Der Wiener Kongress

Der Wiener Kongress 2017-04-12T21:17:05+00:00

Der Wiener Kongress

Prof. Eberhard Straub, 2014 Klett Cotta Verlag

Während der Julikrise 1914 endeten hundert Jahre Frieden in Europa, deren Grundlage auf dem Wiener Kongress 1814/15 gelegt worden war. Damals wurde das Konzert der fünf Grossmächte – Russland, Preussen, Österreich, Frankreich und Grossbritannien – das europäische Staatensystem, wie es seit den Friedensschlüssen von Utrecht (1713) und Rastatt (1714) bestand, abermals erneuert, nachdem die Französische Revolution und Napoleon Bonaparte es zerstört hatten….Nichts fürchteten die in Wien versammelten Monarchen und Diplomaten so sehr wie die breiten, schwammigen Begriffe – Gerechtigkeit, Freiheit, Menschlichkeit, Selbstbestimmung und Menschenrechte -, in deren Namen französische Revolutionäre ein knappes Vierteljahrhundert zuvor den vollständigen Umsturz in Europa begonnen hatte, den Napoleon vollendete, indem er die Revolution erfolgreich erstickte….

Dennoch behandelten die Sieger nach der Niederlage Napoleons Frankreich insgesamt glimpflich. Sie dachten nicht an die Vergangenheit mit ihren Schrecknissen, sondern an die  Gegenwart und Zukunft. Ein nicht versöhntes Frankreich würde Europa nicht zur Ruhe kommen lassen und die Revision eines Vertrages planen, der seine Ehre und Würde als Grossmacht empfindlich verletzte….

Zaghafte Versuche, englischer und preussischer Offiziere, französische Kriegsschuld und Kriegsverbrechen zur Sprache zu bringen, wurden von den anderen Mächten abgewiesen, denn souveräne Staaten waren nach europäischen Rechtsvorstellungen niemandem verantwortlich und konnten keine Verbrechen begehen….

Die Kriege ab 1792 wurden von den französischen Revolutionären als totale Kriege geführt, die ersten ihrer Art in der europäischen Geschichte. Die Revolutionäre kämpften nicht gegen einen gleichberechtigten Ehrenmann…vielmehr sahen sie in ihrem Feind einen absoluten Feind, der die Freiheit, die Menschlichkeit, die Menschenrechte bedrohte…Gegen den absoluten Feind ist alles erlaubt, er vertritt eine böse Macht, er ist ein Ungerechter, der sich gegen den Guten und Gerechten empört und Strafe verdient. Bislang unbekannte Aufgaben wurden mit dem Krieg als Strafaktion verknüpft: vernichten, ausrotten, auslöschen, eliminieren….

Alteuropäische Errungenschaften gerieten in Vergessenheit: den Gegner wie einen Gleichen zu behandeln; in der Tradition des Westfälischen Friedens die Frage nach der Gerechtigkeit nicht weiter zu berühren; sowie streng zu unterscheiden zwischen Kombattanten und Zivilisten….

..die fürchterliche Erfahrung, dass zivilisierte Völker nicht weiter von der Barbarei entfernt sind als das glänzendste Eisen vom Rost….die Sieger..enthielten sich jedes moralischen Urteils. Nach 23 Jahren Krieg, dem widerwärtigsten in der gesamten europäischen Geschichte, griffen sie zurück auf das alte Kriegs- und Völkerrecht, das ius publicum europaeum, …das von der Revolution und Napoleon für ungültig erklärt worden war…

Der Krieg wurde wieder zum letzten Mittel der Politik, ganz gleich, ob es sich um einen Angriffs- oder Verteidigungskrieg handelte…

Die aufgeklärten Staatsmänner des Wiener Kongresses..wehrten sich mit der moralisch indifferenten Staatsvernunft gegen revolutionäre Tendenzen, die Politik radikaler Bewegungen zu moralischen Erweckungsgemeinschaften zu überhöhen. Sie wollten Europa endlich wieder zum Gleichgewicht in einer neuen Ordnung verhelfen, gehütet vom Konzert der fünf Grossmächte, deren Herrschaftsraum von Gibraltar im Westen bis zum Ural im Osten reichte….keinerlei Rücksicht auf nationale Gefühle, von Moral befeuerte Leidenschaften und  zivilreligiöse Stimmungen…auf Kongressen und Konferenzen Kriege mit allen möglichen friedlichen Mitteln verhindert oder zumindest lokalisiert…

Nationalismus und das Selbstbestimmungsrecht der Völker galten..als verwerflich…

Die Wiener Ordnung war flexibel, sie wurde später durch die nationale Einigung Italiens (1861) und Deutschlands (1871) nicht grundsätzlich in Frage gestellt….

Diese europäische Ordnung funktionierte bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts…

Daher rührte auch die leichtfertige Zuversicht, die Julikrise 1914 meistern zu können.

Doch mittlerweile hatte sich das Staatensystem, in dem jeder für jeden koalitionsfähig war, zu einem System zweier Blöcke verändert, die sich um England und das Deutsche Reich gruppierten und sich seit 1907 (Ende der britisch-russischen Rivalität im Abkommen über Persien) ziemlich erstarrt in ihren Bündniszwängen gegenüberstanden….

Der Erste Weltkrieg, dessen Ausbruch die Europäer insgesamt überraschte und erbitterte, wurde zu einem heftig ideologisierten Kampf der Kulturen und politischen Systeme. Die Feinde sprachen sich wechselseitig die Zugehörigkeit zur gleichen europäischen Gemeinschaft ab. In ihren gereizten Polemiken verloren die Begriffe Europa, Europäer und europäisch jeden allgemeinverbindlichen Sinn. Die Europäer bekämpften einander als totale Feinde in einem totalen Krieg, der es ihnen unmöglich machte, zu einem Frieden aufgrund vernünftiger Kompromisse zu finden…..

Die Alliierten setzten die Ideologisierung des Krieges in der Moralisierung ihres Sieges fort…allerdings auch unter dem Druck..der öffentlichen Meinung, gegen deren Wünsche und Befehle nicht mehr regiert werden konnte….das Bedürfnis nach Frieden vorhanden.., nicht aber mehr die Fähigkeit, einen Frieden auszuhandeln…

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker sollte fortan zum ordnenden Prinzip werden für ein Europa als Völkerbund neuer Art. In diesem Sinne führte der Weltkrieg, der sich an Balkanfragen entzündet hatte, zu keinem Frieden, sondern zur Balkanisierung Europas. Keiner der Staaten, vor allem nicht die neuen, war nach der Pariser Friedenskonferenz mit seinen Grenzen zufrieden. Ausserdem waren die meisten keine reinen Nationalstaaten, weil sie Minderheiten besassen, die überhaupt nicht zu der von ihnen nicht ersehnten Nation gehören wollten.

