed bei der Stützung der Währung auf Gold verlassen. Deshalb kam es im Herbst 1931 dazu, dass die Fed verzweifelt an ihren Reserven festhalten musste, obwohl sie eigentlich zwei Milliarden Dollar zu viel davon hatte….Daher erhöhte die Fed im Oktober, mitten in der Depression, während im ganzen Mittleren Westen die Kunden Schlange vor den Banken standen, Tausende von Unternehmen bankrott gingen und die Industrieproduktion mit einer annualisierten Rate von 25 Prozent schrumpfte, die Zinsen von 1,5 auf 3,5 Prozent. Da die Preise jährlich um sieben Prozent sanken, erhöhte diese Massnahme die effektiven Kosten des Geldes auf mehr als zehn Prozent…..Ansturm auf die Banken….

Wenn es in den 1930er-Jahren einen Zeitraum gab, der die Wirtschaftshistoriker quälend verfolgt, schrieb der Ökonom J. Bradford DeLong, dann handelt es sich um den Frühling und den Sommer 1931 – denn damals wurde die schwerwiegende Depression, die im Sommer 1929 in den USA und im Herbst 1928 in Deutschland begonnen hatte, zur Grossen Depression. Die Erschütterungen im Währungs- und im Bankenbereich 1931 veränderten die Eigenschaften des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Als die Preise sanken und die Unternehmen nicht mehr dazu in der Lage waren, ihre Schulden zu bedienen, gab es immer mehr Pleiten, was wiederum die Ausgaben und die wirtschaftliche Aktivität dämpfte. Es kam zu einer zerstörerischen deflationären Stimmung. Da sie weitere Preisrückgänge befürchteten, schränkten die Verbraucher und die Unternehme ihre Ausgaben ein, was die Abwärtsspirale bei Konsum und Investitionen verstärkte…..

Im Februar 1932 setzte er (Meyer) im Kongress durch, dass Regierungsanleihen nun als Stützung der Währung zugelassen wurden. Mit einem einzigen Federstrich wurde der Mangel an Gold beseitigt, was es der Fed ermöglichte, ein massives Programm von Operationen am offenen Markt zu beginnen und insgesamt eine Milliarde Dollar ins Bankensystem zu pumpen…..Aber Meyer kam damit zu spät…..Nach den erschütternden Erfahrungen der beiden vergangenen Jahre vergaben die Banken das auf diese Weise ins System injizierte Geld nicht in Form von Krediten, sondern sie verwendeten es zum Aufbau ihrer eigenen Reserven. Die Summe der Bankkredite schrumpfte weiterhin um 20 Prozent jährlich. Bankiers und Finanziers, die Helden des vergangenen Jahrzehnts, wurden nun zu Prügelknaben….Bankiers galten nun immer mehr als Schurken und Gauner….

‘Wenn sie 25 Dollar stehlen, sind Sie ein Dieb. Wenn Sie 250.000 Dollar stehlen, haben Sie sich einer Veruntreuung schuldig gemacht. Wenn Sie 2,5 Millionen Dollar stehlen, sind Sie ein Finanzier‘, schrieb das Magazin Nation……

Mittlerweile war die Kredit- und Währungsmaschinerie des Landes zum Stillstand gekommen. Das Bankensystem war in 28 Staaten der Union vollständig und in den anderen 20 Staaten teilweise geschlossen…ein Viertel aller Banken im Land war zusammengebrochen…Mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Karl Marx prognostiziert,  der Kapitalismus werde sich durch seine Zyklen von Boom und extremen Rückschlägen schliesslich selbst zerstören…

An seinem allerersten Tag als Präsident war es Roosevelts erste Amtshandlung, jede Bank im Land zu schliessen. Er berief sich auf einen Erlass aus dem Jahre 1917, der Goldlieferungen an den Feind unter Strafe stellte und verordnete Bankferien bis zum Donnerstag, dem 9. März. Gleichzeitig untersagte er den Export und das private Horten von Gold in den USA….Am Donnerstag, dem 9. März, wurde der Emergency Banking Act dem Kongress vorgelegt….zusätzliches Geld zu emittieren…Banken zu unterstützen…Dieses noch nie da gewesene Paket zwang die Fed, ihre Rolle als letzter Kreditgeber des Bankensystems zu erfüllen. Aber um dies zu erreichen, gab die Regierung letztlich die Garantie auf die Einlagen sämtlicher Banken, denen man die Wiedereröffnung erlaubt hatte….Als sich am Montag, dem 13. März, die ersten Banken darauf vorbereiteten, ihre Schalter wieder zu öffnen…bildeten sich vor den Banken lange Schlangen von Anlegern. Aber statt ihr Geld abzuheben, zahlten sie es wieder ein…..dramatische Veränderung der öffentlichen Meinung….‘Der Kapitalismus wurde innerhalb von acht Tagen gerettet‘…

Glass-Steagall Act, ebenfalls Mitte Juni verabschiedet, führte zu einer Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken und garantierte Bankeinlagen bis zu einer Höhe von 2500 Dollar, der Truth in Securities Act legte die vorgeschriebenen Veröffentlichungen bei der Emission neuer Wertpapiere fest…..

