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Buchempfehlungen 2017-04-12T21:17:13+00:00

Buchrezensionen

Niccolò Machiavelli

Discorsi

Insel Verlag, 2000

ISBN 978-3-458-34251-9

(Machiavelli: 1469 -1527)

„…..Ich sehe, wieviel Ehre man dem Altertum erweist, wie oft man, um nur dieses Beispiel zu erwähnen, das Bruchstück einer alten Bildsäule zu hohem Preis kauft, um es zu besitzen, wie man sein Haus damit schmückt, es von den Künstlern nachahmen lässt, und wie diese dann eifrig bestrebt sind, es in allen ihren Werken anzubringen. Andrerseits sehe ich die kraftvollsten Unternehmungen der Geschichte, die Taten der alten Reiche und Republiken, der Könige, Feldherren, Bürger, Gesetzgeber und aller, die für ihr Vaterland gearbeitet haben, viel mehr bewundert als nachgeahmt. Ja man weicht überall derart von ihnen ab, dass uns von jener alten Tüchtigkeit kein Hauch mehr geblieben ist. So muss ich mich denn zugleich wundern und betrüben, zumal ich sehe, wie man im bürgerlichen Rechtsstreit und bei Krankheiten immerfort auf die Urteile und Heilmittel zurückgreift, die von den Alten gefällt oder verordnet wurden. Denn was sind die bürgerlichen Gesetze anderes als Urteilssprüche der alten Rechtsgelehrten, die, in ein System gebracht, das Muster unsrer jetzigen Rechtsprechung bilden? Ebenso ist die Heilwissenschaft nichts andres als die von den alten Ärzten gemachte Erfahrung, auf die die jetzigen ihre Wissenschaft gründen. Nichtsdestoweniger greift bei der Errichtung der Republiken, der Erhaltung der Staaten, der Regierung der Reiche, der Einrichtung des Heerwesens und der Kriegführung, bei der Rechtsprechung über die Untertanen und der Erweiterung der Herrschaft kein Fürst oder Freistaat, kein Feldherr oder Bürger auf die Beispiele der Alten zurück.

Das kommt nach meiner Ansicht sowohl von der Schwäche, zu welcher die gegenwärtige Religion die Welt erzogen hat oder von dem Schaden, den ehrgeiziger Müssiggang vielen Ländern und Städten der Christenheit zugefügt hat, als vielmehr von dem Fehler jeder wahren Geschichtskenntnis, da man beim Lesen der Geschichte weder ihren Sinn begreift, noch den Geist der Zeit erfasst. Zahllose Leser finden nur Vergnügen daran, die bunte Mannigfaltigkeit der Erkenntnisse an sich vorüberziehen zu lassen, ohne dass es ihnen einfällt, sie nachzuahmen. Sie halten die Nachahmung nicht nur für schwierig, sondern für unmöglich, als ob Himmel, Sonne, Elemente und Menschen in Bewegung, Gestalt und Kräften anders wären als ehedem.

Von diesem Irrtum möchte ich die Menschen befreien……

Liest man die Urgeschichte Roms, wie es gegründet wurde und welches seine Gesetzgeber waren, so wundert man sich nicht, dass sich jahrhundertelang so grosse Kraft in dieser Stadt erhielt und dass aus dieser Republik allmählich ein Weltreich entstand. Um zunächst von ihrem Ursprung zu reden, schicke ich voraus, dass alle Städte entweder von Eingeborenen der Gegend oder von Fremden erbaut werden.

Das erste tritt ein, wenn die Bewohner sich infolge ihrer zerstreuten Siedlungsweise nicht sicher fühlen…..Athen…Venedig….

Im zweiten Fall wird eine Stadt von Fremden erbaut, und zwar entweder von freien Männern oder von abhängigen. Dahin gehören die Kolonien, die von einer Republik oder von einem Fürsten angelegt werden, um sich der überschüssigen Menschen zu entledigen, oder um ein neu erobertes Gebiet ohne Kosten zu sichern…..

Oder sie werden von einem Fürsten gegründet, nicht zum Wohnsitz, sondern zu seinem Ruhme, wie die Stadt Alexandria von Alexander dem Grossen. Da aber diese Städte nicht freien Ursprungs sind, so machen sie selten so grosse Fortschritte, dass sie zu Hauptstädten eines Reiches emporsteigen….

Die Menschen arbeiten entweder aus Not oder aus eigenem Antrieb, und zwar zeigt sich da die grössere Arbeitsamkeit, wo die Arbeit am wenigsten von unsrem Belieben abhängt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, zur Städtegründung unfruchtbare Gegenden zu wählen, wo die Menschen mehr zur Arbeit gezwungen sind und sich weniger dem Müssiggang ergeben können, somit desto einträchtiger leben, da sie bei der Armut der Gegend weniger Anlass zu Zwistigkeiten haben….Nun wäre eine solche Wahl ohne Zweifel die klügste und nützlichste, wenn die Menschen sich mit dem Ihrigen begnügten und nicht andern gebieten wollten. Da sie sich aber nur durch Macht sichern können, so muss man durchaus die unfruchtbaren Gegenden meiden und sich an den fruchtbarsten Orten niederlassen, wo man sich dank der Ergiebigkeit des Bodens ausbreiten und nicht nur jeden Angreifer abwehren, sondern auch jeden niederwerfen kann, der der eignen Ausbreitung entgegentritt. Was aber den Müssiggang betrifft, zu dem eine günstige Lage verleiten kann, so müssen die Einwohner durch Gesetze zu den Pflichten gezwungen werden, zu denen sie die Lage nicht zwingt.

Hier muss man die weisen Gesetzgeber nachahmen…um der Gefahr des Müssigganges infolge des milden Himmelsstrichs vorzubeugen, nötigten sie die zum Kriegsdienst bestimmten Männer zu soldatischen Übungen…

Glücklich der Staat, der einen Weisen hervorbringt, der ihm bleibende Gesetze gibt, unter denen er lange Zeit sicher leben kann!

Über achthundert Jahre hat Sparta die Gesetze des Lykurgs befolgt, ohne sie anzutasten und dass eine gefährliche Umwälzung stattfand. Weit schlechter daran ist ein Staat, dem kein weiser Gesetzgeber beschieden ward, und der sich selbst eine neue Ordnung geben muss. Am unglücklichsten aber ist der Staat, wo am wenigsten Ordnung herrscht, und das ist der Fall, wenn seine Einrichtungen ganz vom geraden Weg abweichen, der ihn zum wahren Ziel der Vollkommenheit führen kann. Denn befindet er sich auf dieser Bahn, so ist es fast unmöglich, dass er durch irgendein Ereignis wieder ins Geleise kommt….

die Mehrzahl der Menschen stimmt einem neuen Gesetz, das eine Neuordnung des Staatswesens bezweckt, nur dann zu, wenn sie dessen Notwendigkeit einsehen, und da diese Notwendigkeit nur bei Gefahr eintreten kann, so geht der Staat leicht zugrunde….

Einige politische Schriftsteller nehmen drei Regierungsformen an, nämlich die Monarchie, Aristokratie und Demokratie, für deren eine sich der Begründer eines Staates je nach der Zweckmässigkeit entscheiden müsse. Andre dagegen, und nach der Ansicht vieler die Klügeren, sind der Ansicht, dass es sechs Regierungsformen gibt, von denen drei abscheulich, die drei andern an sich zwar gut seien, aber so leicht ausarteten, dass sie verderblich würden. Die guten sind die drei oben genannten, die schlechten sind drei andere, die aus ihnen entstehen. Jede von ihnen ist der, aus der sie entsprungen ist, so ähnlich, dass der Übergang von der einen zur andern sehr leicht ist.

Denn die Monarchie artet leicht zur Tyrannis, die Aristokratie zur Oligarchie und die Demokratie zur Zügellosigkeit aus.

Führt also der Begründer eines Staates eine der drei ersten Formen ein, so ist es nur für kurze Zeit. Es lässt sich durch nichts verhindern, dass sie in ihr Gegenteil umschlägt, denn Tugend und Laster wohnen hier dicht beieinander………….

Im Anfang der Welt, als die Menschen noch spärlich waren, lebten sie zerstreut wie die Tiere. Später, als ihr Geschlecht sich vermehrte, schlossen sie sich zusammen und begannen, um sich besser verteidigen zu können, den Stärksten und Tapfersten unter ihnen zu achten, machten ihn zu ihrem Oberhaupt und gehorchten ihm….Um..Übeln vorzubeugen, entschloss man sich, Gesetze zu schaffen und ihre Übertretung zu strafen. Hieraus entstand der Begriff der Gerechtigkeit. Infolgedessen sah man fortan bei der Wahl eines Oberhauptes nicht mehr auf den Tapfersten, sondern auf den Klügsten und Gerechtesten. Als man aber später den Fürsten durch Erbfolge und nicht durch Wahl bestimmte, begannen die Erben sofort auszuarten, vergassen die Taten ihrer Vorfahren und wähnten, die Fürsten hätten nichts weiter zu tun, als die andern in Pracht, Zügellosigkeit und jeder Art von Üppigkeit zu übertreffen. So wurde der Fürst verhasst und begann sich wegen dieses Hasses zu fürchten. Von der Furcht ging er bald zu Gewalttaten über, und so entstand bald Tyrannis.

Das war der Anfang der Umstürze, der Meutereien und Verschwörungen gegen die Fürsten. Deren Anstifter aber waren nicht die Furchtsamen und Schwachen, sondern die Edelmütigsten, Hochherzigsten, Reichsten und Vornehmsten, die das schimpfliche Leben des Fürsten nicht ertragen wollten. Die Menge folgte dem Ansehen dieser Mächtigen, erhob die Waffen gegen den Fürsten, vertrieb ihn und gehorchte ihren Befreiern. Da diesen der Fürstenname verhasst war, bildeten sie aus ihrer Mitte eine Regierung (Anmerkung: „Aristokratie“) und hielten sich, der früheren Tyrannis eingedenk, anfangs im Rahmen der von ihnen gegebenen Gesetze, ordneten ihren eigenen Vorteil dem Gemeinwohl unter und verwalteten und erhielten die öffentlichen und Privatangelegenheiten mit grösster Sorgfalt. Dann aber ging die Regierung auf ihre Söhne über, die den Wechsel des Glücks nicht kannten und nie das Unglück erfahren hatten. Sie wollten sich mit der bürgerlichen Gleichheit nicht begnügen, sondern ergaben sich der Habsucht, dem Ehrgeiz, den Gelüsten nach Frauen und machten die Herrschaft der Vornehmen zur Herrschaft der Wenigen, ohne Rücksicht auf die bürgerlichen Rechte. So erging es ihnen in kurzem wie dem Tyrannen.

Die Menge ward ihrer Herrschaft überdrüssig und schloss sich jedem an, der Miene machte, die Herrschenden zu stürzen; und so erhob sich bald einer, der sie mit Hilfe der Menge vertrieb. Nun war die Erinnerung an den Fürsten und an seine Bedrückung noch frisch; man hatte die Herrschaft der Wenigen gestürzt und wollte die des Fürsten nicht wieder aufrichten: so ging man zur Volksherrschaft über (Anmerkung: „Demokratie“), in der weder einige Machthaber noch ein Fürst irgendwelche Gewalt erhielten. Da nun jede Regierungsform zu Anfang einige Ehrfurcht einflösst, erhielt sich die Volksherrschaft eine Weile, aber meist nicht lange, besonders wenn das Geschlecht, das sie eingeführt hatte, ausgestorben war. Bald kam es zur Zügellosigkeit, die weder von Privat- noch vor Amtspersonen haltmachte, und da jeder auf seine Art lebte, fügte man sich täglich tausendfaches Unrecht zu. So kehrte man denn notgedrungen, sei es unter dem Einfluss eines redlichen Mannes, oder um der Zügellosigkeit zu entgehen, von neuem zur Fürstenherrschaft zurück, und aus dieser von Stufe zu Stufe, in der nämlichen Art und aus  denselben Gründen, wieder zur Zügellosigkeit.

In diesem Kreislauf hat sich die Regierung aller Staaten bewegt und bewegt sich noch, und doch kehren sie selten zu den gleichen Regierungsformen zurück; denn kaum ein Staat besitzt so viel Lebenskraft, dass er solche Umwälzungen mehrmals durchmachen kann, ohne zugrunde zu gehen. Wohl aber geschieht es, dass ein Staat in seinen Wirren, wenn es ihm dauernd an Kraft und gutem Rat fehlt, in die Gewalt eines Nachbarstaates kommt, in dem bessere Ordnung herrscht..

Nach meiner Meinung sind alle diese Staatsformen verderblich, die drei guten wegen ihrer Kurzlebigkeit und die drei andern wegen ihrer Schlechtigkeit. In Erkenntnis dieser Mängel haben weise Gesetzgeber jede von ihnen an sich gemieden und eine aus allen dreien zusammengesetzte gewählt. Diese hielten sie für fester und dauerhafter, da sich Fürsten-, Adels- und Volksherrschaft, in ein und demselben Staat vereinigt, gegenseitig überwachen.

Unter den Verfassungen, die in dieser Hinsicht das meiste Lob verdienen, steht die des Lykurg; denn er gab in Sparta dem König, dem Adel und dem Volk sein Recht und schuf damit einen Staat, der zu seinem höchsten Ruhm über achthundert Jahre in völliger Ruhe bestanden hat….

Doch kommen wir zu Rom.

..die Uneinigkeit zwischen dem Volk und Senat (führte) so viele günstige Umstände herbei, das der Zufall das tat, was der Gesetzgeber versäumt hatte. Wenn also Rom nicht das erste Glückslos zog, so doch das zweite, und wenn seine ersten Einrichtungen mangelhaft waren, so führten sie doch nicht von dem geraden Weg zur Vollkommenheit ab. Denn Romulus und all überigen Könige gaben viele gute, auch der Freiheit gemässe Gesetze; da aber ihr Zweck die Gründung eines Königreiches und nicht eines Freistaates war, so fehlten in Rom, als es frei wurde, viele für die Freiheit nötige Einrichtungen…. Als nun die Könige aus den oben genannten Gründen die Herrschaft verloren, setzten ihre Vertreiber an Stelle der Könige sofort zwei Konsuln ein und verdrängten damit nur den Königsnamen, nicht die Königsgewalt aus Rom. Infolgendessen bestand der Staat nun aus Konsuln und Senat, also nur aus zweien der oben genannten drei Formen, der Fürsten- und Adelsherrschaft, und es blieb noch der Volksherrschaft Raum zu geben. Als daher der römische Adel aus den unten anzuführenden Gründen übermütig wurde, erhob sich das Volk gegen ihn, und um nicht alles zu verlieren, musst er dem Volk seinen Anteil an der Regierung abtretren…So entstand die Einrichtung der Volkstribunen, durch die der Staat vollends befestigt wurde, denn nun waren alle drei Regierungsformen vertreten….Die Mischung aller drei Regierungsformen führte zu einem vollkommenen Staat, und diese Vollkommenheit entsprang aus der Uneinigkeit zwischen Volk und Senat…

Wie alle politischen Schriftsteller beweisen und zahlreiche geschichtliche Beispiele bezeugen, muss der Ordner eines Staatswesens davon ausgehen, dass alle Menschen böse sind und stets ihrer bösen Gemütsart folgen, sobald sie eine Gelegenheit dazu haben. Bleibt diese Bosheit eine Weile verborgen, so rührt das von einer verborgenen Ursache her, die erst erkannt wird, wenn die Bosheit zum Ausdruck kommt. Dann enthüllt sie die Zeit, die man die Mutter der Wahrheit nennt.

So schien in Rom vor der Vertreibung der Taquinier die grösste Eintracht zwischen Volk und Senat zu herrschen. Die Adligen schienen ihren Hochmut abgelegt zu haben und volksfreundlicher und verträglicher auch gegen den Geringsten geworden zu sein. Es war aber bloss Verstellung, deren Grund man bei Lebzeiten der Tarquinier nicht merkte. Denn nur aus Furcht vor diesen und aus Besorgnis, das Volk möchte sich ihnen bei schlechter Behandlung anschliessen, benahm der Adel sich leutselig gegen das Volk. Als aber die Tarquinier tot waren und der Adel nichts mehr zu fürchten hatte, begann er das Gift, das er in seiner Brust verborgen hatte, gegen das Volk auszuspeien und es auf alle mögliche Weise zu kränken. Das ist ein Beweis für obige Behauptung, dass die Menschen nur aus Not etwas Gutes tun. Sobald ihnen aber freie Wahl bleibt und sie tun können, was sie wollen, gerät alles drunter und drüber. Darum sagt man, Hunger und Armut machen die Menschen arbeitsam und Gesetze machen sie gut. Wo etwas von selbst gut geht, sind Gesetze unnötig, hört aber die gute Gewohnheit auf, so werden sie gleich notwendig. Nach dem Tod der Tarquinier, die den Adel durch Furcht im Zaum hielten, musst man also an eine neue Einrichtung denken, die das gleiche wie bei Lebzeiten der Tarquinier bewirkte.

So kam es nach vielen Unruhen, Aufständen und gefährlichen Kämpfen zwischen Volk und Adel zur Einsetzung der Volkstribunen, die für die Sicherheit des Volkes zu sorgen hatten, und diese schalteten mit so grossen Vorrechten und solchem Ansehen, dass sie fortan stets die Mittler zwischen Volk und Senat sein und dem Übermut des Adels entgegentreten konnten….

Gute Beispiele entstehen aus guter Erziehung, diese aus guten Gesetzen und die guten Gesetze aus jenen Kämpfen, die viele unüberlegt verdammen. Wer ihr Ergebnis genau prüft, wird finden, dass sie…Gesetze und Einrichtungen zum Besten der öffentlichen Freiheit hervorriefen…

Von weisen Gesetzgebern wurde der Schutz der Freiheit stets zu den notwendigsten Einrichtungen einer Republik gezählt….

Werden..Leute aus dem Volke zu Hütern der Freiheit bestellt, so werden sie vernünftigerweise mehr dafür sorgen, und da sie selbst sie nicht vergewaltigen können, auch andre daran hindern.

Andrerseits sagen die Verteidiger der Verfassungen Spartas und Venedigs, man tue in doppelter Hinsicht gut, den Schutz der Freiheit den Grossen anzuvertrauen. Einmal befriedige man dadurch deren Ehrgeiz..und zweitens nähme man dadurch den unruhigen Köpfen im Volke eine Gewalt, die in einer Republik zu zahllosen Zwistigkeiten und Unruhen führen..könne…..Als Beleg führen sie gerade Rom an, wo die Volkstribune jene Gewalt in Händen hatten und sich trotzdem nicht mit einem plebejischen Konsul begnügten, sondern alle beide haben wollten, ja die Zensur, die Prätur und alle anderen Staatsämter….

Beispiele bieten..für das Altertum Sparta, für die Gegenwart Venedig.

In Sparta herrschte ein König mit einem kleinen Senat; in Venedig hat die Regierung keine verschiedenen Bezeichnungen, sondern alle, die an ihr teilnehmen können, heissen Edelleute. Der Zufall schuf diese Staatsform mehr als die Weisheit der Gesetzgeber, denn es hatten sich…zahlreiche Einwohner auf die Inseln zurückgezogen, auf denen heute Venedig steht, und als die Volkszahl so zunahm, dass sie Gesetze brauchten, um in Gesellschaft zu leben, richteten sie eine Regierung ein und versammelten sich oft, um über die Angelegenheiten der Stadt zu beraten. Als sie ihre Zahl für ein Gemeinwesen hinreichend hielten, schlossen sie alle Neuhinzugekommenen von der Regierung aus. Mit der Zeit, als durch die Zunahme der ausgeschlossenen Einwohner das Ansehen der an der Regierung teilnehmenden stieg, nattne man diese Edelleute und die anderen Volk…..

Sparta..konnte sich so lange erhalten, weil die Einwohnerzahl klein war, Fremde nicht aufgenommen und Lykurgs Gesetze in Ehren gehalten wurden.

In allen menschlichen Dingen zeigt sich bei genauer Prüfung das gleiche: nie kann man einen Übelstand beseitigen, ohne dass ein anderer daraus entsteht…Daher muss man stets das erwählen, was den kleineren Nachteil bringt, und diesen Beschluss für den besten halten, denn es gibt nichts, was nicht seine Schattenseite hat…..

Wer also eine Republik neu ausrichten will, muss zuvor prüfen, ob sie wie Rom an Ausdehnung und Macht zunehmen, oder ob sie in engen Grenzen bleiben soll. Im ersten Fall muss er sich Rom zum Muster nehmen und sich Aufstände und allgemeine Zwistigkeiten gefallen lassen; denn ohne grosse Menschenzahl und Kriegstüchtigkeit kann ein Staat nie wachsen noch, wenn er wächst, sich behaupten.

Im zweiten Fall kann er sich nach Sparta und Venedig richten; da aber für solche Republiken die Vergrösserung Gift ist, muss der Gesetzgeber auf alle Weise das Erobern verbieten, weil Eroberungen eine an sich schwache Republik völlig zugrunde richten, wie man an Sparta und Venedig sieht….

Aus zwei Gründen bekriegt man einen Staat, einmal, um sein Herr zu werden, und zweitens aus Furcht, von ihm unterjocht zu werden….

Ich halte es für nötig, die Einrichtungen Roms nachzuahmen und nicht die der anderen Republiken, denn ein Mittelding zwischen beiden lässt sich nicht finden. So muss man denn die Zwistigkeiten, die zwischen Senat und Volk entstehen können, als ein notwendiges Übel hinnehmen, ohne das Rom nicht zu seiner Grösse gelangt wäre……….

Wie nötig in einer Republik die Ankläger zur Erhaltung der Freiheit sind.

Den Hütern der Freiheit einer Stadt kann man kein nützlicheres und nötigeres Recht geben, als die Bürger, die etwas gegen die Freiheit des Staates unternehmen, beim Volk, bei einer Behörde oder einem Rat zu verklagen. Diese Einrichtung hat für eine Republik zwei sehr günstige Wirkungen. Erstens wagen die Bürger aus Furcht vor Anklagen nichts gegen den Staat zu unternehmen, und wagen sie es doch, so werden sie unverzüglich und rücksichtslos bestraft. Zweitens wird den Missstimmungen Luft geschaffen….Finden diese Missstimmungen keinen gesetzmässigen Ausweg, so machen sie sich gewaltsam Luft, und das kann zum völligen Untergang des Staates führen. Nichts macht eine Republik fester und dauerhafter als eine gesetzliche Einrichtung, durch die sich solche gehässigen Leidenschaften entladen können……

Es genügt in einer Republik nicht, einen Mächtigen vor acht Richtern anzuklagen. Es müssen viele Richter sein, denn Wenige werden es stets mit den Wenigen halten…..

Vollständig gesorgt ist dafür nur, wenn man Anklagen vor vielen Richtern anordnet und diesen gehöriges Ansehen verleiht. Diese Einrichtung war in Rom so gut getroffen, dass bei den zahlreichen Zwistigkeiten zwischen Volk und Senat weder der Senat noch das Volk, noch irgendein einzelner jemals darauf verfiel, fremde Hilfe herbeizurufen. Man hatte das Mittel zu Hause und brauchte es nicht auswärts zu suchen….

Es ist eine allgemeine Regel, dass eine Republik oder ein Königreich niemals oder nur selten von Anfang an gut eingerichtet oder vollkommen neu gestaltet wird, wenn es nicht durch einen einzigen geschieht, der den Plan angibt und aus dessen Geist alle Anordnungen hervorgehen. Deshalb muss ein weiser Gesetzgeber einer Republik, der nicht sich, sondern dem Allgemeinwohl, nicht seinen eigenen Nachkommen, sondern dem gemeinsamen Vaterland nützen will, nach der unumschränkten Gewalt streben. Kein vernünftiger Mensch wird ihn wegen einer ausserordentlichen Handlung tadeln, die er zur Gründung eines Reiches oder zur Einrichtung einer Republik ausführt. Spricht die Tat gegen ihn, so muss der Erfolg ihn entschuldigen, und ist dieser gut, wie bei Romulus, so wird er ihn immer entschuldigen.

Tadel verdient nicht, wer Gewalt braucht, um aufzubauen, sondern um zu zerstören.

Freilich muss er so klug und tugendhaft sein, dass er die Gewalt, die er an sich gerissen hat, nicht an einen andern vererbt. Denn da die Menschen mehr zum Bösen als zum Guten neigen, könnte sein Nachfolger die Macht, die er zum Guten gebraucht hat, zu seinem Ehrgeiz missbrauchen…..

Schändlich und verabscheuungswürdig sind..die Zerstörer der Religionen, die Zertrümmerer der Reiche und Republiken, die Feinde der Tüchtigkeit, der Wissenschaften und jeder Kunst, die dem Menschengeschlecht Nutzen und Ehre bringt, als da sind die Gottlosen und Gewalttätigen, die Unwissenden und Müssiggänger, die Niederträchtigen und die Taugenichtse…………

Das Heil einer Republik oder eines Reiches beruht..nicht auf einem Fürsten, der zeitlebens weise regiert, sondern darauf, dass er dem Staat Einrichtungen gibt, durch er sich auch nach seinem Tode erhalten kann…..

Da..die Kirche nicht imstande war, Italien zu erobern, aber auch nicht erlaubte, dass es von einem andern erobert wurde, hat sie es verschuldet, dass es nicht unter ein Oberhaupt kam, sondern unter vielen Fürsten und Herrschern blieb. Dadurch entstand solche Uneinigkeit und Schwäche, dass Italien nicht nur zur Beute mächtiger Barbaren, sondern eines jeden wurde, der es angriff. Das danken wir Italiener der Kirche und niemand anderem…..

Zahllose Beispiele aus der alten Geschichte zeigen, wie schwer es für ein an Fürstenherrschaft gewöhntes Volk ist, seine Freiheit zu behaupten, wenn es sie durch irgendein Ereignis erlangt hat…..ein solches Volk ist nichts als ein unvernünftiges Tier, das von Natur wild und unbändig, aber stets eingesperrt und in Knechtschaft gehalten ist und dann zufällig ins freie Feld gelassen wird, wo es die Beute des ersten wird, der es wieder an die Kette legen will. Denn es ist nicht gewöhnt, sich seine Nahrung zu suchen, und kennt die Schlupfwinkel nicht, in die es sich verbergen könnte……Zu der oben genannten Schwierigkeit tritt noch eine andre, nämlich, dass ein Staat, der frei wird, sich wohl Feinde, aber keine Freunde im Innern erwirbt. Zu Feinden werden alle, die von der tyrannischen Regierung Vorteile hatten und von den Reichtümern der Fürsten zehrten……Freunde erwirbt sich ein solcher Staat nicht, denn ein Freistaat setzt Ehren und Belohnungen nur für rühmliche und bestimmte Handlungen aus…..Auch glauben die, denen die Ehren und Vorteile zufallen, sie verdient zu haben, fühlen sich daher denen, die sie ihnen erteilen, nicht zu Dank verpflichtet….nie wird jemand einen Dank dafür wissen, dass er ihm kein Unrecht tut. Darum wird ein neu entstehender Freistaat wohl Feinde, aber keine Freunde haben….

Wer daher die Regierung eines Volkes übernimmt, sei es in freiheitlichen oder in monarchischen Formen, und sich nicht vor den Gegnern dieser neuen Ordnung sichert, dessen Staat wird nicht lange bestehen…..

Die…, die nur sicher leben wollen, sind leicht zufriedengestellt, wenn er Einrichtungen und Gesetze schafft, die mit seiner eignen Macht die öffentliche Sicherheit erhalten. Tut ein Fürst das, und sieht das Volk, dass er bei keiner Gelegenheit die Gesetze bricht, so wird es bald anfangen, sicher und zufrieden zu leben….

Bedenkt man, wie verderbt die Könige geworden waren, so brauchten nur noch zwei bis drei solcher Regenten zu folgen, und ihre Verderbtheit hätte sich durch die Glieder des Staatskörpers verbreitet; in diesem Fall aber war eine Neuordnung des Staates unmöglich. Da jedoch das Haupt fiel, als der Körper noch unversehrt war, so konnte man leicht zu einer freien, geordneten Verfassung zurückkehren.

Es muss als unumstössliche Wahrheit gelten, dass ein verderbter Staat, der unter einem Fürsten lebt, nie frei werden kann, auch wenn der Fürst mit seinem ganzen Stamm vertilgt wird; vielmehr wird ein Fürst nur den andern verdrängen……

Nachdem die Römer Afrika und Asien bezwungen und fast ganz Griechenland unterworfen hatten, machten sie sich keine Sorgen mehr um ihre Freiheit und glaubten, keine gefährlichen Freinde mehr zu haben. Infolge dieser Sorglosigkeit und dieser Schwäche der Feinde sah das römische Volk bei der Wahl der Konsuln nicht mehr auf Tüchtigkeit, sondern es entschied nach Gunst und wählte Leute, die den Bürgern zu Gefallen redeten, nicht aber solche, die am besten zu siegen verstanden. Später wandte es sich von denen, die am meisten in Gunst standen, zu denen, die die meiste Macht hatten. Durch die Mängel dieser Einrichtung blieben die Tüchtigen ganz ausgeschlossen…

Was ..die Gesetzgebung betraf, so konnte ein Tribun oder irgendein Bürger dem Volke ein Gesetz vorschlagen, für oder gegen das jeder Bürger sich äussern konnte, ehe darüber beschlossen wurde. Diese Einrichtung war gut, solange die Bürger gut waren; dennn es war immer gut, dass einer, der etwas zum Besten des Volkes weiss, es vorschlagen und dass jeder seine Meinung darüber sagen kann, damit das Volk jeden anhören und dann das Beste wählen kann. Als jedoch die Bürger schlecht geworden waren, wurde diese Einrichtung sehr schlecht; denn nur die Mächtigen schlugen Gesetze vor, nicht zugunsten der allgemeinen Freiheit, sondern zur Vergrösserung ihrer Macht, und aus Furcht vor ihnen konnte niemand widersprechen. So wurde das Volk betrogen oder gezwungen, sein eigenes Verderben zu beschliessen.

Wollte sich Rom also in seiner Verderbtheit frei erhalten, so musste es in dem Masse, wie es neue Gesetze schuf, auch neue Einrichtungen schaffen, denn einem kranken Körper muss man andre Regeln und eine andre Lebensweise vorschreiben als einem gesunden, und dieselbe Form passt nicht für einen völlig veränderten Stoff…………

Aus alledem ergibt sich die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit, in verderbten Städten eine Republik zu erhalten oder zu begründen….

Nach einem ausgezeichneten Fürsten kann sich ein schwacher halten; nach einem schwachen aber kann sich mit einem zweiten schwachen kein Reich behaupten…

Nach der Vertreibung der Könige war Rom frei von der..Gefahr, dass ein schwacher oder schlechter Herrscher zur Regierung kam. Denn die höchste Gewalt lag nun in der Hand der Konsuln, die nicht durch Erbfolge, List oder Gewalt, sondern durch freie Wahl zur Macht gelangten und stets ausgezeichnete Männer waren. Durch ihre Tapferkeit und ihr Glück schrittweise gefördert, erklomm Rom den Gipfel seiner Macht…..Denn wie man an Philipp von Mazedonien und Alexander dem Grossen sieht, genügt schon die Aufeinanderfolge zweier tapfrer Fürsten, um die Welt zu erobern…

Sehr tadelnswert sind die Fürsten und Republiken, die keine eigene Kriegsmacht haben…

Erstens soll man nie mit einem Teil seiner Streitkräfte sein ganzes Schicksal aufs Spiel setzen.

Zweitens werden in einem wohlgeordneten Staat niemals Verbrechen durch Verdienste aufgewogen.

Drittens ist es nie klug, Verträge zu schliessen, deren Nichterfüllung man fürchten kann oder muss…………

Es galt nie für weise, sein ganzes Glück in Gefahr zu bringen, ohne dabei alle Streitkräfte einzusetzen….

Die Herren des Geldes

Liaquat Ahamed (FinanzBuch Verlag)

„Die Geschichte des Abstiegs vom rauschenden Boom der Zwanzigerjahre in die Weltwirtschaftskrise kann man auf verschiedene Weise erzählen. Liquat Ahamed schildert sie, indem er den Männern über die Schulter schaut, die für die vier wichtigsten Zentralbanken der Welt verantwortlich waren: die Bank of England, die Federal Reserve, die Reichsbank und die Banque de France……Montagu Norman…Emile Moreau…. Hjalmar Schacht…Benjamin Strong….

Wie vier Bankiers die Weltwirtschaftskrise auslösten und die Welt in den Bankrott trieben….

Was für eine aussergewöhnliche Episode im ökonomischen Fortschritt war dieses Zeitalter, das im August 1914 zu Ende ging (John Maynard Keynes, Krieg und Frieden)…

1914 lag London im Zentrum eines ausgefeilten internationalen Kreditnetzwerks, das auf dem Goldstandard basierte. Das System hatte zu einer bemerkenswerten Ausweitung des Handels und des Wohlstands auf der ganzen Welt geführt…Der internationale Handel boomte, weil europäisches Kapital frei rund um den Globus strömte. Es finanzierte Häfen in Indien, Kautschukplantagen in Malaya, Baumwolle in Ägypten, Fabriken in Russland, Weizenfelder in Kanada, Gold- und Diamantenminen in Südafrika, Rinderfarmen in Argentinien, die Eisenbahnverbindung von Berlin nach Bagdad, den Suez- und den Panamakanal….

Mehr als alles andere, mehr sogar als der Glaube an den freien Handel, war der Goldstandard der Totempfahl dieser Ära. Gold war das Lebensblut des Finanzsystems. Er war der Anker der meisten Währungen, es lieferte die Grundlage für Banken, und in Zeiten von Krieg und Panik diente es als sicherer Hafen…..

1909 veröffentlichte der britische Journalist Norman Angell…eine Broschüre mit dem Titel ‚Europas optische Illusion“. Die These..lautete, die ökonomischen Vorteile eines Krieges seien so illusorisch..und die kommerziellen Verbindungen zwischen den Ländern seien nun so ausgeprägt, dass kein vernünftiges Land daran denken würde, einen Krieg zu beginnen…..

Aber weil sie zu sehr auf die Rationalität der Nationen vertrauten und sich durch die ausserordentlichen wirtschaftlichen Errungenschaften dieses Zeitalters beindrucken liessen…schätzten sie die Wahrscheinlichkeit völlig falsch ein, dass ein Krieg unter Beteiligung aller grossen europäischen Mächte ausbrechen würde….

Die Bankiers und Ökonomen waren derart selbstgefällig, dass sie sich sogar die Überzeugung erlaubten, die Disziplin des ‚vernünftigen Geldes‘ werde alle Beteiligten zur Vernunft bringen und ein Ende des Krieges erzwingen…

Während die Finanziers in Europa zusahen, wie ihr Kontinent in den Untergang rutschte, wie das Kreditsystem unter seiner eigenen Last zusammenbrach, wie die Börsen rund um die Welt den Handel einstellten und der Goldstandard zum Stillstand kam, klammerten sie sich an die Hoffnung, der Welthandel werde nur für kurze Zeit unterbrochen, und danach werde die Welt wieder zum vorherigen Zustand zurückkehren. Nur wenige ahnten, dass sie gerade die letzten Zuckungen einer ganzen Wirtschaftsordnung erlebten. Die Experten schienen vergessen zu haben, dass zu den ersten Opfern des Krieges nicht nur die Wahrheit gehört, sondern auch die vernünftige Finanzpolitik…..

Die meisten von Keynes‘ Bloomsbury-Freunden waren überzeugte Kriegsgegner. Im Verlauf des Krieges wurde auch er selbst immer enttäuschter über die schreckliche Verschwendung, die vielen Toten, die Weigerung der Politiker, über eine Einigung nachzudenken und die stetige Verschlechterung der finanziellen Situation Grossbritanniens….‘Zufrieden stelle ich fest, dass eine spezielle Ära einer speziellen Art von Zivilisation sehr bald vorbei sein wird, weil unsere Führer ebenso inkompetent wie verrückt und böse sind.‘…

Nach dem Krieg wurde Keynes zum Delegationschef des Finanzministeriums bei der Friedenskonferenz in Paris ernannt…Als..die Vereinbarungen des Vertrags veröffentlicht wurden, hatte Keynes, erschöpft und angewidert, keine andere Wahl, als zurückzutreten. Er schrieb Lloyd George: ‚Die Schlacht ist verloren. Ich überlasse es den Zwillingen (Summer und Cunliffe), sich mit der Zerstörung Europas zu brüsten‘….

..das Buch ‚Krieg und Frieden‘…hatte auf der ganzen Welt enorme Auswirkungen auf die Einstellung gegenüber Reparationszahlungen….

Das Problem, die Reparationen aus Deutschland einzutreiben, wurde durch die Kriegsschulden, die gegenüber den USA bestanden, noch wesentlich komplizierter. Grossbritannien war als ‚Bankier der Welt‘ in den Krieg gezogen und kontrollierte über 20 Milliarden Dollar an ausländischen Investitionen. Kein anderes Finanzzentrum – weder Paris noch Berlin und ganz sicher nicht New York – konnte Londons Stellung als Mittelpunkt des weltweiten Finanzsystems auch nur annähernd gefährden. Durch London flossen zwei Drittel der Handelskredite, die den Güterstrom rund um den Globus ermöglichten und die Hälfte aller langfristigen Investitionen auf der Welt – über 500 Millionen Dollar pro Jahr….Frankreich ..hatte ebenfalls neun Milliarden Dollar im Ausland angelegt, wovon erstaunliche fünf Milliarden Dollar in Russland investiert waren.

Um die vier langen und zerstörerischen Jahre zu bezahlen…musste jedes europäische Land möglichst umfangreiche Kredite aufnehmen…..Das Ergebnis war eine seismische Verschiebung des Kapitalflusses rundum die Welt. Grossbritannien und Frankreich waren gezwungen, riesige Teile ihrer Auslandsinvestitionen zu liquidieren, um wichtige Rohstoffimporte finanzieren zu können. Beide mussten schliesslich hohe Kredite bei den USA aufnehmen. Am Ende des Krieges schuldeten die alliierten Mächte Europas..den Vereinigten Staaten etwa zwölf Milliarden Dollar….

Gegen Ende der Friedenskonferenz beschloss Maynard Keynes…einen umfassenden Plan für die finanzielle Rekonstruktion Europas zu entwerfen. Die Reparationen sollten auf fünf Milliarden Dollar festgelegt werden. Deutschland sollte sie in Form langfristiger Anleihen an die Alliierten bezahlen, die sie wiederum zur Begleichung ihrer Kriegsschulden an die US-Regierung weiterreichen sollten…Das war ein kluger Plan. Im Prinzip sollte die amerikanische Regierung Deutschland Geld leihen, das dann zur Bezahlung der Reparationen an die Alliierten fliessen sollte. Diese wiederum könnten damit ihre Schulden bezahlen. Das Geld würde in den USA mit ihren enormen Goldvorräten zu fliessen beginnen und dann in einem vollständigen Kreislauf dorthin zurückströmen…..

Wenn die Reparationen die Beziehungen zwischen den europäischen Ländern vergifteten, taten dies die Kriegsschulden im Verhältnis zwischen den USA und ihren wichtigsten Verbündeten, England und Frankreich….

Der Goldstandard hatte im späten 19. Jahrhundert nur funktioniert, weil die Entdeckung neuer Goldvorkommen zufällig mit dem Wirtschaftswachstum Schritt hielt. Es gab keine Garantie, dass sich dieser historische Zufall fortsetzen würde…Die Einstellungen gegenüber Papiergeld hatten sich weiterenwickelt, und es war in einer hoch entwickelten modernen Volkswirtschaft nicht nötig, dass die Bestände an Edelmetallen die Kreditschaffung regulierten….

Inflation viel mehr..als einfach nur steigende Preise..ein subtiler Mechanismus zum Transfer von Wohlstand zwischen sozialen Gruppen – weg von Sparern, Gläubigern und Lohnabhängigen und hin zu Regierung, zu Schuldnern und Geschäftsleuten…

Während des Krieges hatte der Goldzufluss in die USA die Preise um 60 Prozent nach oben getrieben…Die Fed begann daher, die Auswirkungen des zusätzlichen Goldes auf die Geldmenge abzufedern, indem sie die Kreditsumme einschränkte, die an Banken ausgegeben wurden. So wurde jede zusätzliche Liquidität durch die Goldzuflüsse wieder ausgeglichen. Nachdem er die einfachen Funktionsweisen des Goldstandards aufgegeben hatte, die die Kreditschaffung einzig und allein an die Goldreserven banden, begann Strong einige alternative Prinzipien der Geldpolitik zu improvisieren…Die Fed sollte versuchen, die Volkswirtschaft genau abzustimmen, indem sie die Kreditvergabe erleichterte, wenn sich die Lage abschwächte und die Kreditzügel anzog, wenn die Wirtschaft stärker wurde…Dieses..stellte eine stille..Revolution in der Geldpolitik dar…Unter Strongs Führung hatte die Fed eine völlig neue Verantwortung übernommen: die Förderung ökonomischer Stabilität im Inland…..1922 war es eine radikale Abkehr von 200 Jahren Zentralbankgeschichte…..

Das bedeutete praktisch, dass die Federal Reserve einen solchen Überfluss an Gold hatte, dass sie von der Zentralbank der USA zur Zentralbank der gesamten industrialisierten Welt geworden war…..

..der Aufsichtsrat (der Fed) ..eine Körperschaft von erstaunlicher Inkompetenz…alles zu sehr von Strong abhing – von seiner Urteilskraft, seinem Geschick, seinem Verständnis….Dass er seine Politik und das dahinterliegende Denken nicht institutionalisiert hatte, führte zu einer Lähmung der Fed durch interne Konflikte, wenn er nicht da war….die Federal Reserve, eine zutiefst uneinige Organisation.., die ihre Rolle noch nicht recht begriff. Ohne Strong wäre sie in den Händen eines bunten Haufens von Geschäftsleuten aus der Kleinstadt und zweitklassigen politischen Hilfsarbeitern ohne Erfahrung im Finanz- oder Zentralbankwesen….

Während Deutschland entschlossen versuchte, sich durch Verhandlungen von der Last der Reparationen zu befreien, entwickelte sich die deutsche Wirtschaftspolitik noch schlechter, als sie im Krieg ohnehin schon gewesen war. Es gab..ständig Unruhen, das Land stand dauernd am Rand einer Revolution..war nicht in der Lage, seine Finanzen zu kontrollieren…Die meisten seiner Finanzprobleme hatte sich Deutschland selbst zuzuschreiben. Dennoch machten die Reparationszahlungen eine ohnehin schon schwierige Finanzsituation endgültig unmöglich. Zur Finanzierung dieser Lücke wandten sich die verschiedenen Regierungen Deutschlands an die Reichsbank, die das Geld drucken sollte.

1914 stand der Dollar-Wechselkurs der Mark bei 4,20….Anfang 1920 ..stand der Dollar bei 65 Mark..das Preisniveau lag neunmal höher als 1914….1922 wurden etwa eine Billion Mark an zusätzlicher Währung in Umlauf gebracht. In den ersten sechs Monaten 1923 waren es 17 Billionen Mark….Die Aufgabe, Deutschland adäquat mit Banknoten zu versorgen, wurde zu einer bedeutenden logistischen Operation, an der…….‘133 Druckereien mit 1783 Maschinen..und mehr als 30 Papierfabriken‘ beteiligt waren…die Reichsbank die Nachfrage nicht befriedigen. 1923 hatte sich die Inflation verselbständigt…daher begannen Städte und Privatfirmen ihr eigenes Geld zu drucken. In den folgenden Monaten erlebte Deutschland die grösste Geldentwertung in der Geschichte der Menschheit. Im August 1923 war ein Dollar 620.000 Mark wert; Anfang November 1923 waren es 630 Milliarden Dollar. Dinge des täglichen Bedarfs kosteten nun Milliarden….Die Inflation veränderte die Klassenstruktur in Deutschland viel stärker als jede Revolution es vermocht hätte. Den reichen Industriellen ging es gut. Ihre grossen Besitztümer realer Vermögensgegenstände – Fabriken, Land, Gütervorräte – stiegen im Wert, während die Inflation ihre Schulden tilgte. Die Arbeiter, vor allem die gewerkschaftlich organisierten, schnitten ebenfalls erstaunlich gut ab….Diejenigen, die das Rückrat Deutschlands bildeten – Beamte, Ärzte, Lehrer und Professoren – waren am schlimmsten betroffen….Ihre Investitionen in Staatsanleihen und Bankguthaben, sorgfältig zusammengetragen in einem von Vorsicht und Disziplin geprägten Leben, waren plötzlich wertlos….Das ganz grosse Geld aber verdienten die Spekulanten… Sie bereicherten sich mehr als sie es sich jemals hätten träumen lassen….

Als die deutsche Gesellschaft zu Fall gebracht wurde, warf man auch die traditionellen Werte über Bord, die sie zu einer so geordneten und konservativen Gemeinschaft gemacht hatten. Der Schriftsteller Stefan Zweig versuchte den Geist der Zeit in seiner Autobiographie zu erfassen. ‚Welch eine wilde, anarchische, unwahrscheinliche Zeit, jene Jahre, da mit dem schwindenden Wert des Geldes alle anderen Werte in Österreich und Deutschland ins Rutschen kamen! Eine Epoche begeisterter Ekstase und wüster Schwindelei, eine einmalige Mischung von Ungeduld und Fanatismus. Alles was extravagant und unkontrollierbar war, erlebte goldene Zeiten.‘….

…rücksichtlose Inflationspolitik…Von Havenstein erkannte nicht, dass Experimente mit der Währung einem Spaziergang auf einer Messerklinge gleichen. Eine moderate Inflationsrate bleibt nicht lange moderat. An einem bestimmten Punkt verlieren die Menschen ihr Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung, den Wert des Geldes zu erhalten, und dann fliehen sie in Panik aus der Währung. In Deutschland wurde dieser Punkt Mitte 1921 überschritten….

„Niemand konnte damit rechnen, dass Ignoranz und eine falsche Theorie zu einem solchen Ausbruch extremen Wahnsinns führen könnten…Die irrsinnigen Ideen der Reichsbank gaben einer Stabilisierung keine Chance“ schrieb der britische Botschafter Lord d’Abernon, ein Experte auf dem Gebiet des Staatsbankrotts. Er hatte immer gedacht, er habe die schlimmsten finanziellen Exzesse und Dummheiten in Ägypten und in der ottomanischen Türkei erlebt. Jetzt musste er feststellen, dass diese im Vergleich zu Deutschland von 1923 fast schweizerisch anmuteten….

Der Dawes Plan

…Das wirklich Neue des Plans war aber, dass er mit einem ausgeklügelten Mechanismus sicherstellte, dass die Reparationen die Mark nicht wieder derart schwächen konnten wie 1922 und 1923….Das zweite und letztlich entscheidende Merkmal des Dawes-Plans war, dass im Ausland ein Kredit von 200 Millionen Dollar besorgt werden sollte, der dabei helfen konnte, die Reparationen des ersten Jahres zu bezahlen, die Reichsbank zu rekapitalisieren und genug Goldreserven aufzubauen, um die heimische Wirtschaft in Schwung zu bringen…..Schacht bestand darauf, der Dawes-Plan sei zum Scheitern verurteilt, weil er die Gesamtsumme der Reparationen nicht verringerte…..Oberflächlich betrachtet schien der Dawes-Plan der Wendepunkt für Europa zu sein….

Die Rückkehr (Englands) zum Goldstandard erwies sich als kostspieliger Fehler…Für den Rest des Jahrzehnts mussten die Zinsen deutlich höher als in anderen Ländern gehalten werden, um einen Rückfluss des Kapitals zu verhindern. Da die Preise um etwa 5 Prozent jährlich sanken, war die Zinslast für Schuldner eine schwere Bürde. Gleichzeitig schleppte sich die britische Industrie in den folgenden Jahren unter Qualen dahin, weil sie auf den Weltmärkten durch hohe Preise benachteiligt war, während die Industrie anderswo auf der Welt boomte.

Die französische Presse hatte schon seit einiger Zeit ihre Empörung über das Spektakel der reichen Amerikaner zum Ausdruck gebracht, die den tiefen Kurs des Franz nutzten, um die schönsten französischen Liegenschaften an der Cote d’Azur und an der Cote Basque aufzukaufen…Die Zeitung ‚Le Midi‘ war dazu übergegangen, Amerikaner als ‚zerstörerische Heuschrecken‘ zu bezeichnen…..

Was in den folgenden Tagen passierte, illustriert die überwältigende Kraft, die psychologische Faktoren damals auf den Devisenmarkt ausübten. Am Tag als Poincaré Premierminister wurde, berührte der Wechselkurs die Marke von 50 Francs je Dollar. Aber bevor er noch die die Möglichkeit hatte, sein Finanzprogramm zu erläutern.., schien schon allein seine Präsenz die Investoren zu beruhigen….stieg der Kurs des Francs..um über 40 Prozent. Diese erstaunliche Erholung schien die These zu bestätigen, dass die Währung im letzten Stadium ihres Zusammenbruchs jede Verbindung zur ökonomischen Realität verloren hatte und von Spekulanten nach unten getrieben wurde….

Eine Spekulationsorgie. Kein anderes Thema führte innerhalb der Federal Reserve zu so vielen Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten, Fehden und Verwirrungen wie die Frage, wie man mit der Börse umgehen sollte….Gestützt von wachsenden Unternehmen wie General Motors wuchs der Aktienmarkt während der Coolidge-Hausse zu einer finanziellen Monstrum heran. Mitte der 1920-er Jahre wurde jedes Jahr eine Milliarde Dollar in neue Investments gesteckt, die Zahl der börsennotierten Unternehmen hatte sich verfünffacht und der Gesamtwert der Aktien war von 15 Milliarden Dollar 1913 auf 30 Milliarden Dollar 1925 gestiegen…von einem Immobilienboom begleitet…Von Palm Beach bis Miami und in den Städten an der Golfküste explodierten die Preise.

Anfang 1927 schien sich Deutschland vollständig von den Albtraumjahren der Hyperinflation erholt zu haben…..Aber Atmosphäre des bevorstehenden Untergangs…..die Wirtschaft boomte…Der Dawes-Plan war ein enormer Erfolg gewesen…in den zwei Jahren seit der Verabschiedung des Plans waren 1,5 Milliarden Dollar ins Land geflossen. So verfügte Deutschland über die für die Reparationen erforderlichen 500 Millionen Dollar und darüber hinaus über einen enormen Überschuss an ausländischem Kapital….aber eine sehr grosse Summe war..absorbiert worden, um Schwimmbäder, Theater, Sportstadien und sogar Opernhäuser zu bauen…unklugen Investitionen und viel Verschwendung…..Deutschland verschuldete sich nun zu stark im Ausland…ein falsches Gefühl der Posperität – eine Chimäre..