Deshalb ist und bleibt der Erste Weltkrieg die entscheidende Katastrophe in Europa, von welcher der Kontinent sich nie mehr erholte.

Seine Folgen sind bis heute nicht überwunden, weil Russland nicht dazu gehört.

Der Balkan hat noch immer nicht zur Ruhe gefunden, und statt der Kriege aus orientalischen Anlässen seit 1821, vom Unabhängigkeitskrieg der Griechen bis zu den Balkankriegen, gibt es nun eine Krise nach der anderen im Nahen Osten und auf der afrikanischen Seite des Mittelmeers….

Dreissigjähriger Krieg…Westfälischer Frieden (1648)..

Auf dem..Friedensvertrag..beruhten noch immer die Verfassung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und dessen Stellung in Europa. Zugleich konstituierte sich seitdem Europa..als zusammenhängende Staatengesellschaft. Das Corpus Europaeum, wie die erste Gemeinschaft..genannt wurde, hob den unvermeidlichen Wettbewerb der Staaten nicht auf..Doch der Egoismus sollte – wie jede Leidenschaft – nicht übertrieben werden und nicht weiter die Tranquilität, die relative, immer neu zu modifizierende Ruhe und Ordnung Europas, gefährden oder grundsätzlich in Frage stellen….ungeschriebenen Geboten „allgemeiner Staatensympathie“…die von den europäischen Staaten verlangte, ihre Interessen nicht rücksichtslos geltend zu machen, sondern auf die Balance, auf das labile Gleichgewicht der Kräfte zu achten. Die Tugend stoisch-philosophischer und christlicher Weltvernunft, Mass zu halten, wurde auch zu einer politischen und damit zum Ausdruck der raison d’Etat, der Staatsräson…..

Das Riesenwerk des Westfälischen Friedens wurde von Franzosen aller möglichen politischen Richtungen..zerbrochen. Das war die unmittelbare Wirkung der Revolution auf die Gemeinschaft der europäischen Staaten….

Der Terror in Frankreich brachte die Republik in Europa bald in Verruf……Die französische Besatzungsmacht liess ihre Todesbrigaden vorerst in Frankreich arbeiten, nicht am Rhein oder Po. Denn die erorberten Gebiete sollten das durch die Kriege überforderte Frankreich finanziell und wirtschaftlich entlasten. Seit 1793 vollzog sich die systematische Plünderung Europas, die Napoleon dann vollendete. Dazu gehörten, was es früher nie gegeben hatte, auch die Plünderungen von Museen und Bibliotheken….

Die französische Herrschaft wurde überall als Fremdherrschaft empfunden, als Terrorsystem, das seinerseits Terror provozierte, vor allem in Süditalien und später in Spanien…

Der Terror gegen den Terror, den Napoleon später mit für Europäer bislang unbekannter Brutalität führte, entfesselte Scheusslichkeiten und Leidenschaften ungeahnten Ausmasses…

Die Deutschen verstanden sich selbst als ein Volk der Freiheit…die vielen Staaten, Herrschaften und freien Städte auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation mit ihren durchaus unterschiedlichen Verfassungen erlaubten viele Arten von politischer Mitarbeit und Mitbestimmung….verbriefte Religionsfreiheit und Toleranz gewährten der Meinungsfreiheit mehr Raum als im Frankreich vor der Revolution und erst recht während und nach der Revolution….Der beste Staat schien ihnen der am besten verwaltete, der zugleich der Wirksamkeit des Staates Grenzen zog. Das Recht setzte Schranken, die wiederum der freien Tätigkeit Spielraum zu ihrer Entfaltung boten….

Das europäische Staatensystem geriet in Unordnung. Polen war das erste Opfer, und die dritte polnische Teilung 1795 bewies, wie vorteilhaft für die Ruhe des Kontinents eine ausgeglichene Machtbalance war. Unter anderen Bedingungen hätte sowohl Grossbritannien als auch Frankreich über Mittel und Möglichkeiten verfügt, die Zerschlagung einer klassischen europäischen Macht zu verhindern…

Geschichte wurde zur Geografie in Bewegung, seit das europäische Gleichgewicht nicht mehr funktionierte….Dem entfesselten nationalen Ehrgeiz der Revolutionäre entsprach ein hemmungsloser Landhunger der übrigen Mächte. Alle zusammen stürzten Europa in ein Chaos, aus dem sich keine neue Ordnung entwickelte…. Das Heilige Römische Reich erlitt alsbald das gleiche Geschick wie Polen. Als mittelalterliches Relikt wurde erst die Reichskirche ausgeplündert und enteignet, es folgten die deutschen Fürsten, 1806 schliesslich verschwand das Reich endgültig von der Landkarte…

Die Revolution und Napoleon, der Nationalismus und Militarismus, hatten sich als katastrophaler Irrweg erwiesen und zum Ende jeder Sicherheit geführt….Trotz aller Turbulenzen erwies sich aber die Monarchie als ungemein widerstandsfähig….Die Revolution stärkte das Vertrauen in die Monarchie, weniger in die Nation….Der Staat und sein Symbol, die Krone, konnten auf den Enthusiasmus verzichten, ohne den die Nationen nicht auskamen. Im Staat offenbart sich die Vernunft, weil jede Ordnung vernünftig sein muss, um zu überzeugen und sich am Leben zu erhalten. Das war jedem aufgeklärten Beamten und Bürger klar….

In gewisser Weise war das Vertrauen in den vernünftigen Staat ein Ergebnis der revolutionären Unvernunft, die den Staat beseitigte und an seine Stelle die Diktatur des Wohlfahrtsausschusses setzte und sich später der Militärdiktatur Napoleons anschmiegte. Beide massen sich ausserordentliche Befugnisse an, die mit einem geordneten Rechts- und Kulturstaat unvereinbar waren…..

Ob der Nationalstaat, wie der Begriff suggerierte, Nation und Staat überhaupt miteinander vereinbaren konnte, blieb noch lang umstritten.

Die Monarchie sollte als vermittelndes Element den nationalen Gedanken und die neutrale Staatlichkeit miteinander versöhnen.

