Torsten Caspar

Torsten Caspar 2017-04-12T21:17:07+00:00

Technology and Growth

CEO-TALK mit Torsten Caspar

Machtfaktor Wissen

Bücher

                                                                                                                                                 Das in Büchern steckende Wissen muss besser genutzt werden. Foto: Udo Rettberg

„Wissen ist Macht“, hat der englische Philosoph Francis Bacon bereits vor rund 400 Jahren erkannt. Menschen über eine bessere Bildung auf ein höheres Level des Daseins zu führen, sie also zu besser zivilisierten und humanen Geschöpfen zu machen, ist Ziel des allgemeinen Wissenstransfers. Denn nur wer weiß, kann vorangehen, kann mitreden, kann verstehen, kann Verantwortung übernehmen und andere führen. Die Voraussetzungen für eine globale Verbreitung des Faktors Wissen haben sich seit dem Tode von Francis Bacon im Jahr 1626 über die Jahrhunderte hinweg deutlich verbessert. So macht z.B. das Internet den Wissens-Transfer zu einer reinen Willenssache, also zu einer Fleißaufgabe.

Und in der Tat: Im Zeitalter der Digitalisierung ist die Übermittlung von Wissen nur eine Frage des menschlichen Willens und Eifers. Der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, wird zwar für die Menschheit auch in Zukunft gelten. Doch ist mögli- cherweise jener Mensch glücklicher und zufriedener, der ein bisschen mehr seines Nichtwissens auslöscht. Die von findigen Frankfurter Geistern entwickelte App www.myzelf.net hilft unter anderem, Wissen und Bildung zu verbreiten. Auch hier heißt es: „For knowledge itself is power“. Die entsprechende App kann unter http://goEducate.myzelf.net heruntergeladen werden – und zwar kostenlos.


Udo Rettberg: Wissen ist ein zartes Gut, ja in dieser zerrissenen Zeit für die Menschen möglicherweise sogar das wertvollste aller Güter.  Der Ansatz Ihres Start-ups zielt auf die Verinnerlichung und Verbreitung von Wissen. Schildern Sie uns bitte kurz Ihre Idee.

Torsten Caspar: Wissen ist in unserer Zeit überall und meist kostenlos verfügbar. Doch wie können sich Menschen die Kerngedanken aus hunderten von inspirierenden Büchern und Artikeln, die sie lesen, so einprägen, dass sie auch jederzeit anwendbar sind? Nur durch Anwendung und durch Wiederholung der Inhalte prägen wir uns diese im Langzeitgedächtnis ein. Unsere App „Educate Myzelf“ hilft, Wissen zu verinnerlichen. Wir bringen Gedanken, Ideen und Zitate aus Büchern in die Köpfe Interessierter und machen diese Inhalte damit im Alltag anwendbar.   Mit Hilfe der App werden Inhalte in regelmäßigen Zeitabständen wiederholt und im Kurznachrich- tenformat angezeigt. Die Wiederholung erleichtert somit das dauerhafte Verinnerlichen der Inhalte bzw. des Wissens. Der Nutzer selektiert und priorisiert spielerisch die Gedanken bzw. Inhalte und entscheidet damit, wie oft er einen Gedanken angezeigt bekommen möchte. Diese und andere Funktionen der App bieten ein abwechslungsreiches und effektives Lernerlebnis. Zu Ihrer Frage bezüglich der Verbreitung von Wissen: Jeder kann wichtige Gedanken bzw. Inhalte für sich speichern, eine eigene Gedankensammlung erstellen, diese mit Freunden teilen oder für andere Nutzer sichtbar machen.

UR: Ihre Inititative greift also in die Schnitt- stelle zwischen Autoren und Verlagen ein. Wer sind in diesem Kontext eigentlich ihre Vertragspartner?

TC: Wir sehen uns nicht in der Schnittstelle zwischen Autoren und Verlagen, sondern eher als Marktplatz für strukturierte Wissenszusammen- fassungen, wo jeder Wissen veröffentlichen kann. Autoren und Verlage können die Plattform nutzen, um Lesern eine Ergänzung zum Buch anzubieten. Diese ermöglicht es, den Verinnerlichungsprozess von Kerngedanken und wichtigen Aussagen zu beschleunigen. Beiden Seiten – Autoren und Verlagen – bietet „Educate Myzelf“ eine Möglichkeit, weitere Erträge zu generieren, die Vermarktung der Bücher zu intensivieren und die Leserschaft zu binden.