Die Deutschen hatten den Fehler der Briten vermieden. Bei einem Wechselkurs von 4,2 Mark je Dollar, den Schacht Ende 1923 festgelegt hatte, waren deutsche Produkte billig. Deutschland hatte ein anderes Problem. In den Albtraumjahren der frühen 1920er hatte es seine Goldreserven verloren und gab nun so viel für Wiederaufbau und Reparationen aus, dass es trotz der starken Kreditaufnahme im Ausland keine neuen Reserven aufbauen konnte…. Fluss ‚heissen‘ Geldes nach Deutschland…

Wie alle Spekulationsblasen begann auch diese mit einer konventionellen Hausse, die fest in der ökonomischen Realität verwurzelt war und von steigenden Gewinnen angetrieben wurde. Von 1922 bis 1927 stiegen die Gewinne um 75 Prozent und der Markt stieg entsprechend…Die ersten Anzeichen für die Auswirkungen anderer, eher psychologischer Faktoren gab es Mitte 1927 bei der Zinssenkung durch die Fed…Die Dynamik zwischen Börsenkursen und Gewinnen schien sich zu verändern…..Es war im Frühsommer 1928, der Dow stand etwa bei 200, als der Markt in der Tat seine Verbindung mit der ökonomischen Realität verlor und abhob in geradezu unvollstellbare Gefilde der Phantasie….Der Markt zeigte sämtliche Symptome einer Manie: die immer geringere Zahl der Aktien, deren Kurse noch stiegen, die landesweite Faszination wegen der Aktivitäten an der Börse, das vorübergehende Geschwätz von einem neuen Zeitalter, die Ausschaltung aller konventionellen Standards der finanziellen Vernunft und die Entstehung einer zusammengewürfelten Armee amateurhafter, schlecht informierter Spekulanten, die auf Basis von Gerüchten und Tippblättern agierte……

Es war die vielleicht perverseste Konsequenz der Spekulationsblase, dass sie wegen der seltsamen Zusammenhänge des internationalen Geldwesens dazu beitrug, Deutschland den Stoss in die Rezession zu versetzen. Fünf Jahre lang waren Scharen von amerikanischen Bankiers nach Berlin gereist, um deutschen Unternehmen und Gemeinden Kredite aufzudrängen. Obwohl Schacht alles versucht hatte, sein Land vor dieser Abhängigkeit von ausländischen Kapital zu bewahren, konnte er wenig daran ändern. In den fünf Jahren von 1924 bis 1928 nahm Deutschland jährlich etwa 600 Millionen an Krediten auf. Davon floss die Hälfte in Reparationen, der Rest stützte die Erholung des Konsums nach den Jahren der Entbehrungen….Was Deutschland Anfang 1929 in die Rezession trieb, war eine Kombination aus der Austrocknung der Auslandskredite aufgrund der Blase am amerikanischen Aktienmarkt und dem immer noch bestehenden Mangel an Vertrauen unter deutschen Geschäftsleuten nach Schachts misslungenem Vorgehen gegen den Aktienmarkt 1927…Als die langfristigen Kredite aus Amerika rarer wurden, war Deutschland gezwungen, immer mehr auf das ‚heisse Geld‘ zu bauen….Daher glitt Deutschland genau zu dem Zeitpunkt in die Rezession ab, als es hinsichtlich der Verschuldung im Ausland immer anfälliger wurde…Der Kollaps der Auslandskredite und die Rezession hätten für Deutschland zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Laut Dawes-Plan hätte sich Deutschland inzwischen völlig erholt haben müssen und sollte 1929 seine Reparationszahlungen auf volle 625 Millionen Dollar pro Jahr erhöhen, was etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprach……

Am Mittwoch, dem 23. Oktober, drückte in den letzten beiden Handelsstunden völlig unerwartet eine plötzliche Lawine von Verkaufsaufträgen, deren Ursprung ein absolutes Mysterium blieb, den Markt um 20 Punkte nach unten. Am folgenden Tag, der bald als schwarzer Donnerstag bekannt werden sollte, kam es zur ersten echten Panik….Während der folgenden Stunde verloren die bedeutendsten Indizes 20 Prozent….

Crashs am Aktienmarkt im 19. und im frühen 20. Jahrhundert waren stets im Zusammenhang mit Bankenkrisen aufgetreten. Es gab zu starke Verbindungen zwischen dem Markt und dem Bankensystem…….

Tatsächlich erwiesen sich die unmittelbaren Auswirkungen auf die USA als wesentlich schwerwiegender als irgendjemand erwartet hatte. Die Industrieproduktion sank im Oktober um fünf Prozent und im November um weitere fünf Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen..schoss im Frühling 1930 auf fast drei Millionen nach oben. Das Land war emotional dermassen in die Launen der Wall Street verstrickt, dass sich die psychologischen Auswirkungen des Zusammenbruchs als sehr tiefgehend erwiesen, vor allem was die Nachfrage der Verbraucher nach teuren Gütern betraf…..

Weil die Vorstellung einer aktiven Geldpolitik zur Bekämpfung des Konjunkturzyklus zu neuartig und das Wissen über das Funktionieren der Wirtschaft so primitiv war, wurden die Debatten zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb der Fed höchst konfus und manchmal gänzlich unverständlich….

Der grosse Crash wurde in Europa mit einer Mischung aus Schadenfreude und Erleichterung begrüsst…..Man hoffte nun, all das von der Wall Street aufgesaugte europäische Kapital werde wieder zurückkommen, den Druck auf die europäischen Goldreserven lindern und es den Ländern wie Grossbritannien und Deutschland ermöglichen, die Kreditbedingungen zu lockern und ihre Wirtschaft wieder in Gang zu bringen…..

Im Dezember 1930 veröffentlichte Maynard Keynes einen Artikel mit der Überschrift ‚Die grosse Baisse von 1930‘, in dem er schrieb, ‚die Welt lebe im Schatten einer der grössten Wirtschaftskatastrophen der modernen Geschichte‘. Im Jahr zuvor war die Industrieproduktion in den USA um 30 Prozent, in Deutschland um 25 Prozent und in Grossbritannien um 20 Prozent gesunken. In den USA suchten über fünf Millionen Menschen nach Arbeit, in Deutschland waren es 4,5 Millionen und in Grossbritannien zwei Millionen. Auf der ganzen Welt waren die Rohstoffpreise zusammengebrochen…..Keynes erkannte, dass es für die einzelnen Zentralbanken schwierig war, allein zu handeln. Um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, benötigte eine Zentralbank genug Gold, das unter dem Goldstandard das entscheidende Rohmaterial für die Kreditschaffung war. Das internationale Währungssystem funktionierte nun aber auf eine recht perverse Art und Weise. Wegen der Furcht der Anleger strömte das Kapital auf der Suche nach Sicherheit in Länder, die wie die USA und Frankreich bereits grosse Geldreserven besassen, und heraus aus Ländern mit nur geringen Reserven wie Deutschland und Grossbritannien…..

Noch weit schädlicher für die internationale Stabilität war allerdings der Goldfluss nach Frankreich, dem einzigen Land in Europa, das gegen den weltweiten wirtschaftlichen Sturm in gewisser Weise immun geblieben war. Emile Moreaus Strategie, den Wechselkurs des Franc recht niedrig zu halten, führte dazu, dass französische Güter preislich weiterhin attraktiv blieben. Folglich schlug sich die Wirtschaft 1929 und 1930 sehr gut, und Kapital floss auf der Suche nach Sicherheit nach Frankreich…L’ile Heureuse….Ohne so recht zu wissen, wie ihm geschah, war Frankreich zur stärksten Volkswirtschaft in Europa geworden….

So dramatisch sie auch ausfiel, war die Pleite der Bank of United States doch gar nicht so ungewöhnlich. Die Vereinigten Staaten hatten schon immer an einem instabilen Bankensystem gelitten – die Folge des Fehlens einer Zentralbank, verschlimmert durch eine erstaunlich zersplitterte Bankenstruktur. Die Gründung der Fed 1913 hatte das erste Problem mehr oder weniger gelöst, führte aber nicht zu einer Änderung der Organisation des Bankwesens im Land….Infolge der immer schwieriger werdenden Zeiten hatten in den ersten neun Monaten des Jahres 1930 700 Banken ihre Türen geschlossen…..

Im Frühjahr 1931 war Deutschland dasjenige der bedeutenden Länder, das durch das Gefühl kollektiver Verzweiflung und individueller Hoffnungslosigkeit am stärksten niedergedrückt wurde. Die offiziellen Zahlen besagten, dass 4,7 Millionen Menschen, 25 % der arbeitsfähigen Bevölkerung und doppelt so viele wie in den USA ohne Arbeit waren…..damals befand sich Deutschland, belastet durch das zweifache Problem der Auslandsschulden und der Reparationen, schon seit Mitte 1929 ständig in einem Zustand fieberhaften Aufruhrs…..Im Oktober 1929, drei Wochen vor dem Crash an der Wall Street, starb Stresemann mit nur 51 Jahren plötzlich an einem Schlaganfall – ein Opfer von Stress und Überarbeitung. Nach der bitteren Enttäuschung über die Verhandlungen zum Young-Plan und Stresemanns Tod verlor Schacht jeden noch verbliebenen Glauben an die amerikanische Lösung…..Schacht legte sein Amt in dem Glauben nieder, die von den Sozialdemokraten dominierte Koalition werde Deutschland in eine finanzielle Katastrophe führen, beschleunigt durch das, was er für eine Auslandsschuldenkrise hielt, aus der es kein Entkommen gab….

Am Freitag, dem 8. Mai, informierte die in Wien ansässige und 1855 von den Rothschilds gegründete Creditanstalt, mit Vermögenswerten von 250 Millionen Dollar und 50 Prozent aller österreichischen Bankkonten die Regierung, sie sei gezwungen für 1930 einen Verlust von 20 Millionen Dollar zu verbuchen, wodurch der grösste Teil ihres Eigenkapitals ausgelöscht wurde. Es handelte sich nicht nur um die grösste, sondern auch um die angesehenste Bank Österreichs……schlug die Nachricht in der Londoner City und in der Bank of England ein wie eine Bombe….Durch die Politik in dieser Situation wurde die Krise unermesslich verkompliziert….

Schacht sprach mit seiner üblichen Selbstsicherheit, drängte das Kabinett, Zahlungen an die ausländischen Gläubiger der Danatbank auszusetzen und sie so zu zwingen, die Folgen ihrer tollkühnen und unvernünftigen Kreditvergabepraktiken zu tragen…..

Die Banken in Deutschland blieben für weitere zwei Wochen geschlossen….Alle Banken in Ungarn wurden für drei Tage geschlossen….Zum zweiten Mal in weniger als acht Jahren stand Deutschland vor einer wirtschaftlichen Katastrophe. Trotz des Chaos blieb es im Land überraschend friedlich…Der britische Botschafter, der nach einigen Wochen der Abwesenheit nach Berlin zurückkehrte, bemerkte, er sei ‚betroffen wegen der leeren Strassen und der unnatürlichen Stille, die über der Stadt hing, besonders aber von der Atmosphäre extremer Anspannung, die in vielerlei Hinsicht dem ähnelt, was ich in den kritischen Tagen kurz vor dem Ausbruch des Krieges in Berlin beobachtet habe…eine fast orientalische Lethargie und Fatalismus‘. ‚Unter solchen Umständen‘, fuhr er fort, ‚ist Dr. Schachts Reputation als Finanzexperte zu neuem Leben erweckt worden, und er ist wieder auf der Bühne erschienen…es gibt kleine, aber immer grösser werdende Kreise, die glauben, Dr. Schacht könnte zum Retter Deutschlands werden, wenn es ihm gelingt, seine Unbeliebtheit im Ausland, besonders in den USA, und bei den Sozialdemokraten im Inland zu überwinden‘…..Der Zusammenbruch des deutschen Bankensystems im Sommer 1931 liess die Wirtschaft erneut nach unten taumeln. In den folgenden sechs Monaten sank die Produktion um weitere 20 Prozent….Fast sechs Millionen Menschen – ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung – waren arbeitslos…..

Derweil tobte in Folge der Bankenschliessungen in Deutschland ein ‚Blizzard‘ durch das weltweite Finanzsystem….Die Weltwirtschaftskrise hatte bereits grosse Teile Südamerikas erfasst……Angesichts dieser Turbulenzen im weltweiten Finanzsystem war die Londoner City, die ihre Fühler in jeder Ecke des Globus hatte, besonders anfällig…..Da Grossbritannien aber nicht mehr in der Lage war, vergleichbare Exportüberschüsse zu erwirtschaften, wie vor dem Krieg, musste die City ihre langfristigen Kreditvergaben mehr und mehr mit kurzfristigen Einlagen finanzieren…..die Verbindlichkeiten lagen in Wahrheit eher bei drei Milliarden Dollar…….Ausserdem war nach der Einführung der deutschen Devisenkontrollen ein hoher Prozentsatz der mit diesen Einlagen vergebenen Kredite eingefroren….Grossbritanniens Problem war nicht das Haushaltsdefizit, sondern die Tatsache, dass es sich an die Rolle des Bankiers der Welt geklammert hatte, aber dafür nicht mehr das Geld oder die nötigen Ressourcen hatte…Mittlerweile war es für die meisten Beobachter zunehmend klar, dass sich Grossbritannien vom Gold lösen musste……Das britische Finanzministerium wurde zur letzten Bastion der Ewiggestrigen….. Nachdem Grossbritannien den Goldstandard verlassen hatte, breitete sich die Krise über den Atlantik aus. In den folgenden fünf Wochen tauschten Europäer 750 Millionen Dollar in Gold um, weil sie befürchteten, die USA seien die nächste Nation, die ihre Währung abwerten werde…….Daher musste sich die Fed bei der Stützung der Währung auf Gold verlassen. Deshalb kam es im Herbst 1931 dazu, dass die Fed verzweifelt an ihren Reserven festhalten musste, obwohl sie eigentlich zwei Milliarden Dollar zu viel davon hatte….Daher erhöhte die Fed im Oktober, mitten in der Depression, während im ganzen Mittleren Westen die Kunden Schlange vor den Banken standen, Tausende von Unternehmen bankrott gingen und die Industrieproduktion mit einer annualisierten Rate von 25 Prozent schrumpfte, die Zinsen von 1,5 auf 3,5 Prozent. Da die Preise jährlich um sieben Prozent sanken, erhöhte diese Massnahme die effektiven Kosten des Geldes auf mehr als zehn Prozent…..Ansturm auf die Banken….

Wenn es in den 1930er-Jahren einen Zeitraum gab, der die Wirtschaftshistoriker quälend verfolgt, schrieb der Ökonom J. Bradford DeLong, dann handelt es sich um den Frühling und den Sommer 1931 – denn damals wurde die schwerwiegende Depression, die im Sommer 1929 in den USA und im Herbst 1928 in Deutschland begonnen hatte, zur Grossen Depression. Die Erschütterungen im Währungs- und im Bankenbereich 1931 veränderten die Eigenschaften des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Als die Preise sanken und die Unternehmen nicht mehr dazu in der Lage waren, ihre Schulden zu bedienen, gab es immer mehr Pleiten, was wiederum die Ausgaben und die wirtschaftliche Aktivität dämpfte. Es kam zu einer zerstörerischen deflationären Stimmung. Da sie weitere Preisrückgänge befürchteten, schränkten die Verbraucher und die Unternehme ihre Ausgaben ein, was die Abwärtsspirale bei Konsum und Investitionen verstärkte…..

Im Februar 1932 setzte er (Meyer) im Kongress durch, dass Regierungsanleihen nun als Stützung der Währung zugelassen wurden. Mit einem einzigen Federstrich wurde der Mangel an Gold beseitigt, was es der Fed ermöglichte, ein massives Programm von Operationen am offenen Markt zu beginnen und insgesamt eine Milliarde Dollar ins Bankensystem zu pumpen…..Aber Meyer kam damit zu spät…..Nach den erschütternden Erfahrungen der beiden vergangenen Jahre vergaben die Banken das auf diese Weise ins System injizierte Geld nicht in Form von Krediten, sondern sie verwendeten es zum Aufbau ihrer eigenen Reserven. Die Summe der Bankkredite schrumpfte weiterhin um 20 Prozent jährlich. Bankiers und Finanziers, die Helden des vergangenen Jahrzehnts, wurden nun zu Prügelknaben….Bankiers galten nun immer mehr als Schurken und Gauner….

‘Wenn sie 25 Dollar stehlen, sind Sie ein Dieb. Wenn Sie 250.000 Dollar stehlen, haben Sie sich einer Veruntreuung schuldig gemacht. Wenn Sie 2,5 Millionen Dollar stehlen, sind Sie ein Finanzier‘, schrieb das Magazin Nation……

Mittlerweile war die Kredit- und Währungsmaschinerie des Landes zum Stillstand gekommen. Das Bankensystem war in 28 Staaten der Union vollständig und in den anderen 20 Staaten teilweise geschlossen…ein Viertel aller Banken im Land war zusammengebrochen…Mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Karl Marx prognostiziert,  der Kapitalismus werde sich durch seine Zyklen von Boom und extremen Rückschlägen schliesslich selbst zerstören…

An seinem allerersten Tag als Präsident war es Roosevelts erste Amtshandlung, jede Bank im Land zu schliessen. Er berief sich auf einen Erlass aus dem Jahre 1917, der Goldlieferungen an den Feind unter Strafe stellte und verordnete Bankferien bis zum Donnerstag, dem 9. März. Gleichzeitig untersagte er den Export und das private Horten von Gold in den USA….Am Donnerstag, dem 9. März, wurde der Emergency Banking Act dem Kongress vorgelegt….zusätzliches Geld zu emittieren…Banken zu unterstützen…Dieses noch nie da gewesene Paket zwang die Fed, ihre Rolle als letzter Kreditgeber des Bankensystems zu erfüllen. Aber um dies zu erreichen, gab die Regierung letztlich die Garantie auf die Einlagen sämtlicher Banken, denen man die Wiedereröffnung erlaubt hatte….Als sich am Montag, dem 13. März, die ersten Banken darauf vorbereiteten, ihre Schalter wieder zu öffnen…bildeten sich vor den Banken lange Schlangen von Anlegern. Aber statt ihr Geld abzuheben, zahlten sie es wieder ein…..dramatische Veränderung der öffentlichen Meinung….‘Der Kapitalismus wurde innerhalb von acht Tagen gerettet‘…

Glass-Steagall Act, ebenfalls Mitte Juni verabschiedet, führte zu einer Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken und garantierte Bankeinlagen bis zu einer Höhe von 2500 Dollar, der Truth in Securities Act legte die vorgeschriebenen Veröffentlichungen bei der Emission neuer Wertpapiere fest…..

Die Rettung der Banken war durch eine der seltsamsten Partnerschaften in der Geschichte der Wirtschaftspolitik ermöglicht worden – zwischen einem demokratischen Finanzminister und seinem republikanischen Vorgänger..

Die Trennung des Dollars vom Gold war der zweite Abschnitt der dramatischen Veränderung des wirtschaftspolitischen Klimas in diesem Frühling, die mit dem Bankenrettungsplan begonnen hatte…Die Abwertung veränderte nicht nur die Dynamik der Ausgaben, sondern sie lieferte auch gleich den dafür nötigen Treibstoff….

Der Weg aus der Sackgasse des Goldstandards war der Schlüssel zur wirtschaftlichen Erholung. Grossbritannien vollzog ihn 1931, und die Erholung begann noch im selben Jahr. Die USA folgten im März 1933, und dieser Zeitpunkt stellte sich später als der Tiefpunkt der Depression heraus. Frankreich behielt die Bindung zum Gold am längsten bei….Erst im folgenden Jahr (1936) gab schliesslich Frankreich den Goldstandard auf, und daher kam es als letztes der bedeutenden Länder aus der Depression heraus.

Die Ausnahme von diesem Muster war Deutschland…So nagelte man sich an einer Art Schattenstandard fest und verzichtete dadurch auf die Vorteile einer billigen Währung…Als Grossbritannien im September das Pfund abwertete, brach der deutsche Aussenhandel völlig zusammen. Die fortgesetzte wirtschaftliche Talfahrt 1932 löste sogar noch weitere politische Unruhen aus. Im Mai 1932 wurde Brüning durch Intrigen der Rechten aus dem Amt gedrängt. Im folgenden Monat erkannten Frankreich und Grossbritannien endlich, dass es in der aktuellen Situation unmöglich war, irgendwelches Geld aus Deutschland herauszuquetschen und verzichteten formell auf sämtliche Reparationen…..hatten die Alliierten, die 32 Milliarden Dollar verlangt hatten….von ihrem alten Feind insgesamt vier Milliarden Dollar erhalten…..Brüning wurde durch Franz von Papen ersetzt…der nichts konnte, ausser gut reiten…..Im Januar 1933 gab der Präsident dem Druck schliesslich nach und ernannte den ‚böhmischen Gefreiten‘ zum Reichskanzler. Zwei Monate später, am 16. März 1933, war Schacht nach einer dreijährigen Unterbrechung wieder bei der Reichsbank….

Gleich nach seiner Amtsübernahme zeigte Schacht das erfinderische Talent, das ihn als den kreativsten Zentralbankier seines Zeitalters auszeichnete und warf sämtliche orthodoxen wirtschaftlichen Massnahmen über Bord. Er startete ein grosses öffentliches Arbeitsprogramm, finanziert durch Kredite von der Zentralbank und das Drucken von Geld. Es war ein bemerkenswertes Experiment auf dem Gebiet, das man später als Keynesianische Wirtschaftspolitik bezeichnen sollte…enorme Zufuhr an Kaufkraft…bemerkenswerte Erholung. Die Arbeitslosigkeit ging von sechs Millionen Menschen Ende 1932 innerhalb von vier Jahren auf 1,5 Millionen zurück. Im selben Zeitraum verdoppelte sich die Industrieproduktion. Zudem handelte Schacht die Rahmenbedingungen der massiven Auslandsschulden Deutschlands neu aus, wobei er seine Gläubiger rücksichtslos gegeneinander ausspielte, vor allem die Briten und die Amerikaner…..Während andere europäische Länder den Wert ihrer Währungen gegenüber dem Gold sinken liessen, weigerte sich Schacht, offiziell die Trennung vom Gold zu vollziehen und die Reichsmark abzuwerten. Motiviert wurde er dabei durch die Sorge um das Prestige Deutschlands und durch die Furcht vor Inflation. Deutsche Produkte waren zu teuer, die Weltmärkte und Deutschlands Export stagnierten. Um mit dem Druck umgehen zu können, der durch den aufgeblähten Wechselkurs der Reichsmark entstanden war, wurde ein ausgefeiltes System von Importkontrollen installiert und der Aussenhandel fand grösstenteils auf Tauschbasis statt. Unter diesem ‚Schacht-System‘ wurde Deutschland von einer offenen, im Westen integrierten Volkswirtschaft zu einer geschlossenen, auf Autokratie ausgerichteten Wirtschaft, die mit dem Osten und dem Balkan verbunden war – ein Vorläufer des ineffizienten sowjetischen Handelssystems der 1950er- und 1960er Jahre. Daher war die Nazi-Wirtschaft..eine wackelige Maschinerie, geplagt von Mangelerscheinungen und extrem abhängig von der Rationierung rarer Konsumgüter….als der Machtmissbrauch des Regimes zunahm, war er immer weniger mit denjenigen einverstanden, die dieses Regime leiteten. Gegenüber anderen Nazi-Grössen wie Himmler, Göring oder Goebbels hatte er immer Distanz gewahrt, hatte sie oft mit Verachtung behandelt und sich dabei auf Hitlers Protektion verlassen. Nun kam es zum offenen Konflikt mit ihnen, speziell wegen der Korruption….viel davon auf ausländischen Konten landete….Immer öfter hörte man ihn über die Nazis als eine Bande von ‚Kriminellen und Gangstern’ reden, sogar Hitler bezeichnete er als ‚Betrüger und Schuft‘…..Im September 1937, nach einem heftigen Streit mit Hermann Göring, wurde Schacht von Hitler als Wirtschaftsminister entlassen und durch Walter Funk ersetzt….In den Jahren unmittelbar vor dem Krieg nahm Schacht eine führende Rolle bei einigen Verschwörungen konservativer Politiker und Geschäftsleute ein, die darauf abzielten, Hitler zur stürzen….Nach dem Kriegsausbruch hielt sich Schacht sehr zurück…….Obwohl Schacht am Rand der Widerstandsbewegung blieb, vertraute man ihm doch nie genug, um ihm Zugang zu dessen innersten Kreisen zu gewähren. Oft wurde sein Name als potentieller Nachfolger Hitlers für den Fall eines Staatsstreichs genannt……Im April 1945 wurde er ins KZ Dachau gebracht….Man brachte sie als potenzielle Geiseln in Sicherheit. Schliesslich wurden sie von den Alliierten aus einem Lager in Tirol befreit. Statt Schacht als Helden zu begrüssen, verhafteten ihn die Amerikaner und er gehörte zu den 24 Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg…..Schacht und von Papen wurden freigesprochen…. Er begann ein neues Leben und eine neue Karriere als unabhängiger Wirtschaftsberater….Schacht starb 1970, im Alter von 93 Jahren und äusserst wohlhabend…

Als er seine Ideen für die Welt nach dem Krieg entwickelte, versuchte Keynes ein internationales Finanzsystem zu schaffen, das wie der Goldstandard auf bestimmten, allerdings weniger strengen Regeln beruhte. Sein Plan sah vor, die Währungen sollten ‚‘zwar verankert, aber anpassbar‘ sein. Im Gegensatz zum Goldstandard, unter dem die Wechselkurse unveränderlich fixiert gewesen waren, sollten die Länder den Wert ihrer Währungen verändern können, wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen änderten. Er war entschlossen, die Zwangsjackenpolitik der Zwanziger- und Dreissigerjahre zu vermeiden, als Grossbritannien und Deutschland gezwungen waren, die Zinsen zu erhöhen und Massenarbeitslosigkeit zu verursachen, um Wechselkurse zu stützen, die in jedem Fall unangemessen waren. Ein zweites Element des Plans war eine internationale Zentralbank….Konferenz …in Bretton Woods..wurde am 30. Juni 1944 eröffnet…kollegiale, fast schon heitere Veranstaltung….

Kann das wieder passieren?..

Einer der Gründe für das Ausmass des weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruchs war, dass es sich…nicht nur um eine Krise handelte, sondern um eine Abfolge von Krisen, die sich immer wieder von einer Seite des Atlantiks auf die andere ausbreiteten. Jede dieser Krisen wurde von den vorherigen verursacht….

Der erste Schock – das plötzliche Versiegen des amerikanischen Kapitalflusses nach Europa 1928, das Deutschland in die Rezession trieb – hat ihr Gegenstück in der Krise des mexikanischen Pesos 1994. In den frühen 1990er-Jahren machte Mexiko, ähnlich wie Deutschland in den 1920er-Jahren, zu viele kurzfristige Schulden. Als 1994 die amerikanischen Zinsen stark anstiegen, fiel es Mexiko, wie Deutschland 1929, zunehmend schwer, seine Kredite zu verlängern und stand vor einer ähnlichen Wahl zwischen Deflation und Staatsbankrott…..

Die zweite Krise aus dieser Reihe, der grosse Crash, fand eines sehr offensichtliche moderne Parallele im Absturz des Aktienmarkts 2000. Beide folgten auf eine extreme Spekulationsblase, in der die Aktien den Bezug zur ökonomischen Realität völlig verloren hatten und enorm überbewertet waren – nach den meisten Massstäben um 30 bis 40 Prozent. In beiden Fällen wurde nach dem Ausverkauf offensichtlich, dass ein grosser Teil des Kursanstiegs von Schurken an der Wall Street und Unternehmensinsidern verursacht worden war. Beide führten zu ähnlichen anfänglichen Vermögensverlusten, gemessen als Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes – etwa 40 Prozent im ersten Jahr – und es folgte jeweils ein scharfer Rückgang der Investitionen….

Die Reihe der Bankpaniken von 1931 bis 1933…zeigte viele der gleichen Eigenschaften wie die derzeitige globale Finanzkrise, die im Sommer 2007 begann und ..das weltweite Bankensystem noch immer belastet. Beide begannen mit Zweifeln über die Sicherheit von Finanzinstituten, die hohe Verluste erlitten hatten…In gewisser Hinsicht ist die derzeitige Krise noch bösartiger als die Bankpaniken von 1931 bis 1933. In den 1930er-Jahren mussten sich die meisten Kunden physisch vor den Banken anstellen, um an ihr Geld zu kommen. Heute werden enorme Geldsummen mit einem Mausklick abgezogen. Zudem ist das Weltfinanzsystem heute sowohl grösser..als auch komplizierter und stärker vernetzt. Der Verschuldungsgrad ist viel höher, und viel mehr Banken verlassen sich auf kurzfristige Finanzierungsquellen, die über Nacht versiegen können. Die Banken der Welt sind also anfälliger als damals.

Und schliesslich hatte auch die europäische Finanzkrise von 1931 ihr Gegenstück in der jüngeren Vergangenheit – die Krise der sogenannten Wachstumsmärkte 1997 und 1998…1997 gab es in Asien eine ähnliche Abfolge von Krisen. Südkorea, Thailand und Indonesien mussten die Zinszahlungen auf mehrere hundert Milliarden Dollar Staatsschulden einstellen. Die asiatischen Währungen brachen gegenüber dem Dollar zusammen. Das führte zum Verlust des Vertrauens in alle Wertpapier aus den Emerging Markets und schliesslich zum Staatsbankrott Russlands und Argentiniens zwei Jahre später…..

..in diesem Buch die Behauptung aufgestellt, dass die grosse Depression weder höhere Gewalt noch das Ergebnis tief verwurzelter Widersprüche des Kapitalismus war, sondern das direkte Resultat einer Reihe von Fehlurteilen der für die Wirtschaftspolitik Verantwortlichen…die dramatischste Abfolge kollektiven Versagens der Finanzverantwortlichen, die es je gegeben hat. Wer war also schuld? Zunächst waren es die führenden Politiker bei der Pariser Friedenskonferenz. Sie bürdeten einer Welt, die sich noch von den Auswirkungen des Krieges zu erholen versuchte, eine gigantische Last an internationalen Schulden auf….Noch wichtiger war, dass diese Schulden die Gefahr von Zahlungsausfällen im weltweiten Finanzsystem massiv erhöhten, und beim ersten Härtetest kam es dann auch dazu. Die zweite Gruppe der Schuldigen umfasst die führenden Zentralbankiers der damaligen Zeit…für den zweiten fundamentalen Fehler der Wirtschaftspolitik in den 1920er-Jahren verantwortlich: die Entscheidung, die Welt zurück zum Goldstandard zu führen….Daher wurde die grosse Depression mehr als durch alles andere durch einen Mangel an intellektuellem Willen und durch fehlendes Wissen über die Funktionsweise der Wirtschaft verursacht….bemühte sich niemand mehr als Maynard Keynes, die hier wirkenden Kräfte zu verstehen….die Wirtschaftswissenschaften seien ‚nicht die Treuhänder der Zivilisation, sondern der Möglichkeit für Zivilistion‘..….Es gibt kein besseres Zeugnis für seine Wirkung auf diese Treuhänderschaft als die Tatsache, dass die Welt, ausgerüstet mit seinen Erkenntnissen, in den mehr als 60 Jahren ..eine ökonomische Katastrophe wie die der Jahre 1929 bis 1933 vermieden hat.

Die Schlafwandler, wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Christopher Clark

…Französich-russisches Militärbündnis von 1994 mit dem Ziel Frankreichs, Deutschland in die Schranken zu weisen und aus Sicht der Russen, um Österreich-Ungarn auf dem Balkan aufzuhalten. Wichtig aus ihrer Sicht war auch, ein Bündnis von England mit dem Dreierbund zu verhindern (Dreierbund: Deutschland, Italien, Österreich-Ungarn).

Zar Alexander III:  „…falls ein Krieg zwischen Russland und Österreich ausbrechen sollte, sei das Ziel des französisch-russischen Bündnisses, Deutschland in seiner jetzigen Form zu ‚vernichten‘. Es solle wiederum ‚in ein eine Anzahl kleinerer, schwacher Staaten zerfallen‘.“…..

Im Jahr 1900 wurde in die Vereinbarung aufgenommen: falls ein britisch-russischer Krieg ausbrechen sollte, würde Frankreich 100.000 Mann an die Kanalküste verlegen, falls ein britisch-französischer Krieg ausbrechen sollte, würde Russland Truppen an die inische Grenze verlegen. Russland sagte zu, das entsprechende Liniennetz mit französischen Geldern auszubauen….

Russland war aber durchaus auch zu guten Beziehungen zu Deutschland interessiert und z.B. nicht bereit, für die Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich zu kämpfen.

Russlands Hauptziel zu dieser Zeit war weniger Mittel- oder Südost-Europa sondern Nordchina.

Bismarck hatte die Annexion Elsass-Lothringens nach dem Krieg 1870/71 für einen grossen Fehler gehalten.

Mit der Zeit entwickelte sich das französich-russische Bündnis dann zu einem Dreierbündnis mit England.

Hinter den Befürchtungen von manchen Personen im englischen Aussenministerium (Edward Grey, Eyre Crowe) verbarg sich unter anderem das geradezu sensationelle Wirtschaftswachstum Deutschlands. Die deutsche Wirtschaftsmacht gab den politischen Ängsten der Entscheidungsträger auf ähnliche Weise Nahrung wie die chinesische Wirtschaftsmacht heute. Deutschland wurde zur Hauptgefahr hochstilisiert und drängte die „grossen Spiele“ in Afrika, China, Persien, Tibet und Afghanistan in den Hintergrund.

Im Jahr 1907 war jedoch alles andere als offensichtlich, dass die neuen Bündnisse Europa in einen Krieg führen würden…Bis zum Jahr 2014 war das englisch-russische Bündnis bereits wieder schwer belastet…Das System musste noch von ausserhalb gezündet werden, mit Hilfe des Auslösers, den die Russen und Franzosen an der österreichisch-serbischen Grenze gelegt hatten….wenn der Auslöser nicht gezündet worden wäre, hätte es durchaus sein können, dass die Kriegsbündnisse nicht sehr viel länger bestanden hätten…das Geflecht der Bündnisse war nicht besonders verlässlich und beständig.

Frankreich finanzierte die massive Aufrüstung in Serbien und Russland.

  1. Juni 1914: Das Attentat auf den österreichischen Tronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau war erfolgreich trotz vorheriger Warnungen und aufgrund unvorstellbarer Sicherheitsmängel.

Der russische Aussenminister Sasonow am 24. Juli 1914: „Wir müssen das Wiener Kabinett sich ganz ins Unrecht setzen lassen“

Im Jahr 1914 verhinderte eine tiefe Kluft der ethischen und politischen Perspektiven einen Konsens und beschädigte das Vertrauen. Darüber hinaus war die Vielschichtigkeit der Krise von 1914 nicht auf die Delegierung von Befugnissen und Zuständigkeiten auf ein einziges politisch-finanzielles Gerüst zurückzuführen, sondern auf die rasch aufeinanderfolgenden Interaktionen schwer bewaffneter, autonomer Machtzentren, die sich unterschiedlichen und rasch wechselnden Bedrohungen stellen mussten und unter hohem Risiko und geringem Vertrauen und Transparenz operierten. Personelle Neuausrichtungen machten das System erheblich undurchsichtiger und unberechenbarer und eine alles durchdringende Stimmung des gegenseitigen Misstrauens wurde gefördert, selbst unter den jeweiligen Bündnisblöcken.

  1. Juli 1914 Ultimatum Österreichs an Serbien
  2. Juli 1914 Russische Kriegsvorbereitungen beginnen
  3. Juli 1914 Österreichische Kriegserklärung an Serbien
  4. Juli 1914 Russische Generalmobilmachung  wird befohlen, kurz danach in Teilmobilmachungsbefehl umgewandelt
  5. Juli 1914 Russische Generalmobilmachung wird befohlen
  6. Juli 1914 Befehl zur österreichischen Generalmobilmachung

1 August 1914 Kriegserklärung Deutschlands an Russland, Mobilmachung

2. August 1914 Deutschland übergibt Ultimatum an Belgien, das abgelehnt wird, die anschliessende Verletzung der belgischen Neutralität führt dazu, dass England in den Krieg eintritt

Der Wiener Kongress

Prof. Eberhard Straub, 2014 Klett Cotta Verlag

Während der Julikrise 1914 endeten hundert Jahre Frieden in Europa, deren Grundlage auf dem Wiener Kongress 1814/15 gelegt worden war. Damals wurde das Konzert der fünf Grossmächte – Russland, Preussen, Österreich, Frankreich und Grossbritannien – das europäische Staatensystem, wie es seit den Friedensschlüssen von Utrecht (1713) und Rastatt (1714) bestand, abermals erneuert, nachdem die Französische Revolution und Napoleon Bonaparte es zerstört hatten….Nichts fürchteten die in Wien versammelten Monarchen und Diplomaten so sehr wie die breiten, schwammigen Begriffe – Gerechtigkeit, Freiheit, Menschlichkeit, Selbstbestimmung und Menschenrechte -, in deren Namen französische Revolutionäre ein knappes Vierteljahrhundert zuvor den vollständigen Umsturz in Europa begonnen hatte, den Napoleon vollendete, indem er die Revolution erfolgreich erstickte….

Dennoch behandelten die Sieger nach der Niederlage Napoleons Frankreich insgesamt glimpflich. Sie dachten nicht an die Vergangenheit mit ihren Schrecknissen, sondern an die  Gegenwart und Zukunft. Ein nicht versöhntes Frankreich würde Europa nicht zur Ruhe kommen lassen und die Revision eines Vertrages planen, der seine Ehre und Würde als Grossmacht empfindlich verletzte….

Zaghafte Versuche, englischer und preussischer Offiziere, französische Kriegsschuld und Kriegsverbrechen zur Sprache zu bringen, wurden von den anderen Mächten abgewiesen, denn souveräne Staaten waren nach europäischen Rechtsvorstellungen niemandem verantwortlich und konnten keine Verbrechen begehen….

Die Kriege ab 1792 wurden von den französischen Revolutionären als totale Kriege geführt, die ersten ihrer Art in der europäischen Geschichte. Die Revolutionäre kämpften nicht gegen einen gleichberechtigten Ehrenmann…vielmehr sahen sie in ihrem Feind einen absoluten Feind, der die Freiheit, die Menschlichkeit, die Menschenrechte bedrohte…Gegen den absoluten Feind ist alles erlaubt, er vertritt eine böse Macht, er ist ein Ungerechter, der sich gegen den Guten und Gerechten empört und Strafe verdient. Bislang unbekannte Aufgaben wurden mit dem Krieg als Strafaktion verknüpft: vernichten, ausrotten, auslöschen, eliminieren….

Alteuropäische Errungenschaften gerieten in Vergessenheit: den Gegner wie einen Gleichen zu behandeln; in der Tradition des Westfälischen Friedens die Frage nach der Gerechtigkeit nicht weiter zu berühren; sowie streng zu unterscheiden zwischen Kombattanten und Zivilisten….

..die fürchterliche Erfahrung, dass zivilisierte Völker nicht weiter von der Barbarei entfernt sind als das glänzendste Eisen vom Rost….die Sieger..enthielten sich jedes moralischen Urteils. Nach 23 Jahren Krieg, dem widerwärtigsten in der gesamten europäischen Geschichte, griffen sie zurück auf das alte Kriegs- und Völkerrecht, das ius publicum europaeum, …das von der Revolution und Napoleon für ungültig erklärt worden war…

Der Krieg wurde wieder zum letzten Mittel der Politik, ganz gleich, ob es sich um einen Angriffs- oder Verteidigungskrieg handelte…

Die aufgeklärten Staatsmänner des Wiener Kongresses..wehrten sich mit der moralisch indifferenten Staatsvernunft gegen revolutionäre Tendenzen, die Politik radikaler Bewegungen zu moralischen Erweckungsgemeinschaften zu überhöhen. Sie wollten Europa endlich wieder zum Gleichgewicht in einer neuen Ordnung verhelfen, gehütet vom Konzert der fünf Grossmächte, deren Herrschaftsraum von Gibraltar im Westen bis zum Ural im Osten reichte….keinerlei Rücksicht auf nationale Gefühle, von Moral befeuerte Leidenschaften und  zivilreligiöse Stimmungen…auf Kongressen und Konferenzen Kriege mit allen möglichen friedlichen Mitteln verhindert oder zumindest lokalisiert…

Nationalismus und das Selbstbestimmungsrecht der Völker galten..als verwerflich…

Die Wiener Ordnung war flexibel, sie wurde später durch die nationale Einigung Italiens (1861) und Deutschlands (1871) nicht grundsätzlich in Frage gestellt….

Diese europäische Ordnung funktionierte bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts…

Daher rührte auch die leichtfertige Zuversicht, die Julikrise 1914 meistern zu können.

Doch mittlerweile hatte sich das Staatensystem, in dem jeder für jeden koalitionsfähig war, zu einem System zweier Blöcke verändert, die sich um England und das Deutsche Reich gruppierten und sich seit 1907 (Ende der britisch-russischen Rivalität im Abkommen über Persien) ziemlich erstarrt in ihren Bündniszwängen gegenüberstanden….

Der Erste Weltkrieg, dessen Ausbruch die Europäer insgesamt überraschte und erbitterte, wurde zu einem heftig ideologisierten Kampf der Kulturen und politischen Systeme. Die Feinde sprachen sich wechselseitig die Zugehörigkeit zur gleichen europäischen Gemeinschaft ab. In ihren gereizten Polemiken verloren die Begriffe Europa, Europäer und europäisch jeden allgemeinverbindlichen Sinn. Die Europäer bekämpften einander als totale Feinde in einem totalen Krieg, der es ihnen unmöglich machte, zu einem Frieden aufgrund vernünftiger Kompromisse zu finden…..

Die Alliierten setzten die Ideologisierung des Krieges in der Moralisierung ihres Sieges fort…allerdings auch unter dem Druck..der öffentlichen Meinung, gegen deren Wünsche und Befehle nicht mehr regiert werden konnte….das Bedürfnis nach Frieden vorhanden.., nicht aber mehr die Fähigkeit, einen Frieden auszuhandeln…

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker sollte fortan zum ordnenden Prinzip werden für ein Europa als Völkerbund neuer Art. In diesem Sinne führte der Weltkrieg, der sich an Balkanfragen entzündet hatte, zu keinem Frieden, sondern zur Balkanisierung Europas. Keiner der Staaten, vor allem nicht die neuen, war nach der Pariser Friedenskonferenz mit seinen Grenzen zufrieden. Ausserdem waren die meisten keine reinen Nationalstaaten, weil sie Minderheiten besassen, die überhaupt nicht zu der von ihnen nicht ersehnten Nation gehören wollten.

Deshalb ist und bleibt der Erste Weltkrieg die entscheidende Katastrophe in Europa, von welcher der Kontinent sich nie mehr erholte.

Seine Folgen sind bis heute nicht überwunden, weil Russland nicht dazu gehört.

Der Balkan hat noch immer nicht zur Ruhe gefunden, und statt der Kriege aus orientalischen Anlässen seit 1821, vom Unabhängigkeitskrieg der Griechen bis zu den Balkankriegen, gibt es nun eine Krise nach der anderen im Nahen Osten und auf der afrikanischen Seite des Mittelmeers….

Dreissigjähriger Krieg…Westfälischer Frieden (1648)..

Auf dem..Friedensvertrag..beruhten noch immer die Verfassung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und dessen Stellung in Europa. Zugleich konstituierte sich seitdem Europa..als zusammenhängende Staatengesellschaft. Das Corpus Europaeum, wie die erste Gemeinschaft..genannt wurde, hob den unvermeidlichen Wettbewerb der Staaten nicht auf..Doch der Egoismus sollte – wie jede Leidenschaft – nicht übertrieben werden und nicht weiter die Tranquilität, die relative, immer neu zu modifizierende Ruhe und Ordnung Europas, gefährden oder grundsätzlich in Frage stellen….ungeschriebenen Geboten „allgemeiner Staatensympathie“…die von den europäischen Staaten verlangte, ihre Interessen nicht rücksichtslos geltend zu machen, sondern auf die Balance, auf das labile Gleichgewicht der Kräfte zu achten. Die Tugend stoisch-philosophischer und christlicher Weltvernunft, Mass zu halten, wurde auch zu einer politischen und damit zum Ausdruck der raison d’Etat, der Staatsräson…..

Das Riesenwerk des Westfälischen Friedens wurde von Franzosen aller möglichen politischen Richtungen..zerbrochen. Das war die unmittelbare Wirkung der Revolution auf die Gemeinschaft der europäischen Staaten….

Der Terror in Frankreich brachte die Republik in Europa bald in Verruf……Die französische Besatzungsmacht liess ihre Todesbrigaden vorerst in Frankreich arbeiten, nicht am Rhein oder Po. Denn die erorberten Gebiete sollten das durch die Kriege überforderte Frankreich finanziell und wirtschaftlich entlasten. Seit 1793 vollzog sich die systematische Plünderung Europas, die Napoleon dann vollendete. Dazu gehörten, was es früher nie gegeben hatte, auch die Plünderungen von Museen und Bibliotheken….

Die französische Herrschaft wurde überall als Fremdherrschaft empfunden, als Terrorsystem, das seinerseits Terror provozierte, vor allem in Süditalien und später in Spanien…

Der Terror gegen den Terror, den Napoleon später mit für Europäer bislang unbekannter Brutalität führte, entfesselte Scheusslichkeiten und Leidenschaften ungeahnten Ausmasses…

Die Deutschen verstanden sich selbst als ein Volk der Freiheit…die vielen Staaten, Herrschaften und freien Städte auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation mit ihren durchaus unterschiedlichen Verfassungen erlaubten viele Arten von politischer Mitarbeit und Mitbestimmung….verbriefte Religionsfreiheit und Toleranz gewährten der Meinungsfreiheit mehr Raum als im Frankreich vor der Revolution und erst recht während und nach der Revolution….Der beste Staat schien ihnen der am besten verwaltete, der zugleich der Wirksamkeit des Staates Grenzen zog. Das Recht setzte Schranken, die wiederum der freien Tätigkeit Spielraum zu ihrer Entfaltung boten….

Das europäische Staatensystem geriet in Unordnung. Polen war das erste Opfer, und die dritte polnische Teilung 1795 bewies, wie vorteilhaft für die Ruhe des Kontinents eine ausgeglichene Machtbalance war. Unter anderen Bedingungen hätte sowohl Grossbritannien als auch Frankreich über Mittel und Möglichkeiten verfügt, die Zerschlagung einer klassischen europäischen Macht zu verhindern…

Geschichte wurde zur Geografie in Bewegung, seit das europäische Gleichgewicht nicht mehr funktionierte….Dem entfesselten nationalen Ehrgeiz der Revolutionäre entsprach ein hemmungsloser Landhunger der übrigen Mächte. Alle zusammen stürzten Europa in ein Chaos, aus dem sich keine neue Ordnung entwickelte…. Das Heilige Römische Reich erlitt alsbald das gleiche Geschick wie Polen. Als mittelalterliches Relikt wurde erst die Reichskirche ausgeplündert und enteignet, es folgten die deutschen Fürsten, 1806 schliesslich verschwand das Reich endgültig von der Landkarte…

Die Revolution und Napoleon, der Nationalismus und Militarismus, hatten sich als katastrophaler Irrweg erwiesen und zum Ende jeder Sicherheit geführt….Trotz aller Turbulenzen erwies sich aber die Monarchie als ungemein widerstandsfähig….Die Revolution stärkte das Vertrauen in die Monarchie, weniger in die Nation….Der Staat und sein Symbol, die Krone, konnten auf den Enthusiasmus verzichten, ohne den die Nationen nicht auskamen. Im Staat offenbart sich die Vernunft, weil jede Ordnung vernünftig sein muss, um zu überzeugen und sich am Leben zu erhalten. Das war jedem aufgeklärten Beamten und Bürger klar….

In gewisser Weise war das Vertrauen in den vernünftigen Staat ein Ergebnis der revolutionären Unvernunft, die den Staat beseitigte und an seine Stelle die Diktatur des Wohlfahrtsausschusses setzte und sich später der Militärdiktatur Napoleons anschmiegte. Beide massen sich ausserordentliche Befugnisse an, die mit einem geordneten Rechts- und Kulturstaat unvereinbar waren…..

Ob der Nationalstaat, wie der Begriff suggerierte, Nation und Staat überhaupt miteinander vereinbaren konnte, blieb noch lang umstritten.

Die Monarchie sollte als vermittelndes Element den nationalen Gedanken und die neutrale Staatlichkeit miteinander versöhnen.

Alle Europäer teilten eine kräftige Antipathie gegen Grossbritannien. Im Laufe des 18. Jahrhunderts lernten sie, in diesem trotz aller Nähe fernen Nachbarn den wahren Feind Europas und einer europäischen Ordnung zu erkennen. Die Seeherrschaft der Briten, die sich an kein Recht hielt, empörte die Europäer, je weniger sie in der Lage waren, sich ihrer zu erwehren….britische Wilkürherrschaft auf den Meeren…

Schiller machte in seinem Gedicht ‚Der Antritt des neuen Jahrhunderts‘ (1801) keinen Unterschied zwischen den beiden Tyrannen Frankreich und Grossbritannien:

„Zwo gewaltge Nationen ringen,

Um der Welt alleinigen Besitz,

Aller Länder Freiheit zu verschlingen,

Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.“

Britanniens Seeherrschaft, die von Kontinentaleuropäern als gesetzlose Dreieinigkeit von Krieg, Handel und Piraterie empfunden wurde…

Napoleon wusste, dass alle seine Feinde unter Umständen bereit waren, trotz ihrer Vorbehalte zu einem Frieden mit ihm zu kommen, ausgenommen die Engländer….

Die Revolution hatte drastisch vor Augen geführt, welche Ausschreitungen mit populären Leidenschaften einhergehen, wenn sie nicht straff kontrolliert werden. In den darauf folgenden langen Kriegsjahren bestätigten die Gräuel der Vergeltungsmassnahmen auf beiden Seiten, wie unklug es ist, auf ‚das Volk‘ zu vertrauen, auf jenes unberechenbare Tier mit den vielen Köpfen, das, einmal entfesselt, so schwer zu bändigen ist….

Zu Europa gehörte Russland seit Peter dem Grossen, meist als guter Verbündeter des Kaisers, noch nicht Österreichs, sondern des Römischen Reiches deutscher Nation…

Österreich war ein Europa im Kleinen….

Deutschland gab es 1813 so wenig wie Polen oder Italien.

Ein einiges Deutschland, Polen oder Italien störte jede Ordnung, die nach Metternichs Vorstellungen nicht als Ordnung von Nationen, sondern als Gemeinschaft von Staaten gedacht werden musste…

Preussen und Österreich hatten längst erkannt, dsss ungeachtet vieler früherer Missverständnisse ihr Dualismus auch positiv verstanden werden konnte, nämlich als Chance zur Zusammenarbeit und Koordination ihrer Pläne in Mitteleuropa, im Raum des ehemaligen Römischen Reiches….

Überlegungen Friedichs des Grossen…, gemeinsam die Mitte Europas als eigenen Grossraum zu schützen, samt Interventionsverbot für raumfremde Mächte, sprich: für Franzosen und Russen…

Metternichs Sicht.., dass Eurpa nur dann zur Ruhe kommen könne, wenn die beiden deutschen Mächte, zwischen Ost und West gelegen, Franzosen wie Russen gleichermassen daran hinderten, in Deutschland als geografisch-kulturellem Raum ihre diplomatischen oder militärischen Kunststücke zu zeigen. Weder Frankreich noch Russland verpflichtet, hielten die beiden deutschen Grossmächte die Waage des Gleichgewichts in ihren Händen…

Indem sie in der Mitte für Ruhe sorgten, könnten sie die Unruhe ihrer östlichen und westlichen Nachbarn möglichst auf aussereuropäische Ziele lenken oder auf die Randgebiete Europas an Mittelmeer und Schwarzem Meer…..

Gegen beide könnte keine Koalition in Europa wirksam werden, solange die Mitte über die Macht verfügte, zwischen allen zu vermitteln oder West und Ost auseinanderzuhalten….

Napoleon..fehlte der Mut, auf Metternichs Angebote einzugehen und damit sich und Frankreich eine Niederlage zu ersparen. Er konnte kein normaler Monarch werden.

Napoleon: „Eure Herrscher, geboren auf dem Throne, können sich zwanzigmal schlagen lassen, und doch immer in ihre Residenzen zurückkehren; das kann ich nicht, ich, der Sohn des Glückes. Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein.“

Metternich..scheute nicht davor zurück, Napoleon im November 1813 zu versichern, dass ein weiterhin französisches Belgien keinen Europäer beunruhigen würde und Frankreich vollständige Unterstützung erwarten könne bei Bemühungen, dem britischen Terrorismus auf den Meeren durch ein völkerrechtlich garantiertes Seerechtssystem zu ersetzen. Das wünschte vor allem auch der russische Kaiser…..