Alle Europäer teilten eine kräftige Antipathie gegen Grossbritannien. Im Laufe des 18. Jahrhunderts lernten sie, in diesem trotz aller Nähe fernen Nachbarn den wahren Feind Europas und einer europäischen Ordnung zu erkennen. Die Seeherrschaft der Briten, die sich an kein Recht hielt, empörte die Europäer, je weniger sie in der Lage waren, sich ihrer zu erwehren….britische Wilkürherrschaft auf den Meeren…

Schiller machte in seinem Gedicht ‚Der Antritt des neuen Jahrhunderts‘ (1801) keinen Unterschied zwischen den beiden Tyrannen Frankreich und Grossbritannien:

„Zwo gewaltge Nationen ringen,

Um der Welt alleinigen Besitz,

Aller Länder Freiheit zu verschlingen,

Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.“

Britanniens Seeherrschaft, die von Kontinentaleuropäern als gesetzlose Dreieinigkeit von Krieg, Handel und Piraterie empfunden wurde…

Napoleon wusste, dass alle seine Feinde unter Umständen bereit waren, trotz ihrer Vorbehalte zu einem Frieden mit ihm zu kommen, ausgenommen die Engländer….

Die Revolution hatte drastisch vor Augen geführt, welche Ausschreitungen mit populären Leidenschaften einhergehen, wenn sie nicht straff kontrolliert werden. In den darauf folgenden langen Kriegsjahren bestätigten die Gräuel der Vergeltungsmassnahmen auf beiden Seiten, wie unklug es ist, auf ‚das Volk‘ zu vertrauen, auf jenes unberechenbare Tier mit den vielen Köpfen, das, einmal entfesselt, so schwer zu bändigen ist….

Zu Europa gehörte Russland seit Peter dem Grossen, meist als guter Verbündeter des Kaisers, noch nicht Österreichs, sondern des Römischen Reiches deutscher Nation…

Österreich war ein Europa im Kleinen….

Deutschland gab es 1813 so wenig wie Polen oder Italien.

Ein einiges Deutschland, Polen oder Italien störte jede Ordnung, die nach Metternichs Vorstellungen nicht als Ordnung von Nationen, sondern als Gemeinschaft von Staaten gedacht werden musste…

Preussen und Österreich hatten längst erkannt, dsss ungeachtet vieler früherer Missverständnisse ihr Dualismus auch positiv verstanden werden konnte, nämlich als Chance zur Zusammenarbeit und Koordination ihrer Pläne in Mitteleuropa, im Raum des ehemaligen Römischen Reiches….

Überlegungen Friedichs des Grossen…, gemeinsam die Mitte Europas als eigenen Grossraum zu schützen, samt Interventionsverbot für raumfremde Mächte, sprich: für Franzosen und Russen…

Metternichs Sicht.., dass Eurpa nur dann zur Ruhe kommen könne, wenn die beiden deutschen Mächte, zwischen Ost und West gelegen, Franzosen wie Russen gleichermassen daran hinderten, in Deutschland als geografisch-kulturellem Raum ihre diplomatischen oder militärischen Kunststücke zu zeigen. Weder Frankreich noch Russland verpflichtet, hielten die beiden deutschen Grossmächte die Waage des Gleichgewichts in ihren Händen…

Indem sie in der Mitte für Ruhe sorgten, könnten sie die Unruhe ihrer östlichen und westlichen Nachbarn möglichst auf aussereuropäische Ziele lenken oder auf die Randgebiete Europas an Mittelmeer und Schwarzem Meer…..

Gegen beide könnte keine Koalition in Europa wirksam werden, solange die Mitte über die Macht verfügte, zwischen allen zu vermitteln oder West und Ost auseinanderzuhalten….

Napoleon..fehlte der Mut, auf Metternichs Angebote einzugehen und damit sich und Frankreich eine Niederlage zu ersparen. Er konnte kein normaler Monarch werden.

Napoleon: „Eure Herrscher, geboren auf dem Throne, können sich zwanzigmal schlagen lassen, und doch immer in ihre Residenzen zurückkehren; das kann ich nicht, ich, der Sohn des Glückes. Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein.“

Metternich..scheute nicht davor zurück, Napoleon im November 1813 zu versichern, dass ein weiterhin französisches Belgien keinen Europäer beunruhigen würde und Frankreich vollständige Unterstützung erwarten könne bei Bemühungen, dem britischen Terrorismus auf den Meeren durch ein völkerrechtlich garantiertes Seerechtssystem zu ersetzen. Das wünschte vor allem auch der russische Kaiser…..

England der grösste Kriegsgewinnler…hielt die Kolonien fast aller europäischer Staaten besetzt, ausserdem Malta und Sizilien. Portugal und Spanien unterstanden seiner Aufsicht und mussten ihrer amerikanischen Besitzungen den Briten öffnen….Die Briten hatten sämtliche Flotten Europas vernichtet…

Ziel dieser sogannten Quadrupelallianz war nicht der Sieg, sondern die Ordnung. Die Unterzeichnerstaaten Russland, Preussen, Österreich und Grossbritannien bekräftigten, vorerst zwanzig Jahre beisammen zu bleiben.

Die Aussicht auf einen Frieden vor einer spektakulären Niederlage hatte Napoleon zerstört. Am 31. März 1814 zogen Russen und Preussen in Paris ein….Die Pariser waren von den guten Absichten der Koalition durch eine von Metternich organisierte Öffentlichkeitsarbeit unterrichtet…Nicht die Sieger, sondern Franzosen leiteten den Übergang in den neuen Staat ein. Napoleon stand unter dem Schutz der Russen und der Preussen….Die Sieger handelten nicht als Rächer…..Franzosen..fügten sich rasch und beruhigt Talleyrands Bemühungen, der ..Ludwig XVIII am 3. Mai 1814 als König in Paris empfing….Frankreich war umstandslos wieder in die europäische Staatengemeinschaft aufgenommen worden…

Schliesslich lagen Russen und Preussen, Schweden und Österreicher..im reichsten Land der Welt …Die Franzosen hatten ihre Kriege auf Kosten der eroberten Länder und Völker geführt. In Paris herrschte ein Luxus wie in den Märchen aus tausendundeiner Nacht, und die Stadt übte eine Faszination auf ihre fremden Besucher aus wie einst der üppige Orient auf die Ritter der Kreuzzüge…

Musée central des Art, ab 1804 Musée Napoleon, dem heutigen Louvre, das Napoleon unter Dominique-Vivant Denons Leitung zum herrlichsten Museum ausbauen liess, das es in Europa je gegeben hatte. Es war ein Museum, das nur aus Raubkunst bestand, von überallher zusammengetragen….