UR: Inwieweit kann Ihre Idee dazu beitragen, wissenschaftliche Ergebnisse disziplinen-übergreifend zum Wohle von Mensch und Natur umzusetzen? (Was ich damit meine: Forschungsergebnisse im Bereich Biotechnologie können sowohl in der Medizinforschung als auch im Agrarsektor/Nahrungsmittelsektor zur Entwicklung innovativer Produkte führen). Wird aber einer der Forschungs-Ansätze nicht von einem Forschungsbereich in den anderen übertragen, verpufft Wissenspotential. Ich persönlich glaube, dass gerade hier eine der größten Schwäche der Wissenschaften liegt. Inwieweit kann die Myzelf-App hier Hilfe leisten?

TC: Dies ist eine sehr gute Frage. Und in der Tat bestehen mit der „Educate Myzelf“-App enorme Potenziale, Brücken zwischen den verschiedenen Wis- senschaften zu schlagen, die bisher nicht so einfach möglich waren. Bei uns wird Wissen in Form von Gedanken strukturiert und organisiert. Dies bietet die Möglichkeit, „Recherchen“ auch auf Gedankenebene durchzuführen. Denn bei jedem Gedanken bzw. Inhalt kann sowohl der Autor als auch der Nutzer Stichwörter hinzufügen, die – je nach Interessenlage – Filter- und Suchergebnisse mit hoher Relevanz liefern. Aus der Vielzahl der Gedanken, die sich in einer persönlichen Bibliothek auf der App befinden, werden nur die auf die Stichwortsuche passenden Gedanken angezeigt. Damit entfällt die zeitaufwändige Stellensuche zum Beispiel bei Literatur-Recherchen. Und die Verknüpfung von verschiedenartigen Disziplinen wird somit leichter möglich.

UR: Haben Sie bereits Resonanz auf Ihre Idee von Seiten der Autoren und / oder der Verlage erhalten?

TC: Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse haben wir mit Autoren und Verlagen gesprochen und sind auf positives Feedback und großes Interesse gestoßen. Für die Autoren ist es zum Beispiel enorm wichtig, ihre Leserschaft bis zur nächsten Buchveröffentlichung an sich zu binden. Mit unserem Ansatz bleibt der Autor über eine längere Zeit oder permanent beim Leser in Erinnerung. Nicht zu vergessen, dass die Verdienstmöglichkeiten eine bedeutende Einnahmequelle darstellen können, welche die Erlöse aus dem Buchverkauf auch deutlich übersteigen können.

UR: Auf welche Weise wollen Sie potenzielle Nutzer Ihrer App ansprechen?

TC: Wir konzentrieren uns zu allererst darauf, dass unser Produkt für die Nutzer, also für diejenigen, die sich Wissen bzw. Inhalte einprägen wollen, einen echten Mehrwert darstellt und setzen auf Empfehlungseffekte und diverse virale Marketingstrategien. Darüber hinaus bietet „Educate Myzelf“ für jeden kreativen Schreiber (Autor) erhebliche Vorteile: Er kann seine In­halte einstellen und unsere App zur Verbreitung und zum Vertrieb im Kreis seiner Leserschaft nutzen. Auch dies wird zum Nutzerwachstum der Plattform beitragen.

UR: Gibt es Unterstützung von Seiten der Bildungsministerien und anderer Bil- dungs-Einrichtungen wie Schulen, Berufs- akademien und Universitäten?

TC: Bisher haben wir noch keine inten- siven Gespräche mit Bildungsein- richtungen oder Ministerien geführt. Im Rahmen der Frankfurter Buchmes- se haben wir allerdings von einigen ausländischen Bildungsinstitutionen Interessenbekundungen bezüglich Ko-operationsmöglichkeiten erhalten. Wir werden diesen nachgehen und diesen Bildungseinrichtungen individuelle Programme vorstellen.

UR: Die Welt rückt im Cloud-Zeitalter durch die Digitalisierung immer enger zusammen. Kommt das Ihrer Idee entgegen?