England der grösste Kriegsgewinnler…hielt die Kolonien fast aller europäischer Staaten besetzt, ausserdem Malta und Sizilien. Portugal und Spanien unterstanden seiner Aufsicht und mussten ihrer amerikanischen Besitzungen den Briten öffnen….Die Briten hatten sämtliche Flotten Europas vernichtet…

Ziel dieser sogannten Quadrupelallianz war nicht der Sieg, sondern die Ordnung. Die Unterzeichnerstaaten Russland, Preussen, Österreich und Grossbritannien bekräftigten, vorerst zwanzig Jahre beisammen zu bleiben.

Die Aussicht auf einen Frieden vor einer spektakulären Niederlage hatte Napoleon zerstört. Am 31. März 1814 zogen Russen und Preussen in Paris ein….Die Pariser waren von den guten Absichten der Koalition durch eine von Metternich organisierte Öffentlichkeitsarbeit unterrichtet…Nicht die Sieger, sondern Franzosen leiteten den Übergang in den neuen Staat ein. Napoleon stand unter dem Schutz der Russen und der Preussen….Die Sieger handelten nicht als Rächer…..Franzosen..fügten sich rasch und beruhigt Talleyrands Bemühungen, der ..Ludwig XVIII am 3. Mai 1814 als König in Paris empfing….Frankreich war umstandslos wieder in die europäische Staatengemeinschaft aufgenommen worden…

Schliesslich lagen Russen und Preussen, Schweden und Österreicher..im reichsten Land der Welt …Die Franzosen hatten ihre Kriege auf Kosten der eroberten Länder und Völker geführt. In Paris herrschte ein Luxus wie in den Märchen aus tausendundeiner Nacht, und die Stadt übte eine Faszination auf ihre fremden Besucher aus wie einst der üppige Orient auf die Ritter der Kreuzzüge…

Musée central des Art, ab 1804 Musée Napoleon, dem heutigen Louvre, das Napoleon unter Dominique-Vivant Denons Leitung zum herrlichsten Museum ausbauen liess, das es in Europa je gegeben hatte. Es war ein Museum, das nur aus Raubkunst bestand, von überallher zusammengetragen….

Die Versöhnung mit Frankreich galt als Voraussetzung für eine Friedensordnung in Europa. Ein versöhntes Frankreich gewann allerdings auch die Beweglichkeit einer Grossmacht zurück, mit anderen zusammen Entwicklungen zu hemmen, die seien Interessen zuwiderliefen. Die Qudrupelallianz..hatte vier Mächte vereint gegen Frankreich. Ein störrisches Russland konnten diesen Verein gefährden…

Der Wiener Kongress war ..ein insgesamt gelungenes, sehr modernes Experiment…Der Wiener Kongress war das grösste Fest, das sich der europäische Adel je gegeben hat. 247 Mitglieder regierender Häuser versammelten sich in Wien…Nach Wien reisten rund einhunderttausend Gäste, die monatelang dort verweilten…

In Europa hatte sich seit dem Westfälischen Frieden von 1648 die Hegemonie einiger Grossmächte durchgesetzt….Spanien und Portugal waren 1789 noch Gross- und Weltmächte gewesen, aber mehr mit ihrer Stellung in der Welt als in Europa beschäftigt. Schweden hatte sich bis dahin als nordeuropäische Regionalmacht behauptet. Alle drei wurden im Friedensvertrag mit Frankreich noch berücksichtigt, aber mehr aus Höflichkeit denn aus Notwendigkeit….

Trotz ihres Sieges und der Bereitschaft, den Besiegten als Mitglied der europäischen Staatenfamilie rücksichtsvoll zu behandeln, fürchteten die Alliierten in Frankreich doch weiterhin die Macht, die Europa wieder in Unordnung stürzen könnte. Deshalb sollte Frankreich künftig daran gehindert werden, weiterhin, wie seit Jahrhunderten gewohnt, in Deutschland oder Italien nachhaltigen Einfluss auszuüben oder mit den spanischen Bourbonen eine Familienpolitik zu seinem Vorteil zu betreiben. Dementsprechend sollte das europäische Gewicht Frankreichs auf das Hexagon beschränkt werden, wie die Franzosen ihr Land wegen seiner sechseckigen Form auch nannten. Der Staat mit der grössten Bevölkerung Europas und einer ungewöhnlichen Wirtschaftskraft…faktische Macht…einfach unübersehbar und eindrucksvoll. Die Absicht, diese Macht zumindest einzudämmen, glich einem Umsturz der klassischen europäischen Politik, obwohl Frankreich schon vor 1789 längst überfordert damit gewesen war, sich überall in Europa einzumischen. Die Enttäuschung oder Verbitterung über den unvermeidlichen Rückgang der französischen Macht hatte damals die Monarchie um ihren Kredit gebracht und den Revolutionären den Nimbus verschafft, Ruhm und Grösse des Vaterlands wiederherstellen zu können….

1814 gab es noch keine Nationen. Selbst Frankreich befand sich erst auf dem Weg, über die Armee als Schule der Nation und mit Hilfe der verschiedenen Bildungsanstalten aus den vielen Völkern und Sprachen, aus Basken, Katalanen, Elsässern, Bretonen und anderen eine Einheit zu formen, die aus einer vorläufig noch abstrakten Idee eine Realität machte. Das gelang erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.

Die übrigen Staaten waren Föderationen mehrerer Königreiche mit verschiedenen Völkern und Sprachen..

…bis zur Französischen Revolution keine ‚Sprachenpolitik‘ betrieben….. Die nationale Idee, wie die Franzosen sie propagierten, wandte sich gegen den Pluralismus und verlangte nach Homogenisierung….

Das alte Europa war eine freiheitliche Welt gewesen, eine Welt der unübersichtlichen Freiheiten, so bunt und phantastisch wie das Leben selbst…

Die französische Nation hatte erstmals seit 1792 vorgeführt, wie die Sorge um vollkommene Sicherheit die bürgerliche Handlungs- und Denkfreiheit erstickte. In der Nation als Sicherheitsgemeinschaft und Versicherungsgesellschaft kann es vollständige Sicherheit nur geben, wenn jeder einzelne ununterbrochen daran denkt, was er der Gesellschaft und der Nation, der er so viel verdankt, zurückgeben kann. Die Regierung als Wohlfahrtsausschuss darf ihn dauernd beobachten und beraten. Das beruhigt jeden..und gibt ihm das Gefühl der Sicherheit, ohne das er nicht zu leben vermag. Schliesslich ist er kein privatistischer Sonderling, sondern übt sich in politischer Korrektheit und hat, da er sich nichts zu Schulden kommen lässt, gar nichts zu verbergen. Er ist transparent für jeden….Der demokratische Nationalstaat des 19. Jahrhunderts konstitutierte sich als Polizeistaat ganz neuer Art, weil in ihm jeder potenziell verdächtig war….

Nach den Erfahrungen der Jahre von 1792 bis 1814 gab es also manchen Grund, der Nation und der Freiheit in der Nation zu misstrauen. Beide waren mit Terror und Blut verbunden…

Die österreichische Hegemonie in Italien hatte für Europa den Zweck, Frankreich ein für alle Mal die Aussicht zu versperren, dort gegebenenfalls zu intervenieren. Italien und Deutschland waren seit Jahrhunderten Schauplätze für die Kriege um die französische Hegemonie in Europa gewesen….

Den hartnäckigsten Streit in Wien gab es um die Stellung Polens im neuen Europa. Russische Truppen hatten 1813/14 sämtliche Gebiete des ehemaligen Polens erobert. Nach Kriegsrecht stand ihnen, wie der russische Zar Alexander I. meinte, allein die Verfügung über die Beute zu. Doch handelte es sich bei Polen keineswegs um herrenloses Land, da Österreicher und Preussen erhebliche Teile des ehemaligen Königreiches besessen hatten, auf die zu verzichten sie allerdings von Napoleon gezwungen worden waren….

Polen blieb weiterhin zwischen Russen, Österreichern und Preussen geteilt…

Die Ruhe Europas war das übergeordnete Programm. Das nüchterne Lösen, Verbinden und Hin-und-Herschieben von Menschen und Ländern auf dem Wiener Kongress entsprach noch ganz der alten Kabinettspolitik….

Um des Friedens Willen fügten sich die Europäer der Forderung der Briten, weder das Seerecht noch die Kolonien in das Friedenswerk miteinzubeziehen…..Der europäische Friede sollte kein universaler sein. Denn in diesem Fall hätte auch die britische Seeherrschaft und damit die britische Rolle in der Welt überhaupt zur Diskussion gestanden. Grossbritannien konnte es sich leisten, europäische Vorbehalte zu ignorieren, weil es keine Flotten gab, die ihm gefährlich werden konnten. Klassische Seemächte wie Spanien und Portugal verfügten nur noch über kümmerliche Reste ihrer einst ansehnlichen Kriegsmarine, die holländische und dänische waren in den Kriegen mit Napoleon zerstört worden, die französische existierte nicht mehr und die russische bedeutete für sich genommen keine Herausforderung. In der jüngsten Geschichte hatte es noch nie eine Situation gegeben, in der nicht zumindest zwei oder drei Seemächte auf dem Kontinent, sobald verbündet, die englische Flotte in Verlegenheit bringen konnte….Die Briten setzten sich durch und konnten auch in Zukunft willkürlich fremde Schiffe durchsuchen und kapern…..

Ausserdem war das Vereinigte Königreich der grösste Gewinner in den Kriegen mit Frankreich, dem klassischen Konkurrenten, dem ‚Erbfeind‘…

Ein bestraftes Frankreich wäre für den Frieden verloren gewesen, weil es ununterbrochen an die Revision der schmachvollen Verträge denken würde und damit an Krieg. Es gab abenteuerliche Pläne, vor allem von nationalen Deutschen, von Frankreich den Verzicht auf sämtliche Eroberungen seit Ludwig XIV. zu verlangen, also auf die Freigrafschaft Burgung, das Elsass und Lothringen. Der Nationalismus zeigte nun auch unter den Deutschen, wie früher schon unter den Franzosen, seine verheerende Ambivalenz: Andere Nationen durften unterjocht und vergewaltigt werden, sofern es der eigenen Macht diente und Vorteile versprach. Nicht einmal die Elsässer wünschten, wieder Deutsche zu werden….

Die Sittlichkeit und praktische Weltklugheit der alten Staatsräson bewährte sich darin, dass Matternich, Casltereagh, Hardenberg und die Monarchen solche Verirrungen erfolgreich und energisch erstickten…..

Ein paar Grenzorte wie Landau und Saarbrücken abtreten zu müssen, kränkte die Franzosen empfindlich, die eine hohe Auffassung von der Unverletzbarkeit ihrer, aber nicht der Grenzen anderer Staaten hatten. Die Auflage, die in zwanzig Jahren zusammengeraffte Beutekunst wieder ihren rechtmässigen Besitzern zurückzugeben, empfanden sie als Vergewaltigung der Stadt Paris und des gesamten Landes….Mit einer schlauen Verzögerungstaktik gelang es Frankreich, die vollständige Rückgabe zu hintertreiben…Noch heute verleiht die Raubkunst der Napoleonischen Kriege den nationalen Kunstsammlungen im Louvre Glanz und Würde…

Aus den wechselnden europäischen Katastrophen seit 1792 zogen Diplomaten und Monarchen nach dem Sieg über Napoleon die Lehre, die Staatsräson auf Prinzipien zu verpflichten, damit die europäische Staatengemeinschaft sich in einer wahren Union vollende. Diese setzte einen Sinn für Proportionen voraus, für Ordnung und damit für Mässigung des je eigenen Ehrgeizes, um wechselseitiges Vertrauen zu ermöglichen, ohne das keine Gemeinschaft zu funktionieren vermag. Es hatte seit dem 17. Jahrhundert immer wieder Überlegungen gegeben, die lockere europäische Staatengemeinschaft zu einem engeren Bund zusammenzufügen, angeführt von den Grossmächten als eine Art Sicherheitsrat, der beratend und korrigierend eingreift, sobald sich Krisen andeuten, um deren Ausbruch zu verhindern oder sie wenigstens zu verzögern und damit zu entschärfen…Eine solche Politik verlangte eine Übereinstimmung in den Grundsätzen, einen Konsens darüber, was den einzelnen Bundesgenossen zuzumuten sei und welche Leistungen ihnen abverlangt werden dürfen. Ohne eine gewisse Aufrichtigkeit im Umgang miteinander und ohne den Willen, Eintracht zu wahren, liessen sich solche Ziele nicht verwirklichen….

Fortan sollten sich die europäischen Staaten nicht in Festungen, natürlichen Grenzen und ständiger Kampfbereitschaft suchen, sondern in der Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Nachbarn und im Vertrauen auf Verträge, die mit dem Willen geschlossen wurden, eine gemeinsame Ordnung zu kräftigen…..System kollektiver Sicherheit…der Versuch, Politik und Ethik miteinander zu versöhnen…die unzulängliche Vernunft der Staaten mit christlicher Lebensklugheit in Einklang zu bringen…

Sämtliche Vorstellungen über Recht und Gerechtigkeit oder Sittlichkeit im Umgang miteinander liessen sich von ihrer christlichen Interpretation gar nicht trennen, selbst wenn sein von antiken Philosophen stammten…

Metternich..in der festen Überzeugung, dass ein praktisches Christentum ein besseres Einvernehmen unter den Europäern unterstützen und Minister wie Monarchen davon abhalten könne, ihren Egoismus zu verabsolutieren….

Nach den Erfahrungen mit dem entfesselten Egoismus der Französischen Revolution und des napoleonischen Imperialismus schien es ihnen geboten, der Politik mit dem Recht Zügel anzulegen und den Kampf aller gegen alle in den internationalen Beziehungen durch Konventionen und Respekt vor ihnen abzumildern…

Wiener Friedensordnung ..als Rahmen, innerhalb dessen Bewegungen und Veränderungen stattfinden konnten, der aber grundsätzlich nicht mehr in Frage gestellt werden sollte…

..lehnten die Briten den Plan Metternichs ab, auch das Osmanische Reich in das europäische System einzubeziehen und seinen Grenzen die gleiche Unverletzlichkeit zu garantieren wie denen der übrigen Staaten. Metternich sah im Osmanischen Reich eine Ordnungsmacht, die auch der europäischen Ordnung insgesamt zugute käme….

Galt bislang das Imperium Romanum als das verlorene Ideal einer europäischen Einheit, so war diese Idee durch Napoleons Universalmonarchie endgültig diskreditiert worden. Von nun an orientierten sich die Europäer am griechischen Modell der Hegemonie und der föderativen Zusammenschlüsse. Beides widersprach einander nicht, weil auch Staatenbündnisse auf eine oder mehrere führende Mächte angewiesen sind.

Die Monroe-Doktrin der USA mit dem Interventionsverbot für Europäer in Amerika…Die Idee der unpolitischen Handelsfreiheit und Marktbeherrschung durch die Tüchtigen diente ihnen..als moralische Rechtfertigung einer immer aggressiveren Aussenpolitik….

Die Folgen der Juli-Revolution von 1830, die eine Epoche bürgerlicher Vorherrschaft und nationaler Unabhängigkeitsbewegungen in Mittel- und Südeuropa auslöste, erschütterte die Wiener Ordnung nicht sonderlich. Der nach einem Aufstand in Brüssel freie, von den Niederlanden unabhängige Staat Belgien störte höchstens England, das sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals einen Staat wünschte, der sich mit Preussen im Hinterland französischer Angriffe erwehren konnte. Die grossen Niederlande waren ein künstliches Gebilde gewesen, von den Engländern ersonnen ohne Rücksicht darauf, dass die katholischen Flamen und Wallonen – jahrhundertelang von den spanischen oder deutschen Habsburgern regiert – sich ihren protestantischen Nationalverwandten immer stärker entfremdet hatten…

Die Franzosen spürten den Frieden als Last, ohne eine revisionistische Politik wagen zu dürfen…

England als Hüterin der Wiener Ordnung wünschte kein grundsätzlich anderes Europa, um nicht Frankreich die Chance zu eröffnen, während einer umfassenden Krise seine frühere Hegemonie wiederzuerlangen….

Die Gefahr, die angeblich von Russland ausging, wurde von der britischen Presse masslos übertrieben, seine militärische Stärke vollkommen überschätzt….Der ungemeine Verdruss britischer Regierungen ergab sich aus dem für sie ärgerlichen Umstand, dass Russen darüber befanden, wann das Gleichgewicht in Europa aus der Balance geraten konnte….

Die dauerhafteste Gefahr erwuchs der Ruhe Europas aus der orientalischen Frage. Es rächte sich, dass das Osmanische Reich nicht in den europäischen Frieden einbezogen und dessen Grenzen in Wien nicht international garantiert worden waren.

Der Aufstand der Griechen und ihr Kampf um Unabhängigkeit von den Türken seit 1820 konfrontierten die europäischen Mächte mit der Zukunft des Osmanischen Reiches unter dem Druck von Nationalismus, der nun den Balkan, aber auch Ägypten erreicht hatte….

Die Nationalidee musste in einem Reich vieler Völker und Religionen wie Sprengstoff wirken und damit die Existenz des Osmanischen Reiches überhaupt in Frage stellen, wenn andere Völkerschaften sich die Griechen zum Vorbild nahmen, etwa auf dem Balkan, und der nationale Gedanke von dort auf Mitteleuropa oder hinüber nach Polen ausstrahlte….

Alle fünf Grossmächte beteuerten, die Existenz des Osmanischen Reiches verteidigen zu wollen. Aber zumindest drei, die einander nicht über den Weg trauten – Frankreich, England und Russland – gewöhnten sich allmählich an den Gedanken eines freien Griechenlandes. Die Griechen selber waren ihnen dabei..ziemlich gleichgültig. Es ging ihnen darum, in Konstantinopel ausschlaggebenden Einfluss zu gewinnen und die jeweils anderen als Konkurrenten zu schwächen oder auszuschalten. Die nun einsetzenden Intrigen und Grabenkämpfe im Namen der Sicherheit des Osmanischen Reiches wirkten nach und nach vollends destabilisierend. Es begann, wie Metternich befürchtet hatte, die Balkanisierung der europäischen Politik, weil sich – seit auch die Serben nach Autnomie strebten – die Grossmächte ununterbrochen in die inneren Angelegenheiten dieser aufständischen, nominell noch türkischen Regionen einmischten….

Österreich und Preussen, die konsequenten Verfechter einer Politik der Distanz zu sämtlichen Befreiungsbewegungen und national-religiösen Aufständen, gerieten ..mit den drei anderen Grossmächten aneinander. 1830 mussten sie sich auf der Londoner Konferenz in die Souveränität Griechenlands fügen, die auf dem Balkan wie ein Aufruf zur Rebellion verstanden wurde und diese Region zu einem dauernden Unruheherd machte….

1840 konnten Österreich und Preussen erfolgreich vermitteln, als Frankreich wegen seiner Unterstützung Muhammed Ali Paschas eine Orientkrise auslöste, die erstmals die Gefahr eines allgemeinen Krieges heraufbeschwor…..

Die Monarchen konnten sich behaupten und die Revolutionen von 1848/49 besiegen…Die Revolutionen waren nicht gescheitert, wie es so oft heisst. Die wichtigsten rechtsstaatlichen Forderungen wurden von den Monarchen bewilligt, weil sie auf die Mitarbeit der besitzenden Klassen angewiesen waren, um gemeinsam die unruhigen unteren Klassen im Zaum zu halten….Die Krone und die Bürger, der König und das Geld, der wahre König der Epoche..hatten für einige schreckliche Momente ihrem wahren Feind – dem Proletarier – ins Auge blicken müssen. Das genügte, um sie zu einer Interessengemeinschaft zusammenzuschweissen, die Thron und Börse repräsentierte…

Der britische Aussenminister (Palmerston) kämpfte gegen ein Phantom, gegen Russland, das gar nicht zu Europa gehöre…‘This monster of an empire“ liess sich nur aus Europa verdrängen, wenn die Wiener Ordnung umgestürzt und Russland für immer aus der Pentarchie ausgeschlossen würde. Dazu war Palmerston während des Krimkriegs von 1853-56 entschlossen…..konnten indes nur schlecht verbergen, dass das grösste Verbrechen Russlands gegen die Menschlichkeit darin bestand, ein Konkurrent Englands zu sein, dessen blosse Existenz unvereinbar mit der Sicherheit Grossbritanniens war…

Lord Palmerston..drängten auf einen allgemeinen Kreuzzug. Dabei wurde zum ersten Mal ein dramatisch ideologisierter „Westen“ als religiöse Wertegemeinschaft und radikaler Gegenentwurf dem Reich des Bösen, dem „Osten“ gegenübergestellt…..zum Schutz der eigenen Sicherheit sollten England…berechtigt sein, jenen Staat zu zerstören, der angeblich für den eigenen zur Gefahr geworden war. Deshalb schien es ihm geboten, Russland auf ein Grossfürstentum Moskau zu begrenzen…Ein solches Programm zur Vernichtung einer klassischen Grossmacht liess sich nur verwirklichen, wenn Österreich und Preussen bereit waren, für England einen Stellvertreterkrieg zu führen…Napoleon III. war realistischer als Palmerston…ein grosser Vernichtungskrieg, ohnehin bedenklich, war ganz aussichtslos, wenn sich die deutschen Mächte nicht beteiligten…Die österreichische Regierung setzte Russland ungeschickt mehrmals unter Druck…Preussen gab seine Neutralität nicht auf…Die Folgen für Österreich waren fürchterlich: Russland war tödlich beleidigt, Frankreich nicht überzeugt und England verärgert….Österreich stand völlig allein da. Zum Ausbruch eines allgemeinen Krieges, der sich zum Weltkrieg hätte ausweiten können, kam es nicht, weil die USA damals eine Vernichtung Russlands nicht hingenommen hätten. Aber Europa war in Unordnung geraten…England löste sich nach dem unnützen Krimkrieg schnell wieder aus seiner Entente cordiale mit Frankreich, ohne Russland, dem erklärten Feind und Bösewicht, etwas anhaben zu können, weil Preussen sich jeder antirussischen Politik verweigerte…

Das europäische Konzert war im Krimkrieg zerbrochen…

Der Pariser Friedenskongress 1856 sollte gleichsam feierlich eine neue Epoche einleiten, doch die neue Epoche war nicht die eines Friedens, sondern mehrerer Kriege, die sich dennoch zu keinem grossen europäischen Krieg auswuchsen – dank des Preussen Bismarck, des wahren Erben Metternichs…

Das europäische Konzert war eingerichtet worden, um Europa vor der Destabilisierung durch Nationalstaaten zu bewahren. Als es wegen der Uneinigkeit der Grossmächte seit 1856 nicht mehr handlungsfähig war, nutzten Camillo Benso Graf von Cavour und Otto von Bismarck diese für sie günstige Gelegenheit zu politischen Improvisationen, die zum italienischen und deutschen Nationalstaat führten…..Habsburgermonarchie weitgehend isoliert in Europa…sardisch-französischer Krieg gegen Österreich 1859, ..Deutsch-Dänische Krieg 1864, ..Deutsche Krieg 1866 und der Deutsch-Französische Krieg 1879/71 regional begrenzte Auseinandersetzungen…

Diese Kriege bestätigten,…wie sehr Europas Ruhe lange Zeit auf der Fähigkeit der russischen Regierung beruht hatte, zwischen Preussen und Österreich notfalls sehr energisch zu vermitteln….

Der preussische Ministerpräsident Bismarck hatte keine nationalen Kriege, sondern Kabinettskriege geführt. Er suchte weder totale Niederlage noch bedingungslose Kapitulationen und war bemüht, im besiegten Gegner sofort um den künftigen Freund zu werben. Das setzte kurze Kriege und vernünftige Friedensverträge voraus….

Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn verständigten sich ab 1872 abermals auf einen friedlichen Dualismus…

Russland entschloss sich in europäischer Verantwortung, auch zu Österreich-Ungarn wieder freundschaftliche Beziehungen aufzunehmen. Die alte Heilige Allianz fand 1881 als Dreikaiserbündnis wieder zusammen, bald um Italien erweitert. Mittelpunkt und Schwerpunkt dieser Allianz in Europa war das Deutsche Reich. Bismarck versicherte allen Europäern, dass dieses Reich saturiert sei, bedürfnislos und ohne den Ehrgeiz, seine Grenzen zu erweitern…

Die Deutschen in Österreich und Ungarn forderte er sehr energisch auf, nicht auf ein gross-deutsches Reich zu hoffen, sondern sich als loyale Staatsbürger an ihrem jeweiligen Platz zu bewähren…

Ein Deutsches Reich, das sich bewusst mit der kleindeutschen Lösung begnügte, bot Russland und Österreich-Ungarn, den beiden Imperien, die viele Völker in einer Ordnung zusammenfassten, den besten Schutz vor der Sprengkraft nationalistischer Strömungen….

Die drei Kaiser – seit 1881 wieder vereint – bildeten..eine Interessengemeinschaft..

Hatte früher Metternich für Harmonie unter den drei Souveränen gesorgt, so war es jetzt Bismarck, der geduldig..und einfühlsam.. für Eintracht unter den drei Souveränen sorgte…

Gegen die drei Kaiser war in Europa nichts auszurichten. Sie definierten das Gleichgewicht…

Deutsch-französische Annäherungen…Zu Bismarcks Zeiten wurden..die Grundlagen für eine geistige und wirtschaftliche Verflechtung beider Staaten gelegt, die vor dem Ersten Weltkrieg ungewöhnliche Fortschritte machte…

Die Deutschen hatten seit Jahrhunderten fast nur gute Erfahrungen mit Russen gemacht…

Bismarck…gab sich nie Illusionen darüber hin, dass die Briten nach wie vor dazu neigten, das Deutsche Reich wie eine abhängige, auf britische Gelder angewiesene Macht zu behandeln…

Das Deutsche Reich war ein liberaler Rechtsstaat und demokratischer als das Vereinigte Königreich, weil in ihm das gleiche, geheime und allgemeine Wahlrecht, ein demokratisch-revolutionäres Recht, galt….

Der britische Premierminister Benjamin Disraeli..bemühte sich 1878 auf dem Berliner Kongress, die für ihn unheilige Allianz der drei Kaiser auseinanderzubringen und damit England wieder zu entscheidender Mitsprache in Europa zu verhelfen…Sein antirussischer Auftritt in Berlin verursachte erhebliche Spannungen unter Russen und Deutschen, die jedoch beigelegt werden konnten. Allerdings verdeutlichten sie abermals, dass es England nicht um den Frieden in Europa ging, sondern um politische Niederlagen seiner Erbfeinde, jetzt vor allem Russland, aber auch Frankreich…

Imperialer Wettbewerb im Orient. Der Frieden in Europa beruhte auf der Auslagerung der Konflikte in die Kolonien oder auf den Balkan, in den vorderen Orient und an die afrikanische Mittelmeerküste. Die Europäer hatten eine Vorstellung von der Alten Wert verloren, zu der sie einmal seit Alexander dem Grossen gehört hatten, die von Gibraltar bis zum Hindukusch reichte….

Bismarck warnte die Europäer immer wieder, doch nicht wegen orientalischer Fragen ihre Einheit zu verspielen: „Bulgarien, das Ländchen zwischen Donau und Balkan, ist überhaupt kein Objekt von hinreichender Grösse, um daran Konsequenzen zu knüpfen, um seinetwillen Europa von Moskau bis an die Pyrenäen und von der Nordsee bis Palermo in einen Krieg zu stürzen, dessen Ausgang kein Mensch vorhersehen kann; man würde am Ende des Krieges kaum mehr wissen, warum man sich geschlagen hat.“ (1887, Rede im Deutschen Reichstag)…

Der Freiheitskampf der Bulgaren hatte seinerzeit Begeisterungsstürme auf den Britischen Inseln geweckt……‘Türkengreuel‘….1877 sprach keiner mehr von der türkischen Unmenschlichkeit. Denn inzwischen waren die Russen auf dem Balkan einmarschiert, um zusammen mit Serben und Motenegrinerern den Bulgaren in ihrem Kampf..gegen die Türkei zu helfen. Das war nicht gut für England. Und was nicht gut für England war, konnte überhaupt nicht gut sein….

Die Balkanisierung der europäischen Politik…Es waren die Europäer, die im Namen Europas, des Friedens und der Gerechtigkeit ein klassisches Reich der Alten Welt, das ein wirkliches Weltreich war und Asien, Europa und Afrika miteinander verband, endgültig ruinierten und dort ein Vakuum schufen….An dieser Zerstörung waren zuallererst Franzosen und Engländer beteiligt, später dann Russen und Österreicher, zuletzt auch Deutsche und Italiener. Die Franzosen hatten um 1800 begonnen, das Heilige Römische Reich deutscher Nation als lästige Antiquität, weil übernationale Einrichtung, zu beseitigen. Zwei andere übernationale Reiche, Russland und Österreich-Ungarn, beteiligten sich im späten 19. Jahrhundert an der Ausplünderung und Auflösung des noch verbliebenen dritten übernationalen Reiches, des osmanischen. Sie ahnten nicht, dass sie damit andere aufforderten, ihrem Beispiel zu folgen.

Der Balkan und der Orient boten den europäischen Grossmächten, die nach gesteigertem Prestige und einer Bestätigung als Macht suchten, einen Ersatzschauplatz. Dort konnte jeder seine Muskeln spielen lassen..Das ging lange gut, weil das Deutsche Reich sich konsequent aus allen Orientfragen heraushielt und die Raufbolde gegebenenfalls zur Ordnung rufen konnte oder wegen guter Beziehungen zu den beiden anderen Kaisern von vornherein schlichtend einzugreifen vermochte….Aber ab 1900 wurde das Deutsche Reich selber zunehmend ein interessierter Mitspieler auf dem Balkan und im Orient. Die ab 1903 im Osmanischen Reich und dessen Nachfolgestaaten errichtete Bagdadbahn stand symbolisch für einen Grossraum, der wirtschaftlich von Deutschen dominiert wurde und von Lübeck bis zum Persischen Golf reichen sollte. Solche geopolitischen Träumereien mussten unweigerlich zu Spannungen mit allen übrigen Mächten führen….da das östliche Mittelmeer seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu der Region wurde, wo über den Rang einer Grossmacht entschieden wurde, konnte sich das Deutsche Reich aus diesem Raum nicht länger heraushalten. Es wurde selber zur Partei und fiel als Vermittler aus….

Seit der imperiale Wettbewerb der Grossmächte auf dem Balkan und im Orient ausgetragen wurden, geriet die Pentarchie in zunehmende Schwierigkeiten…..Der zunehmende Nationalismus weniger von Politikern und Staatsmännern als von Vereinen und Organen der öffentlichen Meinung …….Es war ein Nationalismus der Angst, möglicherweise nicht mehr stark genug zu sein, um sich in der Konkurrenz der Mächte als Grossmacht zu behaupten. Erstaunlicherweise überschätzte jede europäische Grossmacht die Möglichkeiten ihrer Nachbarn und unterschätzte ihre eigene Kraft…..

Um eine solche Gefahr zu bannen, gab es unter den europäischen Mächten immer wieder Überlegungen, sich zu den Vereinigten Staaten von Europa zusammenzuschliessen, um auf diese Weise gemeinsam gegen die Konkurrenz der beiden Weltreiche der Zukunft – USA und Russland – bestehen zu können. Schon der greise Metternich hatte die Europäer 1854 vor den USA gewarnt, die sich anschickten, den Pazifik zu ihrem Meer zu machen und bald Kuba erobern würden. Es waren die USA, die 1898 Spanien in einen kurzen Krieg gleichsam aus der Welt verdrängten…..

Der Krieg der USA gegen Spanien verdeutlichte, dass das europäische Staatensystem an Bedeutung verlor….Der Sieg der Japaner in der Seeschlacht bei Tsushima 1905 über die russische Flotte, die vollständig vernichtet wurde, beendete die Epoche der europäischen Vorherrschaft. Es war der erste Sieg von Asiaten seit Jahrhunderten über eine europäische Macht, und dieser Sieg war eine Katastrophe für Europa. Den Frieden zwischen Russland und Japan vermittelten die USA, nicht die europäischen Mächte…..

Russland gehörte auf einmal wieder zur Europa…und hatte vorübergehend das Ansehen eingebüsst, zur Weltmacht berufen zu sein…..

Das europäische Konzert und mit ihm die Einheit Europas waren ungemein gefährdet, weil in jedem Block die Angst, die Verbündeten könnten sich als unzuverlässig erweisen, sofort in Panik umschlug, sobald Franzosen und Deutsche sich näherkamen oder Russen mit Deutschen nach besserer Verständigung suchten….

Woodrow Wilson, 26.10.1916

„Keine einzelne Tatsache hat den Krieg hervorgerufen, sondern im letzten Grunde trägt das ganze europäische System die tiefere Schuld am Kriege, seine Verknüpfung von Bündnissen und Verständigungen, ein verwickeltes Gewebe von Intrigen und Spionagen, das mit Sicherheit die ganze Völkerfamilie in seine Maschen fing.“

Woodrow Wilson und die USA entschieden sich dennoch im April 1917, in den Grossen Krieg einzutreten, weil die Gelegenheit für sie günstig war, mit einer Intervention die Alte Welt als veraltete zu überwinden und durch neue Grundsätze zu verändern….

Der Erste Weltkrieg ist die Urkatastrophe Europas, weil er die Nation und deren Besonderheiten über alles in der Welt erhob….

Das Deutsche Reich musste in dem am 28. Juni 1919 unterzeichneten Vertrag von Versailles den Frieden von Brest-Litowsk widerrufen. Die Ergebnisse des deutschen Sieges kamen den neuen Feinden der Russen allerdings sehr gelegen: eine freie Ukraine und ein freies Polen als Bollwerk des freien Westens gegen den kommunistischen Osten….

Im Osten befand sich wegen des russischen Bürgerkriegs noch alles in unübersichtlicher Bewegung. Die Polen waren eine aktive Partei und führten Krieg in der von den Deutschen als unabhängige Nation anerkannten Ukraine, in Russland, in Litauen, auch kurz gegen die Tschechoslowakei….

Frankreich dachte 1919 hingegen nur an seine Sicherheit und England an die nachhaltige Ausschaltung eines wirtschaftlichen Konkurrenten….

Der Krieg, der gemäss Völkerbundmoral alle Kriege ein und für alle Male beenden sollte, endete mit einem Frieden, der den Frieden unmöglich machte – ‚a peace to end peace‘, eine Formel, die der britische Offizier Archibald Wavell prägte…..“

Sebastian Haffner

Geschichte eines Deutschen

Pantheon Verlag, 2. Auflage, 2014 (geschrieben im Jahr 1934; Sebastian Haffner ist im Jahr 1938 nach England emigriert)

„…Am 9. und 10. November gab es noch Heeresberichte, üblichen Stils: „Feindliche Durchbruchsversuche abgewiesen“, „..gingen unsere Truppen nach tapferer Gegenwehr in vorbereitete Stellungen zurück..“ Am 11. November hing kein Heeresbericht mehr am schwarzen Brett des Polizeireviers…Leer und schwarz gähnte mich das Brett an…

Ein verfrühtes Zeitungsblatt..hatte die Überschrift „Waffenstillstand unterzeichnet“. Darunter standen die Bedingungen, eine lange Liste…

Diese Bedingungen sprachen nicht mehr die schonende Sprache der letzten Heeresberichte. Sie sprachen erbarmungslos die Sprache der Niederlage: so erbarmunglos, wie die Heeresberichte immer von feindlichen Niederlagen gesprochen hatten. Dass es so etwas auch für ‚uns‘ geben konnte – und zwar nicht als Zwischenfall, sondern als das Endergebnis von lauter Siegen und Siegen – mein Kopf fasste es nicht…

Das Schicksal der Revolution war im Grunde besiegelt…, als am 24. Dezember die Arbeiter und Matrosen nach siegreicher Strassenschlacht vor dem Schloss sich zerstreuten und nach Hause gingen, um Weihnachten zu feiern. Nach dem Fest gingen sie zwar auf neue auf den Kriegspfad, aber inzwischen hatte die Regierung bereits hinlängliche Freicorps zusammengezogen….So war die Entscheidung gegen die Revolution gefallen…

nur die ‚Freicorps‘ trugen Waffen – die Freicorps, die in Wirklichkeit bereits gute Nazis waren, nur ohne den Namen.

Zivilcourage – also der Mut zum eigenen Entschluss und zur eigenen Verantwortung – ist in Deutschland ohnehin eine rare Tugend, wie schon Bismarck..bemerkte. Aber sie verlässt den Deutschen vollkommen, wenn er eine Uniform anzieht. Der deutsche Soldat und Offizier, zweifellos hervorragend tapfer auf dem Schlachtfeld, fast stets auch bereit, auf Befehl der Obrigkeit auf seine zivilen Landsleute zu schiessen, wird furchtsam wie ein Hase, wenn er sich gegen diese Obrigkeit stellen soll…

Es ist schwer zu sagen, wohin Rathenaus Politik Deutschland und Europa geführt hätte, hätte er Zeit gehabt, sie durchzuführen. Bekanntlich hatte er diese Zeit nicht, da er nach einem halben Jahr Amtsführung ermordet wurde….

Es kam das Jahr 1923. Dieses phantastische Jahr ist es wahrscheinlich, was in den heutigen Deutschen jene Züge hinterlassen hat, die der gesamten übrigen Menschheit unverständlich und unheimlich und die auch dem normalen ‚deutschen Volkscharakter‘ fremd sind: jene hemmungslos zynische Phantastik, jene nihilistische Freude am ‚Unmöglichen‘ um seiner selbst willen, jene zum Selbstzweck gewordene ‚Dynamik“. Einer ganzen deutschen Generation ist damals ein seelisches Organ entfernt worden: ein Organ, das dem Menschen Standfestigkeit, Gleichgewicht, freilich auch Schwere gibt, und das sich je nachdem als Gewissen, Vernunft, Erfahrungsweisheit, Grundsatztreue, Moral oder Gottesfurcht äussert. Eine ganze Generation hat damals gelernt – oder zu lernen geglaubt – dass es ohne Ballast geht…

Kein Volk der Welt hat etwas erlebt, was dem deutschen ‚1923‘-Erlebnis entspricht. Den Weltkrieg haben alle erlebt, die meisten auch Revolutionen, soziale Krisen, Streiks, Vermögensumschichtungen, Geldentwertungen. Aber keins die phantastische, groteske Übersteigerung von alledem auf einmal, die 1923 in Deutschland stattfand. Keins diesen gigantischen karnevalistischen Totentanz, dieses nicht endende blutig-groteske Saturnalienfest, in dem nicht nur das Geld, in dem alle Werte entwertet wurden. Das Jahr 1923 machte Deutschland fertig – nicht speziell zum Nazismus, aber zu jedem phantastischen Abenteuer. Die psychologischen und machtpolitischen Wurzeln des Nazismus liegen tiefer zurück..Aber damals entstand das, was ihm heute seinen Wahnsinnszug gibt: die kalte Tollheit, die hochfahrend hemmungslose, blinde Entschlossenheit zum Unmöglichen; das ‚Recht ist, was uns nutzt‘ und ‚das Wort unmöglich gibt es niciht‘.

Offenbar liegen Erlebnisse dieser Art jenseits der Grenze dessen, was Völker ohne seelischen Schaden durchmachen können.

Ich schaudere bei dem Gedanken, dass wahrscheinlich ganz Europa nach dem Kriege ein vergrössertes 1923 erleben wird, wenn nicht sehr weise Männer den Frieden machen.

Das Jahr 1923 begann mit einer patriotischen Hochstimmung, fast war es eine Wiedergeburt von 1914. Poincaré besetzte das Ruhrgebiet, die Regierung rief zum passiven Widerstand auf, und bei der Bevölkerung überwand das Gefühl nationaler Erniedrigung und Gefahr…die angehäuften Bürden der Müdigkeit und Enttäuschung. Das Volk ‚erhob sich‘, es machte eine leidenschaftliche Seelenanstrengung….

An der Ruhr gab es eine Art bezahlten Streik. Nicht nur wurden die Arbeiter bezahlt, sondern auch die Arbeitgeber – nur zu gut bezahlt, wie bald bekannt wurde…

Einige Monate später bekam der Ruhrkrieg..den unverkennbaren Geruch der Korruption. Bald regte er niemanden mehr auf..weil viel verrücktere Sachen zu Hause sich ereigneten.

Der Zeitungsleser konnte in jenem Jahr wieder eine Variante des aufregenden Zahlenspiels spielen, wie während des Krieges, als die Gefangenenzahlen und die Höhe der Beute die Schlagzeilen beherrscht hatten.

Diesmal bezogen sich die Ziffern..auf eine sonst ganz uninteressante alltägliche Börsenangelegenheit, nämlich die Notierung des Dollarkurses. Die Schwankungen des Dollarwertes waren das Barometer, an dem man mit einer Mischung aus Angst und Erregung den Sturz der Mark ablas…

Es war eigentlich nichts Neues an der Abwertung der Mark….Bis Ende 1922 hatten sich die Preise allmählich auf das Zehn- bis Hundertfache des Vorkriegsniveaus erhöht und der Dollar stand bei etwa 500 Mark…..Löhne, Gehälter und Preise hatten sich im grossen und ganzen gleichmässig erhöht…

Aber nun wurde die Mark verrückt. Schon bald nach dem Ruhrkrieg schoss der Dollar auf 20.000, hielt eine Weile an, kletterte dann auf 40.000, zögerte kurze Zeit, und fing dann an, mit kleinen periodischen Schwankungen stossweise die Zehntausende und Hunderttausende abzuleiern….Der Dollar wurde Tagesthema, und dann plötzlich sahen wir uns um und erkannten, dass das Ereignis unser Alltagsleben zerstört hatte. Wer ein Sparkonto, eine Hypothek oder sonst eine Geldanlage besass, sah es über Nacht verschwinden….Alles wurde ausgelöscht…

Die Lebenshaltungskosten hatten angefangen davon zu jagen, denn die Händler folgten dem Dollar dicht auf den Fersen. Ein Pfund Kartoffeln, das noch am Vortage fünfzigtausend Mark gekostet hatte, kostete heute schon hunderttausend, ein Gehalt von fünfundsechzigtausend Mark, das man am vorigen Freitag nach Hause gebracht hatte, reichte am Dienstag nicht aus, um ein Paket Zigaretten zu kaufen…

Plötzlich entdeckten Leute eine Insel der Sicherheit: Aktien.

Das war die einzige Form der Geldanlage, die irgendwie der Geschwindigkeit standhielt…Jeder kleine Beamte, jeder Angestellte, jeder Schichtarbeiter wurde Aktionär…die Aktienkurse schossen himmelwärts wie Raketen.

Die Banken waren von Reichtum aufgeschwemmt…

Den Alten und Weltfremden ging es am schlechtesten…Den Jungen, Flinken ging es gut. Über Nacht wurden sie frei, reich, unabhängig…

Es war eine Lage, in der Geistesträgheit und Verlass auf frühere Erfahrung mit Hunger und Tod bestraft, aber Impulshandeln und schnelles Erfassen der neuen Lage mit plötzlichem und ungeheurem Reichtum belohnt wurde…..

Unter soviel Leid, Verzweiflung und Bettelarmut gedieh eine fieberhafte, heissblütige Jugendhaftigkeit, Lüsternheit und ein allgemeiner Karnevalsgeist. Jetzt hatten auf einmal die Jungen und nicht die Alten das Geld; und überdies hatte seine Natur sich so geändert, dass es seinen Wert nur wenige Stunden hielt, und es wurde ausgegeben wie nie vorher oder seither; und für andere Sachen als solche, für die alte Leute ihr Geld ausgeben.

Zahllose Bars und Nachtklubs sprangen plötzlich auf…

Es gab eine andere Seite des Bildes: die Bettler häuften sich…..auch die Berichte über Selbstmorde…

Im August erreichte der Dollar die Million…Vierzehn Tage später..erhöhte der Dollar sein Tempo um das Zehnfache und fing sofort an, in Hundert-Millionen- und dann Milliardenschritten zu steigen…..Ende November war es die Billion….

Die Reichsbank hörte auf, Noten zu drucken…

Einmal wieder wurde die Stimmung revolutionär.

Mitte August fiel die Regierung unter wilden Strassenunruhen….

Dann passierte etwas seltsames. Die unglaubliche Mär begann eines Tages die Runde zu machen, es würde bald wieder Geld von ‚beständigem Wert‘ geben und etwas später wurde es Wirklichkeit. Kleine hässlich grau-grüne Scheine mit dem Schriftzug ‚eine Rentenmark‘….

Der Dollar hörte auf, zu steigen. Aktien auch.

Und wenn man sie in Rentenmark verwandelte, siehe! Sie waren zu nichts geworden, wie alles andere. Also behielt keiner etwas….

Einige Wochen davor war Stresemann Kanzler geworden. Die Politik wurde mit einem Schlage viel ruhiger. Niemand sprach mehr von Reichsverfall. Murrend zogen sich die ‚Bünde‘ in eine Art Winterschlaf zurück….

Das waren die Tage nach der Sintflut. Alles war verloren – aber die Wasser liessen nach…

Die einzige echte Friedenszeit, die meine Generation in Deutschland erlebt hat, war angebrochen: ein Zeitraum von sechs Jahren, 1924 bis 1929, in dem Stresemann die deutsche Politik vom Aussenamt beherrschte….

Es zeigte sich, dass eine ganze Generation in Deutschland mit dem Geschenk eines freien Privatlebens nichts anzufangen wusste. Ungefähr 20 Jahrgänge junger und jüngster Deutscher waren daran gewöhnt worden, ihren ganzen Lebensinhalt, allen Stoff für tiefere Emotionen, für Liebe und Hass, Jubel und Trauer, aber auch alle Sensationen und jeden Nervenkitzel sozusagen gratis aus der öffentlichen Sphäre geliefert zu bekommen – sei es auch zugleich mit Armut, Hunger, Tod, Wirrsal und Gefahr. Nun, da diese Belieferung ausblieb…Sie begannen sich zu langweilen, sie kamen auf dumme Gedanken, sie wurden mürrisch – und sie warteten schliesslich geradezu gierig auf die erste Störung, den ersten Rückschlag oder Zwischenfall, um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und neue kollektive Abenteuer zu starten…..Tatsächlich bereitete sich damals, vollkommen unsichtbar und unregistriert, jener ungeheure Riss vor, der heute das deutsche Volk in Nazis und Nichtnazis spaltet…..

Jenseits der Bildungsschicht heisst und hiess die grosse Gefahr des Lebens in Deutschland immer: Leere und Langeweile….

Dieser Grundtatbestand, dass in Deutschland nur eine Minderheit…etwas vom Leben versteht und etwas mit dem Leben anzufangen weiss – nebenbei ein Tatbestand, der Deutschland grundsätzlich ungeeignet zur demokratischen Regierungsweise macht – …hatte durch die Ereignisse von 1914 bis 1924 eine furchtbar bedrohliche Zuspitzung erfahren….

So lag, unter der Oberfläche, bereits alles bereit für ein grosses Unheil…

Die wüste Dekade von 1914 bis 1923 hatte allen Halt und alle Tradition weggeschwemmt, aber auch allen Muff und alles Gerümpel…Es war damals, trotz allem, viel frische Luft in Deutschland zu spüren und eine bemerkenswerte Abwesenheit der konventionellen Lüge. Die Schranken zwischen den Klassen waren dünn und brüchig geworden – vielleicht ein segensvolles Nebenergebnis der allgemeinen Verarmung….Klassendünkel und Stehkragengesinnung waren einfach unmodern geworden. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern waren offener und freier als je…

Oktober 1929. Böser Herbst nach einem schönen Sommer…Solange Stresemann Aussenminister gewesen war, hatte man nicht viel nach dem Reichskanzler gefragt. Sein Tod war der Anfang vom Ende…

Im Frühjahr 1930 wurde Brüning Reichskanzler…Seine Erfolge – unbestreitbar erzielte er einige – hatten durchweg das Schema ‚Operation gelungen, Patient tot‘ oder „Stellung gehalten, Mannschaft aufgerieben“. Um die Reparationszahlungen ad absurdum zu führen, liess er es zu, dass die deutsche Wirtschaft fast zu Bruch ging, die Banken schlossen, die Arbeitslosenziffer auf 6 Millionen stieg…..mit zusammengebissenen Zähnen zog Brüning jede schmerzhafte Konsequenz. Manches von dem, was später zu Hitlers effektivsten Folterinstrumenten gehören sollte, wurde von Brüning eingeführt: die ‚Devisenbewirtschaftung‘, die die Auslandsreisen, die ‚Reichsfluchtsteuer‘, die die Auswanderung unmöglich machte; sogar die Beschränkung der Pressefreiheit und die Knebelung des Parlaments gehen, in den Anfängen, auf ihn zurück…..

Meines Wissens ist das Brüningregime die erste Studie und, sozusagen, das Modell gewesen zu einer Regierungsart, die seither in vielen Ländern Europas Nachahmung gefunden hat: Der Semi-Diktatur im Namen der Demokratie und zur Abwehr der echten Diktatur….

Brüning selbst hatte dem Land nichts zu bieten als Armut, Trübsinn, Freiheitsbeschränkung und die Versicherung, dass etwas Besseres nicht zu haben sei…

Inzwischen sammelten sich geräuschvoll die Kräfte, die so lange brach gelegen hatten. Am 14. September 1930 fanden jene Reichstagswahlen statt, in denen die Nazis mit einem Schlage von einer lächerlichen Splitterpartei zur zweitstärksten heraufschnellten, von 12 Mandaten auf 107. Von diesem Tag an war die Mittelpunktsfigur schon der Brüningszeit nicht mehr Brüning, sondern Hitler…eine eher peinliche Figur aus grauer Vergangenheit…Zuhälterfrisur; die Talmieleganz; der Wiener Vorstadtdialekt; das viele und lange Reden überhaupt, das Epileptikergehaben dazu, die wilde Gestikulation, der Geifer, der abwechselnd flackernde und stierende Blick. Und dann der Inhalt der Reden: die Freude am Drohen, die Freude am Grausamen, die blutrünstigen Hinrichtungsphantasien…

Hitler versprach im übrigen allen alles, und das brachte ihm selbstverständlich eine grosse, lose Gefolgs- und Wählerschaft von Urteilslosen, Enttäuschten und Verarmten ein.

Das Entscheidende war aber nicht dies. Jenseits der blossen Demagogie und der Programmpunkte versprach er, deutlich und fühlbar ehrlich, zweierlei: die Wiederherstellung des grossen Kriegsspiels von 1914-18; und die Wiederholung des grossen sieghaft-anarchischen Beutezuges von 1923. Mit anderen Worten: seine spätere Aussenpolitik und seine spätere Wirtschaftspolitik….

  1. Januar 1933..Hitler wurde Reichskanzler…

Reichstagsbrand..Hitler:“Wenn das die Kommunisten getan haben, woran ich nicht zweifle, dann gnade ihnen Gott!“….Verhaftungen, den ersten grossen Schub für die ersten Konzentrationslager: linke Abgeordnete, linke Literaten, unbeliebte Ärzte, Beamte, Anwälte….

Verordnung Hindenburgs.., die für die Privatleute Meinungsfreiheit, Brief- und  Telefongeheimnis aufhob und der Polizei dafür unbeschränkte Haussuchungs- Beschlagnahme- und Verhaftungsrechte gab…..

Dass die meisten Deutschen damals, im Februar 1933, an die kommunistische Brandstiftung glaubten, kann man ihnen, scheint mir,..nicht übelnehmen. Was man ihnen übelnehmen kann, und worin sich zum ersten Mal in der Nazizeit ihre schreckliche kollektive Charakterschwäche zeigte, ist, dass damit die Angelegenheit für sie erledigt war. Dass man ihnen, jedem einzelnen von ihnen, sein bisschen verfassungsmässig garantierte persönliche Freiheit und Bürgerwürde wegnahm, nur weil es im Reichstag ein bisschen gebrannt hatte – das nahmen sie mit einer schafsmässigen Ergebenheit hin, als müsste es so sein……

Viele, ja die meisten europäischen Staatswesen sind blutiger geboren worden. Aber es gibt keins, dessen Entstehung in diesem Masse ekelhaft war… Die europäische Geschichte kennt zwei Formen von Terror: Die eine ist der zügellose Blutrausch einer losgelassenen, siegestrunkenen revolutionären Masse; die andere ist die kalte, überlegte Grausamkeit eines siegreichen, auf Abschreckung und Machtdemonstration bedachten Staatsapparats…Den Nazis ist es vorbehalten geblieben, beides zu kombinieren….