Die Versöhnung mit Frankreich galt als Voraussetzung für eine Friedensordnung in Europa. Ein versöhntes Frankreich gewann allerdings auch die Beweglichkeit einer Grossmacht zurück, mit anderen zusammen Entwicklungen zu hemmen, die seien Interessen zuwiderliefen. Die Qudrupelallianz..hatte vier Mächte vereint gegen Frankreich. Ein störrisches Russland konnten diesen Verein gefährden…

Der Wiener Kongress war ..ein insgesamt gelungenes, sehr modernes Experiment…Der Wiener Kongress war das grösste Fest, das sich der europäische Adel je gegeben hat. 247 Mitglieder regierender Häuser versammelten sich in Wien…Nach Wien reisten rund einhunderttausend Gäste, die monatelang dort verweilten…

In Europa hatte sich seit dem Westfälischen Frieden von 1648 die Hegemonie einiger Grossmächte durchgesetzt….Spanien und Portugal waren 1789 noch Gross- und Weltmächte gewesen, aber mehr mit ihrer Stellung in der Welt als in Europa beschäftigt. Schweden hatte sich bis dahin als nordeuropäische Regionalmacht behauptet. Alle drei wurden im Friedensvertrag mit Frankreich noch berücksichtigt, aber mehr aus Höflichkeit denn aus Notwendigkeit….

Trotz ihres Sieges und der Bereitschaft, den Besiegten als Mitglied der europäischen Staatenfamilie rücksichtsvoll zu behandeln, fürchteten die Alliierten in Frankreich doch weiterhin die Macht, die Europa wieder in Unordnung stürzen könnte. Deshalb sollte Frankreich künftig daran gehindert werden, weiterhin, wie seit Jahrhunderten gewohnt, in Deutschland oder Italien nachhaltigen Einfluss auszuüben oder mit den spanischen Bourbonen eine Familienpolitik zu seinem Vorteil zu betreiben. Dementsprechend sollte das europäische Gewicht Frankreichs auf das Hexagon beschränkt werden, wie die Franzosen ihr Land wegen seiner sechseckigen Form auch nannten. Der Staat mit der grössten Bevölkerung Europas und einer ungewöhnlichen Wirtschaftskraft…faktische Macht…einfach unübersehbar und eindrucksvoll. Die Absicht, diese Macht zumindest einzudämmen, glich einem Umsturz der klassischen europäischen Politik, obwohl Frankreich schon vor 1789 längst überfordert damit gewesen war, sich überall in Europa einzumischen. Die Enttäuschung oder Verbitterung über den unvermeidlichen Rückgang der französischen Macht hatte damals die Monarchie um ihren Kredit gebracht und den Revolutionären den Nimbus verschafft, Ruhm und Grösse des Vaterlands wiederherstellen zu können….

1814 gab es noch keine Nationen. Selbst Frankreich befand sich erst auf dem Weg, über die Armee als Schule der Nation und mit Hilfe der verschiedenen Bildungsanstalten aus den vielen Völkern und Sprachen, aus Basken, Katalanen, Elsässern, Bretonen und anderen eine Einheit zu formen, die aus einer vorläufig noch abstrakten Idee eine Realität machte. Das gelang erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.

Die übrigen Staaten waren Föderationen mehrerer Königreiche mit verschiedenen Völkern und Sprachen..

…bis zur Französischen Revolution keine ‚Sprachenpolitik‘ betrieben….. Die nationale Idee, wie die Franzosen sie propagierten, wandte sich gegen den Pluralismus und verlangte nach Homogenisierung….

Das alte Europa war eine freiheitliche Welt gewesen, eine Welt der unübersichtlichen Freiheiten, so bunt und phantastisch wie das Leben selbst…

Die französische Nation hatte erstmals seit 1792 vorgeführt, wie die Sorge um vollkommene Sicherheit die bürgerliche Handlungs- und Denkfreiheit erstickte. In der Nation als Sicherheitsgemeinschaft und Versicherungsgesellschaft kann es vollständige Sicherheit nur geben, wenn jeder einzelne ununterbrochen daran denkt, was er der Gesellschaft und der Nation, der er so viel verdankt, zurückgeben kann. Die Regierung als Wohlfahrtsausschuss darf ihn dauernd beobachten und beraten. Das beruhigt jeden..und gibt ihm das Gefühl der Sicherheit, ohne das er nicht zu leben vermag. Schliesslich ist er kein privatistischer Sonderling, sondern übt sich in politischer Korrektheit und hat, da er sich nichts zu Schulden kommen lässt, gar nichts zu verbergen. Er ist transparent für jeden….Der demokratische Nationalstaat des 19. Jahrhunderts konstitutierte sich als Polizeistaat ganz neuer Art, weil in ihm jeder potenziell verdächtig war….

Nach den Erfahrungen der Jahre von 1792 bis 1814 gab es also manchen Grund, der Nation und der Freiheit in der Nation zu misstrauen. Beide waren mit Terror und Blut verbunden…

Die österreichische Hegemonie in Italien hatte für Europa den Zweck, Frankreich ein für alle Mal die Aussicht zu versperren, dort gegebenenfalls zu intervenieren. Italien und Deutschland waren seit Jahrhunderten Schauplätze für die Kriege um die französische Hegemonie in Europa gewesen….

Den hartnäckigsten Streit in Wien gab es um die Stellung Polens im neuen Europa. Russische Truppen hatten 1813/14 sämtliche Gebiete des ehemaligen Polens erobert. Nach Kriegsrecht stand ihnen, wie der russische Zar Alexander I. meinte, allein die Verfügung über die Beute zu. Doch handelte es sich bei Polen keineswegs um herrenloses Land, da Österreicher und Preussen erhebliche Teile des ehemaligen Königreiches besessen hatten, auf die zu verzichten sie allerdings von Napoleon gezwungen worden waren….

Polen blieb weiterhin zwischen Russen, Österreichern und Preussen geteilt…

Die Ruhe Europas war das übergeordnete Programm. Das nüchterne Lösen, Verbinden und Hin-und-Herschieben von Menschen und Ländern auf dem Wiener Kongress entsprach noch ganz der alten Kabinettspolitik….

Um des Friedens Willen fügten sich die Europäer der Forderung der Briten, weder das Seerecht noch die Kolonien in das Friedenswerk miteinzubeziehen…..Der europäische Friede sollte kein universaler sein. Denn in diesem Fall hätte auch die britische Seeherrschaft und damit die britische Rolle in der Welt überhaupt zur Diskussion gestanden. Grossbritannien konnte es sich leisten, europäische Vorbehalte zu ignorieren, weil es keine Flotten gab, die ihm gefährlich werden konnten. Klassische Seemächte wie Spanien und Portugal verfügten nur noch über kümmerliche Reste ihrer einst ansehnlichen Kriegsmarine, die holländische und dänische waren in den Kriegen mit Napoleon zerstört worden, die französische existierte nicht mehr und die russische bedeutete für sich genommen keine Herausforderung. In der jüngsten Geschichte hatte es noch nie eine Situation gegeben, in der nicht zumindest zwei oder drei Seemächte auf dem Kontinent, sobald verbündet, die englische Flotte in Verlegenheit bringen konnte….Die Briten setzten sich durch und konnten auch in Zukunft willkürlich fremde Schiffe durchsuchen und kapern…..