Die Rettung der Banken war durch eine der seltsamsten Partnerschaften in der Geschichte der Wirtschaftspolitik ermöglicht worden – zwischen einem demokratischen Finanzminister und seinem republikanischen Vorgänger..

Die Trennung des Dollars vom Gold war der zweite Abschnitt der dramatischen Veränderung des wirtschaftspolitischen Klimas in diesem Frühling, die mit dem Bankenrettungsplan begonnen hatte…Die Abwertung veränderte nicht nur die Dynamik der Ausgaben, sondern sie lieferte auch gleich den dafür nötigen Treibstoff….

Der Weg aus der Sackgasse des Goldstandards war der Schlüssel zur wirtschaftlichen Erholung. Grossbritannien vollzog ihn 1931, und die Erholung begann noch im selben Jahr. Die USA folgten im März 1933, und dieser Zeitpunkt stellte sich später als der Tiefpunkt der Depression heraus. Frankreich behielt die Bindung zum Gold am längsten bei….Erst im folgenden Jahr (1936) gab schliesslich Frankreich den Goldstandard auf, und daher kam es als letztes der bedeutenden Länder aus der Depression heraus.

Die Ausnahme von diesem Muster war Deutschland…So nagelte man sich an einer Art Schattenstandard fest und verzichtete dadurch auf die Vorteile einer billigen Währung…Als Grossbritannien im September das Pfund abwertete, brach der deutsche Aussenhandel völlig zusammen. Die fortgesetzte wirtschaftliche Talfahrt 1932 löste sogar noch weitere politische Unruhen aus. Im Mai 1932 wurde Brüning durch Intrigen der Rechten aus dem Amt gedrängt. Im folgenden Monat erkannten Frankreich und Grossbritannien endlich, dass es in der aktuellen Situation unmöglich war, irgendwelches Geld aus Deutschland herauszuquetschen und verzichteten formell auf sämtliche Reparationen…..hatten die Alliierten, die 32 Milliarden Dollar verlangt hatten….von ihrem alten Feind insgesamt vier Milliarden Dollar erhalten…..Brüning wurde durch Franz von Papen ersetzt…der nichts konnte, ausser gut reiten…..Im Januar 1933 gab der Präsident dem Druck schliesslich nach und ernannte den ‚böhmischen Gefreiten‘ zum Reichskanzler. Zwei Monate später, am 16. März 1933, war Schacht nach einer dreijährigen Unterbrechung wieder bei der Reichsbank….