Freilich musste noch etwas anderes hinzukommen, um ihn zu vollenden: das war der feige Verrat aller Partei- und Organisationsführer, denen sich die 56 Prozent Deutsche, die noch am 5. März 1933 gegen die Nazis wählten, anvertraut hatten. Dieser furchtbare und entscheidende Vorgang ist wenig ins historische Bewusstsein der Welt getreten: die Nazis hatten kein besonderes Interesse daran, ihn hervorzuheben, weil er den Wert ihres ‚Sieges‘ beträchtlich herabmindern muss: und die Verräter selber – nun, sie hatten erst recht kein Interesse daran. Dennoch liefert nur dieser Verrat die letzte Erklärung für die zunächst unerklärlich scheinende Tatsache, dass ein grosses Volk, das immerhin nicht nur aus Feiglingen besteht, wiederstandslos der Schande verfallen konnte. Der Verrat war durchgehend, allgemein und ausnahmslos, von links bis rechts. Dass die Kommunisten, hinter einer prahlerischen Facade von ‚Bereitschaft‘ und Bürgerkriegsvorbereitung, in Wahrheit nur die rechtzeitige Flucht ihrer höheren Funktionäre ins Ausland vorbereiteten, habe ich schon erzählt.

Was die sozialdemokratische Führung betrifft, so hatte ihr Verrat an ihrer treuen und blind-loyalen Millionengefolgschaft von anständigen kleinen Leuten bereits am 20. Juli 1932 begonnen, als Severing und Grzesinski ‚der Gewalt wichen‘. Den Wahlkampf von 1933 führten die Sozialdemokraten bereits auf eine entsetzlich demütigende Weise, indem sie hinter den Parolen der Nazis herliefen und ihr „Auch-national-sein“ betonten. Am 4. März, einen Tag vor der Wahl, fuhr ihr ‚starker Mann‘, der preussische Ministerpräsident Otto Braun, im Auto über die Schweizer Grenze; er hatte vorsorglich im Tessin ein Häuschen gekauft…..

Das Zentrum, die grosse bürgerlich-katholische Partei..war bereits im März soweit. Es schuf durch seine Stimmen die Zweidrittelmehrheit, die der Regierung Hitler ‚legal‘ die Diktatur übertrug…unter Führung des einstigen Reichskanzlers Brüning….

Die Deutschnationalen schliesslich, die konservativen Rechtskreise, die ‚Ehre‘ und ‚Heroismus‘ geradezu als ihr Parteiprogramm vindizieren – o Gott, wie überaus ehrlos und feige war das Schauspiel, das ihre Führer ihren Anhängern im Jahre 1933 und seither vorführten!….sie machten alles mit, den Terror, die Judenverfolgung, die Christenverfolgungen..

Dieses furchtbare moralische Versagen der gegnerischen Führung ist ein Grundzug der ‚Revolution‘ vom März 1933. Es machte den Nazis den Sieg sehr leicht….

Ende März fühlten sich die Nazis stark genug, um den ersten Akt ihrer wirklichen Revolution zu starten, jener Revolution, die sich nicht gegen irgendeine Staatsverfassung, sondern gegen die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens auf der Erde richtet…Ihr erster..Akt war der Judenboykott vom 1. April 1933…

Sebastian Haffner

Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg

Anaconda Verlag GmbH, Köln, 2014, Erste Auflage , 1964

„Deutschland ist mit dem Erlebnis des Ersten Weltkriegs nicht fertig geworden…Wer einen schweren Rückschlag im Leben erleidet, fragt sich nachher normalerweise: „Was habe ich falsch gemacht?“. Er fragt sich das nicht, um sich zu bestrafen oder zu erniedrigen.., sondern um aus seinen Fehlern zu lernen. Wenn er es versäumt, wird er dieselben Fehler immer wieder machen. Die Deutschen haben es versäumt, und sie haben dieselben Fehler immer wieder gemacht….der Krieg und die Niederlage waren nicht ‚Schicksal‘. Sie waren das Ergebnis falscher Einschätzungen, falscher Entscheidungen und falscher Massnahmen deutscher Regierungen, die meist die Zustimmung der deutschen Öffentlichkeit hatten….

Nachträgliche Weisheit mag billig sein, aber besser als Verharren im Irrtum ist sie allemal….

  1. Die Abkehr von Bismarck.

Der erste der grossen Fehler, die Deutschland gemacht hat, war, den Ersten Weltkrieg überhaupt zu verursachen. Das hat es nämlich getan. Mit ‚Kriegsschuld‘ hat das nichts zu tun. Von ‚Kriegsschuld‘ zu sprechen, war nach dem Ersten Weltkrieg auf seiten der Sieger Scheinheiligkeit und Heuchelei. Schuld setzt ein Verbrechen voraus, und Krieg war damals kein Verbrechen. Es war im Europa von 1914 noch eine legitime Einrichtung, durchaus ehrenhaft und sogar ruhmvoll. Es war auch nicht etwa unpopulär…

Der grosse Bruch zwischen Frieden und Vorkrieg hatte um die Jahrhundertwende stattgefunden. Und was sich damals geändert hat, war die deutsche Politik. Sonst nichts. Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hatten zu den friedlichsten der europäischen Geschichte gehört. Auch das lag grösstenteils an der deutschen Politik. Unter Bismarck und noch in den ersten Jahren nach Bismarck war die deutsche Politik ausgesprochene Friedenspolitik gewesen, und Europa hatte Frieden gehabt.

Seit etwa 1897 gab es in der deutschen Politk einen scharfen Bruch, Jetzt war sie nicht mehr Friedenspolitik.

Von jetzt an hatte Europa keinen gesicherten Frieden mehr, sondern Krise nach Krise und die Aussicht auf Krieg…

Dass seit 1871, an der Stelle, wo vorher die kleinste der europäischen Mächte, Preussen, gestanden hatte, plötzlich die grösste und stärkste, das Deutsche Reich, stand, war eine gewaltige Erschütterung des gewohnten europäischen Gleichgewichts. Die Veränderung ohne allgemeinen Krieg herbeizuführen, war ein schwieriges Kunststück gewesen. Europa an das neue Kräfteverhältnis zu gewöhnen, war noch schwieriger. Bismarck wusste noch, wie schwierig es war und schaffte es durch eine überaus umsichtige, weise Politik, die Deutschlands Interessen begrenzte und überschaubar machte und sorgfältig vermied, einer anderen Grossmacht auf die Füsse zu treten. Er schuf Vertrauen für das neue Deutsche Reich….

Seine Nachfolger schufen allgemeines Misstrauen….Freilich wollten auch Bismarcks Nachfolger nicht, wie später Hitler, Krieg um des Krieges willen. Aber sie wollten jetzt Dinge, die ohne Krieg nicht zu haben waren…

Seit 1878 war..die vorher gute Beziehung mit Russland gestört..

Einen Krieg an der Seite Österreichs gegen Russland und Frankreich geradezu herbeizuführen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen; noch weniger, sich ohne Not auch mit England anzulegen. Beides aber taten seine Nachfolger…es war ein furchtbarer Fehler, und er war die Ursache des Ersten Weltkriegs…

Ehe die deutsche Politik sich änderte, änderte sich das deutsche Denken. Man fühlte sich nicht mehr als saturierter Staat. Man fühlte sich unbefriedigt, zu kurz gekommen; zugleich spürte man seine wachsende Karft….

Das Friedenssystem des 19. Jahrhunderts kann man in einem Satz zusammenfassen: In Europa herrschte Gleichgewicht, und ausserhalb Europas herrschte England. Bismarck hatte dieses System nie umstürzen wollen; er hatte nur ein einiges und mächtiges Deutsches Reich in dieses System einfügen wollen, und das war ihm geglückt. Seine Nachfolger wollten das System umstürzen und durch ein anderes ersetzen. In Zukunft sollte es heissen: Ausserhalb Europas herrscht Gleichgewicht, und in Europa herrscht Deutschland….

Daher die grosse Kriegsflotte, die Deutschland plötzlich nötig zu haben glaubte…

Dass England kampflos abdanken würde, durfte man..kaum erwarten. Dass man es sich unvermeidlich zum Feind machte, wenn man ihm seine bisherige Weltstellung ohne Not streitig machte, war nicht gerade schwer vorauszusehen…

Ein Kontinentalbündnis ..war nicht undenkbar. Aber wenn Deutschland es herbeiführen wollte, hätte es zahlen müssen, was es kostete: Es hätte dann Elsass-Lothringen oder wenigstens Lothringen an Frankreich zurückgeben müssen; es hätte Russland auf dem Balkan freie Hand geben, vielleicht sogar für später eine Teilung des Habsburgerreichs mit Russland ins Auge fassen müssen. Wer Schach spielen will, darf Opferkombinationen nicht scheuen.

Deutschland dachte nicht daran – im wörtlichen Sinne: Es liess Gedanken dieser Art überhaupt nicht aufkommen…

Das rächte sich. Die Opfer gegenüber Frankreich und Russland..,um aus Gegnern Bundesgenossen zu mache: England brachte sie. 1904 legt es, unter Opfern, seine Kolonialkonflikte mit Frankreich bei, 1907 mit Russland. Damit war Deutschland ‚eingekreist‘….Es hatte sich selbst eingekreist…

Aber sich nach der Decke zu strecken, unerreichbare Ziele aufzugeben, Fehlkalkulationen vor sich selbst einzugestehen und sich von einer gescheiterten Politik umsichtig wieder zu lösen, war damals wie heute Deutschlands schwache Seite. Lieber den Einsatz verdoppeln! Lieber mit dem Kopf durch die Wand!….

Nach der zweiten Marokkokrise, 1911, in der England sich zum erstenmal offen hinter Frankreich stellte, lebte Europa in einer ausgesprochenen Vorkriegsatmosphär: Heeresvermehrung in Deutschland, dreijährige Dienstzeit in Frankreich, gewaltige Aufrüstung in Russland….wir sind jetzt an dem Punkt angelangt, wo der Krieg vor der Tür steht….die deutsche Lage, mit drei Grossmächten als voraussichtlichen Kriegsgegnern, ist jetzt wirklich schauderhaft geworden. Dass Deutschland sich jetzt eingekreist fühlt, dass es bereits beginnt, in die desperate Stimmung zu geraten, in der man nur daran denkt, ‚wie man sich durchhaut‘, ist zu verstehen.

Aber der Anstoss zu dieser fatalen Veränderung ist eindeutig von Deutschland ausgegangen.

Der entscheidende erste Fehler, ..war seine Abkehr von Bismarck.

Bismarck sah mit der Reichsgründung Deutschland Optimalposition erreicht. Er erklärte von 1887: „Wir gehören zu den saturierten Staaten, wir haben keine Bedürfnisse, die wir durch das Schwert erkämpfen könnten.“

Die Selbstberauschtheit der deutschen Politik zwischen 1897 und 1914 ist unheimlich anzusehen. Ihre Fehler – Fehler der Selbstüberschätzung und Selbstüberhebung – sind elementar und monumental..

Wer genau hinsieht, entdeckt ausserdem in dieser deutschen Weltmachtpolitik, die den Weltkrieg verursachte, neben dem Rausch und der Enthemmung durch das Gefühl der eigenen Kraft, noch drei bedenklichere Elemente.

Erstens..einen gewissen Snobismus…

Zweitens einen gewissen Nihilismus…

Und schliesslich eine gewisse Selbsverkennung..

  1. Der Schlieffenplan

Es ist nicht wahr, dass die Schüsse von Sarajewo den Ersten Weltkrieg auslösten…

Österreich war zunächst ganz unentschlossen. Entschlossen für Krieg war nur der Generalstabschef Conrad von Hötzendorf, der ihn schon ein halbes dutzendmal vorher gefordert hatte…

Die Entscheidung für den Krieg Österreichs gegen Serbien fiel in Deutschland. In Potsdam, am 5. Juli 1914. Und zwar fiel die Entscheidung ausdrücklich auch für den Fall, dass aus dem Krieg gegen Serbien ‚ernst europäische Komplikationen‘ entstehen sollten. Man war in Deutschland bereit, den europäischen Krieg auszulösen. Man hielt den Anlass für günstig….die deutsche Regierung wollte den Frieden nicht bewahren. Freilich wollte sie auch nicht den Krieg, den sie dann bekam: den Krieg gegen Russland, Frankreich und England zugleich…..weil sie überzeugt war, dass…England neutral bleiben würde…

Man kann rückschauend mit voller Sicherheit sagen, dass England draussen geblieben wäre, wenn Deutschland von einer Invasion Frankreichs abgesehen hätte, also im Osten offensiv und im Westen defensiv gekämpft hätte – wie es ja auch der politischen Logik der Krise entsprochen hätte, die eine reine Ostkrise war. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ..wäre England sogar im Fall einer deutschen Westoffensive wenigstens für erste neutral geblieben, solange Deutschland nur Frankreich angegriffen hätte und nicht Belgien.

Belgien änderte alles…

An diesem Montagabend (3. August) ging das englische Ultimatum an Deutschland hinaus, die Invasion Belgiens sofort einzustellen…Am Dienstag erklärte England Deutschland den Krieg….Die deutsche Politik war zusammengebrochen.

Wie war das möglich?

Die Antwort, die fast unglaubliche Antwort ist, dass der deutsche Generalstab für einen europäischen Zwei-Fronten-Krieg im Jahre 1914 keinen anderen Plan besass als den sogenannten Schlieffenplan, der im Osten die Defensive und notfalls sogar den Rückzug vorsah, im Westen aber die Offensive zur schnellen Niederwerfung Frankreichs, und zwar unter der Verletzung der von England, übrigens auch von Deutschland, garantierten Neutralität Belgiens. Die letzten Alternativpläne, die es früher gegeben hatte, waren 1813 kassiert worden. Ohne Rücksicht auf die politische Lage musste Deutschland also, nach dem Willen des Generalstabs, im Falle eines Kriegs das Schwergewicht seiner Kriegführung in den Westen legen und England in den Krieg hineinziehen…..

Es war das Werk des deutschen Generalstabs. Der deutsche Generalstab war der deutschen Politik in den Rücken gefallen und hatte sie zunichte gemacht. Nie hat es ein schlagenderes Beispiel für die Wahrheit von Clemenceaus Wort gegeben, dass Krieg eine zu ernst Sache sei, um sie den Generälen zu überlassen….

Der Schlieffenplan war ein typisches Produkt militärischen Jugendstils, kopflastig und dünnstengelig…..Es war ein Plan, der um eines ungewissen Erfolges willen ein sicheres Übel in Kauf nahm….

Tatsächlich waren ..im kaiserlichen Deutschland Regierung und Generalstab streng getrennt, beide, unmittelbar dem Kaiser unterstellt…zweifellos ein Konstruktionsfehler der deutschen Verfassung…..

Auch Bismarck hatte unter der Selbstherrlichkeit der militärischen ‚Halbgötter“ 1866 und 1870/71 schwer zu leiden gehabt…und…dagegen ankämpfen müssen, dass sie ihm immer wieder sein politisches Konzept verdarben…

Bethmann-Hollweg fehlte zu einem solchen Kampf, der er in diesem Fall schon vor dem Kriegsausbruch hätte führen müssen, entweder die Charakterstärke oder die Einsicht. Darin lag sein Versagen…

  1. Belgien und Polen oder die Flucht vor der Wirklichkeit

Der Schlieffenplan scheiterte bekanntlich, und nicht erst an der Marne….der Schlieffenplan war strategisch in dem Augenblick gescheitert, wo das deutsche Angriffsheer die französische Armee nicht mehr in Flanke und Rücken umfasste, sondern selbst umfasst wurde….

Mit dem Scheitern des Schlieffenplans war der Krieg für Deutschland nach militärischer Papierform eigentlich verloren….die Masse des deutschen Heeres war nun im Westen gebunden, und inzwischen wälzte sich im Osten langsam die ‚russische Dampfwalze‘ heran. Während des ganzen ersten Kriegswinters hatte die deutsche Heeresleitung alle Hände voll zu tun, mit notdürftig zusammengekratzten, unterlegenen Kräften die ständig unmittelbar drohende Niederlage im Osten abzuwenden. Sie schaffte das in einer Serie überaus gewagter, überaus glänzender Operationen.., aber sie operierte dabei ununterbrochen am Rande des Abgrunds. Erst im Sommer 1815 fand Deutschland die Kräfte für eine gross angelegte Entlastungsoffensive im Osten, die dann auch tatsächlich die Russen weit zurückwarf: über Polen, Litauen und Kurland hinaus…..

Die Gesamtbilanz des Krieges ergab auch im Herbst 1815, dem für Deutschland wohl günstigsten Augenblick des Krieges, immer noch, nun allerdings auf längere Sicht, die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage, allenfalls die Chance eines Remis.

Der Generalstabschef berichtete dem Kaiser im Dezember 1815, er könne ‚mit den Mitteln des Landkrieges einen Sieg nicht mehr garantieren‘…

Seine Verbündeten konnten ihm nicht helfen…..Neue Verbündete hatte Deutschland nirgends zu erwarten….Dagegen nahmen die Kräfte der Gegenseite immer noch zu…..im Hintergrund stand die auch damals schon stärkste Macht von allen: Amerika: neutral, mehr an Friedensvermittlung als an Kriegsteilnahme interessiert, aber doch bereits durch gewaltige Kriegslieferungen und Kriegskredite mit England und Frankreich so weit materiell verbunden, dass es eine Niederlage dieser beiden Mächte kaum tatenlos mit ansehen konnte…

Es machte dem militärischen Können und der Tapferkeit des deutschen Heeres und Volkes und der Fähigkeit seiner militärischen Führung alle Ehre. Aber Deutschland hatte schon sein Alles in die Waagschale geworfen, die Gegenseite noch nicht. Wenn der Krieg als Ermattungskrieg bis zur Ausschöpfung aller Kräfte durchgeführt wurde, musste sich die Waage unweigerlich am Ende zu ungunsten Deutschlands senken….die Aufgabe der deutschen Politik war dadurch klar vorgezeichnet. Sie musste die Zeit..benutzen..um den Krieg politisch zu beenden…

Diese Aufgabe verfehlte die deutsche Politik. Sie verfehlte sie nicht nur zu lösen, sondern auch schon zu erkennen.

Es war der dritte der grossen Fehler, mit denen Deutschland sich im Ersten Weltkrieg ruinierte….

Einen allgemeinen Kompromissfrieden auf der Grundlage des „Status Quo“, „ohne Sieger und Besiegte“, ‚ohne Annexionen und Entschädigungen‘, wie die damaligen Formeln lauteten, lehnte die deutsche Regierung, unter dem Beifall der deutschen Öffentlichkeit, vier Jahre lang – ganz genau gesagt: bis zum 29. September 1918 – jederzeit geradezu mit Entrüstung ab, wie eine unsittliche Zumutung. Nicht nur in Propagandaartikeln, sondern auch in vertraulichen Regierungsdokumenten kehrt die Formel immer wieder, dass ein solcher ‚fauler‘ oder ‚vorzeitiger‘ Friede einer Niederlage gleichkäme…

Der deutsche Realitätsverlust fand seinen Niederschlag, in dem Streit um die ‚Kriegsziele‘, der..die deutsche Innenpolitik während der ganzen Kriegsdauer beherrschte. Diese Kriegszieldiskussion..ist ein melancholisch-komisches Schauspiel, bei dem man nie weiss, ob man lachen oder weinen soll. Während das deutsche Heer mit äusserster Kraft und unter entsetzliche Blutopfern in der Champagne, an der Aisne und Somme, in Flandern…den mmer wiederholten Massenansturm zahlenmässig überlegener Feindheere immer wieder gerade noch abstemmte…diskutierte das offizielle und politische Deutschland, ob es ‚nach dem Siege‘ nur die flandrische Küste Belgiens oder auch die Kanalküste Frankreichs annektieren wolle, welche Mittel am besten geeignet wären, Frankreich als Grossmacht für immer auszuschalten, ob man Polen lieber zu einem deutschen Schutzstaat machen oder an Österreich anschliessen sollte, und wie man die ungeheuren Kriegsentschädigungen eintreiben sollte, die man den besiegten Gegnern aufzuerlegen dachte..

Das alles hatte keine Beziehung zur Wirklichkeit…

Die Flucht vor der Wirklichkeit..schafft Tatbestände und hat Folgen…

Die Festlegung auf Siegfrieden bei fehlender Siegesmöglichkeit machte jede sinnvolle deutsche Aussenpolitik unmöglich…zwei Länder, die Deutschland besetzt hielt und nicht wieder herauszugeben entschlossen war..: Belgien und Polen.

An Belgien und Polen scheiterten 1916 die Chancen eines von Amerika vermittelten allgemeinen Kompromissfriedens und eines Sonderfriedens mit Russland…

  1. Der unbeschränkte U-Bootkrieg

Mit dem unbeschränkten U-Bootkrieg macht Deutschland zum zweitenmal, in noch grösserem Massstab, denselben Fehler wie mit dem Schlieffenplan. Wieder nahm es ein um eines unsicheren, nur erhofften Gewinns willen ein sicheres Übel in Kauf….

Mit dem unbeschränkten U-Bootkrieg wollte es England aus dem Felde schlagen und zog Amerika in den Krieg herein.

Beide Male war der sichere Schaden von vornherein grösser als der bloss erhoffte Gewinn. Beide Male blieb dann auch noch der erhoffte Gewinn aus.

Beide Riesenfehler hatten ihre Quelle in der deutschen Heeres- (und Marine-) Leitung, die in der Operationsführung so Vorzügliches leistete. Im eigentlich Militärischen wurden im Ersten Weltkrieg, sehr im Gegensatz zum Zweiten..kaum irgendwelche nachweislichen grösseren Fehler gemacht….

Nur: Alles, was der deutsche Generalstab und Admiralstab mit gewonnenen Schlachten pfennigweise hereinbrachten, warfen sie mit dem Schlieffenplan und dem unbeschränkten U-Bootkrieg tausendmarkweise zum Fenster hinaus…

Entscheidende Fehler im gesamtstrategischen Konzept sind durch noch so glänzende Detailleistungen im operativen Bereich nicht wieder einzuholen.

Wer nicht verstand oder auch heute noch nicht versteht, wie Deutschland im Felde immerfort siegen und doch den Krieg verlieren konnte: Hier hat er die einfache Antwort….

  1. Das Spiel mit der Weltrevolution und die Bolschewisierung Russland

Die Bolschewisierung Russlands war natürlich in erster Linie die Tat Lenins. Aber sie war auch das Werk Deutschlands….Dass es..seit dem Ersten Weltkrieg eine bolschewistische Regierung in Moskau gibt, das hat die damalige deutsche Reichsleitung nicht nur entscheidend mitbewirkt, sondern auch gewollt. Die Bolschewisierung Russlands war eine bewusste, wohlerwogene und in diesem Fall auch einmal erfolgreiche Politik des kaiserlichen Deutschland im Ersten Weltkrieg…..

Der Monat April 1917, in dem die deutsche Regierung Lenin nach Russland schickte, war der goldene Monat des U-Boot-Krieges, als 849.000 Tonnen Schiffsraum versenkt wurden und die Niederlage Englands vor der Tür zu stehen schien….

Graf Brockdorff-Rantzau, einer der Inititiatoren der Mission Lenins, forderte die Mission, ‚um uns den Sieg in letzter Stunde zu sichern‘ – den Sieg, nicht etwa nur die Rettung.

Mit der Bolschewisierung Russlands hatte man weit mehr im Sinn als etwa nur einen Sonderfrieden im Osten, um sich vom Zweifrontenkrieg zu befreien. Den hätte man schon 1916 von der Regierung Stürmer haben können.

Von der Bolschewisierung Russlands erwartete man vielmehr den Siegfrieden im Osten, Russlands Ruin und seinen dauernden Ausfall als Grossmacht..

Deutschland hat..die bolschewistische Parteiarbeit in Russland im Sommer und Herbst 1917, die die Oktoberrevolution erst möglich machte, finanziert…..es dürften etwa 26 Millionen Mark gewesen sein….diese lumpigen 26 Millionen haben die Weltgeschichte verändert….

Dass der Friede, den Deutschland Lenins Russland auferlegen würde, hart und bitter sein würde, darüber hatte Lenin keine Illusionen….

Lenins und Trotzkis erfolgreiche Revolution schien Russland nichts weiter zu bringen als Chaos und Ohnmacht, Deutschland aber eine letzte, ganz unverhoffte Siegchance: Plötzlich, wie durch Zauber, war es den Krieg im Osten los – und damit ergab sich die Möglichkeit, alle Kräfte in den Westen zu werfen und vielleicht auch dort, in letzter Minute, ehe die Amerikaner kamen, den Krieg siegreich zu beenden…..Deutschland hat diese letzte, unverhoffte Siegeschance nicht wirklich genutzt. Die Konzentration aller verbleibenden Kräfte auf den einen entscheidenden Schlag im Westen, auf den jetzt alles ankam und für den nur kurze Zeit blieb, hat nie stattgefunden….Deutschland..ging, unglaublicherweise, 1918 noch tiefer in den Osten hinein als vorher. Der phantastische deutsche Ostlandritt des Jahres 1918 ist heute fast vergessen…er hat..endgültig Deutschlands letzte Chance im Ersten Weltkrieg zunichte gemacht…

  1. Brest-Litowsk oder die verpatzte letzte Chance

Churchill: „Deutschland verdankte seine totale Niederlage drei Kardinalfehlern: Der Entscheidung, 1914 durch Belgien zu marschieren, ohne Rücksicht darauf, dass es damit England in den Krieg holte; der Entscheidung, 1917 den unbeschränkten U-Bootkrieg zu beginnen ohne Rücksicht darauf, dass es damit die Vereinigten Staaten in den Krieg zog; drittens die Entscheidung, 1918 die in Russland frei gewordenen Kräfte für einen letzten Grossangriff in Frankreich zu benutzen. Ohne den ersten Fehler würden die Deutschen Frankreich und Russland mühelos in einem Jahr besiegt haben; ohne den zweiten würden sie imstande gewesen sein, 1917 einen zufriedenstellenden Frieden zu machen; ohne den dritten hätten sie den Alliierten eine undurchdringliche Front an der Maas oder am Rhein entgegensetzen und für die Abkürzung der Schlächterei immer noch Bedingungen aushandeln können, die ihrer Selbstachtung Genüge getan hätten.“

Mit seinen ersten beiden Thesen trifft er ins Schwarze. Aber die dritte scheint zweifelhaft, wenn nicht geradzu falsch. Was Churchill ausser acht lässt, ist der Zeit- und Ermüdungsfaktor….Die Kraft, noch einmal, vielleicht jahrelang, endlose Abwehr- und Materialschlachten gegen die noch ganz frischen Amerikaner wie gegen die Engländer und Franzosen durchzustehen, hatte es nicht mehr….

Der Friede, den Deutschland in Brest-Litowsk dem bolschewistischen – nicht einmal eigentlich militärisch besiegten – Russland auferlegte, war ein Unterwerfungs- und Verkrüppelungsfriede, gegen den der Vertrag von Versailles, den Deutschland ein Jahr später unterzeichnen musste, noch geradezu milde erscheint. Russland verlor 26 Prozent seines Vorkriegsterritoriums, 27 Prozent seiner landwirtschaftlichen Anbaufläche, 26 Prozent des Eisenbahnnetzes, 33 Prozent der Leichtindustrie, 73 Prozent der Schwerindustrie und 75 Prozent der Kohlebergwerke. Es wurde von seinen beiden Meeren, der Ostsee und dem Schwarzen Meer abgeschnitten, und es gingen ihm nicht nur Finland, die baltischen Provinzen und Russisch-Polen verloren..sondern auch die Ukraine, die so russisch war und ist, wie Bayern deutsch ist….

Mit dem Frieden von Brest-Litowsk gab Deutschland die Chance einer wirklichen und totalen Freisetzung seiner militärischen Kräfte von der Ostfront preis…

Es hätten sich in einem realpolitisch denkenden Lande in der Lage des Deutschland von 1918 verantwortliche Männer finden müssen, die einen massvollen und für den Gegner annehmbaren Ostfrieden verlangten, weil Deutschland nur so alle seine militärischen Kräfte für den Westen freibekam. Solche Männer fanden sich nicht. Nur die Arbeiter Berlins und einer anderer Grossstädte streikten Ende Januar eine Woche lang aus Protest gegen das, was sie als überflüssige Kriegsverlängerung ansahen – ein Streik, der ihrem politischen Urteil alle Ehre macht….

Eine Niederlage lässt sich besser oder schlechter handhaben, so wie man geschickt oder ungeschickt fallen kann. Die Handhabung der Niederlage von 1918 war Deutschlands letzter grosser Fehler im Ersten Weltkrieg, und fast der schlimmste. Denn Deutschland fiel so ungeschickt wie nur möglich. Schon mitten im Fallen glaubte man noch, mitten im Siegen zu sein. Es machte keinen Versuch, seinen Fall zu begreifen, zu bremsen und zu mildern….Das Kriegsende fand in einer gewissen plötzlichen Bewusstlosigkeit statt. Was damals wirklich passierte, was Deutschland sich in letzter Minute noch selbst antat, hat es nie richtig aufgefasst und später nie richtig erinnert. Er hat sich später die unsinnigsten Legenden darüber aufschwatzen lassen, sogar die, dass das siegreiche Heer von hinten erdolcht worden sei. Auch hat es sich von dem Schock nie ganz erholt. Seit dem Herbst 1918 sind die Deutschen ein politisch gemütskrankes Volk.

  1. Der wirkliche Dolchstoss

Ende April 1918, nach dem Ende der Vierzig-Tage-Schlacht an der englischen Front in Frankreich und Flandern, war der Augenblick gekommen, sich darüber Rechenschaft zu geben, dass der Krieg endgültig verloren war…

Im März 1918 hatten an der Westfront auf jeder Seite etwa dreieinhalb Millionen Soldaten gestanden. Der Versuch, in dieser Lage eine günstige Entscheidung zu erzwingen, war gescheitert…das hatte rund 350.000 Mann gekostet, grösstenteils unersetzliche, ausgesuchte Elitetruppen. Die Engländer hatten etwas weniger verloren, etwa 300.000 Mann, und sie konnten den Verlust besser ersetzen…

Aussedem aber kamen nun die Amerikaner an, und zwar ab April jeden Monat rund eine Viertelmillion…

Im Oktober 1918 standen anderthalb Millionen Amerikaner in Frankreich…Diese jetzt ständig..wachsende Übermacht musste früher oder später jeden Widerstand an der Westfront erdrücken; besonders da die Alliierten jetzt auch noch eine neue Waffe hatten, die zum erstenmal im Ersten Weltkrieg dem Angriff eine taktische Überlegenheit über die Verteidigung gab: den Tank…..

Deutschland hatte…, wenn man sorgfältig damit umging, noch etwa für ein Jahr, mit Glück, vielleicht für anderthalb Jahre Verteidigungskraft in der Hand; und strategische Angriffskraft überhaupt nicht mehr.

Das alles war bekannt: der militärischen Führung im Detail; der politischen jedenfalls im Umriss.

Die Konsequenzen ergaben sich mit zwingender Gewalt….Politisch musste man die unvermeidlichen Minimalfolgen der Niederlage mit hartem Entschluss selber vorwegnehmen, um die Maximalfolgen vielleicht noch abzuwenden; das heist, man musste das, was jetzt auf jeden Fall verloren war, dem Feind freiwillig überlassen, um ihn sozusagen zu sättigen und seine Motive zum Weiterkämpfen für weitergehende Ziele möglichst zu schwächen….man musste sich, gleichermassen aus militärischen und aus politischen Gründen, so schnell wie möglich aus Frankreich, Belgien und Luxemburg zurückziehen und am besten auch gleich aus Elsass-Lothringen….

Es lässt sich nicht beweisen, dass man auf diese Weise einen erträglichen Verhandlungsfrieden tatsächlich erreicht hätte….Wohl aber war es die erweislich einzige Chance, die im Frühsommer 1918 dafür noch blieb…

Woran alles scheiterte, waren weder militärische noch innenpolitische Überlegungen: Solche Überlegungen wurden überhaupt nicht angestellt….

Die deutsche Niederlage 1918 vollzog sich in drei deutlich voneinander abgesetzten Phasen. Die erste dauerte von  Ende April bis Mitte Juli. In dieser Zeit wusste weder der Feind noch die Masse des deutschen Volkes, was die Stunde geschlagen hatte und die deutsche Führung..zog es vor, sich selbst zu belügen. Dies war die Zeit der unverzeihlichen Unterlassungen..

Die zweite Phas, von Mitte Juli bis Ende Septmber, war die Zeit der deutschen militärischen Niederlagen und erzwungenen Rückzüge an der Westfrond…In dieser Zeit begannen sowohl die Alliierten wie das deutsche Volk zu ahnen, wie es stand, und die deutsche Heeres- und Reichsleitung gestand sich jetzt ein, dass der Krieg verloren war und beendet werden musste, ohne aber praktische Folgerungen aus dieser Einsicht zu ziehen: Man wollte immer noch Belgien und ein Stück Nordfrankreich als „Faustpfand“ in der Hand behalten.

Die letzte Phase begann am 29. September, als die Heeresleitung die Reichsregierung plötzlich ultimativ nötigte, öffentlich und ohne jede Vorbereitung den amerikanischen Präsidenten um die Vermittlung eines Waffenstillstandes zu bitten.

Jetzt wussten alle alles….Von diesem Augenblick an war die Niederlage unkontrollierbar, unbegrenzbar geworden….

Ludendorff..war ein guter General und ein schlechter Politiker. Bis zum Frühjahr 1918 war seine Tragödie,..dass der General Ludendorff den Siegfrieden nicht liefern konnte, den der Politker Ludendorff verlangte. Die monumentalen Fehler des unbeschränkten U-Bootkrieges, des Pakts mit Lenin und der östlichen Eroberungsorgie von Brest-Litowsk machte der Poltiker Ludendorff…

Im Frühsommer 1918 ..überwältigte der schlechte Politiker Ludendorff den guten General Ludendorff auch auf seinem ureigensten Gebiet. Die Operationspläne für den Sommer 1918, die nach dem Scheitern des grossen Entscheidungsschlages gegen die englische Front improvisiert wurden, waren selbst militärisch Schund…

Im ganzen verlor das deutsche Heer im Westfeldzug 1918 an Gefallenen, Verwundeten, Vermissten und Gefangenen rund eineinhalb Millionen Mann, rund 800.000 von März bis Juli, rund 700.000 von August bis November…

Was diesen ungeheuren Blutverlust, den schwersten des ganzen Krieges, zu einer so vernichtenden Anklage gegen die deutsche Heeresführung macht, war, dass er seit Mai ohne jeden schlüssigen strategischen Gedanken in Kauf genommen wurde, also praktisch für gar nichts….

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ludendorff um diese Zeit bereits ein seelisch gestörter Mann war…..Diese seelische Störung…nahm zwei Formen an: zunächst die einer wilden Weigerung, Tatsachen anzuerkennen; dann, als die Tatsachen sich nicht mehr leugnen liessen, einer ebenso wilden Entschlossenheit, Sündenböcke zu finden. Nach dem 8. August…klagte er die Truppe an, ihm nicht mehr die sichere Grundlage für seine Strategie zu bieten. Später war es dann im Gegenteil die Heimat, die ‚das siegreiche Heer von hinten erdolcht hatte‘….

Am 26. Oktober, bei nun wirklich hoffnungslos gewordener Lage, wollte er plötzlich wieder weiterkämpfen und nahm seinen Abschied, als man ihm bedeutete, das sei nun unmöglich geworden.

Er floh dann nach Schweden, von wo er später, als die Luft rein war, zurückkam, um die Schuld an der deutschen Niederlage einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung zuzuschreiben und an verschiedenen Putschen gegen Verfassung und Regierung teilzunehmen…

Man kommt um die Mitteilung dieser peinlichen Personalien nicht herum, weil Ludendorff nun einmal im Sommer 1918 der Mann war, in dessen Hände Deutschlands Schicksal gelegt war und dessen Wille bis zu seiner Absetzung oberstes Gesetz blieb.

Die Handlungen Deutschlands waren in dieser Zeit Handlungen Ludendorffs….

Tatsächlich waren die Novemberunruhen für die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg ganz irrelevant. Sie waren ihre Folge, nicht ihre Ursache, und sie trugen auch nichts dazu bei, die Folgen der Niederlage zu verschlimmern…..

Statt dessen erleichterte die „Novemberrevolution“ einen Vorgang, der schon vorher eingesetzt hatte und der die letzte und schlimmste Pointe in der Geschichte der deutschen Niederlage bildet: das lautlose Verschwinden der Verantwortlichen und das Verwischen der Verantwortung…..Das kaiserliche Deutschland und seine Führer handelten wie ein verfolgter Dieb, der im Weglaufen den gestohlenen Gegenstand einem Passanten in die Tasche praktiziert….

Statt dessen wurde nur unter dem Prinzen von Baden – einem liberalen Kritiker der bisherigen Kriegspolitik – eine Regierung aus Sozialdemokraten, Linksliberalen und Linkskatholiken gebildet, also lauter Leuten, die man während des Krieges an die Verantwortung nicht herangelassen hatte: die Verantwortung für die Niederlage und die Kapitulation aber durften sie jetzt übernehmen. Dabei wurde der neuen Regierung noch streng eingeschärft, die Oberste Heeresleitung völlig aus der Sache herauszuhalten. Niemand dürfe erfahren, dass das Waffenstillstandsgesuch auf ihr Verlangen erfolgte…

Fünf Wochen später, im letzten Augenblick vor dem harten Aufprall auf das Pflaster, verschwanden dann auch noch lautlos und spurlos der Kaiser, die Landesfürsten, der neue Reichskanzler und die bürgerlichen Minister. Allein übrig blieben die Sozialdemokraten, die ‚Reichsfeinde‘ von vor 1914, die ‚Flaumacher‘ von nach 1914; und jetzt liess man sie mit der Niederlage in der Hand allein, und mochten sie sehen, wie sie damit fertig wurden.

Aber auch das war noch nicht die allerletzte Pointe. Bereits ein Jahr darauf waren diejenigen, die sich im Oktober und November 1918 so schäbig aus der Verantwortung herausgestohlen hatten, wieder da – als Ankläger. Jetzt wurden die Sozialdemokraten, denen sie die Niederlage damals in die Hand gespielt haben, zu ‚Novemberverbrechern‘, die ‚die siegreiche Front von hinten erdolcht‘ und die Niederlage verursacht, ja, gewollt hätten….

Ein grosser Teil des Volkes…saugte das Gift gierig ein.

Es ist ein Gift, das bis heute vorhält und weiterwirkt……

Was nicht überstanden werden kann, ist die Selbsvergiftung eines Volkes durch eine politische Lebenslüge…

Das war eine Infamie, aus der nur unabsehbares Unheil entstehen konnte und entstanden ist.

Es war der wirkliche Dolchstoss.

Warum Nationen scheitern

Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut

Daron Acemoglu und James A. Robinson, 2012

Verlag S. Fischer

 

„Warum sind einige Nationen reich?

Wodurch entsteht die krasse Ungleichheit in unserer heutigen Welt?

Wie soll man der Ungleichheit begegnen?..

Anhand zahlreicher, faszinierender Fallbeispiele – von den Conquistadores über die industrielle Revolution bis zum heutigen China, von Sierra Leone bis Kolumbien – zeigen sie, mit welcher Macht die Eliten mittels repressiver Insitutionen sämtliche Regeln zu ihren Gunsten manipulieren – zum Schaden der vielen Einzelnen…

Über den Erfolg oder das Scheitern von Nationen wird viel geschrieben. Manche behaupten, dass die Geographie der entscheidende Faktor sei: Gewisse geographische Faktoren, etwa ein gemässigtes Klima und ein ungehinderter Zugang zum Meer oder Bodenschätzen wie Kohle, seien förderlich für das Wirtschaftswachstum, andere dagegen nicht. Manche betonen kulturelle Faktoren: Bestimmte Werte und Verhaltensweisen, beispielsweise die protestantische Ethik oder vielleicht judäisch-christliche Ideale oder das nordische oder deutsche Arbeitsethos, seien hilfreich für die Wirtschaftsentwicklung, während südeuropäische oder afrikanische Einstellungen eher ein Hindernis bildeten. Noch andere sehen die Ursache bei einer aufgeklärten oder unaufgeklärten politischen Führung…

Hitler brachte nicht nur Tod und Gemetzel über Europa, sondern auch Ruin und Schande über Deutschland..er wurde nicht aus dem Weltraum an die Macht katapultiert, sondern viele gewöhnliche Bürger und eine grosse Zahl von Unternehmen unterstützten ihn. Vor allem jedoch gaben sich zahlreiche Angehörige des Establishments in Deutschland grosse Mühe, die Weimarer Republik zu unterminieren. Leider waren die Eliten und ihre Parteien sowie die Kommunisten, welche die Demokratie gleichermassen ablehnten, letztlich erfolgreich…..

Das Wirtschaftswachstum wird von Innovationen sowie vom technologischen und organisatorischen Wandel angetrieben, die sich den Ideen, den Begabungen, der Kreativität und der Energie von Individuen verdanken….dazu bedarf es entsprechender Anreize. Zudem sind Fähigkeiten und Ideen breit über die Gesellschaft verstreut, weshalb ein Staat, der grosse Teile der Bevölkerung benachteiligt, kaum das vorhandene Innovationspotential nutzen und vom wirtschaftlichen Wandel profitieren dürfte…..Den Schlüssel zu nachhaltigem wirtschaftlichen Erfolg findet man im Aufbau einer Reihe von Wirtschaftsinstitutionen inklusiver Wirtschaftsinstitutionen – welche die Talente und Ideen der Bürger eines Staates nutzbar machen können, indem sie geeignete Anreize und Gelegenheiten bieten, dazu gesicherte Eigentums- und Vertragsrechte, eine funktionierende Justiz sowie einen freien Wettbewerb….

Zum Beispiel müssen inklusive Wirtschaftsinstitutionen von inklusiven politischen Institutionen unterstützt werden, die politische Gleichheit und eine breite Beteiligung der Bevölkerung am politischen Geschehen sowie die Macht von zentralisierten Staaten zur Regulierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten erfordern….

Extraktive Wirtschaftsinstitutionen hingegen werden zumeist ihrerseits von extraktiven politischen Institutionen unterstützt, unter denen sich die politische Macht auf eine kleine Elite konzentriert, deren Machtausübung kaum Kontrollen unterliegt….

Die politischen europäischen Institutionen sind seit dem Krieg zunehmend inklusiv und demokratisch, was sich in einer breiten Beteiligung an den Wahlen und am politischen Geschehen auf nationaler und lokaler Ebene ausdrückt….

letztlich Aufgabe einer einzigen zentralen Institution: der Europäischen Union…

Europa ist seit 1951 einem Krieg nicht einmal nahegekommen…

Europäische Union als Bollwerk für Frieden und Stabilität, auf das sich die inklusiven nationalen Institutionen und der umfassende wirtschaftliche Wohlstand im Nachkriegseuropa gründen….

Zurzeit kann man beim Gedanken an die Zukunft Europas verzweifeln….

Die Herausforderung in Europa ist nicht durch fundamentale strukturelle Mängel oder durch die Inklusivität seiner Institutionen entstanden, sondern durch die Finanzkrise…ein bedeutender Teil des Problems besteht in den tatsächlichen oder von den Finanzmärkten so wahrgenommenen impliziten Garantien für die Staatsschulden sämtlicher Länder – als wären all diese Schulden so sicher wie die der Bundesrepublik…Dies förderte eine unhaltbare Expansion der Kapitalströme in Richtung von Ländern, in denen noch keine inklusiven Institutionen Fuss gefasst haben und wo die politischen Eliten weiterhin in der Lage sind, die Regeln zu ihrem eigenen Vorteil und dem ihrer Anhänger zu verdrehen….

Die Beschäftigung mit diesen Problemen wird schmerzhaft sein…

Was getan werden muss, ist kein grosses Geheimnis…

Parallele zu den Vereinigten Staaten zwischen den Konföderationsartikeln von 1781 und der Ratifizierung der US-Verfassung von 1788 liegt auf der Hand.

Damals waren die Gemeinwesen in den Vereinigten Staaten, genau wie heute in Europa, unter einer schwachen Zentralregierung ohne die Macht, Steuern zu erheben und eine Fiskalpolitik zu betreiben, zu einer Währungsunion zusammengeschlossen…

Der Sumpf wurde mit Hilfe der US-Verfassung trockengelegt, die der Zentralregierung die (beschränkte) Macht verlieh, Steuern zu erheben und Geldmittel über die Staatsgrenzen zu verteilen, während die Verschuldung der Staaten gleichzeitig auf die Zentralregierung übertragen wurde….Entscheidend war.., dass sich die Zentralregierung weigerte, den Finanzmärkten eine pauschale Garantie für die Staatsschulden zu geben. Nach 1829, als viele Staaten steigende Defizite aufwiesen, liess die Zentralregierung Zahlungsausfälle zu…

Der gleiche Weg steht Europa offen. Aber es ist..wesentlich, dass dies nicht als ein weiteres Manöver von cleveren Bürokraten in Brüssel empfunden wird….

Warum ist Ägypten so viel Ärmer als die Vereinigten Staaten?…

Die Protestierenden auf dem Tahrir-Platz äusserten sich einmütig über die Bestechlichkeit der Regierung, ihr Unvermögen, öffentliche Dienstleistungen bereitzustellen, sowie über die Chancenungleichheit in ihrem Land. Vor allem beklagten sie sich über Repressionen und das Fehlen politischer Rechte….

Die Dinge, welche die Ägypter nach ihrer eigenen Einschätzung bremsen, sind ein ineffektiver und korrupter Staat sowie eine Gesellschaft, in der sie ihre Begabung, ihren Ehrgeiz, ihren Einfallsreichtum ..nicht nutzen können. Sie wissen, dass die Wurzeln dieser Probleme politisch sind. Alle wirtschaftichen Hindernisse im Lande entstehen durch die Art, wie die politische Macht in Ägypten durch eine kleine Elite ausgeübt und monopolisiert wird….

Länder wie Grossbritannien und die Vereinigten Staaten sind reich geworden, weil ihre Bürger die Machteliten stürzten und eine Gesellschaft schufen, in der die politischen Rechte breiter verteilt sind, in der die Regierung den Bürgern Rechenschaft schuldet und auf ihre Wünsche reagiert und in der die grosse Mehrheit des Volkes ihre wirtschaftlichen Chancen nutzen kann…..

Die industrielle Revolution und die von ihr freigesetzten Technologien erfassten Ägypten nicht, da es sich unter der Kontrolle des Osmanischen Reiches befand, welches das Land ähnlich behandelte, wie es später die Familie Mubarak tat. Die osmanische Herrschaft in Ägypten wurde 1798 von Napoleon beendet, doch dann geriet das Land unter den Einfluss des britischen Kolonialismus, der genauso wenig Interesse wie die Osmanen hatte, den Wohlstand Ägyptens zu fördern…..

Obwohl sich die Ägypter …befreiten und 1952 ihre Monarchie stürzten, handelte es sich nicht um Revolutionen wie die von 1688 in England. Statt die Politik in Ägypten radikal zu ändern, brachten sie eine weitere Elite an die Macht, die das gleiche Desinteresse am Wohlstand des Durchschnittsägypters hatte wie früher die Osmanen und die Briten. Folglich lebte Ägypten weiter in Armut…..

Die Stadt Nogales wird in der Mitte durch einen Zaun getrennt. Wenn man davorsteht und nach Norden blickt, sieht man Nogales, Arizona, im Santa Cruz County. Das Durchschnittseinkommen beträgt ungefähr 30.000 Dollar im Jahr. Die meisten Teenager besuchen die Schule, und die Mehrheit der Erwachsenen hat die die Highschool absolviert…Bevölkerung relativ gesund….hohe Lebenserwartung…Zugang zu Medicare Dienstleistungen.., wie etwa Elekrizität, Telefon, Kanalisation, Gesundheitsbehörden, Strassennetz…Wahrung von Recht und Ordnung. Die Bürger von Nogales, Arizona, können ihrem Tagwerk nachgehen, ohne um ihr Leben zu fürchten und ohne ständig Angst vor Diebstahl, Enteignung..haben zu müssen, die ihre Investitionen in ihre Unternehmen und Häuser gefährdet. Was genauso wichtig ist: Die dortigen Bewohner halten es für selbstverständlich, dass die Regierung trotz aller Ineffizienz und gelegentlicher Korruption ihre Interessen vertritt. Sie können ihre Bürgermeister, Kongressabgeordneten und Senatoren abwählen, sie nehmen an den Präsidentschaftswahlen teil…..Die Demokratie ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen.

Das Leben südlich des Zauns, nur ein paar Meter entfernt, ist ganz anders….ihr durchschnittliches Haushaltseinkommen macht nur ungefähr ein Drittel dessen aus, was den Bewohnern von Nogales, Arizona, zur Verfügung steht. Die meisten..keinen Highschool-Abschluss..viele Teenager gehen überhaupt nicht die Schule….hohe Kindersterblichkeit…dürftige Gesundheitswesen…..Zugang zu vielen öffentlichen Einrichtungen verwehrt, und die Strassen südlich des Zaunes befinden sich in einem kläglichen Zustand. Recht und Ordnung lassen ebenfalls zu wünschen übrig. Die Kriminalität ist hoch, und die Eröffnung eines Geschäfts riskant….Die Bewohner von Nogales, Sorona, erleben täglich die Bestechlichkeit und Untauglichkeit ihrer Politiker….

Es gibt keine geographischen oder klimatischen Unterschiede….die Herkunft der Bürger auf beiden Seiten der Grenze ist recht ähnlich…Die Einwohner von Nogales, Arizona, und Nogales, Sorona, haben die gleichen Vorfahren, verzehren die gleichen Speisen, hören die gleiche Musik und haben vermutlich auch die gleiche Kultur….

Nogales, Arizona, liegt in den Vereinigten Staaten. Seine Einwohner haben Zugang zu den Wirtschaftsinstitutionen der USA…..

Die Einwohner von Nogales, Sorona,….leben in einer anderen Welt, die von anderen Institutionen gestaltet wird.

Warum begünstigen die Institutionen der Vereinigten Staaten den wirtschaftlichen Erfolg so viel stärker als die Institutionen Mexikos und überhaupt ganz Lateinamerikas?

Die Antwort auf diese Frage ist in der Art und Weise zu finden, wie sich die unterschiedlichen Gesellschaften während der frühen Kolonialzeit entwickelten. Damals kam es zu einer institutionellen Divergenz, deren Folgen bis heute andauern…..

Am Anfang des Jahres 1516 segelte der spanische Entdecker Juan Diaz de Solis in eine breite Flussmündung an der Ostküste Südamerikas. De Solis watete an Land, nahm das Gebiet für die Spanien in Beschlag und nannte den Fluss, da die Einheimischen Silber besassen, Rio de la Plata, ‚Silberfluss‘…..

Spanier ..übernahmen rasch die Rolle einer neuen Aristokratie…Zwangsarbeit..Tributsysteme….

Kein Interesse daran, den Boden selbst zu bestellen. Sie wollten, dass andere ihnen diese Arbeit abnahmen, und sie wollten Reichtümer an sich bringen, vor allem Gold und Silber….