Ausserdem war das Vereinigte Königreich der grösste Gewinner in den Kriegen mit Frankreich, dem klassischen Konkurrenten, dem ‚Erbfeind‘…

Ein bestraftes Frankreich wäre für den Frieden verloren gewesen, weil es ununterbrochen an die Revision der schmachvollen Verträge denken würde und damit an Krieg. Es gab abenteuerliche Pläne, vor allem von nationalen Deutschen, von Frankreich den Verzicht auf sämtliche Eroberungen seit Ludwig XIV. zu verlangen, also auf die Freigrafschaft Burgung, das Elsass und Lothringen. Der Nationalismus zeigte nun auch unter den Deutschen, wie früher schon unter den Franzosen, seine verheerende Ambivalenz: Andere Nationen durften unterjocht und vergewaltigt werden, sofern es der eigenen Macht diente und Vorteile versprach. Nicht einmal die Elsässer wünschten, wieder Deutsche zu werden….

Die Sittlichkeit und praktische Weltklugheit der alten Staatsräson bewährte sich darin, dass Matternich, Casltereagh, Hardenberg und die Monarchen solche Verirrungen erfolgreich und energisch erstickten…..

Ein paar Grenzorte wie Landau und Saarbrücken abtreten zu müssen, kränkte die Franzosen empfindlich, die eine hohe Auffassung von der Unverletzbarkeit ihrer, aber nicht der Grenzen anderer Staaten hatten. Die Auflage, die in zwanzig Jahren zusammengeraffte Beutekunst wieder ihren rechtmässigen Besitzern zurückzugeben, empfanden sie als Vergewaltigung der Stadt Paris und des gesamten Landes….Mit einer schlauen Verzögerungstaktik gelang es Frankreich, die vollständige Rückgabe zu hintertreiben…Noch heute verleiht die Raubkunst der Napoleonischen Kriege den nationalen Kunstsammlungen im Louvre Glanz und Würde…

Aus den wechselnden europäischen Katastrophen seit 1792 zogen Diplomaten und Monarchen nach dem Sieg über Napoleon die Lehre, die Staatsräson auf Prinzipien zu verpflichten, damit die europäische Staatengemeinschaft sich in einer wahren Union vollende. Diese setzte einen Sinn für Proportionen voraus, für Ordnung und damit für Mässigung des je eigenen Ehrgeizes, um wechselseitiges Vertrauen zu ermöglichen, ohne das keine Gemeinschaft zu funktionieren vermag. Es hatte seit dem 17. Jahrhundert immer wieder Überlegungen gegeben, die lockere europäische Staatengemeinschaft zu einem engeren Bund zusammenzufügen, angeführt von den Grossmächten als eine Art Sicherheitsrat, der beratend und korrigierend eingreift, sobald sich Krisen andeuten, um deren Ausbruch zu verhindern oder sie wenigstens zu verzögern und damit zu entschärfen…Eine solche Politik verlangte eine Übereinstimmung in den Grundsätzen, einen Konsens darüber, was den einzelnen Bundesgenossen zuzumuten sei und welche Leistungen ihnen abverlangt werden dürfen. Ohne eine gewisse Aufrichtigkeit im Umgang miteinander und ohne den Willen, Eintracht zu wahren, liessen sich solche Ziele nicht verwirklichen….

Fortan sollten sich die europäischen Staaten nicht in Festungen, natürlichen Grenzen und ständiger Kampfbereitschaft suchen, sondern in der Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Nachbarn und im Vertrauen auf Verträge, die mit dem Willen geschlossen wurden, eine gemeinsame Ordnung zu kräftigen…..System kollektiver Sicherheit…der Versuch, Politik und Ethik miteinander zu versöhnen…die unzulängliche Vernunft der Staaten mit christlicher Lebensklugheit in Einklang zu bringen…

Sämtliche Vorstellungen über Recht und Gerechtigkeit oder Sittlichkeit im Umgang miteinander liessen sich von ihrer christlichen Interpretation gar nicht trennen, selbst wenn sein von antiken Philosophen stammten…

Metternich..in der festen Überzeugung, dass ein praktisches Christentum ein besseres Einvernehmen unter den Europäern unterstützen und Minister wie Monarchen davon abhalten könne, ihren Egoismus zu verabsolutieren….

Nach den Erfahrungen mit dem entfesselten Egoismus der Französischen Revolution und des napoleonischen Imperialismus schien es ihnen geboten, der Politik mit dem Recht Zügel anzulegen und den Kampf aller gegen alle in den internationalen Beziehungen durch Konventionen und Respekt vor ihnen abzumildern…

Wiener Friedensordnung ..als Rahmen, innerhalb dessen Bewegungen und Veränderungen stattfinden konnten, der aber grundsätzlich nicht mehr in Frage gestellt werden sollte…

..lehnten die Briten den Plan Metternichs ab, auch das Osmanische Reich in das europäische System einzubeziehen und seinen Grenzen die gleiche Unverletzlichkeit zu garantieren wie denen der übrigen Staaten. Metternich sah im Osmanischen Reich eine Ordnungsmacht, die auch der europäischen Ordnung insgesamt zugute käme….

Galt bislang das Imperium Romanum als das verlorene Ideal einer europäischen Einheit, so war diese Idee durch Napoleons Universalmonarchie endgültig diskreditiert worden. Von nun an orientierten sich die Europäer am griechischen Modell der Hegemonie und der föderativen Zusammenschlüsse. Beides widersprach einander nicht, weil auch Staatenbündnisse auf eine oder mehrere führende Mächte angewiesen sind.

Die Monroe-Doktrin der USA mit dem Interventionsverbot für Europäer in Amerika…Die Idee der unpolitischen Handelsfreiheit und Marktbeherrschung durch die Tüchtigen diente ihnen..als moralische Rechtfertigung einer immer aggressiveren Aussenpolitik….