Gleich nach seiner Amtsübernahme zeigte Schacht das erfinderische Talent, das ihn als den kreativsten Zentralbankier seines Zeitalters auszeichnete und warf sämtliche orthodoxen wirtschaftlichen Massnahmen über Bord. Er startete ein grosses öffentliches Arbeitsprogramm, finanziert durch Kredite von der Zentralbank und das Drucken von Geld. Es war ein bemerkenswertes Experiment auf dem Gebiet, das man später als Keynesianische Wirtschaftspolitik bezeichnen sollte…enorme Zufuhr an Kaufkraft…bemerkenswerte Erholung. Die Arbeitslosigkeit ging von sechs Millionen Menschen Ende 1932 innerhalb von vier Jahren auf 1,5 Millionen zurück. Im selben Zeitraum verdoppelte sich die Industrieproduktion. Zudem handelte Schacht die Rahmenbedingungen der massiven Auslandsschulden Deutschlands neu aus, wobei er seine Gläubiger rücksichtslos gegeneinander ausspielte, vor allem die Briten und die Amerikaner…..Während andere europäische Länder den Wert ihrer Währungen gegenüber dem Gold sinken liessen, weigerte sich Schacht, offiziell die Trennung vom Gold zu vollziehen und die Reichsmark abzuwerten. Motiviert wurde er dabei durch die Sorge um das Prestige Deutschlands und durch die Furcht vor Inflation. Deutsche Produkte waren zu teuer, die Weltmärkte und Deutschlands Export stagnierten. Um mit dem Druck umgehen zu können, der durch den aufgeblähten Wechselkurs der Reichsmark entstanden war, wurde ein ausgefeiltes System von Importkontrollen installiert und der Aussenhandel fand grösstenteils auf Tauschbasis statt. Unter diesem ‚Schacht-System‘ wurde Deutschland von einer offenen, im Westen integrierten Volkswirtschaft zu einer geschlossenen, auf Autokratie ausgerichteten Wirtschaft, die mit dem Osten und dem Balkan verbunden war – ein Vorläufer des ineffizienten sowjetischen Handelssystems der 1950er- und 1960er Jahre. Daher war die Nazi-Wirtschaft..eine wackelige Maschinerie, geplagt von Mangelerscheinungen und extrem abhängig von der Rationierung rarer Konsumgüter….als der Machtmissbrauch des Regimes zunahm, war er immer weniger mit denjenigen einverstanden, die dieses Regime leiteten. Gegenüber anderen Nazi-Grössen wie Himmler, Göring oder Goebbels hatte er immer Distanz gewahrt, hatte sie oft mit Verachtung behandelt und sich dabei auf Hitlers Protektion verlassen. Nun kam es zum offenen Konflikt mit ihnen, speziell wegen der Korruption….viel davon auf ausländischen Konten landete….Immer öfter hörte man ihn über die Nazis als eine Bande von ‚Kriminellen und Gangstern’ reden, sogar Hitler bezeichnete er als ‚Betrüger und Schuft‘…..Im September 1937, nach einem heftigen Streit mit Hermann Göring, wurde Schacht von Hitler als Wirtschaftsminister entlassen und durch Walter Funk ersetzt….In den Jahren unmittelbar vor dem Krieg nahm Schacht eine führende Rolle bei einigen Verschwörungen konservativer Politiker und Geschäftsleute ein, die darauf abzielten, Hitler zur stürzen….Nach dem Kriegsausbruch hielt sich Schacht sehr zurück…….Obwohl Schacht am Rand der Widerstandsbewegung blieb, vertraute man ihm doch nie genug, um ihm Zugang zu dessen innersten Kreisen zu gewähren. Oft wurde sein Name als potentieller Nachfolger Hitlers für den Fall eines Staatsstreichs genannt……Im April 1945 wurde er ins KZ Dachau gebracht….Man brachte sie als potenzielle Geiseln in Sicherheit. Schliesslich wurden sie von den Alliierten aus einem Lager in Tirol befreit. Statt Schacht als Helden zu begrüssen, verhafteten ihn die Amerikaner und er gehörte zu den 24 Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg…..Schacht und von Papen wurden freigesprochen…. Er begann ein neues Leben und eine neue Karriere als unabhängiger Wirtschaftsberater….Schacht starb 1970, im Alter von 93 Jahren und äusserst wohlhabend…

Als er seine Ideen für die Welt nach dem Krieg entwickelte, versuchte Keynes ein internationales Finanzsystem zu schaffen, das wie der Goldstandard auf bestimmten, allerdings weniger strengen Regeln beruhte. Sein Plan sah vor, die Währungen sollten ‚‘zwar verankert, aber anpassbar‘ sein. Im Gegensatz zum Goldstandard, unter dem die Wechselkurse unveränderlich fixiert gewesen waren, sollten die Länder den Wert ihrer Währungen verändern können, wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen änderten. Er war entschlossen, die Zwangsjackenpolitik der Zwanziger- und Dreissigerjahre zu vermeiden, als Grossbritannien und Deutschland gezwungen waren, die Zinsen zu erhöhen und Massenarbeitslosigkeit zu verursachen, um Wechselkurse zu stützen, die in jedem Fall unangemessen waren. Ein zweites Element des Plans war eine internationale Zentralbank….Konferenz …in Bretton Woods..wurde am 30. Juni 1944 eröffnet…kollegiale, fast schon heitere Veranstaltung….

Kann das wieder passieren?..

Einer der Gründe für das Ausmass des weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruchs war, dass es sich…nicht nur um eine Krise handelte, sondern um eine Abfolge von Krisen, die sich immer wieder von einer Seite des Atlantiks auf die andere ausbreiteten. Jede dieser Krisen wurde von den vorherigen verursacht….

Der erste Schock – das plötzliche Versiegen des amerikanischen Kapitalflusses nach Europa 1928, das Deutschland in die Rezession trieb – hat ihr Gegenstück in der Krise des mexikanischen Pesos 1994. In den frühen 1990er-Jahren machte Mexiko, ähnlich wie Deutschland in den 1920er-Jahren, zu viele kurzfristige Schulden. Als 1994 die amerikanischen Zinsen stark anstiegen, fiel es Mexiko, wie Deutschland 1929, zunehmend schwer, seine Kredite zu verlängern und stand vor einer ähnlichen Wahl zwischen Deflation und Staatsbankrott…..