TC: Ja klar; denn wir sind ja Teil dieses Prozesses. Wir bringen auf der einen Seite Leser und Autoren zusammen, d.h. ermöglichen eine neue, direkte und in beide Richtungen gehende Kom- munikation. Auf der anderen Seite brin- gen wir Nutzer aus der ganzen Welt da- zu, sich zu einem bestimmten Thema auszutauschen, Wissen zu teilen und neues zu generieren. Wir tragen also aktiv zum Dialog bei.

UR: In welchen Sprachen erfolgt Ihr Auftritt heute – welche Planungen haben Sie in dieser Hinsicht für die Zukunft?

TC: Unsere App und das entsprechende Websystem ist derzeit auf Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch verfügbar. Im Laufe des Jahres werden weitere Sprachen hinzukommen, aber Inhalte können bereits in jeder Sprache erstellt werden.

UR: Ihr Unternehmen ist als GmbH aufgestellt. Wie gut (ausreichend) sind Sie aktuell finanziert?

TC: Die iOS App haben wir bisher aus eigenen Mitteln finanziert und diese ist bereits im AppStore verfügbar. Aktuell führen wir eine Finanzierungsrunde durch, um eine Android Version zu ent- wickeln und die globale Vermarktung voranzutreiben.

UR: Streben Sie mit Ihrer Erfahrung aus dem Finanzwesen nach dem Vorbild großer Social-Media-Firmen die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und die Kapitalbeschaffung über die Börse an?

TC: Unabhängig von der aktuellen Ge- sellschaftsform sind wir durch unser Team und die damit verbundene Erfahrung sehr gut für alle Situationen in unserer künftigen Geschäftsentwicklung aufgestellt, um alle notwendigen Maßnahmen durchzusetzen. Schritte, wie die Umwandlung einer Gesellschaftsform oder ein Börsengang, werden zum gegebenen Zeitpunkt situativ entschieden. Wir fokussieren uns aktuell auf die Entwicklung eines hervorragenden Produktes und damit eine hohe Zufriedenheit bei den Nutzern.

UR: Sie sind mit Sicherheit keine Wohltätigkeits-Organisation  – wie verdienen Sie eigentlich Geld? Welche Wege beschreiten Sie (App-Nutzungsgebühr, Werbung der Verlage, Werbung der Außenstehenden etc)?

TC: Die App „Educate Myzelf“ ist kostenlos verfügbar. Jeder kann seine Gedanken bzw. Inhalte von Büchern unlimitiert und kostenlos speichern, organisieren und die App zum Verinnerlichen nutzen. Unser Business Modell: wenn Nutzer (Autoren) ihre Inhalte kostenpflichtig veröffentlichen, erhalten sie 70 Prozent der Erlöse. Die verbleibenden 30 Prozent sind unsere Nutzungsgebühr. Darüber hinaus wird es später noch Premium Features geben. Hierbei erhalten die Autoren die Möglichkeit, detaillierte Statistiken zu ihren Veröffentlichungen zu bekommen, die aufzeigen, welche Passagen oder Gedanken ihres Buches von Nutzern wie bewertet wurden.

UR: Kann Ihre Idee die Keimzelle zur Gründung einer neuen Verlagsgesellschaft sein – oder würde das Ihre Geschäftsidee konterkarieren?

TC: Wir bieten eine Infrastruktur, die Autoren mit Lesern verbindet. Damit treiben wir die Demokratisierung des Veröffentlichungsprozesses weiter voran, denn jeder kann heute schon relativ günstig Bücher veröffentlichen (Stichwort eBook). Autoren haben neben der Möglichkeit, Geld zu verdie- nen, zusätzlich die Chance, ihren Lesern dabei zu helfen, dieses Wissen schneller und einfacher zu verinnerlichen und im Alltag anzuwenden. Es gibt so viele brillante Bücher, die den „Regaltod“ sterben: Einmal gelesen und für immer vergessen. Mit unserer App „Educate Myzelf“ aber werden Inhalte lebendig. Anfang Februar 2016


Torsten Caspar

Torsten Caspar ist Geschäftsführer der Educate Myzelf.net GmbH in Frankfurt am Main

 

 


Irma Sedlo

COO Irma Sedlo ist Mitglied des Teams von Myzelf.net

 

 

Bildung in Frankfurt

Mehr Bildung in Frankfurt – Eine Steilvorlage für Myzelf.net Foto: Udo Rettberg