Die spanische Kolonialisierungsstrategie war äusserst effektiv…..Erkenntnis, dass sich Widerstand am besten überwinden liess, wenn man das Oberhaupt der Einheimischen gefangen nahem. Diese ermöglichte den Spaniern, den Reichtum des Führers zu rauben und die eingeborenen Völker zur Abgabe von Tribut und Nahrungsmitteln zu zwingen. Der nächste Schritt bestand darin, sich zur neuen Elite der einheimischen Gesellschaft zu machen und die Kontrolle über die bestehenden Formen der Besteuerung, der Tributzahlung und, vor allem, der Zwangsarbeit an sich zu reissen…

Nach einer Anfangsphase der Plünderungen und der Gier nach Gold und Silber schufen die Spanier ein Netzwerk von Einrichtungen zur Ausbeutung der heimischen Bevölkerung. Die gesamte Bandbreite von encomiemda, mita, repartmiento und trajin sollte den Lebensstandard der Eingeborenen auf ein Minimalniveau hinabdrücken, damit den Spaniern alle über das nackte Überleben hinausgehenden Einnahmen zufielen…..bewirkten, dass Lateinameraki zum ‚ungleichsten‘ Kontinent der Welt wurde und einen grossen Teil seines wirtschaftlichen Potentials verlor….

Während die Spanier ihre Eroberung des amerikanischen Doppelkontinents in den 1490er Jahren begannen, war England eine zweitrangige europäische Macht, die sich von den verheerenden Folgen eines Bürgerkriegs, des Rosenkriegs, erholte. Es war nicht in der Lage, sich an der Jagd nach Beute und Gold und an der Ausbeutung der einheimischen Völker in Süd- und Nordamerika zu beteiligen. Fast einhundert Jahre später, 1588, löste der glückliche Sieg über die spanische Armada, mit der König Philipp II. versuchte hatte, England zu erobern, politische Schockwellen in Europa aus. Bei allem Glück war die Versenkung der Armada auch ein Anzeiche für die wachsende englische Durchsetzungsfähigkeit auf den Meeren, die dem Staat ermöglichen sollte, selbst zur Konolialmacht zu werden….sie entschieden sich nicht deshalb für Nordamerika, weil es attraktiv gewesen wäre, sondern weil sie für eine Okkupation Südamerikas zu spät kamen und nichts anderes mehr zur Verfügung stand….

Der erste Versuch der Engländer, eine Kolonie zu gründen – nämlich zwischen 1585 und 1587 in Roanake, North Carolina – war ein völliger Fehlschlag.

1607 versuchten sie es erneut…..Am 14. Mai 1607 gründeten sie die Siedlung Jamestown. Auch wenn die Siedler an Bord der Schiffe, die der Virginia Company gehörten, Engländer waren, hielten sie sich an ein Kolonisationsmuster, das durch das Vorbild von Cortes, Pizzarro und de Toledo geprägt war. Als Erstes planten sie, den örtlichen Häuptling gefangen zu nehmen, um der Bevölkerung Proviant abzupressen und sie zu zwingen, ihnen Lebensmittel und Wohlstand zu verschaffen….Der Gedanke, selbst zu arbeiten und Nutzpflanzen anzubauen, scheint ihnen nicht in den Sinn gekommen zu sein. So etwas war unter der Würde der Eroberer der Neuen Welt….

(Rund um Jamestown gab es jedoch kein Gold und somit hatte die geplante Ausplünderungsstrategie keinen Erfolg. Auch liessen sich die Häuptlinge nicht so leicht einsperren.

Hauptmann John Smith erkannte das Problem und änderte die Strategie, die englischen Siedler mussten selbst arbeiten.

Da die Virginia Company gewinnorientiert arbeitete, sollten jetzt die Kolonisten selbst ausgebeutet werden, Verkündung der „Gesetze Gottes, der Moral und des Krieges“. Die jedoch flohen zum Teil, sodass auch diese Strategie nicht aufging….)

Das Unternehmen brauchte einige Zeit, um zu erkennen, dass sein anfängliches Kolonisationsmodell in Virginia nicht funktionierte, und es dauerte noch etwas länger, bis das Scheitern der „Gesetze Gottes, der Moral und des Krieges“ augenscheinlich wurde. Ab 1618 schlug man eine radikal neue Strategie ein. Da weder die Einheimischen noch die Siedler zwangsverpflichtet werden konnten, bestand die einzige Alternative darin, den Siedlern Anreize zu bieten. Im Jahr 1618 führte die Company das ‚Kopfprämiensystem‘ ein, durch das jedem männlichen Siedler fünfzig Morgen Land und fünfzig weitere Morgen für jedes Familienmitglied und für sämtliche Bediensteten, die eine Familie nach Virginia mitbrachte, zugestanden wurden. Man überschrieb den Siedlern ihre Häuser und befreite sie von ihren Verträgen, und im Jahr 1619 gründete man eine Generalversammlung, die allen erwachsenen Männern ein Mitspracherecht an der Gesetzgebung und den Institutionen der Kolonie einräumte. Dies war der Beginn der Demokratie in den Vereinigten Staaten…

Lektion.., dass eine wirtschaftlich lebensfähige Kolonie auf der Schaffung von Institutionen beruhte, welche den Kolonisten Anreize zum Investieren und zu schwerer Arbeit boten….

In den 1720er Jahren hatten sämtliche dreizehn Kolonien der künftigen Vereinigten Staaten ähnliche Regierungsstrukturen. In allen Fällen gab es einen Gouverneur und eine auf dem Stimmrecht männlicher Grundbesitzer beruhende Versammlung…Die Versammlungen vertraten den Standpunkt, dass sie befugt waren, sowohl ihre eigene Mitgliedschaft als auch ihre Steuerrechte zu bestimmen. Dadurch entstanden, wie wir wissen, Probleme für die englische Kolonialregierung….

Das Dokument, das die Delegierten im Mai 1787 in Philadelphia unterzeichneten, war das Ergebnis eines langen Prozesses, der 1619 mit der Bildung der Generalversammlung in Jamestown seinen Anfang genommen hatte….

Der Gegensatz zwischen dem Verfassungsprozess, der sich zur Zeit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten vollzog, und dem Prozess, der ein wenig später in Mexiko eingeleitet wurde, ist eklatant. Im Februar 1808 marschierten Napoleon Bonapartes Heere in Spanien ein…der spanische König Ferdinand …musste abdanken. Eine nationale Junta ..übernahm seine Rolle…..gründete..eine als Cortes bezeichnete Ständeversammlung. 1812 legten die Cortes die Verfassung von Cadiz vor, in der die Einführung einer konstitutionellen Monarchie auf der Basis der Volkssouveränität gefordert wurde….

Der Zusammenbruch des spanischen Staates und die napoleonische Invasion lösten überall im kolonialen Lateinamerika eine Verfassungskrise aus….Die erste Unabhängigkeitserklärung wurde 1809 im bolivianischen La Paz abgegeben….In Mexiko war die politische Einstellung der Elite im Jahr 1810 durch die Ablehnung der von einem Priester, Pater Miguel Hidalgo, angeführten Revolte geprägt worden…Unabhängigkeitsbewegungen wurden, wenn sie eine allgemeine Beteiligung der Bevölkerung an der Politik anstrebten, generell von den lokalen Eliten, nicht bloss von den Spaniern, abgelehnt…..Da die Eliten in Mexiko letztlich mit der Durchsetzung…rechnen mussten, beschlossen sie, dass es besser sei, im Alleingang zu handeln und die Unabhängigkeit auszurufen…Unabhängigkeitsbewegung wurde von Augustin de Iturbide geleitet, der als Offizier im spanischen Heer gedient hatte…1821..Vision für ein selbständiges Mexiko..Der Plan sah eine konstitutionelle Monarchie mit einem mexikanischen Kaiser vor und verwarf jene Klauseln der Verfassung von Cadiz, welche die mexikanischen Führungsschichten als so bedrohlich für ihren Status und ihre Priviligien empfanden….Iturbe.des Machtvakuums bewusst,.. nutzte..seine militärische Rückendeckung, um sich zum Kaiser ausrufen zu lassen…Iturbes Macht wurde nicht durch die gleichen politischen Institutionen eingeschränkt wie die der Präsidenten der Vereinigten Staaten, weshalb er sich rasch zum Diktator aufschwang….Kongress entlassen und durch eine Junta seiner Wahl ersetzt. Er blieb zwar nicht lange an der Macht, doch dieses Muster der Ereignisse sollte sich im Mexiko des 19. Jahrhunderts dauernd wiederholen…..erlebte Mexiko in den ersten fünfzig Jahren seiner Unabhängigkeit eine fast durchgängige Instabilität….zwischen 1824 und 1867 gab es zweiundfünfzig Präsidenten in Mexiko, von denen nur wenige durch konstitutionell sanktionierte Verfahren an die Macht gelangten…Die Folge dieser beispiellosen politischen Instabilität für die Wirtschaft und die Motivation der Menschen dürften auf der Hand liegen….führte zu höchst unsicheren Eigentumsrechten sowie zu einer erheblichen Schwächung des mexikanischen Staates, der nur noch wenig Autorität besass und kaum in der Lage war, Steuern zu erheben oder öffentliche Dienstleistungen zu organisieren……Zudem diente die mexikanische Unabhängigkeitserklärung..dem Ziel, die in der Kolonialzeit entwickelten Wirtschaftsinstitutionen zu bewahren, wodurch Mexiko, mit den Worten des grossen deutschen Erforschers und Geographen von Lateinamerika, Alexander von Humboldt, ‚das Land der Ungleichheit“ wurde….

Die industrielle Revolution begann in England. Ihr erster Erfolg bestand darin, die Produktion von Baumwollstoff mit Hilfe neuer, durch Wasserräder betriebener Maschinen und später durch den Einsatz von Dampfmaschinen zu revolutionieren. Die Mechanisierung erhöhte zunächst in der Textilindustrie und später in anderen Branchen die Produktivität der Arbeiter beträchtlich. Der Motor des technologischen Durchbruchs überall in der Wirtschaft war die vor allem von Unternehmern und Geschäftsleuten, die ihre neuen Ideen unbedingt in die Praxis umsetzen wollten, angetriebene Innovation. Diese Dynamik ergriff bald über den Nordatlantik hinweg auch die Vereinigten Staaten…..Wir können versuchen, das Wesen dieser Erfindungen zu verstehen, indem wir einen Blick auf die Patentanmelder werfen. Das geistiges Eigentum schützende Patentsystem wurde durch das 1623 vom englischen Parlament verabschiedete Monopolgesetz systematisiert. Dies geschah teilweise, um den König daran zu hindern, willkürlich ‚Patentbriefe‘ auszustellen, durch die exclusive Rechte für die Ausübung gewisser Aktivitäten oder Geschäfte gewährt wurden…..die Patentinhaber aus allen möglichen Gesellschaftsschichten stammten und nicht bloss aus den Kreisen der Reichen und der Machtelite. Viele verdienten sich durch die Patente ein Vermögen….Zwischen 1820 und 1845 stammten nur 19% der Patentanmelder in den Vereinigten Staaten aus dem Mittelstand oder aus bedeutenden Landbesitzerfamilien, und 40% der Erfinder hatten, wie Edison, nur eine Grundschulausbildung oder noch nicht einmal das vorzuweisen. Genau wie die Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert politisch demokratischer waren als die meisten Länder der Welt, verhielten sie sich auch auf dem Gebiet der Innovationen demokratischer als andere. Das war entscheidend für ihre Entwicklung zum wirtschaftlich innovativsten Staat der Welt.

Wer arm war, aber eine gute Idee hatte, konnte problemlos ein Patent anmelden…er konnte jedoch auch direkt mit dem Patent Geld verdienen, indem er es weiterverkaufte…Der übliche Weg, durch ein Patent Geld zu verdienen, bestand jedoch darin, ein Unternehmen zu gründen…dazu benötigte man Kapital oder Banken, die einem das erforderliche Geld liehen. Erfinder in den Vereinigten Staaten hatte auch hier besonders Glück…führte die intensive Konkurrenz zwischen Banken und anderen Finanzinstitutionen in den Vereinigten Staaten dazu, dass Kredite zu relativ niedrigen Zinssätzen aufgenommen werden konnten.

Das galt nicht für Mexiko. Im Gegenteil….kannte man unten den mexikanischen Banken praktisch keinen Wettbewerb…hohe Zinssätze…weshalb sich die Darlehensvergabe auf priviligierte und bereits wohlhabende Personen beschränkte, die ihre Kreditwürdigkeit nutzten, um ihren Einfluss auf die verschiedenen Wirtschaftssektoren zu erhöhen. Die Form, die das mexikanische Bankwesen im 19. und 20. Jahrhundert annahm, ging direkt auf das Wirken der politischen Institutionen nach der Unabhängigkeit zurück….General Porfirio Diaz..regierte Mexiko ..von 1877 ..mit einer vierjährigen Unterbrechung..bis zu seinem Sturz vierunddreissig Jahre später….diese Männer konnten nur genauso aus dem Amt entfernt werden, wie sie es an sich gebracht hatten: durch Gewalt.

Diaz verletzte Eigentumsrechte der Menschen, bereitete die Enteignung grosser Landstriche vor und verschaffte seinen Anhängern in sämtlichen Geschäftsbereichen, darunter dem Bankwesen, Monopolpositionen und Vergünstigungen….so hatten schon die spanischen Konquistadoren gehandelt…

Die Schaffung von Bankmonopolen, die Politikern Kredite gewähren, ist ein gutes Geschäft für die Volksvertreter, wenn sie dabei ungeschoren davonkommen, doch es ist nicht besonders gut für die Bürger.

Anders als in Mexiko konnten die Wähler in den Vereinigten Staaten ihre Politiker im Zaum halten und sich derjenigen entledigen, die ihre Ämter nutzten, um sich selbst zu bereichern oder Monopole für ihre Kumpane zu schaffen….

Die Welt änderte sich in den 1870er und 1880er Jahren auch in Lateinamerika….Die Weltwirtschaft boomte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und neue Verkehrsmittel wie Dampfschiffe und Eisenbahnen ermöglichten eine gewaltige Ausweitung des internationalen Handels. Die dadurch ausgelöste Welle der Globalisierung bewirkte, dass sich Rohstoffländer wie Mexiko – beziehungsweise deren Führungseliten – bereichern konnten, indem sie natürliche Ressourcen in das industrialisierte Nordamerika oder nach Westeuropa exportierten. Diaz und seinen Spiessgesellen fanden sich also in einer anderen und rasch voranschreitenden Welt wieder, und ihnen wurde klar, dass auch Mexiko sich wandelt musste. Aber das bedeutete nicht, dass sie die Kolonialinstitutionen beseitigt und sie durch ähnliche Organe wie in den Vereinigten Staaten ersetzt hätten. Vielmehr kam es zu einem ‚pfadabhängigen‘ Wandel, der lediglich zum nächsten Stadium der Institutionen führte, die bereits in grossen Teilen Lateinamerikas Armut und Ungleichheit verursacht hatten…..

Obwohl man allmählich zu einer Gewährung von mehr politischen Rechten tendierte, wurden die meisten lateinamerikanischen Länder erst in den 1990er Jahren zu Demokratien, und selbst dann verharrten sie weiter in ihrer früheren Instabilität…..

Die dauerhaften Folgen der Organisation von Kolonialgesellschaften und deren institutionelle Vermächtnisse bestimmen die heutigen Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko..

Theorie der Weltungleichheit

Jede Gesellschaft funktioniert auf der Basis einer Reihe wirtschaftlicher und politischer Regeln, die kollektiv durch den Staat und die Bürger geschaffen und durchgesetzt werden. Wirtschaftsinstitutionen formen die ökonomischen Stimuli, indem sie es beispielsweise als erstrebenswert erscheinen lassen, eine Ausbildung zu absolvieren, zu sparen und zu investieren, Neuerungen vorzunehmen, fortschrittliche Techniken einzuführen und so weiter. Der politische Prozess bestimmt, unter welchen Wirtschaftsinsititutionen die Menschen leben, und die politischen Institutionen sind dafür massgeblich, wie sich dieser Prozess abspielt. Zum Beispiel gestalten die politischen Institutionen eines Staates die Möglichkeit der Bürger, Politiker zu kontrollieren und ihr Verhalten zu beeinflussen. Dies wiederum spielt eine Rolle dabei, ob Politiker – wenn auch unvollkommene – Vertreter der Bürger sind oder ob sie die ihnen anvertraute oder durch sie usurpierte Macht missbrauchen können, um eigene Vermögen anzusammeln und eigene Pläne auf Kosten der Bürger zu verfolgen. Politische Institutionen stützen sich auf schriftlich fixierte Verfassungen……Daneben müssen die Faktoren gründlicher ins Auge gefasst werden, die bestimmen, wie sich die politische Macht in der Gesellschaft verteilt, besonders die Fähigkeit unterschiedlicher Gruppen, kollektiv zu handeln, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen oder um andere an der Verfolgung ihrer Ziele zu hindern. Da Institutionen das Verhalten und die Anreize im realen Leben beeinflussen, sind sie für den Erfolg oder das Scheitern von Staaten verantwortlich…..

In diesem Buch wird gezeigt werden, dass Wirtschaftsinstitutionen zwar entscheidend dafür sind, ob ein Land arm oder reich ist, doch dass die Politik und die politischen Institutionen festlegen, welche Wirtschaftsinstitutionen ein Land aufweist…..

Aus ähnlichen Gründen wird sich die Armut des Nahen Ostens nicht auf die Geographie zurückführen lassen. Schliesslich war der Nahe Osten während der Neolithischen Revolution weltweit führend, und die ersten Städte entwickelten sich im heutigen Irak. Eisen wurde zuerst in der Türkei verhüttet, und noch im Mittelalter war der Nahe Osten von technischer Dynamik gekennzeichnet. Nicht die nahöstliche Geographie liess die Neolithische Revolution in jenem Teil der Welt gedeihen, ..und nicht de Geographie liess den Nahen Osten später verarmen. Vielmehr liegt es an der Expansion und Konsolidierung des Osmanischen Reiches und an seinem institutionellen Vermächtnis, dass der Nahe Osten verarmte und auch heute noch arm ist.

Die zweite weithin akzeptierte Theorie, die Kultur-Hypothese, stellt einen Zusammenhang zwischen Wohlstand und kulturellen Faktoren her…Religion,…Werte und Gesinnungen…..

Viele der häufig hervorgehobenen Kulturaspekte – Religion, nationale Ethik, afrikanische oder lateinamerikanische Werte – reichen als Erklärung für den gegenwärtigen Zustand der Ungleichheiten auf der Welt nicht aus. Andere Aspekte, etwa der Grad, in dem Menschen einander vertrauen oder kooperationsfähig sind, müssen berücksichtigt werden, sind jedoch zumeist Auswirkungen der Institutionen, keine unabhängigen Ursachen…..

Der wirkliche Grund, warum die Kongolesen auf überlegene Techniken verzichteten, bestand darin, dass ihnen die Anreize fehlten. Sie sahen sich dem hohen Risiko ausgesetzt, dass ihre gesamten Erträge von dem allmächtigen König..enteignet oder massiv besteuert wurden. Und nicht nur ihr Eigentum war bedroht, selbst ihr Weiterleben hin an einem Faden. Viele wurden gefangen genommen und als Sklaven verkauft – schwerlich das Umfeld, das zu Investitionen in die Steigerung der langfristigen Produktivität ermutigte. Auch der König hatte keinen Anreiz, den Pflug im grossen Massstab einsetzen zu lassen und die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität zu einem vorrangigen Ziel zu machen, denn der Export von Sklaven war weitaus profitabler…..

Syrien und Ägypten..waren..Provinzen des Osmanischen Reiches, das ihre Entwicklung nachdrücklich negativ beeinflusste….Nach dem Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft wurde der Nahe Osten von den englischen und französischen Kolonialmächten okkupiert, was erneut ihre Möglichkeiten beschnitt. Nach der Unabhängigkeit folgten sie dem Beispiel grosser Teile der einstigen Kolonien und bauten hierarchische, autoritäre Regime und nur wenige der politischen Institutionen auf, die, wie wir noch ausführen werden, entscheidend für den ökonomischen Erfolg sind……

Tatsache, dass das Haupthindernis für das Ergreifen von Massnahmen zum Abbau von Marktversagen und zur Förderung des Wirtschaftswachstums nicht in der Ignoranz der Politiker liegt, sondern in den Anreizen und Zwängen, mit denen sie durch die politischen und wirtschaftlichen Institutionen in ihrer Gesellschaft konfrontiert werden….

Es war ..die Politik, die den Wechsel von kommunistischen zu marktwirtschaftlichen Prinzipien in China bewirkte, nicht eine bessere Beratung oder ein besseres Verständnis der wirtschaftlichen Funktionsprinzipien…vielmehr besiegten Deng Xiaoping und seine Verbündeten, die nicht weniger eigennützig waren als ihre Rivalen, doch andere Interessen und politische Ziele hatten, ihre mächtigen Gegner in der Kommunistischen Partei und leiteten so etwas wie eine politische Revolution ein, durch die sich das Führungspersonal und die Ausrichtung der Partei radikal änderten….

Wie wir aufzeigen werden, befinden sich arme Länder deshalb in ihrer kläglichen Lage, weil die Machthaber armutserzeugende Entscheidungen treffen. Sie machen es nicht irrtümlich oder aus Ignoranz falsch, sondern mit Bedacht….untersuchen, wie Entscheidungen wirklich zustande kommen, wer sie treffen kann und warum solche Menschen einen bestimmten Weg wählen. Es geht..um eine Untersuchung der Politik und der politischen Prozesse, die von der Wirtschaftswissenschaft traditionell ignoriert werden….man muss die Politik verstehen, wenn man die Weltungleichheit erklären will….

Sichere Eigentumsrechte, Gesetze, öffentliche Dienstleistungen und die Freiheit, Verträge abzuschliessen und Waren auszutauschen, hängen alle vom Staat ab – der Institution mit der Amtsgewalt, für Ordnung zu sorgen, Diebstahl und Betrug zu verhindern und zu ahnden und Verträgen zwischen Privatpersonen Geltung zu verschaffen. Um gut zu funktionieren, benötigt die Gesellschaft noch andere öffentliche Dienstleistungen: Strassen und ein Verkehrssystem zur Beförderung von Gütern; eine öffentliche Infrastruktur, damit die Wirtschaftstätigkeit gedeihen kann; und Grundverordnungen zur Verhinderung von Betrug und anderen Vergehen. Viele dieser öffentlichen Dienste können von der Wirtschaft und von Privatbürgern geleistet werden, doch die in grossem Mass erforderliche Koordination ist oft nur einer Zentralbehörde möglich. Der Staat ist also unauflöslich mit den Wirtschaftsinstitutionen verknüpft, denn er sorgt für die Wahrung von Recht und Ordnung, sichert Privateigentum und Verträge und ist oft ein bedeutender Dienstleister. Inklusive Wirtschaftsinstitutionen benötigen und nutzen den Staat…..

Institutionen, deren Eigenschaften im Gegensatz zu denen inklusiver Einrichtungen stehen, bezeichnen wir als extraktive Wirtschaftsinstitutionen – extraktiv deshalb, weil sie dem Zweck dienen, einem Teil der Gesellschaft Einkommen und Wohlstand zugunsten einer anderen zu entziehen….

Inklusive Wirtschaftsinstitutionen schaffen die Voraussetzung für zwei weitere Wohlstandsmotoren: für Technologie und Ausbildung. Ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum wird fast immer von technologischen Verbesserungen begleitet….

Alle Wirtschaftsinstitutionen werden von der Gesellschaft geschaffen..

Politik ist der Prozess, in dem eine Gesellschaft die Regeln für ihre Lenkung bestimmt….

Wenn es zu einem Konflikt um die Institutionen kommt, hängt das Ergebnis davon ab, welche Person oder Gruppe sich im politischen Spiel durchsetzt und mehr Unterstützung erhält, zusätzliche Mittel erlangt und schlagkräftige Bündnisse schmiedet…der Sieger wird durch die Verteilung der politischen Macht in der Gesellschaft ermittelt. Die politischen Institutionen der Gesellschaft sind ein Schlüsselfaktor für das Ergebnis des Spiels. Sie liefern die Regeln, nach denen die politischen Anreize festgelegt werden…Politische Institutionen entscheiden, wer über die Macht in der Gesellschaft verfügt und zu welchen Zwecken er sie einsetzen kann….offensichtlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen Pluralismus und inklusiven Wirtschaftsinstitutionen…

Schlüssel zum Verständnis der Frage, warum Südkorea und die USA inklusive Wirtschaftsinstitutionen besitzen, ist nicht nur in ihren pluralistischen politischen Institutionen, sondern auch in der Tatsache zu finden, dass sie hinreichend zentralisierte und mächtige Staaten sind….

Max Weber definierte den Staat..als „diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich beansprucht“. Ohne ein derartiges Monopol und die damit verbundene Zentralisierung kann der Staat seine Rolle als Wahrer von Recht und Ordnung nicht spielen..Wenn der Staat nicht die geringste politische Zentralisierung schaffen kann, gleitet die Gesellschaft früher oder später..ins Chaos ab….

Politische Institutionen, die ausreichend zentralisiert und pluralistisch sind, nennen wir inklusiv. Wenn eine der beiden Bedingungen nicht zutrifft, bezeichnen wir sie als extraktive politische Institutionen. Es gibt eine starke Synergie zwischen wirtschaftlichen und politischen Institutionen….

Exktraktive politische Institutionen konzentrieren die Macht in den Händen einer kleinen Oberschicht und unterwerfen ihre Ausübung nur wenigen Kontrollen. Die Herrschenden gestalten die Wirtschaftsinstitutionen dann häufig auf eine Weise, die ihnen gestattet, der übrigen Gesellschaft Ressourcen zu entziehen….

Staaten mit extraktiven wirtschaftlichen und politischen Institutionen scheitern letztlich, weil diese das Wachstum behindern oder sogar blockieren….

Der Prozess des Wirtschaftswachstums und die inklusiven Institutionen, auf denen er beruht, lassen politisch und wirtschaftlich Verlierer und Gewinner entstehen. Die Furcht vor solch einer schöpferischen Zerstörung ist häufig die Ursache des Widerstands gegen inklusive wirtschaftliche und politische Institutionen…..Neue Technologien machen bestehende Fertigkeiten und Maschinen überflüssig….

Die europäische Geschichte liefert ein anschauliches Beispiel für die Folgen der schöpferischen Zerstörung. Kurz vor der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert wurden die meisten europäischen Länder von Aristokraten und traditionellen Eliten regiert, deren Haupteinkommensquellen der Grundbesitz oder der Handel mit den Privilegien waren, die sie infolge der von Monarchen gewährten Monopole und Eintrittsschranken genossen….Die bisherigen Eliten..waren..die eindeutigen wirtschaftlichen Verlierer der Industrialisierung…das politische Monopol des Adels in Frage gestellt….Da ihre wirtschaftliche und politische Macht bedroht war, formten die bisherigen Eliten häufig eine beachtliche Opposition gegen die Industrialisierung….

In Österreich-Ungarn und im Russischen Reich, wo die absolutistischen Monarchen und die Aristokratie viel mehr zu verlieren hatten, wurde die Industrialisierung blockiert. Dadurch geriet die Wirtschaft von Österreich-Ungarn und Russland ins Stocken. Die Länder blieben hinter anderen Ländern zurück, deren Wirtschaftswachstum im 19. Jahrhundert in die Höhe schnellte….

Es gibt kaum bessere – oder deprimierendere – Beispiele als den Kongo, um die Kräfte zu veranschaulichen, die bewirken, dass wirtschaftlicher Wohlstand unter extraktiven Institutionen so durchgehend selten ist, oder um die Synergie zwischen extraktiven wirtschaftlichen und extraktiven politischen Institutionen zu illustrieren….Die Sklaverei stand im Mittelpunkt der Wirtschaft….Die Steuern waren willkürlich…einige Menschen, diejenigen mit politischer Macht, sehr reich……..der heutige Staat Kongo immer noch elend arm….

Die Ankunft des europäischen Kolonialismus in dieser Gegend..im späten 19. Jahrhundert führte zu einer Unsicherheit der Menschen- und Eigentumsrechte, die noch ungeheuerlicher war als die der vorkolonialen Epoche. Daneben wiederholte sich nun das Muster der extraktiven Institutionen und des politischen Absolutismus, durch das einige wenige auf Kosten der Massen Macht und Reichtum erlangten, wobei die wenigen mittlerweise belgische Kolonialisten, vornehmlich in Gestalt von König Leopold II., waren.

Als der Kongo 1960 unabhängig wurde, wiederholte sich das gleiche Muster der Wirtschaftsinstitutionen, der Anreize und Leistungen. Die kongolesischen extraktiven Wirtschaftsinstitutionen wurden wieder von genauso extraktiven politischen Einrichtungen gestützt. Die Situation verschlimmerte sich jedoch noch, da der europäische Kolonialismus das Gemeinwesen Konto aus vielen unterschiedlichen vorkolonialen Staaten und Gesellschaften geschaffen hatte, über die der von Kinshasa aus regierte Kongo wenig Kontrolle besass…..Präsident Mobutu…sass einem nichtzentralisierten Staat vor, der über grosse Landesteile wenig Macht hatte…Dieser Mangel an politischer Zentralisierung, beinahe bis hin zum totalen Zusammenbruch, ist ein Merkmal, das der Kongo mit vielen Staaten des subsaharischen Afrika teilt……

Es gibt zwei unterschiedliche komplementäre Möglichkeiten, wie extraktive politische Institutionen Wachstum hervorbringen können…..wenn die Machthaber Mittel direkt in leistungsfähige Wirtschaftsbereiche lenken, die sie selbst kontrollieren….

Karibischen Inseln zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert…Die Bevölkerung bestand überwiegend aus Sklaven….Auf Barbados, Kuba, Haiti und Jamaika verfügte eine kleine Minderheit, die Plantagenbesitzer im 17. und 18. Jahrhundert, über jegliche politische Macht und über sämtliche Vermögenswerte, darunter auch die Sklaven. Während die Mehrheit keine Rechte hatte, war das Eigentum der Plantagenbesitzer gut geschützt. Ungeachtet der extraktiven Wirtschaftsinstitutionen..zählten die Inseln zu den reichsten Gebieten der Welt, da sie Zucker produzieren konnten, der auf den Weltmärkten verkauft wurde…

Ein weiteres Beispiel liefern das Wirtschaftswachstum und die Industrialisierung der Sowjetunion seit dem ersten Fünfjahresplan von 1928 bis in die 1970er Jahre. Die politischen und wirtschaftlichen Institutionen waren überaus extraktiv und die Märkte starken Einschränkungen unterworfen. Nichtsdestoweniger erzielte die Sowjetunion ein rasches Wirtschaftswachstum, weil sie die Macht des Staates nutzte, um Mittel aus der Landwirtschaft, wo wie sehr ineffizient eingesetzt wurden, in die Industrie umzulenken.

Der zweite Wachstumstyp unter extraktiven politischen Institutionen entsteht dann, wenn die Entwicklung begrenzt inklusiver Wirtschaftsinstitutionen zugelassen wird….der Grad, bis zu dem die Herrschenden die Macht monopolisieren können, variiert von einer Gesellschaft zur anderen. In manchen kann sich die herrschende Elite so sicher fühlen, dass sie gewisse Schritte in Richtung inklusiver Wirtschaftsinstitutionen zulässt, weil sie ihre politische Macht nicht bedroht sieht. Andererseits kann ein extraktives politisches Regime durch die historische Entwicklung mit relativ inklusiven Wirtschaftsinstitutionen ausgestattet sein, die es nicht zu blockieren beschliesst…..

Rapide Industrialisierung von Südkorea unter General Park…In den 1970er Jahren waren die Wirtschaftsinstitutionen in Südkorea derart inklusive geworden, dass eines der starken Argumente für extraktive politische Institutionen wegfiel: Die Wirtschaftselite hatte durch ihre eigene Beherrschung der Politik oder durch die politische Dominanz des Militärs wenig zu gewinnen. Die relative Einkommensgleichheit in Südkorea bedeutete auch, dass die Elite durch Pluralismus und Demokratie weniger zu befürchten hatte……politischer Reformprozess, der nach 1992 eine Konsolidierung der politischen Demokratie bewirkte.

In der Sowjetunion hingegen kam es bekanntlich zu keinem vergleichbaren Wandel. Dadurch ging dem sowjetischen Wachstum der Atem aus, und die Wirtschaft näherte sich in den 1980er Jahren dem Zusammenbruch, der dann in den 1990ern eintrat.

Das heutige Wirtschaftswachstum in China weist einige Gemeinsamkeiten sowohl mit der sowjetischen als auch mit der südkoreanischen Entwicklung auf. Während die frühen Stadien des chinesischen Wachstums durch radikale Reformen im Agrarsektor eingeleitet wurden, waren die Reformen im Industriesektor verhaltener. Noch heute spielen der Staat und die Kommunistische Partei eine zentrale Rolle bei Entscheidungen darüber, welche Sektoren und welche Unternehmen zusätzliches Kapital erhalten und sich ausweiten sollen (wobei Vermögen gemacht und verloren werden)….

Obgleich extraktive Institutionen ein gewisses Wachstum erzeugen können, handelt es sich in der Regel nicht um eine dauerhafte Erscheinung und schon gar nicht um einen Wachstumstyp, der von schöpferischer Zerstörung begleitet wird. Wenn sowohl die politischen als auch die wirtschaftlichen Institutionen extraktiv sind, gibt es keinen Anreiz zu schöpferischer Zerstörung und technologischem Wandel. Eine Zeitlang mag der Staat imstande sein, ein rasches Wachstum hervorzurufen, indem er Ressourcen und Menschen per Kommando verteilt, doch diese Prozess ist von Natur aus beschränkt. Sobald seine Grenzen erreicht sind, hört das Wachstum auf, wie in den 1970er Jahren in der Sowjetunion….

England war einzigartig unter den Nationen, als ihm im 17. Jahrhundert der Durchbruch zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum gelang. Bedeutenden ökonomischen Änderungen ging eine politische Revolution voraus, die eine Reihe neuer wirtschaftlicher und politischer Institutionen erzwang. Diese waren viel inklusiver als die jeder früheren Gesellschaft…..Die Höhepunkte der insititutionellen Kämpfe des 17. Jahrhunderts bildeten zwei historische Ereignisse: der englische Bürgerkrieg zwischen 1642 und 1651 und besonders die Glorreiche Revolution von 1688…..Die Regierung übernahm eine Reihe von Wirtschaftsinstitutionen, die Anreize für Geldanlagen, Handel und Innovationen schufen. Unbeirrbar stärkte sie das Eigentumsrecht, wozu auch Patente für geistiges Eigentum gehörten, was Innovationen einen wichtigen Anschub gab. Sie schützte Recht und Ordnung. Historisch beispiellos war die Gültigkeit der englischen Gesetze für alle Bürger. Die willkürliche Besteuerung hörte auf und Monopole wurden fast völlig abgeschafft…..Aufbau von Infrastruktur…später entscheidend für das industrielle Wachstum…

Der Sklavenhandel wurde nach 1807 überwiegend beendet, doch der sich anschliessende europäische Kolonialismus erstickte die aufkeimende wirtschaftliche Modernisierung in Teilen Süd- und Westafrikas nicht nur, sondern machte auch jegliche Möglichkeit einheimischer institutioneller Reformen zunichte. Dies bedeutete, dass auch ausserhalb von Gebieten wie dem Kongo, Madagaskar, Namibia oder Tansania, wo Raub, Zerstörung sozialer Zusammenhänge und sogar Massenmord die Regel waren, kaum eine Chance für Afrika bestand, seinen institutionellen Pfad zu ändern. Schlimmer noch, die unter der Kolonialherrschaft aufgebauten Strukturen hinterliessen in den 1960er Jahren noch verästeltere und schädlichere Institutionen als zuvor……..

Im 19. Jahrhundert blockierte ein Absolutismus, der sich von dem in Afrika und Osteuropa kaum unterschied, die Industrialisierung in grossen Teilen Asiens. In China war der Staat zutiefst absolutistisch…. Als grosse Seemacht betrieb China schon Jahrhunderte vor den Europäern internationalen Handel, aber es hatte sich genau zum falschen Zeitpunkt von den Meeren abgewandt, weil die Ming-Kaiser im späten 14. Und frühen 15. Jahrhundert zu dem Schluss gelangt waren, dass ein verstärkter Fernhandel ihre Herrschaft durch schöpferische Zerstörung, die er mit sich bringen konnte, wahrscheinlich bedrohen würde….

In Indien herrschte eine andere industrielle Entwicklungstendenz vor und liess ein beispiellos starres, erheblich zementiertes Kastensystem entstehen, das die Möglichkeiten der Berufswahl und die Marktfunktionen noch stärker einschränkte als es die Feudalordnung im mittelalterlichen Europa tat….waren das Kastensystem und der Mogul-Absolutismus ernsthafte Hindernisse für das Aufkommen inklusiver Wirtschaftsinstitutionen….

Wiewohl die Tokugawa-Herrschaft in Japan absolutistisch und extraktiv war und die Kontrolle über die zuvor weitgehend unabhängig herrschenden Daimyo, die Lehensfürsten, schrittweise ausbaute, konnte deren Macht nicht völlig gebrochen werden…..im Juli 1853 vier amerikanische Kriegsschiffe unter dem Befehl von Matthew C. Perry in die Buch von Edo einfuhren……China setzte seinen absolutistischen Weg nach den Opiumkriegen fort, während die Mühelosigkeit, mit der die Amerikaner in die Buch von Edo einfahren und Japan bedrohen konnten, den Widerstand der Lehensfürsten gegen die Tokugawa-Herrschaft hervorrief und zu einem politischen Umsturz führte…Meiji-Restauration..Die Entstehung einer konstitutionellen Monarchie in Japan ermöglichte die Entwicklung inklusiverer politischer und weitaus inklusiverer wirtschaftlicher Institutionen; daneben entstand die Basis für das spätere rapide japanische Wachstum, während China unter dem Absolutismus schmachtete….

Die Art, wie Japan auf die Bedrohung durch die US-Kriegsschiffe reagierte, nämlich durch einen Prozess der fundamentalen institutionellen Umgestaltung, hilft uns, den Grund für den Übergang von Stagnation zu zügigem Wachstum zu verstehen. Südkorea, Taiwan und schliesslich China erzielten seit dem Zweiten Weltkrieg durch einen ähnlichen Weg wie vor ihnen Japan halsbrecherische Wachstumsraten. In jedem dieser Fälle gehen dem Wachstum historische Veränderungen der Wirtschaftsinstitutionen voraus – allerdings nicht immer der politischen Institutionen, wie das chinesische Beispiel verdeutlicht….

Während die politischen und wirtschaftlichen Institutionen Lateinamerikas im Laufe der vergangenen fünfhundert Jahre durch den spanischen Kolonialismus geprägt wurden, waren die des Nahen Ostens dem osmanischen Kolonialismus ausgesetzt….Der osmanische Staat war absolutistisch, und der Sultan teilte seine Macht mit niemandem….kein Privateigentum an Grund und Boden…Die Wirtschaftsinstitutionen..waren..unterdrückerisch. Der Handel unterlag der staatlichen Kontrolle, und jede Berufstätigkeit wurde durch Zünfte und Monopole streng reglementiert. Mithin waren die Wirtschaftsinstitutionen des Nahen Ostens zur Zeit der Industriellen Revolution weithin extraktiv, und das Wirtschaftsleben stagnierte.

Extraktive Institutionen müssen durch ihre eigene Logik Wohlstand schaffen, damit dieser extrahiert werden kann. Ein Herrscher, der die politische Macht an sich gerissen hat und die Kontrolle über einen zentralisierten Staat besitzt, ist in der Lage, ein gewisses Mass an Recht und Ordnung und ein Regelsystem einzuführen, um die Wirtschaftstätigkeit anzukurbeln. Doch ein unter extraktiven Institutionen entstandenes Wachstum hebt sich von seinem Wesen nach von einem unter inklusiven Institutionen geschaffenen ab. Vor allem kann es kein nachhaltiges Wachstum sein, das einen technologischen Wandel verlangt, sondern nur ein auf bereits vorhandenen Technologien beruhender Prozess. Die Entwicklung der Sowjetunion illustriert, wie die Autorität des Staates und die von ihm geschaffenen Anreize ein rasches Wirtschaftswachstum unter extraktiven Institutionen einleiten können und wie dieser Wachstumstyp letztlich in sich zusammenbricht…..

Obwohl die Industrie ineffizient organisiert war, stieg das Volkseinkommen zwischen 1928 und 1960 jährlich um 6 Prozent – wahrscheinlich der bis dahin grösste ökonomische Wachstumsschub in der russischen Geschichte. Er stützte sich..nicht auf den technologischen Wandel, sondern auf die Umverteilung von Arbeitskräften und die Erzielung von Einnahmen durch den Bau neuer Fabriken und den Einsatz von neuen Geräten in einer zuvor technisch unterentwickelten Gesellschaft…

Das Wachstum beschleunigte sich so sehr, dass Generationen von Westlern getäuscht wurden…Auch die Central Intelligence Agency (CIA)..wurde hinters Licht geführt, nicht zu reden von Sowjetführern wie Nikita Chruschtschow…

Nobelpreisträger Paul Samuelson..prognostizierte mehrfach die ökonomische Vormachtstellung der Sowjetunion. In der Ausgabe von 1961 sagte Samuelson voraus, das sowjetische Volkseinkommen werde jenes der Vereinigten Staaten möglicherweise schon vor 1984, mit grosser Wahrscheinlichkeit jedoch bis 1997 übertreffen…..

In den 1970er Jahren kam das Wachstum praktisch zum Stillstand. Die wichtigste Lektion daraus lautet, dass extraktive Institutionen aus zwei Gründen keinen dauerhaften technologischen Wandel auslösen können: wegen des Mangels an Anreizen und wegen des Widerstands durch die herrschenden Eliten….

Innovation bedeutet, heute Opfer zu bringen, um morgen die Gewinne einzuheimsen…

Die zentrale Planung war einfach nicht geeignet, das zu ersetzen, was der grosse Ökonom des 18. Jahrhunderts, Adam Smith, die ‚unsichtbare Hand“ des Marktes nannte….

Ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erfordert, dass die Beteiligten ihre Begabung und ihre Ideen nutzen, was ein System sowjetischen Stils gerade verhindert. Die Machthaber in der UdSSR hätten ihre extraktiven Wirtschaftsinstitutionen aufgeben müssen, aber durch solch einen Schritt wäre ihre politische Macht gefährdet worden. Tatsächlich zerbröckelte die Macht der Kommunistischen Partei und mit ihr de Sowjetstaat, als Michail Gorbatschow nach 1987 von extraktiven Wirtschaftsinstitutionen abrückte….

Um 15000 v. Chr. endete die Eiszeit.., die Durchschnittstemperaturen..um ganze 15 Grad Celsius stiegen….Die Klimaerwärmung war eine äusserst kritische Phase, und sie lieferte den Hintergrund zur Neolithischen Revolution, in der menschliche Gesellschaften den Übergang zum sesshaften Leben, zu Ackerbau und Viehzucht vollzogen..Es gibt einen elementaren Unterschied zwischen Ackerbau und Viehzucht und dem Jagen und Sammeln andererseit….Die frühesten Anzeichen für Ackerbau, Viehzucht und die Domestizierung von Pflanzen und Tieren stammen aus dem Nahen Osten, insbesondere aus der als Hilly Flanks (‚Hügelige Flanken‘) Gegend, die sich vom Süden des heutigen Israel durch Palästina und das Westjordanland bis hinauf nach Syrien und in die südöstliche Türkei, den nördlichen Irak und den westlichen Iran erstreckt. Die ersten Funde von domestizierten Pflanzen, nämlich Emmer und zweizeilige Gerste, in Jericho am Westufer des Jordan werden auf etwa 9500 v. Chr. datiert..Fundstätten gehörten der natufischen Kultur an….

Man kann alle möglichen Gründe aufführen, die es vorteilhaft für eine Gesellschaft machen, sesshaft zu werden. Umherzuziehen ist aufwendig. Kinder und alte Leute müssen getragen werden, und wenn man unterwegs ist, gibt es keine Möglichkeit, Lebensmittel für schlechteren Zeiten zu speichern…

Allerdings hatte ein sesshaftes Leben auch Nachteile. Die Konfliktbewältigung fiel sesshaften Gruppen wahrscheinlich viel schwerer, da Meinungsverschiedenheiten nicht mehr einfach dadurch beigelegt werden konnten, dass ein Stamm oder eine Gruppe fortzog…..

Es galt..Regeln aufzustellen und Institutionen für ihre Durchsetzung zu entwickeln…

Das archäologische Material lässt..vermuten, dass die Natufier schon lange, bevor sie Bauern wurden, eine komplexe, durch Hierarchie, Ordnung und Ungleichheit – also durch das, was wir als die Anfänge extraktiver Institutionen bezeichnen -, typisierte Gesellschaft aufbauten…

Venedig…Im Mittelalter war die Stadt möglicherweise die reichste der Welt; sie hatte die fortschrittlichsten inklusiven Wirtschaftsinstitutionen, die sich auf ebenfalls aufkommende politische Inklusivität stützten. Venedig erlangte seine Unabhängigkeit im Jahr 810 n. Chr….Eine der wichtigsten Grundlagen für die Wirtschaftsexpansion von Venedig wurde durch eine Reihe von vertraglichen Neuerungen geschaffen, durch welche die Wirtschaftsinstitutionen viel mehr Inklusivität erlangten. Die berühmteste war die commenda, eine primitive Form der Aktiengesellschaft…Junge Unternehmer konnten ins Handelsgewerbe einsteigen….Aus offiziellen Dokumenten geht hervor, wie entscheidend die commenda für den sozialen Aufstieg war….Diese wirtschaftliche Inklusivität und der Aufstieg neuer Familien durch den Handel hatten zur Folge, dass das politische System noch offener wurde…Dem institutionellen Wandel schloss sich eine gewaltige Expansion der Geschäfte und der venezianischen Flotte an….

Durch jede Welle von unternehmungslustiger junger Männer, die mit Hilfe der commenda oder ähnlicher Abkommen reich wurden, verringerten sich die Gewinne und die wirtschaftlichen Erfolge der Eliten, und auch deren politische Macht wurde gefährdet. Folglich waren die existierenden Eliten im Grossen Rat..immer versucht, das System für nachrückende Kandidaten unzugänglich zu machen….

Nach dem 11. September 1298 bedurften amtierende Mitglieder und ihre Familien nicht mehr der Bestätigung. Der Grosse Rat war nun Aussenstehenden wirksam verschlossen, und die Amtsinhaber waren zu einer Erbaristokratie geworden….politische Spannungen…Polizeitruppe….Zwangsmassnahmen……Handel verstaatlicht…Der Fernhandel wurde damit zur Domäne des Adels, was den Anfang vom Ende des venezianischen Wohlstands bedeutete. Da die immer kleiner werdende Elite ein Monopol für die Hauptgeschäftsbereiche hatte, war der Verfall nicht mehr aufzuhalten…

Will man den Weg Englands und der ihm nacheifernden Länder zur Industriellen Revolution verstehen, so ist das römische Vermächtnis gleichwohl aus mehreren Gründen wichtig. Rom erlebte – wie Venedig – bedeutende frühe institutionelle Neuerungen. Wie in Venedig beruhte der anfängliche wirtschaftliche Erfolg auch in Rom auf inklusiven Institutionen – zumindest nach den Massstäben jener Zeit. Wie in Venedig wurden diese Institutionen schrittweise extraktiver. In Rom war dies auf den Wechsel von der Republik (510 – 49 v. Chr.) zum Kaiserreich (49 v. Chr. – 476 n. Chr.) zurückzuführen.

Die römischen Bürger schufen die Republik, indem sie ihren König Lucius Tarquinus Superbus (Tarquin der Stolze) um 510 v. Chr. stürzten. Die politischen Institutionen wurden dann geschickt mit zahlreichen inklusiven Elementen versehen. Die Regierung übernahmen für jeweils ein Jahr gewählte Magistrate…..recht umfassende Gewaltenteilung….nicht alle Bürger ausgewogen repräsentiert, da man indirekt wählte…Dennoch wiesen die politischen Institutionen – wie in Venedig – pluralistische Elemente auf. Die Plebejer verfügten über ihre eigene Versammlung, und diese wählte den Volkstribun, der berechtigt war, ein Veto gegen Beschlüsse deer Magristrate einzulegen, die Plebejerversammlung einzuberufen und Gesetzesanträge einzubringen. Im Jahr 133 v. Chr. wählte die Versammlung Tiberius Gracchus. Ihre Befugnisse waren durch die ‚Sezession‘ entstanden, eine Form des Streiks der Plebejer, besonders die Soldaten, die sich auf einen Hügel ausserhalb der Stadt zurückzogen und die Zusammenarbeit mit den Magistraten verweigerten, bis man auf ihre Beschwerden einging. Diese Drohung war in Kriegszeiten natürlich besonders wirksam. Vermutlich erlangten die Bürger während einer solchen Sezession Ende des 5. Jahrhundert v. Chr. das Recht, ihren Tribunen zu wählen und Gesetze für ihr Gemeinwesen zu erlassen. Ihr politischer und rechtlicher Schutz, obwohl nach unseren Massstäben begrenzt, eröffnete ihnen neue ökonomische Möglichkeiten und verlieh den Wirtschaftsinstitutionen eine gewisse Inklusivität. Dies wiederum liess den Mittelmeerhandel in der Römischen Republik erblühen…

Während der Zeit der Republik setzten sich die Heere aus Bürgersoldaten zusammen, die zuerst in Rom und später in anderen Teilen Italiens kleine Grundstücke besassen. Traditionsgemäss kämpften sie in der Armee, wenn es erforderlich war, und kehrten anschliessend auf ihr Land zurück. Als Rom jedoch grösser und die Feldzüge länger wurden, funktionierte das nicht mehr. Die Soldaten blieben ihren Besitztümern jahrelang fern, und viele Grundstücke lagen brach. Die Familien der Soldaten häuften unterdessen manchmal Schuldenberge an, und deshalb wurden viele Parzellen aufgegeben und den Gütern der Senatoren einverleibt….die Senatorenkaste immer reicher….Im 2. Jahrhundert v. Chr. erreichte die Situation einen gefährlichen Siedepunkt, weil die Kluft zwischen Reich und Arm gewachsen war….grosse Horden missmutiger Bürger..wollten die Ungerechtigkeiten nicht mehr hinnehmen und waren bereit, sich gegen die Aristokratie zu wenden….

Dem römischen Historiker Plutarch zufolge erkannte Tiberius Gracchus..die Not der Familien von Bürgersoldaten…bald legte er einen kühnen Plan zur Umverteilung des Bodens in Italien vor. Im Jahr 133 v. Chr. kandidierte er für das Amt des Volkstribunen und brachte dann einen Reformantrag ein…..Vorschlag empörte die Senatoren, und es gelang ihnen, die Verwirklichung der Reformen einen Zeitlang zu blockieren… Dinge spitzten sich zu, als Tiberius Gracchus für seine Reformkommission Anspruch auf das Vermögen erhob, das der König der griechischen Stadt Pergamon dem römischen Staat hinterlassen hatte. Auch bewarb er sich zum zweiten Mal um die Kandidatur als Tribun…Das nahmen die Senatoren als Vorwand zu behaupten, Tiberius wolle sich zum König ausrufen lassen. Seine Anhänger und er wurden angegriffen, und viele kamen um…Tiberius Gracchus fiel als einer der Ersten..auch Tiberius‘ Bruder Gaius von Grundbesitzern ermordet….

Schliesslich betrat Julius Caeser die Bühne und begann seinen Kampf gegen den Senat, wobei er vom römischen Volk unterstützt wurde. Die politischen Institutionen, die den Kern der Römischen Republik bildeten, wurden von Julius Caesar im Jahr 49 v. Chr. hingweggefegt, als er seine Legion den Rubikon überschreiten liess, der die römische Provinz Gallia cisalpina von Italien trennte. Er besetzte Rom, und ein weiterer Bürgerkrieg brach aus. Im Jahr 44 v.Chr. wurde Caeser von aufgebrachten Senatoren, mit Brutus und Cassius an der Spitze, ermordet. Die Römische Republik jedoch sollte nie wieder erstehen….