Die zweite Krise aus dieser Reihe, der grosse Crash, fand eines sehr offensichtliche moderne Parallele im Absturz des Aktienmarkts 2000. Beide folgten auf eine extreme Spekulationsblase, in der die Aktien den Bezug zur ökonomischen Realität völlig verloren hatten und enorm überbewertet waren – nach den meisten Massstäben um 30 bis 40 Prozent. In beiden Fällen wurde nach dem Ausverkauf offensichtlich, dass ein grosser Teil des Kursanstiegs von Schurken an der Wall Street und Unternehmensinsidern verursacht worden war. Beide führten zu ähnlichen anfänglichen Vermögensverlusten, gemessen als Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes – etwa 40 Prozent im ersten Jahr – und es folgte jeweils ein scharfer Rückgang der Investitionen….

Die Reihe der Bankpaniken von 1931 bis 1933…zeigte viele der gleichen Eigenschaften wie die derzeitige globale Finanzkrise, die im Sommer 2007 begann und ..das weltweite Bankensystem noch immer belastet. Beide begannen mit Zweifeln über die Sicherheit von Finanzinstituten, die hohe Verluste erlitten hatten…In gewisser Hinsicht ist die derzeitige Krise noch bösartiger als die Bankpaniken von 1931 bis 1933. In den 1930er-Jahren mussten sich die meisten Kunden physisch vor den Banken anstellen, um an ihr Geld zu kommen. Heute werden enorme Geldsummen mit einem Mausklick abgezogen. Zudem ist das Weltfinanzsystem heute sowohl grösser..als auch komplizierter und stärker vernetzt. Der Verschuldungsgrad ist viel höher, und viel mehr Banken verlassen sich auf kurzfristige Finanzierungsquellen, die über Nacht versiegen können. Die Banken der Welt sind also anfälliger als damals.

Und schliesslich hatte auch die europäische Finanzkrise von 1931 ihr Gegenstück in der jüngeren Vergangenheit – die Krise der sogenannten Wachstumsmärkte 1997 und 1998…1997 gab es in Asien eine ähnliche Abfolge von Krisen. Südkorea, Thailand und Indonesien mussten die Zinszahlungen auf mehrere hundert Milliarden Dollar Staatsschulden einstellen. Die asiatischen Währungen brachen gegenüber dem Dollar zusammen. Das führte zum Verlust des Vertrauens in alle Wertpapier aus den Emerging Markets und schliesslich zum Staatsbankrott Russlands und Argentiniens zwei Jahre später…..

..in diesem Buch die Behauptung aufgestellt, dass die grosse Depression weder höhere Gewalt noch das Ergebnis tief verwurzelter Widersprüche des Kapitalismus war, sondern das direkte Resultat einer Reihe von Fehlurteilen der für die Wirtschaftspolitik Verantwortlichen…die dramatischste Abfolge kollektiven Versagens der Finanzverantwortlichen, die es je gegeben hat. Wer war also schuld? Zunächst waren es die führenden Politiker bei der Pariser Friedenskonferenz. Sie bürdeten einer Welt, die sich noch von den Auswirkungen des Krieges zu erholen versuchte, eine gigantische Last an internationalen Schulden auf….Noch wichtiger war, dass diese Schulden die Gefahr von Zahlungsausfällen im weltweiten Finanzsystem massiv erhöhten, und beim ersten Härtetest kam es dann auch dazu. Die zweite Gruppe der Schuldigen umfasst die führenden Zentralbankiers der damaligen Zeit…für den zweiten fundamentalen Fehler der Wirtschaftspolitik in den 1920er-Jahren verantwortlich: die Entscheidung, die Welt zurück zum Goldstandard zu führen….Daher wurde die grosse Depression mehr als durch alles andere durch einen Mangel an intellektuellem Willen und durch fehlendes Wissen über die Funktionsweise der Wirtschaft verursacht….bemühte sich niemand mehr als Maynard Keynes, die hier wirkenden Kräfte zu verstehen….die Wirtschaftswissenschaften seien ‚nicht die Treuhänder der Zivilisation, sondern der Möglichkeit für Zivilistion‘..….Es gibt kein besseres Zeugnis für seine Wirkung auf diese Treuhänderschaft als die Tatsache, dass die Welt, ausgerüstet mit seinen Erkenntnissen, in den mehr als 60 Jahren ..eine ökonomische Katastrophe wie die der Jahre 1929 bis 1933 vermieden hat.