Die Folgen der Juli-Revolution von 1830, die eine Epoche bürgerlicher Vorherrschaft und nationaler Unabhängigkeitsbewegungen in Mittel- und Südeuropa auslöste, erschütterte die Wiener Ordnung nicht sonderlich. Der nach einem Aufstand in Brüssel freie, von den Niederlanden unabhängige Staat Belgien störte höchstens England, das sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals einen Staat wünschte, der sich mit Preussen im Hinterland französischer Angriffe erwehren konnte. Die grossen Niederlande waren ein künstliches Gebilde gewesen, von den Engländern ersonnen ohne Rücksicht darauf, dass die katholischen Flamen und Wallonen – jahrhundertelang von den spanischen oder deutschen Habsburgern regiert – sich ihren protestantischen Nationalverwandten immer stärker entfremdet hatten…

Die Franzosen spürten den Frieden als Last, ohne eine revisionistische Politik wagen zu dürfen…

England als Hüterin der Wiener Ordnung wünschte kein grundsätzlich anderes Europa, um nicht Frankreich die Chance zu eröffnen, während einer umfassenden Krise seine frühere Hegemonie wiederzuerlangen….

Die Gefahr, die angeblich von Russland ausging, wurde von der britischen Presse masslos übertrieben, seine militärische Stärke vollkommen überschätzt….Der ungemeine Verdruss britischer Regierungen ergab sich aus dem für sie ärgerlichen Umstand, dass Russen darüber befanden, wann das Gleichgewicht in Europa aus der Balance geraten konnte….

Die dauerhafteste Gefahr erwuchs der Ruhe Europas aus der orientalischen Frage. Es rächte sich, dass das Osmanische Reich nicht in den europäischen Frieden einbezogen und dessen Grenzen in Wien nicht international garantiert worden waren.

Der Aufstand der Griechen und ihr Kampf um Unabhängigkeit von den Türken seit 1820 konfrontierten die europäischen Mächte mit der Zukunft des Osmanischen Reiches unter dem Druck von Nationalismus, der nun den Balkan, aber auch Ägypten erreicht hatte….

Die Nationalidee musste in einem Reich vieler Völker und Religionen wie Sprengstoff wirken und damit die Existenz des Osmanischen Reiches überhaupt in Frage stellen, wenn andere Völkerschaften sich die Griechen zum Vorbild nahmen, etwa auf dem Balkan, und der nationale Gedanke von dort auf Mitteleuropa oder hinüber nach Polen ausstrahlte….

Alle fünf Grossmächte beteuerten, die Existenz des Osmanischen Reiches verteidigen zu wollen. Aber zumindest drei, die einander nicht über den Weg trauten – Frankreich, England und Russland – gewöhnten sich allmählich an den Gedanken eines freien Griechenlandes. Die Griechen selber waren ihnen dabei..ziemlich gleichgültig. Es ging ihnen darum, in Konstantinopel ausschlaggebenden Einfluss zu gewinnen und die jeweils anderen als Konkurrenten zu schwächen oder auszuschalten. Die nun einsetzenden Intrigen und Grabenkämpfe im Namen der Sicherheit des Osmanischen Reiches wirkten nach und nach vollends destabilisierend. Es begann, wie Metternich befürchtet hatte, die Balkanisierung der europäischen Politik, weil sich – seit auch die Serben nach Autnomie strebten – die Grossmächte ununterbrochen in die inneren Angelegenheiten dieser aufständischen, nominell noch türkischen Regionen einmischten….

Österreich und Preussen, die konsequenten Verfechter einer Politik der Distanz zu sämtlichen Befreiungsbewegungen und national-religiösen Aufständen, gerieten ..mit den drei anderen Grossmächten aneinander. 1830 mussten sie sich auf der Londoner Konferenz in die Souveränität Griechenlands fügen, die auf dem Balkan wie ein Aufruf zur Rebellion verstanden wurde und diese Region zu einem dauernden Unruheherd machte….

1840 konnten Österreich und Preussen erfolgreich vermitteln, als Frankreich wegen seiner Unterstützung Muhammed Ali Paschas eine Orientkrise auslöste, die erstmals die Gefahr eines allgemeinen Krieges heraufbeschwor…..

Die Monarchen konnten sich behaupten und die Revolutionen von 1848/49 besiegen…Die Revolutionen waren nicht gescheitert, wie es so oft heisst. Die wichtigsten rechtsstaatlichen Forderungen wurden von den Monarchen bewilligt, weil sie auf die Mitarbeit der besitzenden Klassen angewiesen waren, um gemeinsam die unruhigen unteren Klassen im Zaum zu halten….Die Krone und die Bürger, der König und das Geld, der wahre König der Epoche..hatten für einige schreckliche Momente ihrem wahren Feind – dem Proletarier – ins Auge blicken müssen. Das genügte, um sie zu einer Interessengemeinschaft zusammenzuschweissen, die Thron und Börse repräsentierte…

Der britische Aussenminister (Palmerston) kämpfte gegen ein Phantom, gegen Russland, das gar nicht zu Europa gehöre…‘This monster of an empire“ liess sich nur aus Europa verdrängen, wenn die Wiener Ordnung umgestürzt und Russland für immer aus der Pentarchie ausgeschlossen würde. Dazu war Palmerston während des Krimkriegs von 1853-56 entschlossen…..konnten indes nur schlecht verbergen, dass das grösste Verbrechen Russlands gegen die Menschlichkeit darin bestand, ein Konkurrent Englands zu sein, dessen blosse Existenz unvereinbar mit der Sicherheit Grossbritanniens war…

Lord Palmerston..drängten auf einen allgemeinen Kreuzzug. Dabei wurde zum ersten Mal ein dramatisch ideologisierter „Westen“ als religiöse Wertegemeinschaft und radikaler Gegenentwurf dem Reich des Bösen, dem „Osten“ gegenübergestellt…..zum Schutz der eigenen Sicherheit sollten England…berechtigt sein, jenen Staat zu zerstören, der angeblich für den eigenen zur Gefahr geworden war. Deshalb schien es ihm geboten, Russland auf ein Grossfürstentum Moskau zu begrenzen…Ein solches Programm zur Vernichtung einer klassischen Grossmacht liess sich nur verwirklichen, wenn Österreich und Preussen bereit waren, für England einen Stellvertreterkrieg zu führen…Napoleon III. war realistischer als Palmerston…ein grosser Vernichtungskrieg, ohnehin bedenklich, war ganz aussichtslos, wenn sich die deutschen Mächte nicht beteiligten…Die österreichische Regierung setzte Russland ungeschickt mehrmals unter Druck…Preussen gab seine Neutralität nicht auf…Die Folgen für Österreich waren fürchterlich: Russland war tödlich beleidigt, Frankreich nicht überzeugt und England verärgert….Österreich stand völlig allein da. Zum Ausbruch eines allgemeinen Krieges, der sich zum Weltkrieg hätte ausweiten können, kam es nicht, weil die USA damals eine Vernichtung Russlands nicht hingenommen hätten. Aber Europa war in Unordnung geraten…England löste sich nach dem unnützen Krimkrieg schnell wieder aus seiner Entente cordiale mit Frankreich, ohne Russland, dem erklärten Feind und Bösewicht, etwas anhaben zu können, weil Preussen sich jeder antirussischen Politik verweigerte…