Es kam zu einem weiteren Bürgerkrieg zwischen Caesars Anhängern, vor allem Markus Antonius und Oktavian, und seinen Gegnern….

In den nächsten viereinhalb Jahrzehnten regierte Oktavian..Rom als Alleinherrscher. Er begründetet das Römische Reich…

Durch den Wandel der Republik in ein Prinzipat und später unverhohlen in ein Kaiserreich wurden die Keime für den Niedergang Roms gelegt….entscheidende ökonomische Folgen. Dadurch verfiel das Weströmische Reich, wie sich der Westen nach der Teilung vom Osten nannte, im 5. Jahrhundert wirtschaftlich und militärisch….

Der Untergang des Römischen Reiches hatte ähnliche Ursachen wie jeder der Maya-Stadtstaaten. Die zunehmend extraktiven politischen und wirtschaftlichen Institutionen Roms bewirkten seinen Zusammenbruch, da sie interne Kämpfe sowie Bürgerkriege auslösten….

England – Die Glorreiche Revolution

Deklaration der Rechte, die das Parlament im Februar 1689 verabschiedete. Sie wurde in derselben Sitzung verlesen, in der man Wilhelm die Krone anbot….Bill of Rights..schrieb ..einige wichtige Verfassungsprinzipien fest…In der Bill of Rights wurde..festgelegt, dass der Monarch Gesetze nicht ausser Kraft setzen oder abschaffen konnte, dass Steuern ohne parlamentarische Zustimmung illegal waren und dass es in England kein stehendes Heer ohne parlamentarische Einwilligung geben durft….nach 1688 gingen die Autorität und die Entschdeidungsgewalt des Staates auf das Parlament über….Triumph des Parlaments über den König..Ende des Absolutismus….Fortan hatte das Parlament die staatliche Politik fest im Griff….Noch massgeblicher als die Durchsetzung der Interessen der Parlamentarier war die Tatsache, dass die politischen Institutionen pluralistische Züge annahmen. Das englische Volk hatte nun Zugang zum Parlament…..noch keineswegs eine Demokratie…weniger als 2% der Bevölkerung an den Wahlen teilnehmen konnten…das Wahlrecht zudem auf Männer beschränkt…Stimmrecht in den ländlichen Wahlbezirken, den ‚Counties‘, an das Grundeigentum gebunden..in vielen städtischen Bezirken, den ‚Boroughs‘ war eine kleine Oberschicht am Ruder…

Das Parlament begann einen Reformprozess der Wirtschaftsinstitutionen einzuleiten, um die Fertigung zu fördern, statt sie zu besteuern und zu behindern….archaische Besitz- und Nutzungsrechte neu geregelt oder abgeschafft…Reform des Finanzwesens…im Jahr 1694…Gründung der Bank of England, die der Industrie als Kreditgeber dienen sollte…‘Finanzrevolution‘, die eine gewaltige Ausdehnung der Finanzmärkte und des Bankwesens nach sich zog…

Das Parlament setzte die…politische Zentralisierung fort….Staat seine Kompetenzen in sämtlichen Bereichen ausweitete. Hier werden wieder die Verbindungen zwischen politischer Zentralisierung und Pluralismus deutlich…Der Staat erweiterte sich, und seine Ausgaben erreichten bald 10 Prozent des Volkseinkommens….

Die Industrielle Revolution erfasste alle Bereiche der englischen Wirtschaft. Es gab erhebliche Verbesserungen im Verkehrswesen, bei der Metallgewinnung und durch die Dampfkraft. Der bedeutendste Innovationsbereich war jedoch die Mechanisierung der Textilproduktion, die mit dem Bau der erforderlichen Fabriken einherging….Umgestaltung der Wirtschaftsinstitutionen zugunsten von Erfindern und Unternehmern auf der Grundlage verlässlich gesicherter Eigentumsrechte. Die bessere Absicherung von Eigentumsrechten spielte eine zentrale Rolle für die ‚Transportrevolution‘, die der Industriellen Revolution den Weg ebnete….Investitionen in Kanäle und Strassen…Recht zur Gebührenerhöhung…relative faire Wettbewerbsbedingungen….

Neuorganisation des Landbesitzes im 18. Jahrhundert…Bis 1688 bestand sogar die juristische Fiktion, dass der gesamte Grund und Boden in England letztlich der Krone gehöre – ein direktes Vermächtnis der Feudalgesellschaft…

Um 1760 zeigte die Kombination all dieser Faktoren – sichere, neue Eigentumsrechte, eine bessere Infrastruktur, ein verändertes Steuersystem, ein freierer Zugang zu finanziellen Mitteln, eine aggressive Protektion von heimischen Händlern und Herstellern – allmählich Wirkung. Die Zahl der Patente stieg schlagartig, und der technologische Wandel, der den kern der Industriellen Revolution bilden sollte, gedieh unverkennbar…..

Die englische Textilindustrie war nicht nur die Antriebskraft für die Industrielle Revolution, sondern auch für die Umwälzungen in der Weltwirtschaft….Die Kombination aus technologischer und organisatorischer Neuerung lieferte das Modell für den Fortschritt, der die Volkswirtschaften, die zu Reichtum gelangen sollten, umgestaltete….

Im Jahr 1455 enthüllte Johannes Guttenberg in Mainz eine Erfindung, die tiefgreifende Konsequenzen für die Wirtschaftsgeschichte haben sollte: eine Druckerpresse mit beweglichen Lettern….

In Westeuropa wurde die Bedeutung rasch erkannt…

Nicht alle hielten das Druckwesen für wünschenswert. Bereits 1485 verfügte Sultan Bayezid II,. dass Muslime keine arabischen Texte drucken durften….

Die Ablehnung der Druckerpresse hatte offensichtliche Konsequenzen für Alphabetisierung, Erziehung und wirtschaftlichen Erfolg. Im Jahr 1800 waren schätzungsweise nur 2 bis 3 Prozent der Bürger des Osmanischen Reichs des Lesens und Schreibens fähig, verglichen mit 60% der erwachsenen Männer und 40% der erwachsenen Frauen in England. In den Niederlanden und Deutschland waren die Alphabetisierungsraten noch höher….

Die Industrielle Revolution brachte eine Umbruchphase hervor, die sich auf fast jedes Land auswirkte…Viele, etwa das Osmanische Reich, China und andere absolutistische Regime, gerieten ins Hintertreffen, indem sie die Ausbreitung der Industrie blockierten oder zumindest nicht förderten. Die politischen und wirtschaftlichen Institutionen bestimmten darüber, wie technologische Neuerungen aufgenommen wurden. Dadurch entstand wieder das vertraute Muster des Wechselspiels zwischen bestehenden Institutionen und Umbruchphasen.

Das Osmanische Reich blieb bis zu seinem Zusammenbruch am Ende des Ersten Weltkriegs absolutistisch. Es gelang ihm bis dahin, sich Neuerungen wie der Druckerpresse und der daraus resultierenden schöpferischen Zerstörung zu widersetzen…..

Absolutismus ist Herrschaft ungeachtet der Gesetze oder der Wünsche anderer, wiewohl absolutistische Monarchen auf die Unterstützung durch eine kleine Gruppe oder Elite angewiesen sind….

Absolutismus und das Fehlen politischer Zentralisierung sind unterschiedliche Hindernisse für die Verbreitung der Industrie, aber sie sind miteinander verwandt: Beide werden durch die Furcht vor schöpferischer Zerstörung aufrechterhalten…

Der Absolutismus zerfiel während des 17. Jahrhunderts in England, während er in Spanien erstarkte…..

Die Vereinigung Spaniens bahnte sich 1469 durch die Eheschliessung zwischen Ferdinand II. von Aragon und Isabella I von Kastilien an. 1492 endete die Reconquista (Wiedereroberung), die lang andauernde Vertreibung der Araber, die den Süden Spaniens im 8. Jahrhundert besetzt..hatten…

Durch die Union von Kastilien und Aragonien sowie durch spätere dynastische Heiraten und Erbschaften entstand ein europäischer Superstaat…..erbte..Niederlande und die Franche-Comté…Territorien auf der Iberischen Halbinsel und in Amerika….Aus der Union von zwei spanischen Königreichen war ein multikontinentales Imperium geworden….

Das Bemühen, den Absolutismus in Spanien einzuführen und zu konsolidieren, wurde durch die Entdeckung von Edelmetallen in Amerika erheblich gefördert….

Zur Zeit der Union von Kastilien und Aragonien gehörte Spanien zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Teilen Europas. Nach der Festigung seines absolutistischen politischen Systems begann jedoch ein allmählicher und dann, nach 1600, ein nicht mehr aufzuhaltender ökonomischer Niedergang in Spanien….

Die Eigentumsrechte waren unter der Habsburger Herrschaft in Spanien unsicher…beglich seine Schulden in den Jahren 1557 und 1560 nicht, wodurch die Handelsfamilien der Fugger und Welser in den Ruin getrieben wurden. Ihre Rolle ging dann an die Genueser Bankenfamilien über, die ihrerseits dadurch ruiniert wurden, dass die Spanier ihren Schuldenzahlungen unter der Herrschaft der Habsburger in den Jahren 1575, 1596, 1607, 1627, 1647, 1652, 1660 und 1662 nicht nachkamen…..

Die Monarchie versäumte es nicht nur, die Eigentumsrechte für Unternehmer abzusichern, sondern sie monopolisierte auch den Handel, verkaufte (häufig erbliche) Ämter, pflegte das Steuerpachtsystem und gewährte gegen Geldzahlungen sogar Immunität gegenüber dem Gesetz.

Die Folgen des Wirkens derartiger extraktiver politischer und wirtschaftlicher Institutionen in Spanien waren absehbar….während England ein wirtschaftliches Wachstum und dann eine rasche Industrialisierung zu verzeichnen hatte, begann in Spanien eine umfassende Talfahrt….Verarmung der spanischen Bevölkerung….die spanischen Einkommen sanken….

In Russland und Österreich-Ungarn waren es nicht nur die Nachlässigkeit und das Missmanagement der Eliten sowie der heimtückische wirtschaftliche Niedergang unter den extraktiven Insititutionen, welche die Industrialisierung verhinderten. Vielmehr bremsten die Herrscher jeglichen Versuch, neue Techniken einzuführen und in Infrastruktur zu investieren – etwa in Eisenbahnen, welche die technische Entwicklung hätten stimulieren können…

Das Haus Habsburg war noch eine bedeutende politische Kraft, obwohl Spanien, nachdem die Bourbonen den Thron im Jahr 1700 an sich gebracht hatten, nicht mehr dazugehörte, und sein Österreichisch-Ungarisches Reich umfasste ein riesiges Gebiet von rund 647.500 Quadratkilometern. Mit einem Siebtel der Bevölkerung des Kontinents war es der drittgrösste Staat Europas. Im späten 18. Jahrhundert verleibte sich das Habsburger Reich auch das heutige Belgien ein, damals als Österreichisch-Niederlande bekannt….

Im Gegensatz zu den Stuarts gelang es den Habsburgern, eine ausgeprägt absolutistische Herrschaft aufrechtzuerhalten. Franz II., der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches (1792-1806) und dann als Franz II. Kaiser von Österreich-Ungarn bis zu seinem Tod im Jahr 1835, war ein kompromissloser Absolutist. Er duldete keine Beschränkung seiner Macht und wollte in erster Linie den politischen Status Quo bewahren, weshalb er sich jedem Wandel widersetzte….die politische Macht konzentrierte sich auf eine kleine Elite…..Franz schuf einen Polizeistaat und zensierte alles, was auch nur einen Hauch von Radikalität erkennen liess…Die Basis der Habsburger Wirtschaftsinstitutionen bildeten die Feudalordnung und die Leibeigenschaft……Friedrich von Gentz: „Wir wünschen nicht, dass die grossen Massen wohlhabend und unabhängig werden…Wie sollten wir dann über sie herrschen?“…

Monopole…Handelsbeschränkungen….die städtische Wirtschaft wurde von Gilden und Zünften beherrscht, die den Zugang zu den Gewerben erschwerten…abschreckende Einfuhrzölle….der Import und Export vieler Güter war ausdrücklich verboten….im Habsburger Reich ermutigte Franz seine Bürger nicht einmal, bessere Techniken zu verwenden, er widersetzte sich ihnen und blockierte Neuerungen…widersetzte..sich dem Eisenbahnbau…

Genau wie in Österreich-Ungarn brachte der Absolutismus in Russland nicht nur eine Reihe von Wirtschaftsinstitutionen hervor, die den Wohlstand der Gesellschaft beeinträchtigten. Hinzu kam eine ähnliche Angst vor der schöpferischen Zerstörung, vor der Industrialisierung und der Eisenbahn….Blockierung des sozialen Wandels, der für die Förderung des wirtschaftlichen Wohlstands unerlässlich ist……Angespornt von Nikolaus, unternahme Kankrin spezifische Schritte, um die Entwicklungsmöglichkeiten der Industrie auszubremsen….Die offizielle Ablehnung der Eisenbahn endete erst nach der vernichtenden Niederlage gegen die britischen, französischen und osmanischen Streitkräfte im Krimkrieg (1853-1856), denn da begriff man, dass die Rückständigkeit der Verkehrsnetze eine ernsthafte Bedrohung für die russische Sicherheit darstellte….

Unter der Song-Dynastie zwischen 960 und 1279 war China technisch führend in der Welt. Die Chinesen erfanden lange vor den Europäern Uhren, den Kompass, Schiesspulver, Papier und Papiergeld, Porzellan und Hochöfen für die Produktion von Gusseisen und ungefähr zur selben Zeit Spinnräder und Wasserkraft. Infolgedessen war der Lebensstandard in China um 1500 wahrscheinlich mindestens genau so hoch wie in Europa. Daneben verfügte China jahrhundertelang über einen zentralisierten Staat mit einer leistungsorientierten Beamtenschaft.

Doch China war absolutistisch und das Wachstum der Zeit der Song-Dynastie vollzog sich unter extraktiven Institutionen…..keine politische Vertretung für soziale Gruppen ausserhalb der Monarchie…die staatliche Kontrolle verschärfte sich unter der Ming- und der Quin-Dynastie noch. All dem lag die übliche Logik extraktiver Institutionen zugrunde. Wie die meisten Herrscher..widersetzten sich die absolutistischen Kaiser Chinas jeglichem Wandel, strebten nach Stabilität und fürchteten schöpferische Zerstörung…

Während sich die englischen Institutionen durch den internationalen Handel und die Entdeckung Amerikas radikal umgestalteten, schirmte sich China von den damit verbundenen Umbrüchen ab und kehrte sich bis 1567 nach innen…..

1661 ordnete Kaiser Kangxi an, dass alle Bewohner der Küste von Vietnam bis Chekiang – als der gesamten Südküste, die einst das kommerziell aktivste Gebiet Chinas gewesen war – siebenundzwanzig Kilometer landeinwärts zu ziehen hatten…..wodurch der chinesische Überseehandel im Keim erstickt wurde…

Die Folgen dieser absolutistischen Kontrolle waren absehbar: Die chinesische Wirtschaft stagnierte im 19. und frühen 20. Jahrhundert..Als Mao 1949 sein kommunistisches Regime errichtete, war China zu einem der ärmsten Länder der Welt geworden…

Die heutige Weltungleichheit existiert, weil manche Staaten im 19. nd 20. Jahrhundert in der Lage waren, die technologischen und organisatorischen Vorteile der Industriellen Revolution zu nutzen, und andere nicht….

Australien, New South Wales….Anders als in Österreich-Ungarn und in Russland gab es keine Leibeigenschaft, und im Unterschied zu Mexiko und Peru konnte man keine grosse indigene Bevölkerung ausbeuten. New South Wales war in vieler Hinsicht mit Jamestown, Virginia, zu vergleichen: Die Herrschenden stellten letzten Endes fest, dass es ihrem eigenen Interesse entsprach, Wirtschaftsinstitutionen aufzubauen, die erheblich inklusiver waren als die in Österreich-Ungarn, Russland, Mexiko und Peru. Die Sträflinge waren die einzigen Arbeitskräfte und sie konnten nur dadurch motiviert werden, dass man ihnen Löhne zahlte. Bald erlaubte man den Häftlingen sogar, Unternehmer zu werden und Mitgefangene zu beschäftigen. Vor allem jedoch wurde ihnen nach Ableistung ihrer Strafe Land zugeteilt, und man stellte alle ihre Rechte wieder her….

1840 wurden die Deportationen nach New South Wales eingestellt, und 1842 entstand ein gesetzgebender Rat, dessen Mitglieder zu zwei Dritteln gewählt und zu einem Drittel ernannt wurden….In den 1850er Jahren führte Australien das Wahlrecht für alle weissen männlichen Staatsbürger ein….1856 sollten der Staat Victoria, der 1851 aus New South Wales ausgegliedert worden war, sowie der Staat Tasmanien die ersten Gegenden der Welt werden, in denen man geheime Wahlen einführte, was dem Stimmkauf und der gewaltsamen Wahlbeeinflussung ein Ende setzte. Noch heute bezeichnet man die..Methode geheimer Wahlen als australische Stimmabgabe….

Die in den Vereinigten Staaten und in Australien gegründeten inklusiven Institutionen sorgten dafür, dass sich die Industrielle Revolution dort rasch ausbreitete und diese Staaten zu Reichtum gelangen liess. Kolonien wie Kanada und Neuseeland folgten ihrem Beispiel…

Grosse Teile Westeuropas fanden eine dritte Möglichkeit unter dem Einfluss der Französischen Revolution, durch die der Absolutismus in Frankreich gestürzt und eine Reihe zwischenstaatlicher Konflikte ausgelöst wurden, wonach die institutionelle Reform erhebliche Bereiche des Kontinents erfasste. Diese Reform führte in den meisten europäischen Ländern zur Entstehung inklusiver Wirtschaftsinstitutionen, zur Industriellen Revolution und zu wirtschaftlichem Wachstum…..

In den drei Jahrhunderten vor 1789 wurde Frankreich von einer absolutistischen Monarchie beherrscht, und die Gesellschaft unterteilte sich in drei Stände. Die Geistlichkeit machte den Ersten, die Aristokratie den Zweiten und alle Übrigen den Dritten Stand aus. Für die Stände galten unterschiedliche Gesetze, und die beiden ersten zahlten keine Steuern, während die Untertanen mehrere unterschiedliche Abgaben leisten mussten…die Kirche war nicht nur von der Besteuerung ausgenommen, sondern sie besass zudem grosse Ländereien, in denen sie den Bauern eigene Steuern auferlegen konnte. Der Monarch, der Adel und die Geistlichkeit führten ein üppiges Leben, während die meisten Angehörigen des Dritten Standes bitterer Armut ausgesetzt waren. Unterschiedliche Gesetze garantierten den Aristokraten und den Geistlichen nicht nur äusserst vorteilhafte Wirtschaftsverhältnisse, sondern sie verschafften ihnen auch politische Macht…

Die Produktion von Waren wurde von einflussreichen Zünften reglementiert…die Bewegungsfreiheit der französischen Bauern eingeschränkt, und sie hatten eine Vielzahl von Feudalabgaben an die Monarchie, den Adel und die Kirche zu entrichten.

Dies ist der Grund, warum die Französische Revolution besonders radikale Züge annahm…

Damit hatte die Französische Revolution mit einem Schlag das Feudalsystem sowie die mit ihm zusammenhängenden Verpflichtungen und die Steuerbefreiung des Adels und des Klerus abgeschafft…am vielleicht radikalsten war der damals kaum denkbare elfte Artikel: „Alle Bürger sollen, ohne Unterschied ihrer Geburt, freien Zugang zu allen kirchlichen, zivilen und militärischen Ämtern und Würden haben..

Nun bestand..für alle Gleichheit vor dem Gesetz, nicht nur im täglichen Leben und in der Geschäftswelt, sondern auch in der Politik….

Die Zünfte und alle beruflichen Einschränkungen wurden abgeschafft..

Diese Reformen waren der erste Schritt zur Beendigung der absolutistischen französischen Monarchie…Andere wirtschaftliche und politische Reformen sollten sich anschliessen und 1870 ihren Höhepunkt in der Dritten Republik finden, die Frankreich ein ähnliches parlamentarisches System wie das englische bescheren würde.

Die Französische Revolution führte zu Gewalt, Leid, Instabilität und Krieg, doch andererseits ist es ihr zu verdanken, dass die Franzosen nicht mit extraktiven Institutionen leben mussten, die Wachstum und Wohlstand blockierten…..

Zur Zeit der Thronbesteigung Ludwigs XVI. im Jahr 1774 war das Wirtschaftswachstum gering, und es hatten sich bedeutende Änderungen in der Gesellschaft abgespielt. Ausserdem hatten sich die früheren Finanzprobleme zu einer Haushaltskrise gesteigert, und der Siebenjährige Krieg zwischen 1756 und 1763 mit den Briten, in dem Frankreich Kanada verloren hatte, war besonders kostspielig gewesen. Mehrere angesehene Personen versuchten, den königlichen Haushalt durch Umschuldung und Steuererhöhung auszugleichen..keiner..hatte Erfolg….

Calonne überredete Ludwig XVI., die Notabelnversammlung einzuberufen..die Versammlung verfügte überraschend, dass nur ein repräsentatives Organ, nämlich die Etats généraux, solche Reformen verabschieden könne. Die Etats généraux unterschieden sich erheblich von der Notablenversammlung. Während die Letztere aus Adligen bestand, die weitgehend von der Krone ausgewählt wurden, waren in den Ersteren alle drei Stände vertreten. Sie waren zum letzten Mal 1614 einberufen wurden. Als sie 1789 in Versailles tagten, wurde sofort deutlich, dass keine Übereinstimmung zu erzielen war…Die Tagungen endeten am 5. Mai 1789 ergebnislos, abgesehen von der Entscheidung, ein wichtigeres Organ, nämlich die Nationalversammlung zusammentreten zu lassen. Der Dritte Stand – besonders die Händler, Geschäftsleute, Hochschulabsolventen und Handwerker – hielt dies für ein Zeichen seines wachsenden Einflusses. Deshalb verlangte er in der Nationalversammlung eine erweiterte Mitsprache und überhaupt mehr Rechte. Da er überall im Land von hoffnungsvollen Bürgern unterstützt wurde, kam es am 9. Juli zur Wiederherstellung des Organs in Form der Gesetzgebenden Nationalversammlung.

Unterdessen radikalisierte sich die Stimmung im Land, besonders in Paris….am 14. Juli 1789 fand der berühmte Sturm auf die Bastille statt….

Der erste Schritt war die Bildung lokaler Vereine, vornehmlich des radikalen Jakobinerclubs, der sich später an die Spitze der Revolution setzen sollte. Gleichzeitig verliessen immer mehr Adlige..das Land…

Die Verfassunggebende Versammlung verabschiedete die endgültige Version der Verfassung am 29. September 1791, und Frankreich wurde zu einer konstitutionellen Monarchie…Frankreich war immer noch eine Monarchie, doch der König spielte nur eine Nebenrolle und genoss nicht mal mehr die Freiheit.

Dann jedoch wurde die Dynamik der Revolution unwiderruflich durch den Krieg geändert, der 1792 zwischen Frankreich und der „Ersten Koalition“ unter Führung Österreichs ausbrach. Nun verstärkte sich die Entschlossenheit der Revolutionäre und der Massen…Das Ergebnis war die Terrorherrschaft unter der von Robespierre und Saint-Just geführten Jakobinerfraktion. Der Terror begann mit der Hinrichtung von Ludwig XIV. und Marie Antoinette, und im weiteren Verlauf wurden nicht nur zahlreiche Aristokraten und Konterrevolutionäre, sondern auch mehrere bedeutende Vertreter der Revolution exekutiert, darunter die ehemaligen Volksführer Brissot, Danton und Desmoulins.

Aber der Terror geriet ausser Kontrolle und endete im Juli 1794 mit der Hinrichtung seiner eigenen Führer, darunter auch Robespierre und Saint-Just. Es folgte eine Phase relativer Stabilität, zuerst unter dem recht ineffektiven Direktorium zwischen 1795 und 1799 und dann unter einem Konsulat aus drei Männern – Ducos, Sieyès und Napoleon Bonaparte -, die eine konzentriertere Macht besassen. Der junge General Napoleon Bonaparte war durch seine militärischen Erfolge berühmt geworden, und sein Einfluss sollte nach 1799 weiter wachsen. Bald wurde das Direktorium zu Napoleons persönlichen Herrschaftsorgan.

In den Jahren zwischen 1799 und 1815, dem Ende von Napoleons Herrschaft, konnte Frankreich eine Reihe grosser militärischer Siege..feiern, durch die Kontinentaleuropa in die Knie gezwungen wurde….

Der Sturz Napoleons..sollte zu..reduzierten politischen Rechten und der Wiederherstellung der französischen Monarchie unter Ludwig XVII. führen. All das konnte die Enstehung inklusiver politischer Institutionen nur vorübergehend verlangsamen. Die durch die Revolution von 1789 freigesetzten Kräfte machten dem französischen Absolutismus ein Ende und liessen ein inklusives System unvermeidlich werden. Dadurch sollten Frankreich und jene Teile Europas, in die man die Reformen exportiert hatte, an der Industrialisierung teilnehmen…

Kurz vor der Französischen Revolution wurden den Juden überall in Europa strenge Beschränkungen auferlegt. In Frankfurt zum Beispiel reglementierte man ihr Leben anhand einer mittelalterlichen Gesetzgebung. Die Stadt nahm höchstens noch 500 jüdische Familien auf, die sämtlich in der kleinen, von Mauern umschlossenen Judengasse wohnen mussten….Die Juden sahen sich ständigen Repressionen und immer neuen Verfügungen unterworfen…Juden war es verboten, Ackerbau zu treiben oder mit Waffen, Gewürzen, Wein oder Getreide zu handeln…

Bei Ausbruch der Französischen Revolution wohnte der junge Mayer Amschel Rothschild in der Frankfurter Judengasse. In den frühen 1780er Jahren hatte Rothschild sich zum führenden Münz-, Edelmetall- und Antiquitätenhändler der Stadt hochgearbeitet….

Im Jahr 1791 verlieh die Französische Nationalversammlung den Juden des Landes die Gleichberechtigung. Französische Heere hatten das Rheinland besetzt und verhalfen den Juden im westlichen Deutschland zur Emanzipation….Befreit von den zahllosen Verordnungen des Ghettos, die ihnen jegliches Unternehmertum ausserhalb seiner Mauern untersagt hatten, konnten sie nur neue geschäftliche Möglichkeiten ergreifen. Zum Beispiel erhielten sie einen Vertrag zur Belieferung des österreichischen Heeres mit Getreide.

Am Ende des Jahrzehnts war Rothschild einer der reichsten Juden in Frankfurt und..ein etablierter Geschäftsmann. Die volle Gleichberechtigung liess jedoch noch bis 1811 auf sich warten….es kam immer wieder zu Rückschlägen, besonders auf dem Wiener Kongress von 1815, auf dem die politischen Verhältnisse in Europa nach Napoleons Niederlage geregelt wurden….Bald sollte Mayer Amschel Rothschild und seinen Söhnen die grösste Bank in Europa des 19. Jahrhunderts – mit Niederlassungen in Frankfurt, London, Paris, Neapel und Wien – gehören…

Wie bereits angedeutet, sammelten sich mehrere europäische Mächte, die über die Geschehnisse in Frankreich beunruhigt waren, 1792 um Österreich und griffen Frankreich an, um die Revolution niederzuschlagen…doch die Franzosen hatten anderen Ländern eine wichtige Innovation voraus: die Massenwehrpflicht. Sie wurde im Jahr 1793 eingeführt und gestattete den Franzosen, riesige Heere aufzubieten und eine enorme Überlegenheit zu entwickeln…..

Die militärischen Erfolge inspirierten die Führer der Republik, die französischen Grenzen auszuweiten…Die Franzosen besetzten rasch die Österreichischen Niederlande sowie die Vereinigten Provinzen, die im Wesentlichen dem heutigen Belgien und den heutigen Niederlanden entsprachen. Ausserdem eroberten sie grosse Bereiche der gegenwärtigen Schweiz……Zwischen 1795 und 1802 okkupierten die Franzosen das Rheinland…mit Ausnahme von Venedig..kontrollierten die Franzosen..die gesamte italienische Halbinsel…

Die Revolutionsheere führten in den eroberten Ländern radikale Reformen durch, indem sie die letzten Reste der Leibeigenschaft und der Feudalbeziehungen abschafften und Gleichheit vor dem Gesetz realisierten. Der Klerus verlor seinen Sonderstatus und seine extreme Macht…

Napolen wünschte sich aufrichtig, die Reformen der Revolution fortzuführen und zu vertiefen. Vor allem kodifizierte er das römische Recht und die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz zu einem juristischen System, das als Code Napoleon bekannt wurde….

Alles in allem brachten die französischen Heere viel Leid über Europa, aber sie änderten die Verhältnisse…

1869 war Japan noch ein wirtschaftlich unterentwickeltes Land, das seit 1600 von der Tokugawa-Dynastie beherrscht wurde. Ihr Oberhaupt hatte sich im Jahr 1603 den Titel Shogun (Befehlshaber) zugelegt. Der japanische Kaiser war den Rand gedrängt worden und spielte eine rein zeremonielle Rolle. Die Tokugawa-Shogune waren die dominierenden Mitglieder einer Schicht von Feudalherren, die ihre eigenen Provinzen regierten und besteuerten…Diese Feudalherren leiteten, zusammen mit ihren militärischen Gefolgsleuten, den berühmten Samurai, eine Gesellschaft, die jener des mittelalterlichen Europa ähnelte…Die politischen und wirtschaftlichen Institutionen waren extraktiv, und Japan litt Armut…

Shogun Tokugawa Yoshinobu erklärte sich zum Rücktritt bereit und am 3. Januar 1868 wurde die Meji-Restauration ausgerufen….Kaiser Komei, der allerdings schon einen Monat später starb, und sein Sohn Meiji kehrten an die Macht zurück…

Nach der Meji-Restauration begannen die institutionellen Reformen in Japan. Im Jahr 1869 wurde der Feudalismus abgeschafft, und die dreihundert Lehensgüter wurden in Präfekturen unter einem von der Regierung ernannten Gouverneur umgewandelt. Man zentralisierte das Steuersystem, und ein moderner bürokratischer Staat ersetzte das alte feudale Gemeinwesen. 1869 führte man zudem die Gleichheit aller Gesellschaftsschichten vor dem Gesetz ein und hob die Beschränkungen der Binnenmigration und des Handels auf. Der Kriegerstand der Samurai wurde ebenfalls abgeschafft, wenn auch erst nach mehreren Rebellionen. Es wurden individuelle Grundeigentumsrechte vergeben, und die Bevölkerung erhielt die Freiheit, jegliches Gewerbe auszuüben.

Der Staat beteiligte sich nachdrücklich am Aufbau der Infrastruktur ….Dampfschifffahrtslinie ..Eisenbahnstrecke…Industrialisierungsversuche..Werften..Fabriken…

Im Jahr 1890 war Japan das erste asiatische Land, das sich eine schriftliche Verfassung gab, und es schuf eine konstitutionelle Monarchie mit einem gewählten Parlament, einem Reichstag und einem unabhängigen Justizwesen. Dies waren entscheidende Faktoren, die Japan ermöglichten, zum Hauptnutzniesser der Industriellen Revolution in Asien zu werden…..

Der langsame Marsch der Demokratie…Der Tugendkreis inklusiver Institutionen bewahrt nicht nur das, was bereits erlangt worden ist, sondern bereitet auch einer noch grösseren Inklusivität den Boden. Die Chancen der britischen Elite des 18. Jahrhunderts, die Macht mühelos im Griff zu behalten, standen schlecht. Diese Elite war ans Ruder gekommen, indem sie das göttliche Recht von Königen in Frage stelte und der politischen Mitwirkung des Volkes die Tür öffnete, doch dann hatte sie das Wahlrecht nur einer kleinen Minderheit eingeräumt. Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis immer mehr Bürger die Mitwirkung am politischen Prozess verlangten….

In den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kam es zu verstärkten sozialen Unruhen in Grossbritannien….Die britische Demokratie wurde keineswegs von der Elite gewährt, sondern von den Massen erobert…Die Elite bewilligte Reformen, weil sie dies für den besten Weg hielt, die Fortsetzung ihrer Herrschaft..zu sichern….

Die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen, die in Grossbritannien bereits stattgefunden hatten, liessen der Elite den Einsatz von Gewalt sowohl wenig attraktiv als auch zunehmend unpraktisch erscheinen….

1832 First Reform Act..

Second Reform Act von 1867.., durch den sich die Gesamtzahl der Wahlberechtigten verdoppelte…

Kurz darauf führte man die geheime Abstimmung ein und machte Anstalten, korrupte Wahlpraktiken..abzuschaffen…

Die Zahl der Wahlberechtigten verdoppelte sich 1864 durch den Third Reform Act erneut und umfasste damit 60 Prozent der männlichen Bevölkerung.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde, durch den Representation of the People Act von 1918, sämtlichen Männern über einundzwanzig Jahren das Wahlrecht verliehen, dazu Frauen über dreissig, die selbst Steuern entrichteten oder mit einem Steuerzahler verheiratet waren.

1928 schliesslich erhielten alle Frauen unter den gleichen Bedingungen wie die Männer das Wahlrecht.

Die Massnahmen von 1918 wurden während des Krieges ausgehandelt und stellten ein Quidproquo zwischen der Regierung und der Arbeiterschaft dar, die für den Kriegseinsatz und für die Waffenproduktion benötigt wurde. Ausserdem dürfte die Regierung den Radikalismus der Russischen Revolution zur Kenntnis genommen haben….

Durch den Education Act von 1870 legte die Regierung die Grundlage für die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Ab 1891 fielen Schulgebühren fort…

Der Education Act von 1902 führte schliesslich zu einem beträchtlichen Anstieg der Schulfinanzierung und zur Gründung der Grammar Schools, die zur Basis der britischen Sekundarausbildung wurden….

In den Vereinigten Staaten..genau wie in Grossbritannien verschwanden die Bedrohungen der inklusiven Institutionen nie ganz. Durch das Ende des Bürgerkriegs wurde im Norden ein rasches Wirtschaftswachstum angekurbelt. Während sich Eisenbahnen, Industrie und Handel ausweiteten, häuften ein paar Menschen riesige Vermögen an. Der wirtschaftliche Erfolg liess diese Männer und ihre Unternehmen immer skrupelloser werden. Sie wurde als Robber Barons (Räuberbarone) bezeichnet, weil ihre rücksichtslosen Geschäftspraktiken darauf abzielten, Monopole zu schaffen und potentiellen Konkurrenten das Wasser abzugraben. Einer der berüchtigsten Räuberbarone war Cornelius Vanderbilt, der bekanntermassen bemerkte: „Was schert mich das Gesetz? Habe ich nicht die Macht?“

Ein anderer Räuberbaron war John D. Rockefeller, der 1870 die Standard Oil Company gründete…Bis 1882 hatte er tatsächlich ein Riesenmonopol – einen Trust – geschaffen. 1890 kontrollierte Standard Oil 88 Prozent des raffinierten Öls in den Vereinigten Staaten, und 1916 wurde Rockefeller zum ersten Milliardär der Welt….

Fast so berücksichtigt war John Pierpont Morgan, der Gründer des modernen Bankenkonglomerats J.P. Morgan…

Zusammen mit Andrew Carnegie gründete Morgan 1901 den bei weitem grössten Stahlkonzern der Welt, die U.S. Steel Company, das erste Unternehmen mit einem Kapitalwert von über 1 Milliarde Dollar.

In den 1890er Jahren bildeten sich gewaltige Trusts in fast jedem Wirtschaftszweig heraus, und viele verfügten über mehr als 70 Prozent des Marktanteils in ihrem Sektor…DuPont, Eastman Kodak…International Harvester…

Allmählich wurde der Wettbewerb durch Monopole ausgehebelt, und die Vermögensungleichheit wuchs rapide…

Das pluralistische politische System der Vereinigten Staaten hatte jedoch bereits ein breites Gesellschaftssegment derart gestärkt, dass es sich den Übergriffen der Robber Barons widersetzen konnte…

Die Populistische Bewegung war das Ergebnis einer langjährigen Agrarkrise, die den mittleren Westen seit den späten 1860er Jahren heimsuchte…

Die Unzufriedenheit der Farmer gipfelte 1892 in der Entstehung der People’s Party…

In den folgenden Wahlen unterstützten die Populisten die..Kampagnen der Demokratischen Partei…

Diese politischen Bewegungen wirkten sich allmählich auf die politischen Einstellungen und dann auf die Gesetzgebung aus, besonders hinsichtlich der Rolle des Staates bei der Regulierung von Monopolen.

Das erste wichtige einschlägige Gesetz war der Interstate Commerce Act von 1887, der die Interstate Commerce Commission hervorbrachte und eine bundesweite Regulierung der Industrie einleitete.

Bald darauf folgte der Sherman Antitrust Act von 1890. Dieser, noch heute ein bedeutender Teil des US-Kartellrechts, sollte zur Grundlage von Angriffen auf die Trusts der Räuberbarone werden…..

Eine wesentliche politische Kraft hinter der Antitrust-Bewegung und dem Versuch, die Industrie bundesweit zu regulieren, waren erneut die ländlichen Wähler…

Aus den Trümmern der Populistischen Bewegung, deren Mitgliederzahl stark zurückging, nachdem sie sich hinter die Demokratische Partei gestellt hatte, wurden die Progressiven geboren, eine heterogene Reformbewegung, die viele ähnliche Belange vertrat. Zunächst formierten sie sich um Teddy Roosevelt…

Den Gipfel ihrer Reformen erreichten die Progressiven 1912 durch die Wahl von Woodrow Wilson zum Präsidenten. Er betonte 1913 in seinem Buch ‚Die neue Freiheit‘, dass sich Monopole nie selbst beschränken, sondern, wenn sie gross genug seien, die Regierungsmacht an sich reissen würden. Daher veranlasste er, dass 1914 der Clayton Antitrust Act zur Stärkung des Sherman Act verabschiedet wurde…

1913 richtete er das Federal Reserve Board zur Überwachung monopolistischer Aktivitäten auf dem Finanzsektor ein…

Die Erfahrung der USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt auch die bedeutende Rolle der freien Medien, wenn es darum geht, breite Bevölkerungsschichten und damit den Tugendkreis zu stärken. Im Jahr 1906 prägte Roosevelt den Begriff „Muckraker“ nach einer literarischen Gestalt ..zur Bezeichnung von Enthüllungsjournalisten. Der Begriff wurde bald auf Journalisten bezogen, welche die Exzesse der Robber Barons sowie die Korruption der Orts- und Bundespolitik blossstellten….

Die Muckracker spielten eine wesentliche Rolle bei der Einflussnahme auf Politiker, damit diese gegen die Trusts vorgingen. Die Räuberbarone hassten die Muckracker, doch die politischen Institutionen der Vereinigten Staaten machten es unmöglich, die Journalisten zum Schweigen zu bringen. Inklusive politische Institutionen erlauben den freien Medien, sich zu entfalten, und diese sorgend dafür, dass Bedrohungen wirtschaftlicher und politischer Institutionen weithin bekannt werden und auf Gegenwehr stossen….Die Informationen, welche die freien Medien lieferten, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten offensichtlich von grösster Bedeutung. Ohne sie hätte die US-Öffentlichkeit nicht genug über das wahre Ausmass der Macht sowie über die Machtmissbräuche der Räuberbarone erfahren und wäre nicht zu Aktionen gegen die Trusts mobilisiert worden…

Richterernennungen….Franklin D. Roosevelt, der Kandidat der Demokratischen Partei..wurde 1932 mitten in der Weltwirtschaftskrise zum Präsidenten gewählt. Er gelangte mit dem Wählerauftrag an die Macht, eine Reihe ehrgeiziger Massnahmen zur Bekämpfung der Krise durchzusetzen…..Die von Roosevelt vorgeschlagenen Pläne ..wurden als New Deal bekannt…die New Deal Gesetzgebung..warf jedoch Verfassungsfragen auf….Massnahmen wurden vor dem Obersten Gerichtshof angefochten….Während sie die Hürden der Justiz zu überwinden hatten, wurde Roosevelt 1936 mit einem starken Mandat, nämlich mit 61 Prozent der Stimmen, wiedergewählt…Da Roosevelts Popularität nun Rekordhöhen erreicht hatte, war er nicht bereit, weitere Bestandteile seiner politischen Vorhaben vom Supreme Court durchkreuzen zu lassen…

Roosevelt, März 1937: „…als der Oberste Gerichtshof fast zwei Jahre später darüber verhandelte, wurde ihre Verfassungsmässigkeit mit nur fünf zu vier Stimmen bestätigt. Durch die Änderung einer einzigen Stimme wären alle Angelegenheiten dieser grossen Nation wieder einem hoffnungslosen Chaos ausgeliefert worden. Im Grunde urteilten vier Richter, dass das Recht, sein Schäfchen auf der Basis eines Privatvertrages ins Trockene zu bringen, heiliger sei als das Hauptziel der Verfassung, eine dauerhafte Nation zu schaffen.“….

Durch den als Judiciary Reorganization Bill präsentierten Plan wäre es Roosevelt gelungen, die von konservativeren Regierungen ernannten und sich dem New Deal am energischsten widersetzenden Richter zu entfernen. Obwohl sich Roosevelt geschickt um die Unterstützung der Öffentlichkeit bemühte, ging aus Meinungsumfragen hervor, dass nur ungefähr 40 Prozent der Bevölkerung den Plan guthiessen….

Der Senat beschloss mit 70 zu 20 Stimmen, die Vorlage vom Komittee umschreiben zu lassen: „der Entwurf sei eine unnötige, nutzlose und äusserst gefährliche Aufgabe des Verfassungsprinzips.“..

Inklusive politische Institutionen bremsen nicht nur grössere Abweichungen vom Kurs inklusiver Wirtschaftsinstitutionen, sondern sie widersetzen sich auch Versuchen, ihre eigene Fortdauer zu beeinträchtigen….ähnlich wie die politische Elite Britanniens im frühen 18. Jahrhundert begriff, dass eine Aufhebung der Rechtsstaatlichkeit die Zugeständnisse gefährdete, die sie der Monarchie abgerungen hatte, erkannten die Kongressabgeordneten und Senatoren, dass eine Schwächung der Unabhängigkeit der Richter durch Roosevelt auch das Gleichgewicht der Kräfte verschieben würde, das sie vor dem Präsidenten schützte und das Fortbestehen der pluralistischen politischen Institutionen gewährleistete….

Argentinien….Nachdem Roosevelt den Gerichtshof während seiner Wiederwahlkampagne von 1936 heftig kritisiert hatte, tat Perón das Gleiche während seines Wahlkampfes im Jahr 1946. Neun Monate nach dem Beginn des Verfahrens stellte die Abgeordentenkammer gegen drei der Richter..einen Misstrauensantrag. Der Senat stimmte dem Antrag zu, wonach Perón vier neue Richter ernannte. Die Schwächung des Gerichts bewirkte, dass Perón keinen politischen Kontrollen mehr unterlag. Nun konnte er uneingeschränkte Macht ausüben, ähnlich wie die Militärregime Argentiniens vor und nach seiner Präsidentschaft….Nachdem Perón den Obersten Gerichtshof mit ihm willfährigen Kandidaten besetzt hatte, machte es sich jeder neue Präsident in Argentinien zur Regel, handverlesene Richter zu ernennen. Damit war eine politische Institution verschwunden, die eine gewisse Kontrolle über die Regierung hätte ausüben können……

Ein Oberstes Gericht kann grossen Einfluss ausüben, wenn es von breiten Gesellschaftsschichten unterstützt wird, die nicht zögern, Versuche zur Beeinträchtigung der gerichtlichen Unabhängigkeit zu durchkreuzen….

Der Tugendkreis gehorcht mehreren Mechanismen. Erstens bewirkt die Logik pluralistischer politischer Institutionen, dass die Machtergreifung durch einen Diktator, eine Regierungsfraktion oder auch durch einen wohlmeinenden Präsidenten stark erschwert wird….der wahre Gradmesser des Pluralismus ist eben die Fähigkeit, solchen Versuchen zu widerstehen…

Zweitens stärken sich inklusive politische und inklusive wirtschaftliche Institutionen gegenseitig…Inklusive Wirtschaftsinstitutionen beseitigen die abscheulichsten extraktiven Wirtschaftsbeziehungen- wie die Sklaverei und die Leibeigenschaft -, brechen die Macht von Monopolen und schaffen eine dynamische Wirtschaft…

Zudem ermöglichen inklusive politische Institutionen die Entfaltung freier Medien, die Nachrichten über die Bedrohung solcher Institutionen verbreiten und den Widerstand mobilisieren können.

Unglücklicherweise erzeugen extraktive Institutionen..ebenfalls starke Kräfte zur Sicherung ihres Fortbestehens, nämlich durch den Prozess des Teufelskreises…

Ob Macht korrumpiert, ist strittig, aber Lord Acton hatte unzweifelhaft recht mit der Behauptung, dass absolute Macht absolut korrumpiere….Unter extraktiven politischen Institutionen..gibt es kaum Schranken für die Machtausübung, wie verzerrt und soziopathisch sie auch sein mag….Extraktive politische Institutionen bringen einen Teufelskreis hervor, weil sie keinen Schutz gegen diejenigen bieten, welche die Macht des Staates an sich reissen und sie dann missbrauchen wollen…Da derjenige, der den Staat kontrolliert, zum Nutzniesser der exzessiven Macht und des durch sie abgeschöpften Reichtums wird, schaffen extraktive Institutionen den Anreiz für innere Kämpfe um die Vorrangstellung…

Vor diesem Hintergrund ist es keine Überraschung, dass die extraktiven Institutionen, die viele afrikanische Länder von den Kolonialstaaten ererbten, den Samen für Machtkämpfe und Bürgerkriege legten……In Angola, in Burundi, in Tschad, an der Elfenbeinküste, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan, in Äthiopien, Liberia, Mosambik, Nigeria, der Republik Kongo-Brazzaville, Ruanda, Somalia, Uganda und ..Sierra Leone schlugen diese Bestrebungen in blutige Bürgerkriege um, die den wirtschaftlichen Ruin und beispielloses menschliches Leid sowie das Scheitern des Staates nach sich zogen…

Was sich nach 1980 in Simbabwe ereignete, war typisch für die Entwicklung des subsaharischen Afrika seit der Unabhängigkeit. Simbabwe hatte 1980 eine Reihe höchst extraktiver politischer und wirtschaftlicher Institutionen geerbt. Diese blieben in den ersten anderthalb Jahrzehnten relativ unverändert erhalten…Im Grossen und Ganzen bestand der Hauptunterschied..darin, dass sich nur nicht mehr Ian Smith und die Weissen, sondern Robert Mugabe und die ZANU-PF-Elite die Taschen füllten. Mit der Zeit wurden die Institutionen noch extraktiver, und das Einkommensystem in Simbabwe brach zusammen…

Nationen scheitern heute, weil ihre extraktiven Wirtschaftsinstitutionen keine Anreize für die Menschen schaffen zu sparen, zu investieren und Innovationen hervorzubringen…

Argentinien wurde Ende 2001 von einer Wirtschaftskrise erschüttert…1991 koppelte Menem den argentinischen Peso an den amerikanischen Dollar. Ein Peso wurde offiziell mit einem Dollar gleichgesetzt und der Wechselkurs durfte sich nicht ändern..Um die Menschen zu überzeugen, dass die Regierung das Gesetz befolgen wollte, bewog man sie, Dollarkonten zu eröffnen…

Am 1. Dezember 2001 fror die Regierung sämtliche Bankkonten für zunächst 90 Tage ein. Nur eine kleine Bargeldmenge durfte wöchentlich abgehoben werden…Niemand konnte Geld von seinem Dollarkonto abheben, es sei denn, er erklärte sich bereit, die Dollars in Pesos umzutauschen. Dies lehnten alle ab. Die Argentinier bezeichneten die Situation als „El Corralito“ (‚kleiner Korral‘), da die Sparer wie Kühe in einem Korral eingesperrt waren.

Im Januar fand die Abwertung endlich statt, und plötzlich bekam man für einen Peso nur noch einen Vierteldollar.

Damit hätten sich diejenigen, die ihre Ersparnisse in Dollars angelegt hatten, gerechtfertigt fühlen sollen, doch die Regierung konvertierte nun sämtliche Dollar- in Pesokonten, allerdings zu dem alten Wechselkurs von eins zu eins. Wer 1000 Dollar gespart hatte, bekam 1000 Pesos mit einen Gegenwert von nur noch 250 Dollar.

Die Regierung hatte drei Viertel der Volksersparnisse enteignet…..

Im November 2009 führte man in Nordkorea eine Währungsreform durch. Wie die Franzosen im Jahr 1960 beschlossen auch die Nordkoreaner, zwei Nullen der Währungseinheit zu streichen. Ein neuer Won sollte hundert alte Wert sein. Die Bürger durften ihre Ersparnisse in die neu gedruckte Währung umtauschen, was jedoch innerhalb einer Woche..geschehen sollte. Dann folgte der Haken: Die Regierung gab bekannt, dass niemand mehr als 100.000 Won – später erhöht auf 500.000 – umtauschen dürfe. Hunderttausend Won entsprachen dem Schwarzmarktkurs von ungefähr 40 Dollar.

Mit einem Schlag hatte die Regierung den Löwenanteil des Privatvermögens ihrer Bürger ausgelöscht.

..Es ist schwierig, den Schwarzmarkt zu kontrollieren, auf dem Geschäfte in Bargeld abgewickelt werden…Die Währungsreform hatte den Zweck, die Nutzer dieser Märkte zu bestrafen und zudem sicherzustellen, dass sie nicht reich und mächtig genug wurden, um das Regime zu gefährden….

Viele der ärmsten Regionen der Welt am Ende des 20. Jahrhunderts kann man nur dann verstehen, wenn man sich mit dem neuen Absolutismus des 20. Jahrhunderts beschäftigt: dem Kommunismus. Marx schwebte ein System vor, dass Wohlstand unter humaneren Bedingungen und ohne Ungleichheit erzeugte. Lenin und seine Kommunistische Partei wurden von Marx inspiriert, doch die Praxis hätte sich kaum stärker von der Theorie unterscheiden können….Gleichheit spielte keine Rolle, denn als Erstes machten Lenin und sein Gefolge sich selbst zur neuen Elite, der Avantgarde der Bolschewistischen Partei. Dazu ermordeten sie massenhaft Nichtkommunisten und auch Parteigenossen…In sämtlichen Fällen brachte der Kommunismus barbarische Diktaturen und umfassende Menschenrechtsverletzungen hervor. Ganz abgesehen von den Massakern, richteten die kommunistischen Regime verschiedene Typen extraktiver Institutionen ein. Die Wirtschaftsinstitutionen hatten..den Zweck, dem Volk Ressourcen zu entziehen…Die kommunistischen Wirtschaftsinstitutionen wurden ihrerseits von einem extraktiven politischen System gestützt, in dem sich die ganze Macht in den Händen der kommunistischen Partei konzentrierte und in dem ihre Machtausübung keiner Kontrolle unterlag…

Nach dreijährigem Bürgerkrieg setzte sich die Kommunistische Partei unter Mao Zedong 1949..gegen die Nationalisten unter Chiang Kai-shek durch. Am 1. Oktober wurde die Volksrepublik China ausgerufen….Die autoritären, extraktiven politischen Institutionen gingen mit einem genauso extraktiven Wirtschaftssystem einher. Mao verstaatlichte unverzüglich alles im Land und schaffte sämtliche Eigentumsrechte ab. Grundbesitzer und andere Personen, die er verdächtigte, sein Regime abzulehnen, liess er hinrichten. Die Martkwirtschaft wurde beseitigt, und die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten musste sich zu Kollektiven zusammenschliessen. An die Stelle von Geld und Löhnen traten ‚Arbeitspunkte‘, die man gegen Waren eintauschen konnte. 1956 wurden Binnenpässe eingeführt, um unautorisierte Reisen zu verhindern… Wie alle extraktiven Regime versuchte Maos Regierung nun, das ihr unterstehende riesige Land auszubeuten….Die Industrialisierungsversuche fanden nach 1958 in Form des angeblichen Grossen Sprungs nach vorn statt…Mao gab bekannt, dass sich die Stahlproduktion innerhalb eines Jahres..verdoppeln..werde..

Allerdings bestand keine realistische Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen. Folglich musste Altmetall gefunden werden, wozu man die Töpfe und Pfannen der Menschen und sogar ihre landwirtschaftlichen Geräte wie Hacken und Pflüge einschmolz. Arbeiter, welche die Felder hätten bestellen sollen, erzeugten Stahl, indem sie ihre Pflüge zerstörten – und damit ihre Fähigkeit, sich selbst und das Land zu ernähren.

Das Ergebnis war eine katastrophale Hungersnot…Obwohl Wissenschaftler die Auswirkungen von Maos Politik mit denen von sich gleichzeitig ereignenden Dürren vergleichen, zweifelt niemand an der zentralen Rolle, die der Grosse Sprung nach vorn beim Tod von 20 bis 40 Millionen Menschen einnahm….

Am 16. Mai 1966 warnte Mao, die Revolution werde durch ‚bourgeoise‘ Interessengruppen sabotiert…Als Gegenmassnahme rief er die Grosse Proletarische Kulturrevolution aus..

Bald sollte die Kulturrevolution, genau wie der Grosse Sprung nach vorn, sowohl die Wirtschaft als auch viele Menschenleben zerstören…..Viele Menschen wurden getötet, verhaftet oder in die innere Verbannung geschickt.

Mao erwiderte auf Bedenken über das Ausmass der Gewalt: „Dieser Hitler war noch grausamer. Je grausamer, desto besser, meinen Sie nicht? Je mehr Menschen man umbringt, desto revolutionärer ist man.“…

Deng Xiaping sah sich als  „kapitalistischen Rechtsabweichler Nummer 2“ abgestempelt, wurde 1967 inhaftiert und 1969 in die Provinz Jiangxi verbannt…Er wurde 1974 rehabilitiert, und Ministerpräsident Zhou Enlai überredeta Mao, Deng zum Ersten Stellvertretenden Premier zu ernennen….1976 starb Zhou Enlai…spontane Trauerfeier zu seinen Ehren auf dem Tiananmen-Platz verwandelte sich in einen Protest gegen das Regime..

Maos Ehefrau Jiang Quing und drei ihrer engen Mitarbeiter, kollektiv als Viererbande bekannt..machte Deng für die Demonstrationen verantwortlich und er wurde erneut sämtlicher Ämter enthoben und entlassen…..Im September kam es durch Maos Tod zu einer Umbruchphase…

Deng Xiaoping wollte das kommunistische Regime genauso wenig wie Hua Guofeng abschaffen und durch inklusive Märkte ersetzen. Auch er gehörte zu denen, die durch die kommunistische Revolution an die Macht gelangt waren. Aber seine Anhänger und er glaubten, dass sie ein beträchtliches Wirtschaftswachstum erzielen konnten, ohne ihre politische Kontrolle zu gefährden….um dem chinesischen Volk die dringend benötigte Verbesserung seines Lebensstandards zu verschaffen, planten sie, nicht nur die Kulturrevolution, sondern auch den grössten Teil von Maos institutionellem Vermächtnis zurückzuweisen. Wirtschaftswachstum würde..nur durch eine deutliche Annäherung an inklusive Institutionen möglich sein. Zu diesem Zweck mussten die Wirtschaft reformiert und die Rolle der Marktkräfte- und anreize verstärkt werden. Ausserdem wollten sie wieder ein gewisses Mass an Privateigentum zulassen…

Der Wendepunkt für China wurde durch Hua Guofengs Machtübernahme und seien Bereitschaft, gegen die Viererbande vorzugehen, gekennzeichnet. Innerhalb eines Monats nach Maos Tod liess er die Viererbande verhaften, und 1977 setzte er Deng wieder in dessen politische Ämter ein…..die von Deng eingeleitete Kritik an dem von Mao geschaffenen System gewann immer mehr an Einfluss…auf dem Nationalen Volkskongress im September 1985 gelang es ihm, die Parteiführung und die höchsten Kader fast völlig auszutauschen. Viel jüngere, reformbereitere Personen rückten nach….

Nachdem Deng und die Reformer ihre politische Revolution vollzogen hatten und das Heft im Staat in der Hand hielten, leiteten sie eine Reihe weiterer Änderungen in den Wirtschaftsinstitutionen ein. Sie begannen mit der Landwirtschaft: 1983 wurde das Haushaltsverantwortungssystem, das den Bauern Anreize liefern sollte, allgemein eingeführt…In der städtischen Wirtschaft erhielten die Staatsunternehmen mehr Autonomie, und es wurden vierzehn ‚offene Städte‘ benannt, die sich um ausländische Investitionen bemühen durften…..

Die gesetzten Anreize führten zu einer drastischen Erhöhung der Agrarproduktivität…

Die Wiedergeburt Chinas vollzog sich durch eine spürbare Verlagerung von den höchst extraktiven Wirtschaftsinstitutionen hin zu einem inklusiveren System….

Im Fall Chinas dürfte sich der Wachstumsprozess, der auf Nachholbedarf, der Einfuhr ausländischer Technologien und der Ausfuhr billiger Fertigungsprodukte beruht, noch eine Weile fortsetzen. Trotzdem wird er wahrscheinlich enden, sobald China den Lebensstandard eines Landes mit mittlerem Einkommen erreicht hat….

Eine solche Situation..kann vermieden werden, wenn China zu inklusiven politischen Institutionen überwechselt, bevor sein Wachstum unter dem extraktiven System seine Grenze erreicht hat…Zum Beispiel warnte der mächtige Ministerpräsident Wen Jiabao…davor, dass das Wirtschaftswachstum ohne eine Reform ins Stocken geraten könne…

Das Scheitern der Auslandshilfe…

Etliche Milliarden Dollar flossen nach Afghanistan. Doch man verwendete kaum etwas davon für den Aufbau der Infrastruktur, von Schulen oder anderen öffentlichen Dienstleistungen, die für die Entwicklung inklusiver Institutionen oder auch nur für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung unerlässlich sind. Während die Infrastruktur weitgehend in Trümmern lag, verwendete man vielmehr den ersten Teilbetrag dazu, eine Fluggesellschaft mit der Hin- und Herbeförderung von UN-Vertretern und anderen internationalen Amtspersonen zu beauftragen. Als Nächstes benötigte man Chauffeure und Dolmetscher. Also heuerte man die wenigen Englisch sprechenden Bürokraten und die an afghanischen Schulen verbliebenen Lehrer an, um sich von ihnen herumkutschieren zu lassen, und zahlte ihnen ein Vielfaches des Durchschnittsgehalts….dienten die eingehenden Gelder nicht dazu, die Infrastruktur aufzubauen, sondern die Zwecke, für die sie verwendet wurden, unterminierten den Staat, den sie stärken sollten….

Was also war aus den vielen Millionen Dollar geworden, die man den Bewohnern versprochen hatte? Zwanzig Prozent wurden für die Kosten des UN-Amtssitzes in Genf abgezogen, der Rest wurde einer NGO übergeben, die weitere 20 Prozent für ihre eigenen Niederlassungskosten in Brüssel vereinnahmte. Sie beauftragte drei zusätzliche Instanzen, die jeweils ungefähr 20 Prozent  der verbliebenen Beträge einstrichen. Die geringe Summe, die Afghanistan letztlich erreichte, wurde für den Holzkauf im westlichen Iran und für die überhöhten Transportkosten durch Ismail Khans LKW-Kartell verwendet….

Was im afghanischen Zentraltal geschah, ist keine Ausnahme. In vielen Untersuchungen wird geschätzt, dass nur 10 oder höchstens 20 Prozent der Auslandshilfe ihr Ziel erreichen….

Die Verschwendung hat überwiegend nichts mit Betrug, sondern mit Inkompetenz oder, noch schlimmer, mit den üblichen Gepflogenheiten von Hilfsorganisationen zu tun…

In den vergangenen fünf Jahrzehnten haben Regierungen überall auf der Welt Hunderte von Milliarden Dollar als ‚Entwicklungshilfe“ gezahlt. Der Löwenanteil wurde..für Verwaltungskosten und durch Korruption vergeudet. Noch übler ist, dass hohe Summen an Diktatoren..gezahlt wurden….

Trotz der wenig schmeichelhaften Erfolgsbilanz ist ‚Entwicklungshilfe‘ eine der populärsten Aktionen, die westliche Regierungen, internationale Einrichtungen wie die Vereinten Nationen und allerlei NGOs zur Bekämpfung der weltweiten Armut empfehlen. Und natürlich wiederholt sich der Zyklus des Scheiterns von Auslandshilfe ein ums andere Mal. Der Gedanke, dass reiche westliche Länder hohe Summen an ‚Entwicklungshilfe‘ bereitstellen sollten, um das Problem der Armut..zu lösen, beruht auf einem mangelnden Verständnis der Ursachen von Armut. Staaten wir Afghanistan sind wegen ihrer extraktiven Institutionen arm, die dafür verantwortlich sind, dass es keine Sicherung von Eigentumsrechten und von Gesetz und Ordnung und auch keine gute funktionierenden Justizsysteme gibt..….Die gleichen institutionellen Probleme führen dazu, dass die Auslandshilfe ineffektiv bleibt, da die Gelder entweder geraubt werden oder ihren Zielort nicht erreichen. Im schlimmsten Fall erhalten sie Regime am Leben, welche die Wurzel allen Übels in jenen Gesellschaften sind….

Eine Lösung..besteht darin, die Auslandshilfe an Bedingungen zu knüpfen, etwa daran, dass die Empfänger die Märkte liberalisieren oder einen Prozess der Demokratisierung einleiten…

Bessere Aussichten hätte es wahrscheinlich, wenn man die Auslandshilfe so strukturierte, dass durch ihre Verwaltung und Verwendung Gruppen und Anführer, die sonst von der Macht ausgeschlossen wären, in den Entscheidungsprozess eingebunden und breitere Bevölkerungsschichten gestärkt werden…

Niko Paech
Befreiung vom Überfluss

„Sag mal, wer kauft eigentlich all diesen Sch………“, fragt mein Freund Hans. Beim Bummel durch eine der riesigen Shopping-Malls in Orlando / Florida begegnen wir einem gigantischen und vielfältigen Angebot an Waren und Produkten. Hier ist mehr oder minder all das zu finden, was das Herz von Menschen aus den Industrieländern begehrt. — „Gute Frage“, sage ich, wohlwissend worauf Hans anspielt. Wer braucht denn eigentlich das 36te Paar Schuhe, die 24te Handtasche, das gerade super-neu auf den Markt gekom- mene Smart-Phone, wenn viele ältere Varianten zuhause vergammeln? Und wer benötigt das T-Shirt mit dem Aufdruck „Tiger would“? – „Wir Menschen leben halt im Überfluss und die meisten lieben dieses Leben“, sagt Julie, die als Juristin tätige Ehefrau von Hans. UDO RETTBERG

                              

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Einige Monate später werde ich erneut mit diesem weltbewegenden Thema konfrontiert. Denn mein Sohn übt offen Kritik an mir. „Was hast Du denn alles für einen Müll hier in der Wohnung rumstehen“, fragt er mich. Eine gute Frage! „Mmmhh – Erinnerungen an meine zahlreichen Weltreisen“, gelingt mir der vage Erklärungsversuch nicht wirklich. Denn was dort in meiner Wohnung rumsteht, ist in der Tat weder als sinnvoll, noch als wertvoll zu bezeichnen und bietet daher auch nur eingen geringen Erinnerungswert. Das Latex-Schaf (wahrscheinlich ein Mitbringsel aus Neuseeland), der Mini-Fußball aus Polyurethan (aus London), die Plastik-Hula-Puppe (aus Hawaii) und der bunte Leichtholz-Kugelschreiber mit einem Papagei auf der Spitze (aus dem Urwald in Ecuador). Realisten – ich zähle mich sehr wohl zu dieser Spezies – würden all das wohl als „völlig überflüssigen Kitsch“ bezeichnen. Und ich kann ihnen noch nicht einmal widersprechen.

„Mit dem Alter kommt die Vernunft“, lautet eine allgemein Weisheit. Dieser Weisheit stimme ich bedenkenlos zu. Menschen kaufen Dinge, die sie nicht wirklich brauchen, die möglicherweise zwar die Wirtschaft antreiben und Wachstum generieren, die aber unnötigerweise Ressourcen wie Rohstoffe verschwenden. Und wenn uns dann nach einigen Jahren die Lan- geweile überkommt und uns die Sache che nicht mehr gefällt, werfen wir das Ganze einfach wieder fort. Klar, ich habe mein Verhalten in den vergangenen Jahren geändert – und zwar nachhaltig.

Mein Konsumverzicht zeigt sich vor allem dort, wo ich Jahr für Jahr zu Geburtstagen oder zum Weihnachtsfest sowohl aktiv als auch passiv auf Geschenke verzichte. Im vergangenen Jahr war das aber völlig anders: Mein Sohn überrascht mich zum Weihnachtsfest mit einem Buch, in dem das Thema von den Konsum-Exzessen der Menschen exzellent und in sehr verständlicher Weise beschrieben wird.

Die Menschheit trägt all ihre Laster, ihre egoistischen Verhaltensweisen besinnungs- und hemmungslos auf dem Rücken der sensiblen Ökosysteme des Planeten Erde aus. Auch wenn Elon Musk (Visionär und CEO von Tesla Motors und anderen Zukunftsfirmen) für sich und einen Teil der Menschheitbereits bereits die Übersiedlung auf andere Planeten vorbereitet, ist Realismus angesagt. Für die nächsten Dekaden gilt wohl: Wir Luxus-Menschlein haben halt bis zu dieser Universum-Ära lediglich diese eine Erde zur Verfügung. Wir sollten entsprechende Sorgfalt beim Umgang mit den Ökosystemen des Planeten – den Urstoffen und Rohstoffen – walten lassen.

Höher, schneller, besser, schöner – der Mensch strebt in allen Lebenslagen meist nach mehr. Wachstum, Forschung, Wohlstand. Für die „Superlative Mensch“ sind das jene Ziele, die das Leben auf diesem Planeten angeblich lebenswert machen. Aber – wird nicht fast jeder materielle Wohlstand dadurch generiert, dass dem Planeten Erde und seinen verschiedenen Ökosystemen physische Ressourcen (nämlich Rohstoffe) entnommen werden, die sehr oft nicht ersetzbar sind. Auf der anderen Seite werden für den allgemeinen Wachstums-Hype von den Menschen auch Urstoffe (Luft, Wasser, Erde) genutzt, die durch die Nutzung z.B. verschmutzt werden.


Asteroiden – Rohstoffquelle

der ferneren Zukunft


Dass amerikanische Zukunftsforscher und –unternehmer bereits heute darüber nachdenken, z.B. die auf Asteroiden verfügbaren Rohstoffe zum angeblichen Wohlstand der Menschen auszubeuten, zeigt zumindest, dass der Mensch nach Lösungen für dümmliche „Verschwendungen“ sucht. Doch welcher Mensch will sich mit dem Fehlverhalten der eigenen Rasse kritisch auseinandersetzen? Niko Paech hat das in diesem Buch getan. So wie andere bereits zuvor, so beschreibt auch er mit erhobenem Zeigefinger diese Problematik in beeindruckender Art und Weise. Er spricht z.B. von der „Droge Wachstum“. Das Buch soll, so sagt Paech, den Abschied von einem Wohlstandsmodell erleichtern, das wegen seiner chronischen Wachstums-Abhängigkeit „unrettbar“ geworden ist.

Dass Paech in vielerlei Hinsicht auf meiner gedanklichen Linie liegt, erkenne ich auch daran, dass er die Ausbeutung des Planeten mit den Verschuldungs- und Finanzkrisen der vergangenen Jahre (sowie auch mit der jüngsten Krise mit dem möglicherweise bevorstehenden Systemkollaps) in einen engen Zusammenhang stellt. Recht hat der Mann. „Wie viel unseres Reichtums hätte je entstehen können, wenn sich moderne Staaten nicht permanent und mit steigender Tenden verschuldet hätten“, fragt der Autor – zurecht! Und er führt mit seinen Worten auf den von mir seit Jahren arg kritisierten Weg vom „geborgten Wohlstand“. Führende Politiker und Ökonomen sollten sich mit dieser Frage auseinandersetzen – immer wieder. Niko Paech weist in diesem Kontext auf die Verknappung jener Ressourcen (Rohstoffe, seltene Erden, Metalle, Agrar- und Forstflächen) hin, aus deren schonungsloser überregionaler Ausbeutung sich das Wirtschaftswachstum bisher speiste.

Allein mit Plattitüden wie „grün“ und „nachhaltig“ sei das gigantische Problem nicht zu lösen, sagt er. Das könne wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Paech zeigt nicht nur Schwächen auf, sondern präsentiert auch konkrete Gegenvorschläge. Sein Entwurf der „Postwachstumsökonomie“ sieht vor, industrielle Wertschöpfungsprozesse einzuschränken und lokale Selbstversorgungsmuster zu stärken. So sei das Wirtschaften genügsamer, stabiler und ökologisch verträglicher. Die Teilen-Gesellschaft ist ein Weg in diese Richtung. All das würde auch jene Menschen entlasten, denen im „Hamsterrad materieller Selbstverwirklichung“ schon ganz schwindelig sei. Nein, nein – der Mensch ist nicht das intelligenteste Lebewesen, für das er sich hält. Bis zum Nonplusultra ist es noch eine weite Wegstrecke – die Kreatur Mensch muss noch vieles lernen.


Niko Paech

BEFREIUNG VOM ÜBERFLUSS

Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie

ISBN 978-3-86581-181-3 – oekom Verlag in München  

  1. Auflage , 2014 //// 155 Seiten

 

 

BNefreiung vom Überfluss

                                                                                                                                                                                                                                                              Foto: Udo Rettberg

Latex-Schaf aus Neuseland

Das Latex-Schaf aus Neusseland.                                                                                                                               Foto: Udo Rettberg

Die Literatur-Ecke

Norbert Schmidt

Evolution von Geist und Gesellschaft

Es gibt Lebensphasen, in denen der Blick nach vorn vernebelt oder völlig verstellt ist. Am Horizont angekommen, fragt sich der Mensch, ob es hinter dem Horizont wirklich weitergeht. Was kommt jetzt? Doch ein neues Universum, ein neuer Horizont ist in diesen Momenten oft nicht immer sofort erkennbar. Und dabei soll es ja da draußen angeblich Millionen oder gar Milliarden von Universen geben. Wie kommen die einmal an diesem Punkt des Nirwanas angekommenen Menschen in ihrer Orientierungslosigkeit dann weiter? Antworten auf die Frage nach dem Morgen, nach dem Warum und Wieso – nach dem Sinn also – erhält der, der sich gedanklich auf der nächst höheren Ebene der Evolution einloggen kann.                                                                                      UDO RETTBERG

 

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Norbert Schmidt

Menschen dürften sich allerdings fragen, wie auf dieser bisher unbekannten Ebene dann letztlich neue Gedanken, Eindrücke, Daten, Fakten gesammelt und in sinnvolles menschliches Handeln umgesetzt werden können? Glücklich ist der, der sich auf persönliche Diskussionen mit Menschen stützen kann, die diese Ebene des Unbekannten in der Vergangenheit intensiv erforscht haben. Norbert Schmidt war einer jener Menschen, die sich eingehend mit der Entwicklung von Geist und Gesellschaft beschäftigt haben.

 

Wir leben in einer Zeit, in der bei manchen Menschen die Leichtigkeit verloren geht, das Lachen einfriert und die innere Nervosität steigt. Mir fällt es angesichts der Unmenschlichkeiten auf dem Planeten Erde sehr schwer, bei zahlreichen Mitmenschen logisch-rationale Qualität zu erkennen. Manche Menschen sehen nichts als Dunkelheit am Horizont. Andere wiederum stellen angesichts der Barbarei auf dem Planeten kopfschüttelnd die bisherige Definition der Worte „Humanität“ und „Hoffnung“ infrage. Und Dritte wiederum hegen Zweifel an der Existenz des Allmächtigen.

Norbert Schmidts Gedankenansätze sind in diesem Kontext Wegweiser für mögliche Lösungen. Immer wieder schwirrten seine Gedanken in der Vergangenheit in die unerforschte Zukunft. Kam er nicht weiter, fand er in seinem Denken also keine logischen Ergebnisse, dann zog er sich in sein mit unzähligen Büchern und Ordnern prall gefülltes Büro zurück. Hier hat er sein anspruchsvolles Werk über viele Jahre hinweg vollendet.

Zugegeben – ich habe sein Buch vor dem Hintergrund des aktuellen „Wahnsinns in der Welt“ jetzt zum dritten Mal in vier Jahren gelesen. Aber – vollständig verstanden habe ich seine Erkenntnisse und Theorien bis heute noch immer nicht. Norbert Schmidt war ein „Tiefdenker“ und in vielerlei Beziehung auch pedantisch, denn er hat unklare Dinge immer wieder intensiv hinterfragt. In diesem Fall is der französische Begriff „Pedant“ – also „Schulmeister“ – positiv besetzt. Exakt diesen Beruf hat er über Dekaden hinweg mit Leidenschaft und Hingabe ausgefüllt.

Der Mathematiker, Physiker und Philosoph hat fest daran geglaubt, dass Welt und Menschheit vor einer positiven Entwicklung stehen. Man(n) würde vor dem Hintergrund der aktuellen Unmensch- lichkeiten wohl sehr gerne daran glauben. In der kurzen Zeit von etwa fünf Jahren, in der ich ihn kennenlernen durfte, hat der in seiner Jugend dem runden Leder hinterher jagende „Schalker Bub“ bis zu seinem Tode im Jahr 2014 stets das Potential im Menschen hervorgehoben. Geprägt wurde er in seinem Gedanken- gut auch von den zahlreichen negativen Erlebnissen und Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Auffallend war, dass er auf dieser Basis zuletzt auch immer häufiger die Worte Vertrauen, Respekt und Liebe verwandt hat. Ich bin sicher, er wird mir im Nachhinein verzeihen, dass ich ein ihm gegenüber abgegebenes Versprechen nicht vollständig einhalten konnte. „Die größer werdenden Probleme auf dem Planeten Erde können von den Menschen nur durch mehr gegenseitigen Respekt und Liebe besiegt werden“, hat er immer und immer wieder gesagt. Er war von dieser Erkenntnis fest überzeugt. Norbert Schmidt war also auch Pazifist – und das in vielerlei Hinsicht.

Aber er war auch davon überzeugt, dass es vor der Wende zum Guten in der Welt erst noch wesentlich schlechter werden müsse. Es scheint, als habe er die aktuelle irrsinnige Entwicklung auf dem Planeten Erde frühzeitig vorhergesehen. Aber er war generell ein Optimist; denn er war völlig überzeugt davon, dass die Evolution von Geist und Gesellschaft künftig weiter positiv verlaufen wird. Seine Hoffnung für die Zukunft bestand nicht zuletzt in dem Glauben, dass sich die Evolution niemals selbst zerstört. Menschwerdung, so hat Norbert Schmidt festgestellt, sei nicht nur ein Aufstieg in höhere Spären des Bewusstseins, sondern in der Folge dann auch die umfassende Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten in den mentalen Schichten des Gehirns.

„Was Menschen sehr große Schwierigkeiten bereitet, ist die Zusammenführung von Kopf und Herz, von Rationalem und Emotionalem“, hat mir Norbert Schmidt während einer passenden Situ- ation einst gesagt. Menschen hätten die Fähigkeit und das Wissen, über Evolution und Selbstorganisation an der Entwicklung nicht nur der eigenen Zukunft, sondern der gesamten Menschheit mitzuwirken. Menschen ist zu empfehlen, die komplexen Gedankengänge von Norbert Schmidt zu ergründen und letztlich dann auch nachzuvollziehen.                                                                                                      31.12.2015

 

 

 

Norbert Schmidt

DIE EVOLUTION VON GEIST UND GESELLSCHAFT

Hoffnung, Chance und Aufgabe – ISBN 3-530-75626-1

Vorwort: Eugen Drewermann

Walter Verlag AG, Olten und Freiburg im Breisgau

Jahr 1991 //// 338 Seiten

Die Patin – wie Angela Merkel Deutschland umbaut
Prof. Gertrud Höhler, 2012

„Für alle, die die Faust noch in der Tasche haben.“

„Mal konservativ, mal christlich-sozial, mal liberal: die deutsche Kanzlerin lässt sich nicht festlegen. Sie betreibt nicht Sachpolitik, sondern Machtpolitik. Werte-Abstinenz macht sie überlegen. Merkel wildert bei SPD und Grünen, sie enteignet Themen aus allen Lagern und schleift so die Vielfalt der Parteien. Die Kanzlerin lähmt den demokratischen Wettbewerb. Eine gefährliche Tendenz für Deutschland und auch für Europa.

Versprechen werden vermieden, Moral wird zur Manövriermasse, die Geringschätzung von Tugenden zum Programm. Die Folgen: Ausstieg aus den wichtigsten Spielregeln der Demokratie. So nivelliert Angela Merkel allmählich die politischen Institutionen und steuert auf eine zentralistische Regierung zu – Merkels neues Deutschland.

Wir hielten uns aus dem Glutkern heraus…Ihr Verhältnis zur DDR sei nicht ‚aggressiv kritisch‘, sondern ‚eher distanziert‘. Abwarten und beobachten, Angela Merkels politische Kernkompetenz, hat eine solide Trainingsvorgeschichte. Ihr Senkrechtstart in die gesamtdeutsche Geschichte beginnt mit einem Tarnkappenflug über die ungepflügten Landschaften beiderseits der Mauer. Stumm, fast inkognito sass sie in Versammlungen des Demokratischen Aufbruchs…..und schwieg. Wer sie später als Putschistin im Kohl-Imperium West-CDU erlebte, konnte das eine mit den anderen nie zusammenbringen…sie bleibt unauffällig….‘Das war nicht meine Sache, so kurz vor Toresschluss noch abzuhauen‘. Sie sagt „Toresschluss“, wo es für Millionen Deutsche um Tor-Öffnung geht….Es ist die Ostperspektive der kühlen Beobachterin: Toresschluss für das Experiment des Sozialismus….

..der Trainingserfolg des totalitären Systems bot die Tarnkappe für die kluge Schlafwandlerin Angela: entdecken und schweigen……die Geisterfahrt im perfekten Tarnkleid macht jedenfalls die meisten Mitspieler arglos. Angela lässt sich nicht mitreissen, sie hält keine flammenden Reden…sie wartet, wie sich die Dinge entwickeln…nur keine Bekenntnisse, von denen man später abrücken muss. Nicht berechenbar werden.

..Angela Merkel, als blauäugiges Unschuldslamm gestartet, mutiert zur Wölfin, ohne dass die Männer es spüren. Sie beobachten nicht, aber sie werden beobachtet. Die Wölfin schult ihre Sinne. Sie weiss, dass die Männer sie nicht freiwillig ins Rudel aufnehmen werden, und sie kennt den Preis, der die Männer dazu zwingen wird: Sie wird das Rudel führen…..Sie verstrickt sich nicht in Loyalitäten, das bringt ihr in beiden deutschen Szenarien der Revolution ungeheure Privilegien: Niemand legt ihr eine bleischwere Hand auf die Schulter, um sie an Schwüre zu erinnern, wie es jetzt Männer bei Männern tun…..Zufassen wird sie erst, wenn ihr eben erwachter Machthunger ihr sagt: Beute machen! Dafür wird sie jeden Regelbruch risikieren, mit einer Radikalität, wie es nur Frauen tun….Sie kann Männer stürzen, die von Männern nicht gestürzt werden. Sie wird profitieren von den Loyalitäten der Männer mit Männern.

Rainer Eppelmann: „Sie gehörte nicht zu den ersten 500, nicht zu den ersten 5000, nicht zu den 50.000, nicht mal zu den 2 Millionen, die vor dem 9. November auf der Strasse waren…Ich weiss nicht, ob Angela und Thierse den Druck ausgehalten hätten, den wir aushalten mussten.“

Aushalten, wie Eppelmann es schildert, heisst Opfer sein. Auch Werte rechtfertigen nicht Opferrollen, das ist Angela Merkels Folgerung aus den DDR-Kapiteln ihres Lebens….

So wird das immer wieder ablaufen: Wo Merkel auftaucht, werden andere überflüssig…Die Ersten werden die Letzten sein….

Wenn das Tor zur sozialistischen Illusion sich schliesst, wird ein anderes sich öffnen, und da wird sie hindurchschwimmen, wieder ohne Schlachtruf, aber wachsam: Wo lohnt es sich, am anderen Ufer an Land zu gehen? Merkels Erfolgsgeheimnis ist..ihre Distanz zu allen Verbindlichkeiten…Aufstieg in Umbrüchen kennt zwei Kraftquellen: Vision und Bindungslosigkeit….ihre Neigung, als Beobachterin von Politik ein lösungsfreundliches Klima abzuwarten, um sich unter die Entscheider zu mischen, schützt sie vor jener Dauerkritik, die den Täter begleiten.

..die Erfolgsformel für Merkels Weg: No commitment.
Nur wer ohne Anhänglichkeiten unterwegs ist, kann an allen vorbeiziehen. Die Macht als Gesetzgeber des eigenen Handelns ist ein besserer Erfolgsgarant als Werte und Prinzipien…
Fünfzehn Jahre wird es dauern, bis Merkels Motto Schritt für Schritt Parteidoktrin wird.

Es ist die letzte Ausschussitzung des Demokratischen Aufbruchs, am 31. August 1990, als sie den Chemiker Hans Geisler aus Dresden ..bittet..am Vorabend des CDU-Parteitags in Hamburg dem Bundeskanzler vorgestellt zu werden. Ihr Timing zeigt, dass sie nun ein Konzept für ihre Karriere hat…. Er wird sie ‚Mädchen‘ nennen, ohne zu ahnen, dass sie längst eine Aspirantin auf seinen Platz ist….Was der Kanzler nicht weiss: Das Mädchen ist gefährlich. Sie wird es sein, die seinen zögernden Söhnen den Vatermord abnimmt…

Das Rudel in Deckung – Das Mädchen als Vollstreckerin
..Angela Merkel legt zwischen 1990 und 199 einen rasanten Aufstieg hin…Sukzessive Ämterhäufung….
Im September 1998 verliert die Regierung die Wahl. Am 7. November wird Angela Merkel Generalsekretärin der CDU….Am Horizont steht die düstere Wolke der Spendenaffäre. Das inzwischen sehr ausgeschlafene ‚Mädchen‘ sieht das Morgenrot ihres grössten Coups heraufziehen: das Vakuum an der Spitze…

Im Dezember des Jahres 1999 verdichten sich die Mutmassungen über einen ‚Königsmord’ am Ehrenvorsitzenden Helmut Kohl….Am 22. Dezember 1999 wird der Bruch vollzogen. Es ist die Generalsekretärin selbst, die den eher umständlich geführten Dolchstoss mit ihrem Namen zeichnet….Kohls politische Söhne weigern sich, den mächtigen Ehrenvorsitzenden abzuräumen…..Zwiespalt aus Dankbarkeit und Feigheit….

Niemand wird die FAZ als Merkels journalistische Heimat bezeichnen wollen. Aber die Helfer, Anreger und/oder Ghostwriter für die finale Attacke kamen von dort…Die Textregie von aussen hat einige Schlüsselbegriffe in das FAZ-Requiem für Helmut Kohl eingebaut, die in Merkels Regierungszeit nicht wiederkehren….‘die Partei hat eine Seele‘…‘wahres Fundament‘….‘aus dem Schussfeld geraten‘…..‘die CDU Deutschland kaputtzumachen‘…‘die Partei muss also laufen lernen‘….‘sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen‘…

Herausragende Führungsqualitäten und visionäre Kraft sind nicht die Kompetenzen, die ihre Karriere erklären können….ganz grob gesagt, hat sie die ‚Drecksarbeit‘ gemacht, sie hat den Mut gezeigt, den ‚Patriarch‘ in Frage zu stellen, wozu die abhängigen Männer (noch) nicht in der Lage waren. Die Parteifreunde mit kritischen Meinungen waren längst alle ‚weggebissen‘, und die Verbliebenen waren durch Ämter und Funktionen ‚eingekauft‘ worden oder noch zu jung, um die ‚ödipale‘ Auseinandersetzung schon zu wagen. In der Ära Kohl folgte die Beziehung der Männer auf klassische Weise einem autoritären Modus: die potentiellen ‚Söhne‘ wurden weggedrängt oder gingen von selbst, und die Schwachen wurden in Abhängigkeit gebracht und gehalten. Dieses Dilemma konnte nur eine Frau lösen…genauer gesagt: eine Vater-Tochter. Kohls Apostrophierung Angela Merkels, die er ‚mein Mädchen‘ nannte, ist eben weniger eine liebevolle Beziehungsgeste als eine vormundschaftliche Abwertung, die nicht ohne Rache bleiben konnte. Angela Merkels Bereitschaft, die Autorität Helmut Kohls zu zertrümmern, nachdem er Verfehlungen und Schwächen gezeigt hatte, hat einen noch massiveren Antrieb in ihrer eigenen Geschichte…So wenig wir über das Verhältnis zu ihrem leiblichen Vater Horst Kasner wissen: Ihr privates Tochterschicksal begann mit der autoritären Anmassung des Vaters, seinen Kindern ein Leben in einem autoritären Unrechtsstaat zu verordnen. Vater Kasner sah beim Mauerfall seinen Traum vom reformierten Sozialismus zerrinnen. Die Tochter hatte nach ihrem Physikstudium bei Antritt ihres Arbeitsplatzes in der Akadamie der Wissenschaften das Gefühl, ihr Leben sei nun zu Ende…..Angela Merkel hat ..ein doppeltes Motiv, diese Väterwelt zu erledigen….

Die Söhne werden nicht vergessen, dass diese Frau ihnen den brutalen Akt des Vatersturzes abgenommen hat. Schuldgefühle mischen sich von nun an mit zähneknirschender Dankbarkeit: eine fatale Mischung, die der Stellvertreterin nun Sieg auf Sieg erlaubt.

Auf keinen Fall darf der Bewerber auf eine politische Machtposition wahrhaftig, ehrlich, internal, offen und persönlich werden. Unsicherheiten, Ängste, Ratlosigkeit – zutiefst und unvermeidbar menschliche Eigenschaften – müssen auf jeden Fall verborgen bleiben….daher.sind Politiker, die ihre eigenen sehr tief gehenden Unsicherheiten und Kränkungen im Machtstreben hervorragend kompensieren können, die geeigneten Mitspieler…Misstrauen und Vorsicht als Sozialverhalten…waren in der DDR überlebensnotwendige Fähigkeiten. Auf dieser Basis konnte sie Kohl entgegentreten..sich abschotten und wenig Blösse zeigen. Das weibliche Selbstverständnis der Ost-Frau hat sie an die Macht gebracht…mit dem Mut und der Frechheit gegen den ‚Patriarchen‘, der Schwäche zeigte und Fehler machte und ‚entsorgt‘ werden musste. Eine Rolle wie geschaffen für eine ‚Vater-Tochter‘ aus dem Osten….

Was sich nach dem Sturz des Patriarchen schon früh andeutet, ist ein Muster, das die gesamte Machtkarriere der Angela Merkel begleiten wird: Die Starken gehen, die Schwachen bleiben…

…spektakulärer Machtkampf mit Friedrich Merz….

Ein ganzes Rudel bundespolitisch qualifizierter Ministerpräsidenten verabschiedete sich in Etappen aus dem Alpha-Club der Bewerber für höchste Bundesämter….

Nahezu vergessen ist die von oben betriebene Verhinderung Schäubles als Regierender Bürgermeister von Berlin im Jahre 2001 nach der Abwahl von Eberhard Diepgen….Demütigungen und Gunsterweise wechseln sich ab….

Sie liess der selbstgenügsamen Kaste der Platzhalter in der Rangordnung der Partei nur eine Alternative: die Unterschätzung…..

..die Privilegien der Familie Kasner boten immerhin Spielräume für eine schöne Kindheit auf dem Lande….

Wer den Kampf mit ihr aufnimmt, wie Friedrich Merz, erlebt Merkels Machtprogramm als eine hochperfekte Maschine, die das Wohl der Partei vernachlässigt, wenn es um die Ausschaltung von Störfeuer auf dem Weg der Chefin auf die nächste Stufe der Macht geht. Die Partei, so Merkels Plan, muss ohnehin verändert werden; schon morgen wird man das ‚Wohl der Partei‘ ebenso umdefinieren wie das Wohl des Landes in Europa….

Überlegen zeigt die Aufsteigerin aus dem Unrechtsstaat sich auch in ihrem Verhältnis zu Rechtsnormen und Rechtsprechung….Seit sie im Westen regiert, werden Paragraphen zur Verfügungsmasse. Erneuern und verändern, ihr immer wieder erklärtes Ziel, lässt Regelbrüche notwendig und harmlos erscheinen….

Die Maske fällt – und keiner schaut hin. Merkels Bekenntnis: Stummer Super-Gau für die Demokratie….

Angela Merkel im Jahr 2001 im Hamburger Überseeclub:.“…..Im Grunde war Ende der achtziger Jahre für den aufmerksamen Beobachter klar, dass der Zusammenbruch des Sozialismus nicht alleine darauf zurückzuführen war, dass die Menschen im Osten plötzlich die Freiheit entdeckt hatten…Vielmehr hat sich ökonomisch einfach etwas verändert, ein Prozess, den wir heute mit dem Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft beschreiben…In der DDR..gab es nur zwei denkbar mögliche Reaktionen. Die eine: Sie werden zum politischen Dissidenten. Das sind auch viele geworden, und glücklicherweise konnten die dann aus der DDR in den Westen gehen..“

Die kommende Chefin des geeinten Deutschland bietet eine Lesart an, die nicht nur etwas, sondern alles Wesentliche auslässt.
Warum leugnet sie die Wahrheit?
Warum liest sie Reden vor, da sie um die Lüge weiss?

Das Ziel der Merkelschen Analyse ist mit dieser neuen Version der Aufbruchsmotive ihrer Landsleute noch gar nicht erreicht. Die Zieldiagnose nimmt den Kerkermeister, das sowjetische Brudervolk, gleich mit in das Szenario des ehrenvollen Scheiterns am Wohlstandswettlauf, der mit Freiheitsdurst nicht das Geringste zu tun hatte, sondern nur dem Wohlstandsvorsprung des Westens galt….Die Freiheit war es nicht?…

Lothar de Maizière 2002: „Sie hat Spass daran wie jemand, der eine Marionette bewegt. Wenn ich an dieser Strippe ziehe, dann wackelt’s da. Es ist der Spass an der Herrschaft über die Mechanik, aber auch an der Herrschaft über Menschen.“

Merkel macht in den ersten Jahren ihrer Suchbewegung in Richtung Kanzlerschaft öfter .. erstaunlich ichbezogene Bermerkungen. Hauptsache, ich kann meine Rhythmus durchhalten…wir sehen einen Leistungssportler, der sich verbessert und uns teilhaben lässt an seinen höchstpersönlichen Leistungsbedingungen, an seinem Ego-Entwurf. Dass ihre Zielvorstellung mit dem höchsten Wohl des Landes zu tun hätte, dass ihre Anstrengungen gar den Bürgern und ihrem Wohl gälte, ist nicht die Botschaft, die sie verbreitet…..‘Netzwerke spinnen, Deals machen, könne sie inzwischen ganz gut sogar.‘….

Der Spiegel: „Merkel hat Merz aus dem Weg geräumt, wie man Bäume umhaut, wenn man eine neue Autobahn bauen will.“
Die ‚Causa Merz‘ ist in der Reihe der Gestürzten der erste grosse Modellfall, der alle Merkmale ihres Machtkalküls trägt. Leicht ist der Fall, wenn klar ist: Rivale, vital, vermutlich überlegen. Gefahrenstufe hoch. Schwieriger wird die Versuchsanordnung, wenn der Rivale noch für kurze Zeit gebraucht wird…..Merz hatte – und hat bis heute, immerhin ein Jahrzehnt später – viele Anhänger…..dasselbe Problem..wie beim Kohl-Überfall: Komplizen müssen her. Dazu taugen am besten – Rivalen….da gab es noch jemanden, der..Berlin-Ambitionen entwickelte…CSU-Chef Edmund Stoiber….

Im politischen Berlin und in der politisch interessierten deutschen Öffentlichkeit galt und gilt Friedrich Merz als Garant für die Werte der Volkspartei CDU…Wenn ein hochkarätiger Politikgestalter wie Merz..aus der Spitzengruppe gedrängt wird, so widerspricht das seiner Eignung und seinem Nutzwert für die Partei so auffallend, dass nur ein ganz andere Kategorie als die Qualität des Bekämpften den Ausschlag für diesen Leichtsinn in der Parteispitze gewesen sein kann: Es ist das gnadenlose Machtkalkül der Parteichefin, das auf Eignung nur dann setzt, wenn die Eignung mässig ist und die Rivalität gegen Null geht….

Friedrich Merz selbst, für den dieser Politikstil ebenso neu war wie für seine Kollegen, hat das Ausbleiben von Fairness und Wahrhaftigkeit nicht kampflos hingenommen. Seine Ablösung als Fraktionsvorsitzender, so Merz im Dezember 2002, habe die Parteichefin ‚hinter seinem Rücken von langer Hand geplant. Ein Grossteil der Fraktion habe Merkels Spiel „mit geballter Faust“ in der Tasche mitgemacht‘……

Die Faust in der Tasche….Nicht nur bei der intrigant vorbereiteten Präsidentenwahl, die Christian Wulff gewinnen sollte, berichten Mitglieder der Bundesversammlung, von dieser Geste aus Zorn und Ohnmacht Gebrauch gemacht zu haben…..

2004 gibt der Abgeordnete Merz ‚das zerrüttete Verhältnis zu..Angela Merkel‘ als Grund für seine Kapitulation an….Wenn die Bilanz des Experten für wichtige Stabilitätsthemen der Partei nach kurzer Zeit nur noch ein ‚zerrüttetes Verhältnis‘ zur Chefin ist, dann leben beide in verschiedenen Entwürfen von dem, was CDU politisch darstellen soll….Ihre Unberechenbarkeit, die wertneutrale Verfolgung ihrer Machtinteressen, hinter denen Sachfragen immer zurückstehen mussten, war in seinen Augen eine CDU-fremde Welt…

Vorspiele für den Abschied von der Marktwirtschaft.
Die Vaterverbindung zu knacken, war für die ‚Tochter‘ mehr eine Sache der Agenda für morgen als eine traumatische Zumutung wie für ihre männlichen Kollegen. Angelas Gewissen war von der Aktion, den Weg freizuschaufeln für die eigene Karriere, schon deshalb nicht belastet, weil sie keine Alternative zur Absetzung des mächtigen Parteichefs sah. Was ‚alternativlos‘ sei, hat sie mit steigender Macht immer öfter der gesamten Republik erklärt; es war immer das, was man im kleinsten Kreis bereits beschlossen hatte, ohne noch andere fragen zu wollen.

Greift eine Frau zur Waffe, die kein Mann vor ihr aufgehoben hat, so bleibt bei den Männern neben der akuten Erleichterung viel Scham zurück: Sie hat unsere Arbeit getan, das heisst auch: ihr ist eine Menge unerwarteter Aktionen zuzutrauen; sie ist eine gefährliche Frau….Sie hat die Macht, die andere zurückgelassen haben, einfach aufgehoben….Welcher Mann will schon bei solchen Verlierergedanken ertappt werden? Also konnte und kann Angela, inzwischen Kanzlerin, sicher sein, dass keiner ihrer männlichen Kollegen das Thema aufgreifen wird…..

..nie vorauseilend Urteile fällen, die man dir später vorhält, niemanden ein Versprechen geben, an das er dich morgen oder viel später erinnern wird, wenn es dir nicht mehr passt…..Niemand weiss genau, an welchen von den präsentierten Glaubenssätzen sie wann geglaubt hat. War wir aber wissen ist, wie schnell und schmerzfrei die Machtpolitikerin Merkel sich von all jenen Zukunftsvisionen getrennt hat, wenn erkennbar wurde: Das läuft nicht. Sie liefert keine Erklärungen, sie gibt niemandem Rechenschaft über ein Scheitern oder Abrücken vor vorher zentralen Zielen. Sie wechselt einfach die Position, schaltet kommentarlos um. Was nicht geht, wird fallengelassen. Da es sich nie um Bekenntnisse handelt, kostet das nicht viel Kraft….

Mit dem Wachstum ihrer Machtfülle hat sie dann die grossen Worte nicht mehr nötig…Als ‚Königin von Europa‘ greift sie nur noch bei taktischer Dringlichkeit zum Weichzeichner, um zum Beispiel einen kläglichen Kompromiss der Profi-Retter von Europa in ein ‚Meisterstück‘ umzufälschen…..

Ludwig Erhard..Rückgriff der fremdsozialisierten Chefin auf den Garanten des Deutschen Wirtschaftswunders…das Ansehen der Vorsitzenden, so Merkels Idee, würde von der Glaubwürdigkeit der Autorität am fernen Horizont profitieren……ihr Überraschungs-Retro zu Ludwig Erhard..blieb exakt von da an folgenlos, als sie den Beistand aus den Ewigen Jagdgründen der West-CDU als unergiebig erkannt und entsorgt hatte……

Merkel ist nicht mit Bekenntnissen beschäftigt, wenn sie die Werte-Trias sozial, liberal, christlich zitiert….Der Zweck ist immer, ein Balancespiel im Gleichgewicht zu halten..für die letzte Etappe…Dafür nimmt sie sogar Lieblingsbegriffe ihrer schärfsten Kritiker auf wie Jörg Schönbohms ernst Mahnung zum ‚Tafelsilber‘..das nie zur Disposition stehende Basislager an Werten, das keiner ‚Modernisierung’ zum Opfer fallen dürfe. Merkel weiss, wie ernst diese Mahnungen zu nehmen sind – noch. Wenige Jahre später wird sie selbst ihre Höflinge ausschwärmen lassen, um die konservative Melodie entschieden zurückzudrängen. Noch ist es zu früh dafür, das weiss sie. Noch liefert sie einen Mix aus Anpassung und Wiedererkennbarkeit der überlieferten Parteidoktrin, mit der sie siegen will….

Ihr sei daran gelegen, sagt sie im Oktober 2002 nach verlorener Wahl, das ‚konservative Tafelsilber in vollem Glanz‘ erscheinen zu lassen. Sie fügt aber auch ausdrücklich hinzu, das heisse auch, dass das ‚liberale und soziale Tafelsilber gepflegt werden muss‘. Konservativ, sozial und liberal, da ist das Christliche schon wieder wegrationalisiert. Das liberale Tafelsilber, so wissen wir inzwischen, erlitt das gleiche Schicksal dann, als der pflegliche Umgang mit diesem hohen Gut Regierungsprogramm geworden war, ab 2009. Einen ernsthaften Verlustkommentar für das verlorene oder vernachlässigte Tafelsilber gab es nicht….Dass ein Deutschland ohne Liberale in eine Balancestörung driftet, hat der Führungskreis der CDU noch nicht wahrgenommen; oder es gibt Gründe, die Debatte darüber nicht freizugeben…..

Der Spiegel 2004: „Raffiniert – und häufig genug ruppig – organisierte die CDU-Vorsitzende ihren Aufstieg von der Generalsekretärin über den Parteichefsessel bis hin zur faktischen Kanzlerkandidatin der Union. Dabei hat sie viele Parteifreunde gedemütigt.“…

Wolfgang Schäuble bleibt der imponierende Sonderfall in diesem unfairen Spiel: Ihn knackt sie nicht, an ihm kommt sie aber auch nicht vorbei. Er ist ihr, schlicht und einfach, überlegen – wenngleich das ihren Politikstil, ihre Wertneutralität und ihre Falschmünzerei mit Zitaten aus dem Kanon ethischer Gebote nicht stoppen konnte.

Merkels Führungsstil ist schon vor ihrer ersten Kanzlerschaft in der Grossen Koalition als ‚geradezu raubtierhafter Instinkt für Macht‘ entwickelt….Leidenschaft für Sachfragen ist der späteren Kanzlerin schon jetzt fremd…Ihr Ziel ist Weltpolitik…..

Die Konfliktfreude der Vorsitzenden nimmt zu, je länger sie die Spitzenämter innehat. Sie geniesst es, unberechenbar zu erscheinen, wie sie vergnügt im kleinen Kreis erzählt….Es mag mit ihrer ‚Fremdheit‘ zusammenhängen, dass sie Kritiker eher zu entfernen trachtet, als sie einzubinden…..

Am meisten überrascht..dass die vier Herren aus dem ‚Andenpakt‘ (Koch, Rüttgers, Müller, Wulff) konsequent vermeiden, politische und programmatische Einwände gegen Merkels Politikstil vorzutragen…Die Auseiandersetzung in der Sache treibt nur Merz auf die Spitze…‘Entsozialdemokratisierung‘ heisst das Stichwort, das er als Motto für die Parteireform der CDU wählen möchte….Das Gegenteil wird schon bald ganz oben auf der Agenda der Parteiengeschichte stehen…

Die Quelle ihrer Überlegenheit bleibt das, was ihr fehlt: Pathos, Hingabe, Loyalität. Was ab und zu wie Loyalität aussieht, ist kalkuliertes Kopfprodukt: ‚Den brauch ich noch‘, lautet das eisige Fazit……

Ideentransfer aus der SPD
Die Grosse Koalition ist Merkels Einstieg in ein gemischtes Politikprogramm, das sie von vielen Kompromissen in der eigenen Partei freistellt…Die Ankunft in einer generell als Ausnahmefall verstandenen Koalition bietet in Wahrheit für die Kanzlerin die passgenaue Chance, um ihre Vorstellung von parteiübergreifender Politik zu verwirklichen….Das Bild der traditionellen CDU wird konsequent in Richtung SPD-Domänen ausgeweitet…

Familienpolitik (Themenspektrum um Mütter, Kinder, Familie, neues Vaterbild…)..
Raubzüge in den Revieren der Grünen und der SPD..
Mindestlohn….
Rentenerhöhung…
Gesundheit..
Kernenergie….

Die Kanzlerin konzentriert sich in den Jahren der Grossen Koalition auf internationale Auftritte, die mehr Symbolpolitik als Sachpolitk liefern…
Kaum vertretbare Rentenerhöhung am Ende der gemeinsamen Regierungszeit, 2009,…

Die Planwirtschaft der Werte, das System M entsteht…
Ausgeliefert, so hat Merkel in ihrer DDR-Geschichte gelernt, sind vor allem jene, die sich für traditionelle Werte entscheiden: Treue, Zuverlässigkeit und Lesbarkeit. Im Herrschaftswissen von Angela Merkel gefährden diese Tugenden die Machtoption: Berechenbare Chefs haben offene Flanken, sobald ihre Mitarbeiter zu Rivalen werden, weil sie die Allmacht des Vorgesetzten nicht mehr als Schutze empfinden. Der Erfolg von Angela Merkel im Westen der Republik beruht auf diesem Mix von Werteabstinenz und Wertetradition, der sich zwischen ihrer Machtphilosophie und der CDU-Tradition ergab….Was Merkel stark macht, ist Werte-Immunität….Ihr Relativismus der Werte wirkt als Quelle von Überlegenheit, und die Westpolitiker der CDU fühlen ihre eigene Werte-Uniform plötzlich wie eine schwere Rüstung aus lauter Handicaps…Werte und Tugenden, Abmachungen über das, was für alle gilt und alle bindet, werden in der Begegnung mit der Frau aus Anderland zu Handicaps….