Das europäische Konzert war im Krimkrieg zerbrochen…

Der Pariser Friedenskongress 1856 sollte gleichsam feierlich eine neue Epoche einleiten, doch die neue Epoche war nicht die eines Friedens, sondern mehrerer Kriege, die sich dennoch zu keinem grossen europäischen Krieg auswuchsen – dank des Preussen Bismarck, des wahren Erben Metternichs…

Das europäische Konzert war eingerichtet worden, um Europa vor der Destabilisierung durch Nationalstaaten zu bewahren. Als es wegen der Uneinigkeit der Grossmächte seit 1856 nicht mehr handlungsfähig war, nutzten Camillo Benso Graf von Cavour und Otto von Bismarck diese für sie günstige Gelegenheit zu politischen Improvisationen, die zum italienischen und deutschen Nationalstaat führten…..Habsburgermonarchie weitgehend isoliert in Europa…sardisch-französischer Krieg gegen Österreich 1859, ..Deutsch-Dänische Krieg 1864, ..Deutsche Krieg 1866 und der Deutsch-Französische Krieg 1879/71 regional begrenzte Auseinandersetzungen…

Diese Kriege bestätigten,…wie sehr Europas Ruhe lange Zeit auf der Fähigkeit der russischen Regierung beruht hatte, zwischen Preussen und Österreich notfalls sehr energisch zu vermitteln….

Der preussische Ministerpräsident Bismarck hatte keine nationalen Kriege, sondern Kabinettskriege geführt. Er suchte weder totale Niederlage noch bedingungslose Kapitulationen und war bemüht, im besiegten Gegner sofort um den künftigen Freund zu werben. Das setzte kurze Kriege und vernünftige Friedensverträge voraus….

Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn verständigten sich ab 1872 abermals auf einen friedlichen Dualismus…

Russland entschloss sich in europäischer Verantwortung, auch zu Österreich-Ungarn wieder freundschaftliche Beziehungen aufzunehmen. Die alte Heilige Allianz fand 1881 als Dreikaiserbündnis wieder zusammen, bald um Italien erweitert. Mittelpunkt und Schwerpunkt dieser Allianz in Europa war das Deutsche Reich. Bismarck versicherte allen Europäern, dass dieses Reich saturiert sei, bedürfnislos und ohne den Ehrgeiz, seine Grenzen zu erweitern…

Die Deutschen in Österreich und Ungarn forderte er sehr energisch auf, nicht auf ein gross-deutsches Reich zu hoffen, sondern sich als loyale Staatsbürger an ihrem jeweiligen Platz zu bewähren…

Ein Deutsches Reich, das sich bewusst mit der kleindeutschen Lösung begnügte, bot Russland und Österreich-Ungarn, den beiden Imperien, die viele Völker in einer Ordnung zusammenfassten, den besten Schutz vor der Sprengkraft nationalistischer Strömungen….

Die drei Kaiser – seit 1881 wieder vereint – bildeten..eine Interessengemeinschaft..

Hatte früher Metternich für Harmonie unter den drei Souveränen gesorgt, so war es jetzt Bismarck, der geduldig..und einfühlsam.. für Eintracht unter den drei Souveränen sorgte…

Gegen die drei Kaiser war in Europa nichts auszurichten. Sie definierten das Gleichgewicht…

Deutsch-französische Annäherungen…Zu Bismarcks Zeiten wurden..die Grundlagen für eine geistige und wirtschaftliche Verflechtung beider Staaten gelegt, die vor dem Ersten Weltkrieg ungewöhnliche Fortschritte machte…

Die Deutschen hatten seit Jahrhunderten fast nur gute Erfahrungen mit Russen gemacht…

Bismarck…gab sich nie Illusionen darüber hin, dass die Briten nach wie vor dazu neigten, das Deutsche Reich wie eine abhängige, auf britische Gelder angewiesene Macht zu behandeln…

Das Deutsche Reich war ein liberaler Rechtsstaat und demokratischer als das Vereinigte Königreich, weil in ihm das gleiche, geheime und allgemeine Wahlrecht, ein demokratisch-revolutionäres Recht, galt….

Der britische Premierminister Benjamin Disraeli..bemühte sich 1878 auf dem Berliner Kongress, die für ihn unheilige Allianz der drei Kaiser auseinanderzubringen und damit England wieder zu entscheidender Mitsprache in Europa zu verhelfen…Sein antirussischer Auftritt in Berlin verursachte erhebliche Spannungen unter Russen und Deutschen, die jedoch beigelegt werden konnten. Allerdings verdeutlichten sie abermals, dass es England nicht um den Frieden in Europa ging, sondern um politische Niederlagen seiner Erbfeinde, jetzt vor allem Russland, aber auch Frankreich…

Imperialer Wettbewerb im Orient. Der Frieden in Europa beruhte auf der Auslagerung der Konflikte in die Kolonien oder auf den Balkan, in den vorderen Orient und an die afrikanische Mittelmeerküste. Die Europäer hatten eine Vorstellung von der Alten Wert verloren, zu der sie einmal seit Alexander dem Grossen gehört hatten, die von Gibraltar bis zum Hindukusch reichte….

Bismarck warnte die Europäer immer wieder, doch nicht wegen orientalischer Fragen ihre Einheit zu verspielen: „Bulgarien, das Ländchen zwischen Donau und Balkan, ist überhaupt kein Objekt von hinreichender Grösse, um daran Konsequenzen zu knüpfen, um seinetwillen Europa von Moskau bis an die Pyrenäen und von der Nordsee bis Palermo in einen Krieg zu stürzen, dessen Ausgang kein Mensch vorhersehen kann; man würde am Ende des Krieges kaum mehr wissen, warum man sich geschlagen hat.“ (1887, Rede im Deutschen Reichstag)…

Der Freiheitskampf der Bulgaren hatte seinerzeit Begeisterungsstürme auf den Britischen Inseln geweckt……‘Türkengreuel‘….1877 sprach keiner mehr von der türkischen Unmenschlichkeit. Denn inzwischen waren die Russen auf dem Balkan einmarschiert, um zusammen mit Serben und Motenegrinerern den Bulgaren in ihrem Kampf..gegen die Türkei zu helfen. Das war nicht gut für England. Und was nicht gut für England war, konnte überhaupt nicht gut sein….