Joachim Gauck: „Ich respektiere sie, aber ich kann sie nicht richtig erkennen.“
Ein Satz von mythischer Wucht – denn natürlich würde er Angela Merkel auf der Strasse erkennen. Was Gauck ausspricht, ist ja das Undercover-Element in Merkels Auftreten: Keiner soll sie wirklich erkennen, sie will schwer lesbar sein. Was Gauck, im Gegensatz zu allen braven Merkel-Jüngern, anmeldet, ist schlicht die Normalität: Zeig mir dein Gesicht, ich kann dich nicht erkennen. Zeig mir auch deine Ziele, deine Wertevorstellungen, dein Commitment, das du mit anderen teilst,.für eure gemeinsame Sache. Genau dieses Verlangen liegt quer zum Machtkonzept der Kanzlerin, in die so viele nie ausgesprochene Grundsätze schlummern: Lass dich nicht ausrechnen, verhülle dein Gesicht, um nicht gestellt zu werden…
DDR-Alltag war genau dies: lauter Leute in Deckung, Verratene und Verräter, oft beides in einer Person…Wer erkennbar wurde.., weil er sich nicht versteckte, geriet in die Racherituale der Staatsmacht. In Freiheit, so meint Gauck mit seinem schmerzlichen Satz über Angela Merkel, darf man doch erkennbar sein für die anderen…Wenn die Freiheit das nicht bringt – was bringt sie dann?….

Faktisch wird mehr SPD- als CDU-Politik gemacht..die verdeckten Neueinfärbungen – aus Rot mach Schwarz – führen zu einer Marginalisierung der Parteienunterschiede, die ehmals für den vertrauten Ja-Nein-Kontrast von Regierung und Opposition gestanden hatten….begünstigt von ersten Krisenreaktionen der Regierung auf die Finanzkrise, die man noch eine ganze Weile als eine ‚Krise der anderen‘ verkaufen wollte, war ein Abschleifen der Kanten beider Parteien…

Der auffallendste Positionswechsel der CDU in Richtung SPD-Konzept ist aber der Totalverlust der CDU-Position beim Projekt Gesundheit. Die zunächst völlig unversöhnliche Debatte…endete mit einem faulen Kompromiss, dem Gesundheitsfonds…auch unter dem weniger spottanfälligen Label ‚Gesundheitsprämie‘ war das Sozialpaket mitten ins sozialdemokratische Heiligtum der Staatsversorgung ohne Rücksicht auf den Kollaps eingebrochen….. Die Kanzlerin hatte längst unmerklich Abstand genommen, als das bürokratische Monster ‚Gesundheitsfonds‘ von weitem in Sicht kam. Niemand stellte eine Niederlage von Angela Merkel dort fest, wo sie soeben gescheitert war: in der Herzkammer marktwirtschaftlich-liberaler Politik. Mit diesem Vorhaben…verlor die ‚Neue soziale Marktwirtschaft‘ Testfahrtthema der Merkel-Jahre zwischen 2002 und 2005, ihr wichtigstes Projekt. Merkel machte sich schon vorher unsichtbar; sie wiederholte ihre Bekenntnisse der früheren Jahre nicht mehr. Im Februar 2007 wurde das sozialdemokratisch dominierte Konstrukt durchgesetzt; der Gebührenanstieg ging weiter; die Kostenlawine rollt.
Die sozial-liberale Koalition griff 2009 das zukunftssensible Thema nicht mehr im Grundsatz auf. Merkel hatte schon..ein viel weitergehendes Projekt auf ihrer verdeckten Agenda: Alle Parteien, ausser den Linken, in ein Boot….

Die CDU-Position vom ‚ausgewogenen Energiemix‘ hatte für Merkel auch die Funktion, eine Wirtschaftsklientel mit vertrauten Nachrichten zu versorgen, der sie auf der anderen Seite den Einstieg in die Mindestlöhne zumutete.

Kernzitate aus der traditionellen Westorientierung der CDU hatte die spätere Kanzlerin schon als Oppositionschefin abgeliefert…
Merkels Kunst der sehr allgemeinen Aussage….Die Merkelsche Kunst besteht in der Scheinverbindlichkeit einer Aussage, mit der sie sich..im Grunde gar nicht äussert. Niemand wird sie, irgendwann einmal, auf diese Aussage festnageln können….Die Regentschaft von Angela Merkel ist von zunehmender Virtuosität in ‚schwimmenden‘ Statements geprägt. Dutzende vager Aussagen, die niemand beunruhigen und keine Gegenrede wert sind…..
Diese Kammertonlage hat zu dem Eindruck beigetragen, die Chefin aus Deutschland habe das Zeug für eine Königin Europas: Sie liefert eine Spielart von Scheinbeständigkeit an das Publikum, während das Bühnendach längst Feuer gefangen hat.

Der Staat rückt vor und schwächt die Parlamente.
…Aufweichung der Parteigrenzen…, die im Merkelschen Machtkonzept eine zunehmende Rolle spielen sollte…Dass Opposition die Verpflichtung zur Gegnerschaft in Richtung Regierungslager bedeute, gerät immer wieder in Vergessenheit.
Herfried Münkler: „Unter der Grossen Koalition bildet die Opposition keine Reserve-Regierung.“
Die Ränder der Parteien kommen ins Schwimmen. Jede, ausser den Linken, hat Optionen im Regierungslager und würde sich hüten, den Wunschpartner oder Retter von morgen durch gegnerische Parolen zu verstimmen…
Die Auflösung der Parteigrenzen bringt Merkel dem Status näher, den sie in der nächsten Regierung als Kanzlerin erreichen will: nicht mehr Kanzlerin aller Parteien, sondern Kanzlerin der Europäer. Nicht, weil Europa ihr Traumkontinent ist, sondern vor allen, weil es die nächstgrössere Dimension von Machtfülle ist. ‚Durchregieren‘ meint auch dies: die Parteigrenzen je nach Bedarf verschieben und durchlässig machen….Prinzipiell… muss jeder mit jedem regieren können. Aber die Merkel-Variante sieht in einem kleinen Detail anders aus: nicht jeder mit jedem, sondern alle unter Merkel. Mit dem Fortgang ihrer Kanzlerschaft werden die Probeläufe in Richtung Allparteien-Beschlüsse häufiger….
Nur wenige Abgeordnete erinnern regelmässig daran, dass der demokratische Diskurs gefesselt wird, wenn über Schicksalsfragen der Nation nicht mehr kontrovers diskutiert werden darf…
Weniger Wettbewerb im Parlament heisst mehr Staat…
Weniger demokratisches Ringen im Wettbewerb schmälert auf jeden Fall die Chancen der gesuchten besten Lösung – gelegentlich sogar die Chancen der Wahrheit….
Nur weil alle Lager ihm zustimmen, wird ein Beschluss nicht tragfähiger. Nur weil viele Abgeordnete ihre kritische Distanz zu einem Thema opfern, um das Majoritätsdogma zu erfüllen, werden die Auswirkungen einer Entscheidung nicht vor Irrtum geschützt…..
Ein Allparteien-Dogma bei komplexen und eigentlich strittigen Entscheidungen schläfert die Sensibilität für Fehler ein und schmälert das Verantwortungsbewusstsein des einzelnen Volksvertreters…
Eine politische Führung, die immer häufiger und immer unbefangener für eine neue demokratische Welt der einigenden Mehrheitsbeschlüsse plädiert, zeigt wenig Respekt vor der Stimmenvielfalt und der gesammelten Kompetenz der Mandatsträger….
Die Staatsmacht..wird höher geschätzt als die Macht des Souveräns, der Mandatsgeber der Abgeordneten ist, des Bürgers….
Beinahe unmerklich okkupiert der Staat Freiheitsräume….

Befreiungsschlag der FDP bei der Präsidenten-Nominierung nach dem Rücktritt des ehemaligen Merkel-Kandidaten Wulff…..Die Verpflichtung auf gehorsames Mitspielen unter dem Kommando der Kanzlerin wurde abrupt gecancelt, durchaus im Namen der Demokratie…

Max Stadler: „Die parlamentarischen Regeln sind auf den Hund gekommen!“…

Trend, das Parlament zu vernachlässigen und die Opposition geringzuschätzen…

Der Eigensinn, mit dem sie immer noch und für immer dem eigenen Projekt Aufstieg einen höheren Rang einräumt als jeder Moral, jeder Hoffnung und jeder Vision….

Das abgelegte Testvokabular ..im CDU-Wortschatz wird rundgeschliffen wieder vorgelegt: Aus der ‚Neuen Sozialen Marktwirtschaft‘ wird kurzerhand die ‚menschliche Marktwirtschaft‘……. Die Zukunftskanzlerin präsentiert nach ihren Testläufen nicht ohne inneres Vergnügen jetzt genau das, was geht. Menschliche Marktwirtschaft in der Mitte….Keine Kampfansage mehr, sondern der Weg des geringsten Widerstands….

CDU-Traditionen passen nicht zu Merkel; und Merkel passt nur sehr bedingt zur CDU….Nun macht sie Bilanz und wirft den ganzen christsozialen und christliberalen Plunder über Bord: Eine ‚menschliche Marktwirtschaft der Mitte‘ soll das Ziel sein – und niemandem fällt auf, dass dies kein parteispezifisches Label mehr ist, sondern eines, das sich für jede demokratische Partei eignet. Damit ist Merkels Projekt der überparteilichen Kanzlerschaft auf eine tragfähige Basis gestellt…Die auf den Boden gebrachte Alltagsrhetorik passt jetzt für jeden Wähler….

Nicht moralisch, nicht ethisch, nicht im Sinne von Humanitas und Gerechtigkeit wird über Fallenlassen oder Halten entschieden, sondern einzig unter dem Aspekt: Schaden oder Nutzen für die Machtgeschichte der Angela Merkel…..

Der verhuschte, fast vertuschte Abschied vom designierten Finanzminister Kirchhof, der dem liberale Spektrum zugeordnet werden konnte, war schon symptomatisch. Jeder abhängige Merkel-Anhänger konnte hier den kalten Hauch der Macht schmecken….

Schon ein Jahr vor der Wahl, die Schwarz-Gelb an die Macht bringt, mehren sich die Zeichen, dass die Kanzlerin auf die Krise mit zunehmender Handlungsscheu antworten wird. Was sich in der Euro-Krise noch verschärfen wird, beginnt schon 2008: Die Krise, das sind die andern….
Die deutsche Regierung übt sich ein in eine Botschaft, die ihre Mitverantwortung für die europäische Krise kleinhalten soll: Stabilitätsänker wolle das Land sein, Bremser im Schuldensog. So wenig politisches Handeln wie möglich, scheint die Devise für die Zeit nach dem Wahlsieg zu sein…..die Überraschungscoups, die ganz grossen Machtschübe hat sich die Kanzerlin vorbehalten, aber davon weiss am Wahlabend 2009 noch niemand etwas. Die Zeit des ‚Durchregierens‘ beginnt für Angela Merkel….

Welches Ziel verfolgt die Kanzlerin mit der unerwarteten und quasi geheimen Entmachtung der Liberalen?…
Merkel hütet sich, Genaueres zur Definition der ‚Mitte‘ zu sagen. Die Formel blockt Wertediskussionen ab und lässt nach allen Seiten Spielräume für Annäherungen und – Merkels Spezialität – für Enteignungen politischer Konzepte aus allen Lagern….

Der Gral der Grünen, das Athomthema, konnte..im Überraschungsangriff zum Credo der Kanzlerin werden…
Der Konflikt um den Euro wird, wie das Thema Energie, immer häufiger zum Gegenstand parteienübergreifender Jasager-Abstimmungen…..
Schon fehlt der Mut bei den Experten, die überfällige Frage zu stellen: Wie kann die politische Führung vorgeben, die ‚Mitte‘ zu besetzen, während sie zugleich im demokratische Abseits, mittels Gesetzesbrüchen und ökonomischen Kahlschlag die Zukunft des Landes uns seiner grossmäuligen Klimaversprechen aufs Spiel setzt?…
Etikettenschwindel..und illusionäre Wohlstandsvernichtung mit Staatsstreichcharakter?…

Ob die Liberalen sich erholen, wird der Massstab sein, ob die enteignete Republik ihren Menschen zurückgegeben wird.

Die Kanzlerin greift nach Europa…
Europa hatte, ohne deutschen Machtanspruch, für die Kanzlerin wenig Charme….
Das Ausbleiben von Steuersenkungen, ein Wahlversprechen des Koalitionspartners, erschien plötzlich gerechtfertigt….

Je schlechter es Europa ging, desto besser ging es in Deutschland: Während ab Oktober 2009 die griechische Tragödie Europa in Atem hielt, ging es mit der deutschen Konjunktur aufwärts. Als 2010 mit Portugal und Irland weitere Staatspleiten drohten, und auch Spanien und Italien ihre Haushaltsdefizite nicht mehr beschönigen konnten, war Deutschland zum starken Mann Europas geworden….Europa brauchte die Kanzlerin nun. Plötzlich galt Merkel wieder als die mächtigste Frau der Welt…

Nun ergriff sie ihre neue Rolle als europäische Sparmeisterin. Europa interessierte sie immer noch nicht, doch jetzt gab es etwas zu gewinnen: internationale Machterweiterung. Endlich wieder ein Spiel mit ihr als Spielmacherin. Europa am Tiefpunkt angekommen, war bereit für Merkels Machtkonzept. Und Merkel war bereit für Europa.

Was seitdem unter dem Motto „Stabilisierungsmassnahmen“ in der Eurozone beschlossen wurde, spiegelt den Transfer des Merkelschen Politikstils auf Europa wider. Je mehr die Hilfsmassnahmen über die überschuldeten Staaten ausgeweitet werden, desto deutlicher wird Merkels Handschrift. Die wiederholte Erhöhung des Euro-Rettungsschirms verstösst nicht nur gegen bestehende EU-Verträge. An die Hilfsmassnahmen sind inzwischen auch Kontrollmechanismen geknüpft, die der europäischen Idee die Seele austreiben – und obendrein finanzpolitisch keinen Sinn machen…..

Als die Stimmen gegen weitere Griechenland-Hilfen 2011 immer lauter wurden, begann die Umdeutung der europäischen Staatsschuldenkrise zur „Euro-Krise“. Die Kanzlerin konnte sicher sein, dass ihre neue Formel de Wertgaranten der alten Republik ins Herz treffen würde. Da Krisen Retter brauchen, verlangte die „Euro-Krise“ nach der „Euro-Rettung“. Damit wurde eine jeder pseudomoralischen Argumentationsblasen aus dem Handbuch der autoritären Machtapparate in den Meinungsmarkt geschickt, die jeder Handlung den Anschein der ‚Alternativlosigkeit‘ verleihen…

„Europa ist ohne den Euro nicht denkbar“, sagte Merkel nach dem EU-Gipfel in Brüssel im Juli 2011. Dort hatten sich die meisten der 27 EU-Staatschefs entgegen allen früheren Verträgen praktisch zu einer Haftungsgemeinschaft erklärt.
Auch wenn dies wohl der schwärzeste Tag in der jüngeren europäischen Geschichte war: Das Kind war schon deutlich früher in den Brunnen gefallen.
Wie schon auf nationaler Ebene ist die Regierung Merkel auch in der Euro-Zone bereit, bestehendes Recht auszuhebeln…..No-bailout-Klausel….
Noch einen Schritt weiter gingen die EU-Staaten dann unter Wortführerschaft von ‚Merkozy‘ mit der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF). Ihr liegt überhaut kein auf Europa-Recht fussender Rechtsakt mehr zugrunde, sondern eine ausweichende Vereinbarung der am Euro beteiligten Staaten nach Völkerrecht. Eine solche Vereinbarung konnte den Verstoss gegen den Vertrag von Lissabon verschleiern: das Volumen der Kredite zu erhöhen, die zuvor durch ein rechtsbeugendes Ausweichmanöver möglich geworden waren…..

Bei so viel vermeintlicher Grosszügigkeit gegenüber den Pleitestaaten hatte Merkel freilich bald ein Glaubwürdigkeitsproblem im eigenen Land: Wie sollte sie den Wählern, denen sie seit 2008 ihre Sparpakete als Erfolgsrezept der nationalen Krisenbewältigung verkauft hatte, diese horrenden Ausgaben begreiflich machen?….

Schon die freimütige Bankenrettung…stand im Kontrast zu ihrer im Wesentlichen auf die Bürger abgewälzten Sparpolitik….Nun sollte gleich eine ganze Währung gerettet werden. Also musste, wieder einmal, eine Sprachregelung her. Die fand Merkel, indem sie nun ihrerseits die Banken zur Kasse bitten wollte. Jene Banken, die sie zuvor noch als tragende Säulen der Wirtschaft nach Kräften unterstützt hatte. Die freiwillige Beteiligung privater Gläubiger an der zweiten Aufblähung des Rettungsschirms aber verkam zur Luftnummer.
Stefan Homburg: „Das Ganze war ein Schauspiel, das vor allem die deutsche Öffentlichkeit beruhigen sollte…..Banken können sich nicht freiwillig beteiligen, Ein Vorstand ist auf das Wohl seines Unternehmens verpflichtet, nicht auf das Gemeinwohl. Verzichtet er zu Lasten seiner Gesellschaft auf Forderungen, ist das Untreue und strafbar….Die staatlichen Rettungsmassnahmen setzen Fehlanreize, die die Finanzmarktprobleme immer weiter verschärfen.“

Die wiederholte Aufstockung des Rettungsschirms setzt also falsche Anreize. Was als Rettungsaktion verkauft wird, führt die jüngste Euro-Politik in eine Sackgasse. Die Blockade für die bedrohten Länder wird ausweglos durch die Auflagen, die vor allem auf Betreiben von Angela Merkel an die sogenannten Stabilisierungsmassnahmen geknüpft sind…..

Auf dem EU-Gipfel in Brüssel wurde im Januar 2012 der neue Vertrag über den permanenten Krisenfonds ESM (‚Europäischer Stabilitätsmechanismus‘) endgültig gebilligt, der ab 2013 die EFSF ersetzen soll. Er verplichtet die Staaten zu einer ‚soliden Haushaltspolitik‘…
Bundeskanzlerin Merkel nannte es eine ‚Meisterleistung‘…die EU sei ein ‚kleines aber feines Stück‘ weiter auf dem langen Weg, der erforderlich sei, damit Europa wieder Vertrauen gewinne…..
Merkels ‚klein aber fein‘ könnte als Satire durchgehen, wenn das Publikum durchschaute, was wir …wissen……

Experten wie…George Soros nehmen sich das Expertenrecht, am finanzpolitischen Sachverstand der Kanzlerin zu zweifeln….Soros betrachtet die Sparvorgaben ..als den Beginn eines Teufelskreises…
Fachkenner dieses Kalibers könnten der Kanzlerin gefährlich werden….sie sind immun, weil unabhängig. Fraktionsabweichler kann die Kanzerlin – noch – ausgrenzen. Einen Soros nicht….

Der mangelnde Sachverstand, den er und andere Experten bei der Kanzlerin diagnostizieren, bliebe der für Politiker erlaubte Normalfall. Gefährlich wird die Mischung mit der Arroganz der Macht. Anmassung bei mangelnder Expertise; eine explosive Mischung, wenn es um die Zukunft eines ganzen Staatenbundes geht….

Der sogenannte Fiskalpakt ist der erste Schritt zu einer Zentralmacht in Europa…..Eine Änderung der EU-Verträge, wie sie für den Fiskalpakt ursprünglich angestrebt worden war, konnte aufgrund der Verweigerung des britischen Premierministers David Cameron nicht durchgesetzt werden…Rückzug der britischen Regierung aus dem Risiko-Gambling der Europäer….das Veto traf Merkel empfindlich…

Das Ziel des Fiskalpakts ist Kontrolle. Die Starken bestrafen die Schwachen – oder auch nicht, wie..Spanien zeigt. Der Pakt ist vor allen ein Täuschungsmanöver an die Adresse der Bürger…..

Die geplante Abstrafung von Sündern durch die EU-Kommission und den Europäischen Gerichtshof ist ein autoritäres Konstrukt, dem einmal mehr die rechtliche Grundlage fehlt. Vom volkswirtschaftlichen Unsinn der Strafen einmal abgesehen..
Für Experten wie Paul Krugman ist ein solches Vorgehen ‚eine neue Ausgeburt des Sparwahns, der den Euro tötet.‘

Schon bei der Ausweitung des EFSF für das zweite Griechenland-Hilfspaket war der Bundestag ausgehebelt worden. Der Fiskalpakt ist ein neuer Höhepunkt dieser Methode. Er umgeht das Haushaltsrecht der nationalen Parlamente aller beteiligten Mitgliedsstaaten…

Amartya Sen: ‚Das alte Prinzip keine Besteuerung ohne parlamentarische Repräsentation gilt momentan in Europa nicht…Die Wirtschaftspolitik ist abgekoppelt von der politischen Basis. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler und widerspricht komplett den Idealen der grossen europäischen Bewegung, die sich für ein demokratisches, vereintes Europa stark gemacht hat.‘…..

Angela Merkel aber setzt ihren Weg zur Staatswirtschaft und zur Einheitspartei auf der europäischen Ebene konsequent fort. EU-Verträge missachtet sie genauso wie das deutsche Grundgesetz, wenn es um die Durchsetzung ihrer Ziele geht…..

Der Zentralisierungsdruck erfasst auch die Schutzmächte der Geldwirtschaft…..Vor allem mit den Antritt Mario Draghis…hat sich der Eindruck verstärkt, die Zentralbank verstehe sich eher als Grossorganisation zur Finanzüberwachung, Schuldenentschärfung, Bankenstützung und Wirtschaftsförderung, denn als Garant der Geldwertstabilität…..

Die deutsche Kanzlerin macht sich mit dem Fiskalpakt und den Kontrollinstrumenten zur Kommando-Instanz in Europa…verschärft die Krise…..
Die Machterweiterung der Chefin braucht die Krise….
verstösst..gegen die grundlegenden Prinzipien der Marktwirtschaft….Wer beides ausbremst, schafft Planwirtschaft….

Das System Merkel baut auf die Lemminge und die Handlanger….

Im Frühsommer 2011 war es, als ein nie simulierter politischer Super-Gau den Grünen Gral mit einem Schlag ins feindliche Lager entführte. Mit einem emotionalen Salto mortale verkündete die Kanzlerin am 9. Juni 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022. Der Bundestag, trainiert in Merkels Politikstil der abrupten Volten, nickte den Ausstieg wenig später ab.
So funktioniert die Politik des Unverbindlichen: Merkel sammelt Markenkerne anderer Parteien. Unbefangen betritt sie mit fetter Beute in den Umfragewerten die nächste Arena….
Das Paradebeispiel dieses politischen Stils ist der Atomausstieg. Hier werden alle Faktoren von Merkels freibeuterischer Machtmentalität deutlich: Positionslosigkeit, Werterelativismus und autoritäre Anmassung…

2005… Die damalige Kanzlerkandidatin sicherte zu, als Kanzlerin einer schwarz-gelben Regierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke deutlich zu verlängern….es müsse, den Kraftwerksbetreibern überlassen bleiben, die verbliebenen 17 Atomkraftwerke so lange zu betreiben, wie dies technisch möglich sei……Kurz vor dem Ende der Grossen Koalition, im Juli 2009, liess die Kanzlerin verlautbaren, die weitere Nutzung der Atomenergie dürfe – ungeachtet des Atomausstiegsgesetzes von 2002 – nicht ausgeschlossen werden. Diese Äusserung folgte nur wenige Tage auf den Störfall im AKW Krümmel, der Merkel nicht sonderlich zu beunruhigen schien…….

Koalitionsvertrag 2009: „Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie, bis sie durch Erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann…Dazu sind wir bereit, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern….“
Der Bundestag beschloss die Laufzeitverlängerung am 28. Oktober 2010.

Es sollte nicht lange dauern, bis Angela Merkel ihr Versprechen brach. Vermittelt wurde den Bürgern das Moratorium vom 14. März 2011 als unmittelbare Folge des GAUs in Fukushima. Doch wie so oft war auch in diesem Fall die Krise nur die Gelegenheit, die der unverbindlichen Kanzlerin im richtigen Moment die Vorlage für einen programmatischen Kurswechsel lieferte…..Klagen von fünf SPD-regierten Bundesländern und 214 Bundestagsabgeordneten vor dem Bundesverfassungsgericht…..auch die Wählerstimmung stand eindeutig gegen die Laufzeitverlängerung, wie wiederholte Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern..zeigten….in diesem turbulenten Szenario standen wichtige Landtagswahlen an…..Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen Anhalt…

Einmal mehr wischte die Kanzlerin ein..von ihrer Koalition eingebrachtes, durch den Bundestag beschlossenes Gesetz mit einem halben Dutzend anderer, unter ihnen Aktienrecht und Verfassungswerte, einfach vom Tisch. Und stellte sich…der gesamten Wirtschaft als neue Herrin des Kernsektors der Industriegesellschaft vor, ohne dafür eine Rechtsgrundlage zu haben…..

Ein Moratorium für ein Gesetz kann..nur durch eine Gesetzesänderung beschlossen werden.
Hans-Jürgen Papier: ‚Es ist verfassungsrechtlich selbstverständlich, dass die Bundesregierung nicht die vorläufige Ausserkraftsetzung eines Gesetzes anordnen kann.‘

Süddeutsche Zeitung zu Wirtschaftsminister Rainer Brüderle: „Der Minister bestätigt dies und wies erläuternd darauf hin, dass angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen Druck auf der Politik laste und die Entscheidungen seien daher nicht immer rational.“

Helmut Kohl fühlte sich angesichts des Moratoriums zu einer seiner selten gewordenen Wortmeldungen genötigt..schrieb in einem Gastbeitrag für Bild: „Das Leben ist ohne Risiken nicht zu haben. Wer den Menschen das verspricht, sagt schlicht die Unwahrheit.“

Die Wahl in Baden-Württemberg ging dennoch verloren..

Die Kanzlerin, das wurde ihr angesichts des Spotts über das Moratorium schnell klar, brauchte einen Bundestagsbeschluss, um die politischen Gegner zum Schweigen zu bringen…Auf Kosten der Wirtschaft und der Bürger verkündete sie einen Zeitplan für deen Ausstieg, der selbst die Grünen in einen Geschwindigkeitsrausch versetzte…
Michael Naumann, Cicero: „Das ZK der SED hätte es nicht anders geplant und durchgezogen. Die Koalitionsabgeordneten schweigen und schweigen und nicken ab. Ihr Gesinnungswandel ist beschämend und unglaubwürdig.“…
Am 30. Juni, noch vor der Sommerpause, hatte der Deutsche Bundestag den Atomausstieg der Angela Merkel bereits durchgewinkt……

Die 180-Grad-‚Energiewende‘ ist aber nicht nur eine parteipolitische Farce auf dem Weg zur Einheitspartei. Sie ist auch ein Sprung in Richtung Staatswirtschaft.

Michael Naumann: „Die abrupt verordnete Stilllegung von acht Kernkraftwerken kommt einer staatlichen Enteignung gleich.“

Kanzlerin..bleibt ..ihrem Stil auch beim Atomausstieg treu: Sie unterwandert die demokratische Entscheidungsfindung. Sie täuscht die Bevölkerung über ihre Beweggründe. Sie bricht ihre Versprechen..Noch schwerer wiegt die Arroganz ihres Führungsanspruchs angesichts der inhaltlichen Fehler, auf denen sie aufbaut….die wenigen Stimmen der Vernunft innerhalb der CDU verhallen ungehört…..

Angela Merkel ist die Avantgardistin einer Unterwanderung. Sie stellt das Wertesystem, auf dem das Recht beruht, zur Disposition..
Udo di Fabio: „Auch das Recht gerät mit dem Staat in Rutschen. Verliert der Verfassungsstaat seine Bedeutung, so schwindet auch jene Überzeugung.., dass politische Macht nur rechtsförmlich ausgeübt werden dürfe.“
Der Rechtsrelativismus der Ära Merkel gefährdet Nationalstaat und Staatenbünde wie die EU. Die geistigen Väter Europas haben keineswegs auf einen rechtlichen Rahmen verzichtet, der ihren Heimatländern in der Vergangenheit das Überleben sicherte….

Die europäische Idee beruhte auf einem Freiheitsgedanken, der mit einem europäischen Rechtsgedanken verbunden war: Die Römischen Gründungsverträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) von 1957 gaben der neuen Wirtschafszone nicht nur eine gemeinsame parlamentarische Versammlung (das heutige Europäische Parlament) sondern auch einen gemeinsamen Gerichtshof und einen gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialausschuss. Auch der Beschluss über den gemeinsamen Markt von 1992 und die Währungsunion waren an nicht verhandelbare, vertragliche Rechte und Pflichten gebunden.

Die sogenannten Rettungsschirme verstossen gegen bestehendes EU-Recht…Vorboten eines Trends….

Gerd Held in einem Leitartikel für Die Welt: „Die Regierungschefs schaffen sich unter dem Titel „Europa“ eine Art ständigen Ausnahmezustand, in dem sie frei von Vertragsbindungen ‚auf Sicht steuern‘ können – und dies mit finanziellen Einsätzen, die die gesamte Zukunft ihrer Länder kompromittieren…Dieser Politikstil transportiert einen Machtanspruch…ohne Bindung an Vertrag und Gesetz. Das ist ein ernster Vorgang, denn für jede moderne Demokratie ist die Bindung an Vertrag und Gesetz grundlegend.“…..

Merkels zwischenstaatliche EU-Lobbyarbeit, mit der sie ihrer staatsmännischen Verantwortung ausweicht, ist eine Anmassung von Macht….
Die Kanzlerin ist angekommen in der Diplomatie der herzlichen Umarmungen und Hinterzimmer-Deals…..Die Beugung von Rechtsnormen, das Aushebeln von Verträgen und Institutionen auf der Ebene der Euro-Zone ist ein erstes Signal für ihren Machtanspruch über Europa….

Dramatischer noch ist der Generalangriff von Merkels Stosstrupp auf das Rederecht von Abgeordneten im Bundestag. Am 11. April 2012 beschloss der für die parlamentarischen Regeln zuständige Ausschuss mit den Stimmen von Union, FDP und SPD einen Entwurf zur Neufassung der Geschäftsordnung: Nur von den Fraktionen vorab bestimmte Abgeordnete sollten ans Rednerpult dürfen…Zudem sollte den Abgeordneten das Recht genommen werden, im Bundestag öffentliche Erklärungen zu Abstimmungen abzugeben.
Volker Kauder, ..Merkels treuester Diener: „Wenn alle reden, die eine von der Fraktion abweichende Meinung haben, dann bricht das System zusammen.“ Eine Bemerkung, die eine ungewollte Diagnose zum Zustand der deutschen Demokratie liefert….ein klares Indiz: die Regierung Merkel hat den Pfad der Demokratie verlassen…..
Merkels Trupp stellte sich mit diesem Beschluss gegen die Verfassung..In Artikel 38 des Grundgesetzes steht:
„Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages..sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“
Nach heftiger Kritik an dem Vorstoss legten die Fraktionsspitzen von CDU/CSU und FDP den Beschluss..vorerst auf Eis…..

Dass die Gültigkeit von Verträgen für Angela Merkel Spielmaterial ist, bekam im März 2012 auch..die FDP zu spüren….Streit in der Innen- und Rechtspolitik…kochte hoch, als die CDU mehrere Gesetzesvorhaben und Reforminitiativen stoppte, die..bereits beschlossen Sache gewesen waren….

Die CDU Blockade fällt unmittelbar in eine Zeit akuter Auflösungserscheinungen bei der FDP. Der Koalitionspartner hat seinen Wert für die Regierungschefin verloren….Die Sprachregelung für diese Art von Vertragsbruch ist freilich auch in diesem Fall ein gezieltes, öffentlichkeitswirksames Blendmanöver: ‚Wir arbeiten in Berlin gut zusammen.‘….

Merkels Koalitionsverhalten markiert, wie ihr Regierungsstil im Allgemeinen, den Ausstieg aus einer Politik der Verlässlichkeit…..Die deutsche Kanzlerin wird zur Trendsetterin für europäische Nonchalence im Umgang mit Rechtsnormen und Gesetzen. Mehr als einmal wurde das deutsche Parlament ausgehebelt……

Das Wahlergebnis der FDP ..entsprang einer spontanten Koordination verschiedenster Wählergruppen, die entschlossen waren, den Kurs der Regierung zu verändern. Die 14;3 Prozent der FDP am Wahlabend 2009 kamen von Bürgern, die an ihren Einfluss als Wähler glaubten….Diese Bürger glaubten auch – noch? – an Parteienprofile, die mit Versprechen verknüpft waren. Wie lange wird das noch so sein?…..

In der DDR hat sie gelernt, dass die Selbstinszenierung der Macht jede Qualifikation überdeckt und ersetzt….

Kernthemen der Liberalen sind Bürgerfreiheit, Bürgerverantwortung, Rückzugsappelle an den machthungrigen Staat, Marktwirtschaft, Spielräume für Wettbewerb und Entfaltungsrechte. Im System M haben diese liberalen Bekenntnisse keinen..Platz. Im demokratischen Politik-Entwurf sind sie das unentbehrliche Korrektiv, das die staatliche Machtmaschine immer wieder an die Bürgerrechte erinnert.
Im Machtkonzept der Kanzlerin ist die Selbstermächtigung des Staates eher störungsfrei angelegt…

Als Chefin der Grossen Koalition von 2005 hatte Merkel mit der SPD massive Steuererhöhungen durchgesetzt….

Im System M gehen die Volten der Kanzlerin immer zu Lasten anderer…

Ethos und Moral, das weiss die Kanzlerin, sind todsichere Waffen um ‚die andern‘ ..in jedes Boot zu zwingen…..

Eine liberale politische Kraft, so Merkels Ziel, soll es im zentralistisch geführten Deutschland nicht mehr geben….
Bild: „Freut sich die Kanzlerin über den Absturz der FDP?“…der Bild-Autor erfährt von Insidern, die Kanzlerin verfolge ein radikales Ziel. Sie will die FDP unbedingt unter 5 Prozent halten. Nur dann könne Merkel sicher sein, Kanzlerin zu bleiben – in einer Grossen Koalition….
Merkel sichert das Vernichtungsprogramm gegen die FDP im Frühjahr 2012 noch gründlicher ab: fertig verhandelte Gesetze und Reformen werden plötzlich gestoppt………
Die Ironie der Geschichte spielt der Aussteigerin einen Streich: Im gleichen Frühjahr 2012, als die Kanzlerin alle Regeln der Vertragstreue und des Anstands fallen lässt, schickt ihr ausgerechnet ihr zum Gegner erklärter Vertragspartner FDP einen Gegenpol ins Präsidialamt, der das Gegenteil von allem verkörpert, was ihren Politikstil ausmacht…….

Angela Merkel hat die Erfahrung mitgebracht, dass Informationslücken helfen, verdeckt autoritär zu regieren…..

Kanzerlamtsminister Ronald Pofalla hat die neue demokratische Parlamentskultur auf seine Weise bekräftigt: Wolfgang Bosbach, der sein Nein zum Regierungsprogramm der Euro-Rettungsschirme angekündigt, begründet und bis heute durchgehalten hat, weckt den Strassenjungen im Kanzlervasallen auf: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, blaffte der Flegel den Parteifreund an……die Kanzlerin schwieg…..

Kernbotschaft des Systems M: Dissidenten werden bedroht und isoliert, ihre Karrierechancen schmelzen auf Null……

Das Grundgesetz kennt ..keinen Fraktionszwang……Es kennt nicht einmal Fraktionen, weil auch sie die Gewissensfreiheit einschränken können….Die demokratische Gegenrede verspricht Kontrolle. Wenn die Regierung dieses Korrekturversprechen als Drohung empfindet, spricht das für ihre Zweifel an der Qualität ihrer Krisenstrategie……

Gregor Gysi zum Fiskalpakt: „Mit diesem Vertrag beginnen Sie die Gründung einer europäischen Föderation, der Vereinigten Staaten von Europa, und zwar über eine Fiskalunion. Das aber lässt das Grundgesetz so nicht zu, wie man im Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts nachlesen kann.“….
Der Fiskalpakt kennt kein Kündigungsrecht……
Unkündbar, so …Gysi, seien laut Grundgesetz nur die Grundrechte und die Länderstruktur des Bundes sowie die Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung (Artikel 79)….

Wer spricht, könnte sich verraten. Angela Merkel weiss das. Auch sprachlich lebt sie in Deckung. Der Sprachstil der Kanzlerin lebt von multifunktionalen Sätzen, in die man selten etwas hinein – und aus denen man ebenso selten etwas herauslesen kann….

Merkel: ‚In Fukushima haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können….Wer das erkennt, muss eine neue Bewertung vornehmen. Deshalb sage ich für mich: Ich habe eine neue Bewertung vorgenommen.“
Dass die neue Bewertung der Chefin für die ganze Nation und ihre Nachbarn gelten soll, lässt auf ein Erkenntnisprivileg der Sprecherin schliessen, das so nachweislich nicht vorliegt. Zumal die Kanzlerin nun zum zweitenmal die fahrlässig simplifizierende Formel vom ‚Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards‘ nachschiebt. Der Imponiergehalt beider Statements – persönliche Betroffenheit, persönlich veränderte Bewertung und Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards – übertrifft ihre Beweiskraft deutlich….die Kanzlerin glaubt, mit Wortbrocken wie Hochtechnologieland, Ethik-Kommission und persönlicher Ergriffenheit ihre fatale Motivmischung für den Energie-GAU in Deutschland verschleiern zu können; und niemand stellt sie bei diesem Manöver….Grün wurde Regierungspolitik; die Macht der Monopolisten für das Gute, der Grünen Partei, war gebrochen…..

O-Ton-Merkel authentisch 2012 nach Treffen mit Christine Lagarde: „…und hinzufüge ich, dass Deutschland immer alles getan hat, wenn es jetzt unbedingt notwendig wäre, den Euro zu schützen. Dieser Überschrift fühlen wir uns auch verpflichtet. Aber immer kaum, dasss wir eine Neuigkeit gemacht haben, die nächste schon zu machen, das halte ich nicht für richtig…“
Die Risse im Sprachfluss verraten Ärger, Verlegenheit und ein Unterlegenheitsgefühl, das in der Spontansituation nicht durch ein Sprachverstec undercover gehalten werden kann….
Ausnahmesituationen …machen Merkel Mühe…..

Angela Merkel zum Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler: „Ich bedaure diesen Rücktritt auf das Allerhärteste.“….
„Die Grünen haben ein Alleinstellungsmerkmal, das nur bei ihnen vorhanden ist.
„Das Regierungsteam arbeite mit aller Kraft, die wir haben.“
„Bei der Entstehung der Zurückziehung war sie nicht beteiligt.“
„Ich glaube, dass, insbesondere wenn man sich körperlich betätigt, zum Beispiel auf Berge , steigt, es eine interessante Durchlüftung auch der jeweiligen Gehirnnformation ist, und das das insgesamt der politischen Arbeit guttut.“
„Die Vorfreude auf die Frauen-WM, die ist gross, und sie wird jeden Tag auch grösser.“

Zur Präsidentenwahl von Horst Köhler und Christian Wulff:
In der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt, gilt der Satz des Grundgesetzes: Jeder ist hier nur seinem Gewissen verantwortlich. Nicht der Kanzlerin, nicht seinem Parteichef. Die CDU-Führung folgt nicht der Verfassung, sondern Merkels Gesetz: Die Abgesandten der Länder aus Kunst, Literatur und Wissenschaft werden mehrheitlich durch todsichere Parteigänger ersetzt. Ergänzend wird die Horrorlegende gestreut, ein scheiternder Kandidat werde die Regierung scheitern lassen…..Wer sich vornimmt, den Präsidenten zu steuern, beschädigt das höchste Amt. Wer Wahlmänner und Wahlfrauen zu steuern versucht, missbraucht die Bundesversammlung.

Financial Times Deutschland online: „Zweimal hat die Kanzlerin die Kür des Präsidenten zum eigenen politischen Vorteil genutzt, zweimal ging das nach hinten los. Den dritten Versuch stoppte eine ungewöhnliche Allianz aus FDP, SPD und Grünen. Sie führen Angela Merkel vor.“
Gaucks Wahl war..ein Sieg der Demokraten über das zentralistische System der Kanzlerin…

Was waren die Motive der Kanzlerin 2010 und 2012, den Kandidaten Gauck als ‚für die CDU nicht wählbar‘ zu deklarieren?….Seine Unabhängigkeit ist für sie gefährlich….Er ist der erste von ‚ihren‘ drei Präsidenten, der ihr zu nichts verpflichtet ist…Bei Gauck ist die Freiheit auf Platz eins…bei Merkel steht auf Platz eins die Macht…Gauck ist keiner aus dem ‚alchemistischen Machtlabor der Angela Merkel….Er bringt eine ideologische Immunlage mit, die eine Kanzlerin der situativen Volten schon das Fürchten lehren könnte….

Joachim Gauck 2011: „Man könne wichtige politische Entscheidungen, wie etwa den Ausstieg aus der Kernkraft, nicht von der Gefühlslage der Nation abhängig machen…Genau das aber tue die Regierung Merkel, weil die Furcht vor der nächsten Wahlniederlage das politische Handeln dominiere…Ich fürchte mich vor einem modernen Politikertyp, der völlig auf Inhalte verzichtet…“

Das Mädchen Angela, herübergeweht aus dem deutschen Begleitboot des Supertankers UDSSR – ist sie das Symptom oder die Krankheit?…
Sie hat auch die Erfahrung mitgebracht, dass Führung die Vorläufigkeit von Entscheidungen verschleiern muss, um die Bürger fügsam zu machen. Darum sagt Angela Merkel bei jeder Entscheidung, dass sie ‚alternativlos‘ , bei jedem Beschluss, dass er ‚unumkehrbar‘ sein müsse….Halte bei jeder Entscheidung den Ausstieg offen und deklariere jede Entscheidung als bindend. Es ist die Philosophie der bindungslosen Herrscherin…Die Demokratie ist seither im Stresstest, der sich leicht aus der Lage Europas ableiten lässt. Die Kanzlerin verfolgt ihre Ziele im Aufmerksamkeitsschatten der Staatsschuldenkrise….
Wer so regiert, schleift Gegnerschaft und Wettbewerb. Und aus dem grossen Themenmix erwachen wir eines Tages arm an Freiheit, in einer zentralistischen Planwirtschaft neuer Ordnung.

Mehr als zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung erleben wir eine Einheitsfront in der deutschen Politik unter Führung einer Kanzlerin mit Erfahrungsvorsprung im Gleichschaltungsregime.

Bernd Ziesemer, Handelsblatt: „Die zentrale Rolle des Parlaments in der Politik, die unser Grundgesetz postuliert, kommt von ganz unterschiedlichen Seiten unter Druck: durch die fortlaufende Übertragung von Kompetenzen an die EU und an supranationale Institutionen wie den IWF; durch die immer grössere Rolle der Rechtsprechung durch internationale Gerichte und den EuGH; durch ein skrupelloses Handeln der Bundesregierung, das auf Parlamentsrechte immer weniger Rücksicht nimmt; durch die Verlagerung wichtiger Diskussionen und Entscheidungen in ausserparlamentarische Gremien wie etwa den Ethikrat….“

Die Energiewirtschaft ist das pochende Herz unserer Leistungskultur…2012 mehren sich die Folgeschäden des Energie-GAUs….Ein Jahr nach dem regierungsamtlich angezettelten Energie-GAU herrscht das Chaos in den Wettläufen um staatliche Subventionen für die Wind- und Sonnenparadiese der Zukunft…der grösste anzunehmende Sprung in Richtung Zentralismus; denn wer die Energiewirtschaft gleichschaltet, herrscht über die Industriekultur. Für die Demokratie ist genau dieser Erfolg der Staatsführung der Super-GAU….

‚Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer‘
Francisco de Goya

ISBN 978-3-280-05480-2 – Orell Füssli Verlage

GOTTFRIED HELLER – Der einfache Weg zum Wohlstand
Umdenken und handeln, statt stillhalten und dabei dann auf bessere Zeiten hoffen – so lautet das in diesem Buch dargelegte Credo von Anlageexperte Gottfried Heller. Wer Heller kennt, der weiß, dass der erfahrene Fachmann diese Ausssage nicht nur auf das Thema Ökonomie beschränkt. Ich bin sicher: der „alte“ Weggefährte Gott- fried Heller weiß, dass ein Umdenken vor dem Hintergrund des in Richtung Krieg driftenden politischen Wahnsinns in der Welt heute auch aus globalpolitischer Sicht notwendig ist – und zwar dringend. – UDO RETTBERG

Gottfried Heller

Wer, wenn nicht der jahrzehntelange Partner der Börsenlegende Andre Kostolany wäre wohl besser geeignet, Empfehlungen für das Anlegerverhalten in unsicheren und volati- len Zeiten abzugeben. Wenn es um das optimale Verhalten der Investoren rund um das spannende Thema Geld und Vermögen geht, dann ist Gottfried Heller der geeignete Rat- geber. Denn der Experte weiß, wovon er spricht. Der drahtige 80jährige hat klare Denkansätze und erfolgsversprechend er- scheinende Lösungsansätze. Gerade in die- ser Zeit der fragwürdigen und aus meiner Sicht unsinnigen Fiskal- und Geldpolitik der westlichen Industrieländer ist guter Rat teuer. Sicher ist aber auch: Ohne wirklich guten Rat und die daraus folgende entsprechende Umsetzung von Empfehlungen fressen In- flation, Steuern und Gebühren die Erträge der Investoren auf. Hier ist Wachsamkeit angesagt. Was bei der Kapitalanlage genau zu tun, zu beachten, zu bedenken und zu unterlassen ist, hat der erfolgreiche und re- nommierte Vermögensverwalter in diesem Buch festgehalten.

Der einfache Weg zum Wohlstand

Persönliche Widmung von Gottfried Heller in seinem Buch „Der einfache Weg zum Wohlstand“. Foto: Udo Rettberg

Das Werk richtet sich auch in der 5. aktuali- sierten (ISBN – Print: 978-3-89879-842.6) Auflage über 336 Seiten hinweg in erster Linie an die vielen Privatanleger, die mit ihrem mehr oder minder großen Sparvermögen weiterkommen wollen – und mit Blick auf die fragile Altersversorgung auch weiterdenken müssen. Das Anliegen des Autors ist es, In- vestoren davor zu bewahren, hart verdien- tes Geld durch falsches Sparverhalten aufs Spiel zu setzen – oder gar zu verschenken. Jeder Anleger kann es – so Hellers These – mit einfachen Mitteln und Methoden selbst schaffen, ein stattliches Vermögen aufzu- bauen. Das Prinzip der „ruhigen Hand“ – so nennt Heller seine methodischen Ansätze der Geldanlage – setzt auf konsequent durch- dachte, langfristige Strategien statt auf hek- tischen Aktionismus.
Heller zeigt genau, wie unterschiedlich die Anlagestrukturen je nach Risikoneigung, Alter und Lebenssituation ausfallen sollten. Dabei gibt er viele konkrete Hinweise, die auf einfache Art und Weise umgesetzt wer- den können. Hellers Buch – das wird wohl niemanden überraschen – ist nicht nur ein le- senswertes Kompendium an Finanz-Fachwissen, sondern auch der Wirtschafts- und Börsenhistorie. Es ist darüber hinaus für Anleger ein „Muss“. Der Autor zeigt seine eigene Sicht der Dinge in dieser hektischen und unübersehbaren Zeit gekonnt auf. Man erkennt beim Lesen des Werkes jene Er- fahrung, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Wenn er sagt, dass die meisten Deutschen in ihrer Anlagestrategie dem Instrument Anleihe den Vorzug vor Aktien geben, trifft er exakt den Punkt.

Gottfried Heller
Vita eines Experten
Gottfried Heller, geboren am 4. Februar 1935, teilt mit dem ehemaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard – dem Vater der „sozialen Marktwirtchaft“ – nicht nur den Geburtstag, sondern auch sein Credo. Er begann im Jahr 1971 als Mitbegründer der unabhängigen Vermögensverwaltung FIDUKA – zusammen mit der ungarischen Börsenlegende André Kostolany – seine erfolgreiche Karriere als Vermögensverwalter und Fondsmanager.
Im Jahr 1974 startete der gebürtige Schwabe Heller die »Kostolany Börsenseminare «, die ersten ihrer Art in Deutschland. Zuvor war er nach Abschluss eines Ingenieurstudiums zehn Jahre als Unternehmensberater in Deutschland und in den USA tätig.
In seinem früheren Buch »Die Wohlstandsrevolution« (1992) hat er frühzeitig den wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer und deren wachsenden Wohlstand vorhergesagt. Seit über 15 Jahren ist Gottfried Heller Finanzkolumnist für »Die Welt« und »Börse Online«. Er gilt heute als einer der besten Kenner der internationalen Finanzmärkte. Im Jahr 2007 wurde Gottfried Heller er vom »Elite Report« als einer der »erfahrensten Vermögensverwalter« mit der Goldenen Pyramide ausgezeichnet.
Gleichzeitig zitiert Gottfried Heller in diesem Kontext wieder Andre Kostolany, der dieses Anlegerverhalten in den vergangenen Deka- den immer wieder heftig kritisiert hat: Und zwar mit den Worten: „Mit einem solchen Sicherheitsdenken bringen sich Anleger um beträchtliche Vermögenszuwächse.“ Inzwi- schen wurde all dies bestätigt; denn in den vergangenen Jahren sind längst Staatsanlei- hen und nicht mehr Aktien zu Risikopapieren geworden.

DIE GESCHICHTE DES HANDKUSSES
Gottfried Heller kenne ich nun seit rund 30 Jahren. Seinen einstigen Geschäftspartner André Kostolany habe ich erstmals vor 33 Jahren auf dem Parkett der Rheinisch-Westfälischen Börse zu Düsseldorf getroffen. Nur wenige Wochen später traf ich mich mit Kostolany in Frankfurt im Steigenberger Hotel Frankfurter Hof zum Abendessen. „Junger Freund“, war die Anrede, die er an diesem Abend zum ersten Mal und in den Jahren danach – gepaart mit guten Ratschlägen – immer wieder an mich richtete.
Mit den Anlageprofis Kostolany und Heller stand ich über Jahre hinweg mehr oder weniger regelmäßig in telefonischem Kontakt. Bei zahlreichen Börsen-Veranstaltungen gab es imner wieder Gelegenheit zu persönlichen Treffen. Zudem habe ich mich mit Gottfried Heller einige Male in seinem Münchner Büro getroffen. Vor etwa sieben Jahren rief dieser mich an meinem Arbeitsplatz an, um mir zu einem Kommentar zu gratulieren, den ich in einer deutschen Wirtschaftszeitung veröffentlicht hatte. Er fand es großartig, dass ich dabei expressis verbis den Niedergang der Demokratie und der Marktwirtschaft und den viel zu großen Staatseinfluss in Deutschland und anderen Industrieländern beklagt hatte.
Im Rahmen einer Feier der Bayerischen Börse in München saßen wir wenige Wochen später beim Abendessen nebeneinander und nutzten die sich bietende Gelegenheit, die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage zu diskutieren und zu beurteilen. Vieles, vor dem wir damals und später gemeinsam gewarnt hatten, ist bis heute politische und wirtschaftliche Realität geworden – leider. Heller ist in einer seiner sympathischen Art offen und herzlich. An diesem Abend in München zeigt er sich als Kavalier, denn er begrüßt die heutige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit gekonntem Handkuss. Ich sah mich in der Folge veranlasst, mich dieser galanten Geste Hellers anzuschließen.

Udo Rettberg – Frankfurt im Oktober 2015