Die Balkanisierung der europäischen Politik…Es waren die Europäer, die im Namen Europas, des Friedens und der Gerechtigkeit ein klassisches Reich der Alten Welt, das ein wirkliches Weltreich war und Asien, Europa und Afrika miteinander verband, endgültig ruinierten und dort ein Vakuum schufen….An dieser Zerstörung waren zuallererst Franzosen und Engländer beteiligt, später dann Russen und Österreicher, zuletzt auch Deutsche und Italiener. Die Franzosen hatten um 1800 begonnen, das Heilige Römische Reich deutscher Nation als lästige Antiquität, weil übernationale Einrichtung, zu beseitigen. Zwei andere übernationale Reiche, Russland und Österreich-Ungarn, beteiligten sich im späten 19. Jahrhundert an der Ausplünderung und Auflösung des noch verbliebenen dritten übernationalen Reiches, des osmanischen. Sie ahnten nicht, dass sie damit andere aufforderten, ihrem Beispiel zu folgen.

Der Balkan und der Orient boten den europäischen Grossmächten, die nach gesteigertem Prestige und einer Bestätigung als Macht suchten, einen Ersatzschauplatz. Dort konnte jeder seine Muskeln spielen lassen..Das ging lange gut, weil das Deutsche Reich sich konsequent aus allen Orientfragen heraushielt und die Raufbolde gegebenenfalls zur Ordnung rufen konnte oder wegen guter Beziehungen zu den beiden anderen Kaisern von vornherein schlichtend einzugreifen vermochte….Aber ab 1900 wurde das Deutsche Reich selber zunehmend ein interessierter Mitspieler auf dem Balkan und im Orient. Die ab 1903 im Osmanischen Reich und dessen Nachfolgestaaten errichtete Bagdadbahn stand symbolisch für einen Grossraum, der wirtschaftlich von Deutschen dominiert wurde und von Lübeck bis zum Persischen Golf reichen sollte. Solche geopolitischen Träumereien mussten unweigerlich zu Spannungen mit allen übrigen Mächten führen….da das östliche Mittelmeer seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu der Region wurde, wo über den Rang einer Grossmacht entschieden wurde, konnte sich das Deutsche Reich aus diesem Raum nicht länger heraushalten. Es wurde selber zur Partei und fiel als Vermittler aus….

Seit der imperiale Wettbewerb der Grossmächte auf dem Balkan und im Orient ausgetragen wurden, geriet die Pentarchie in zunehmende Schwierigkeiten…..Der zunehmende Nationalismus weniger von Politikern und Staatsmännern als von Vereinen und Organen der öffentlichen Meinung …….Es war ein Nationalismus der Angst, möglicherweise nicht mehr stark genug zu sein, um sich in der Konkurrenz der Mächte als Grossmacht zu behaupten. Erstaunlicherweise überschätzte jede europäische Grossmacht die Möglichkeiten ihrer Nachbarn und unterschätzte ihre eigene Kraft…..

Um eine solche Gefahr zu bannen, gab es unter den europäischen Mächten immer wieder Überlegungen, sich zu den Vereinigten Staaten von Europa zusammenzuschliessen, um auf diese Weise gemeinsam gegen die Konkurrenz der beiden Weltreiche der Zukunft – USA und Russland – bestehen zu können. Schon der greise Metternich hatte die Europäer 1854 vor den USA gewarnt, die sich anschickten, den Pazifik zu ihrem Meer zu machen und bald Kuba erobern würden. Es waren die USA, die 1898 Spanien in einen kurzen Krieg gleichsam aus der Welt verdrängten…..

Der Krieg der USA gegen Spanien verdeutlichte, dass das europäische Staatensystem an Bedeutung verlor….Der Sieg der Japaner in der Seeschlacht bei Tsushima 1905 über die russische Flotte, die vollständig vernichtet wurde, beendete die Epoche der europäischen Vorherrschaft. Es war der erste Sieg von Asiaten seit Jahrhunderten über eine europäische Macht, und dieser Sieg war eine Katastrophe für Europa. Den Frieden zwischen Russland und Japan vermittelten die USA, nicht die europäischen Mächte…..

Russland gehörte auf einmal wieder zur Europa…und hatte vorübergehend das Ansehen eingebüsst, zur Weltmacht berufen zu sein…..

Das europäische Konzert und mit ihm die Einheit Europas waren ungemein gefährdet, weil in jedem Block die Angst, die Verbündeten könnten sich als unzuverlässig erweisen, sofort in Panik umschlug, sobald Franzosen und Deutsche sich näherkamen oder Russen mit Deutschen nach besserer Verständigung suchten….

Woodrow Wilson, 26.10.1916

„Keine einzelne Tatsache hat den Krieg hervorgerufen, sondern im letzten Grunde trägt das ganze europäische System die tiefere Schuld am Kriege, seine Verknüpfung von Bündnissen und Verständigungen, ein verwickeltes Gewebe von Intrigen und Spionagen, das mit Sicherheit die ganze Völkerfamilie in seine Maschen fing.“

Woodrow Wilson und die USA entschieden sich dennoch im April 1917, in den Grossen Krieg einzutreten, weil die Gelegenheit für sie günstig war, mit einer Intervention die Alte Welt als veraltete zu überwinden und durch neue Grundsätze zu verändern….

Der Erste Weltkrieg ist die Urkatastrophe Europas, weil er die Nation und deren Besonderheiten über alles in der Welt erhob….

Das Deutsche Reich musste in dem am 28. Juni 1919 unterzeichneten Vertrag von Versailles den Frieden von Brest-Litowsk widerrufen. Die Ergebnisse des deutschen Sieges kamen den neuen Feinden der Russen allerdings sehr gelegen: eine freie Ukraine und ein freies Polen als Bollwerk des freien Westens gegen den kommunistischen Osten….

Im Osten befand sich wegen des russischen Bürgerkriegs noch alles in unübersichtlicher Bewegung. Die Polen waren eine aktive Partei und führten Krieg in der von den Deutschen als unabhängige Nation anerkannten Ukraine, in Russland, in Litauen, auch kurz gegen die Tschechoslowakei….

Frankreich dachte 1919 hingegen nur an seine Sicherheit und England an die nachhaltige Ausschaltung eines wirtschaftlichen Konkurrenten….

Der Krieg, der gemäss Völkerbundmoral alle Kriege ein und für alle Male beenden sollte, endete mit einem Frieden, der den Frieden unmöglich machte – ‚a peace to end peace‘, eine Formel, die der britische Offizier Archibald Wavell prägte…..“